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Lekker pad

Nach zwei Ruhetagen in Hermanus mache ich mich wieder auf die Socken. Nach Gaansbai ist es bis zum südlichsten Punkt Afrikas nicht mehr weit, nur noch 80 Km. Die werden mir nicht in bester Erinnerung bleiben. Ein starker Wind bläst mir den ganzen Tag erbarmungslos ins Gesicht. Nach sechseinhalb Stunden, mit erstaunlich wenig Fluchen, dafür mit schmerzenden Kniesehnen, treffe ich zermürbt endlich in Struuisbai in einem tollen Backpacker ein. Dummerweise hat sich an diesem Tag der Sattel seitlich etwas verschoben, erst nach zwei Stunden Kampf merke ich, dass meine Knie asymmetrisch treten. Zu  spät. Die Behandlung Painkillers, Arnikasalbe und Eisbeutel bringt glücklicherweise bald Besserung. Die paar Kilometer bis zum Cape Agulhas am nächsten Tag sind dann noch ein Klacks. Viel gibt es dort allerdings nicht zu sehen. Der Indische Ozean unterscheidet sich, zumindest äusserlich, nicht vom westlichen Bruder.

Die berühmte Garden Route bis nach Port Elizabeth will ich vermeiden. Radfahrerisch sind Küstenstrassen nicht notwendig berauschend. Mit einem Cabrio und entsprechender Begleitung sicher toll zu fahren. Aber ich habe es auf die inneren Werte abgesehen: backroads, Pässe und Hügel. Eine Alternativroute für die Strecke “CT to PE” ist gefragt. Also fahre ich zunächst rauf nach Swellendam.  Unterwegs lenkt ein Schild mit der Aufschrift „Centuries old milkwood tree“ die Aufmerksamkeit von Langsamreisenden auf sich. Ich fahre die 5 Km dorthin. Da ohnehin bald Feierabend ist, frage ich die Farmer Robert und Marinda, ob ich dort zelten könne. Mit breitem Grinsen meint Robert „We make a plan!“. Der Plan ist nicht sehr kompliziert, durchschaubar. Das Gästezimmer ist frei, ich solle doch dort schlafen. Soviel habe ich nun gelernt: wer wirklich zelten möchte, sollte die Farmer lieber nicht um Erlaubnis bitten. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass man gezwungen wird, in einem warmen Zimmer, auf einem weichen Bett zu schlafen, nachdem man verköstigt und zu mindestens zwei Bier genötigt worden ist.

Die Farm von Robert ist von seinen Vorfahren 1768 gegründet worden, er leitet sie in sechster oder siebter Generation, so genau wisse er es nicht. Trotz seiner stattlichen Körperstatur lässt er sich es nicht nehmen, jeweils am Cape Argus Rennen teilzunehmen. Vor wenigen Tagen habe er sich angemeldet, nun müsse er wieder trainieren. Am nächsten Tag zeigt er mir noch das nationale Monument, das in seinem Garten steht. Ein  tausendjähriger Milkwood Tree. Danke Robert und Merinda !

Die Landschaft ist sehr grün, hügelig. Gelbe Rapsfelder kontrastieren zu den blauen Bergen im Hintergrund, die auf mich warten. Im Sommer ist es hier sehr heiss, die Landschaft ausgetrocknet, gelb. Die beste bewässerte Wüste, wie Robert meint. Nach Swellendamm geht es dann auf einen kurzen aber nicht weniger eindrücklichen Pass, den Tradouws Pass. Von dort komme ich dann auf die Route 62. In Anlehnung an die berühmte Route 66 in den USA wird die Strecke als die längste Weinstrasse der Welt angepriesen. Der Verkehr ist hier deutlich ärmer als auf der N2. Immer noch zuviel für mich. Nach 18 Kilometern zweige ich auf eine Schotterpiste ab. Nun bin ich, abgesehen von einem Gemsbok, alleine. Zwar beschwerlicher, aber sofort stellt sich ein Gefühl der Erleichterung ein. So macht Radfahren Spass.

Ich frage wieder einen Farmer, ob ich zelten könne. Diesmal klappt es. Vor einer Plantage von rosa blühenden Aprikosenbäumen, unter den wachsamen Augen von zwei weissen Labrador-Hunden, stelle ich mein Zelt auf. Nachdem ich die Hunde mit einer Portion Pasta bestochen habe, verdingen sie sich als Nachtwächter. Die Ehefrau des Farmers ist übrigens eine Schriftstellerin, hat den Roman „Padmaker“ – Strassenbauer – veröffentlicht, der von ihrer Kindheit als Tochter eines umherziehenden Strassenbauers handelt, die in den Camps der padmakers aufwächst.  Indem die Hauptfigur, nun erwachsen, auf den vom Vater erbauten Strassen nachreist, begreift sie dessen Worte „To know where you are going, you must first know where you are coming from“ besser.

Wohin ich – zumindest kurzfristig gesehen – hin will, weiss ich genau. Nämlich zum Rooibergpass. Aber dass es alles andere als eine Kaffeefahrt wird, weiss ich noch nicht. Die Anfahrt enthält bereits einige Anhöhen und einen kleinen Pass. Die Landschaft und die Einsamkeit der Little Karoo entschädigen aber allemal. In Calitzdorp  treffe ich wieder auf die R62, die ich aber flugs wieder verlasse. Und zwar durch das lauschige Groenfontein Tal. Ein lauschiges Tal entlang einem Staudamm, einem Bach mit meterhohem Schilf, vielen Schildkröten, Olivenplantagen und alten Farmhäusern.

Und nun zeigen sich auch erstmals die Swartberge. Am Fuss zahlreiche Straussenfarmen. Nach einer kalten und klaren Nacht mache ich mich auf, um auch diesen Pass zu erklimmen. Zu befahren wäre gelogen, denn anfänglich lässt es sich zwar auf dem losen Schotter gut fahren, er wird aber immer steiler und steiler, bis ich zu Fuss gleich schnell bin wie tretend.

Der eine Tagesetappe entfernte und als solcher auf der Karte bezeichnete Meiringspoort Pass ist zum Glück kein Pass, sondern eine angenehme Variante dessen, wie man einen Bergkette überschreitet. Durch eine eindrückliche Schlucht entlang von Hunderten Metern hohen Felswänden. Mittendrin ein kleiner Wasserfall, der besonders im südafrikanischen Sommer zur Abkühlung rege aufgesucht wird.

Ich fahre Richtung Osten, ein weiterer Leckerbissen steht mir bevor: die Baviaanskloof Mountains. Die sportliche Variante kann am Trans Baviaans Mountain Bike Rennen absolviert werden, der von Willowmore bis zur Küste nach Jeffreys Bay, dem Surferparadies, führt. 230 Kilometer und über 2‘500 Höhenmeter. Und der Start wird so gelegt, dass die Ankunft in der Nacht geschieht. Nach dem Nuwekloofpass fahre ich durch das Tal, immer wieder gilt es Furten möglichst mit Schwung zu überqueren.

42 Kilometer führt die Strecke dann durch einen Park. Der interessanteste Teil, da sich gleich drei Pässe befinden. Es befinden sich dort aber auch noch 180 Büffel und 11 Nashörner. Grund genug, um mir den Eintritt zu verwehren. Fast einen ganzen Tag warte ich auf einem Mitfahrgelegenheit. Erst am nächsten Tag dann endlich ein Paar, das auf ihrem Landrover Platz hat. Unterwegs halten wir auf einem Blumenfeld zum Lunch an, ein kühles Bier, feine Sandwiches, Biltong, die wärmende Sonne. „Another shit day in Africa“, meint lachend Neal, Organisator des 40 Km langen Berglaufes des Vortages, an dem er selber mitgemacht hat. Und das er gleich gewonnen hat oder Zweiter geworden ist. Das will er uns nicht verraten.

Der einzige Camping-Platz vor Patensie ist geschlossen. Ich rufe den Besitzer Theo an. Kurz darauf kommt ein Junge, um mir aufzumachen. Später schaut dann Theo vorbei. Wechselgeld hat er nicht. Ich solle am nächsten Tag bei ihm zuhause zu einem Kaffee vorbeischauen. Ich könne dann dort bezahlen. Theo Ferreira heisse er. Ferreira heisst in diesem Tal jeder zweite. Und so lande ich beim falschen Ferreira. Einem begeisterten Mountainbiker, der Platz 20 im Trans Baviaan belegt hat. Ein Schweizer habe vor kurzem einen Bike-Park eröffnet, dort könne ich sicher zelten, meint er. Nach einem Telefonat hat er die Nummer von Didier, einem Walliser, ausfindig gemacht. Klar, ich solle vorbeikommen, meint Didier. Nachdem ich beim richtigen Ferreira dann meine Schuld beglichen habe, unterwegs in einem Second Hand Shop für 30 Rand (3 Euro) Ersatz für meine ausgeleierten Shorts gefunden habe, treffe ich im JBay Bike Park von Dider, Florbella  und der Tochter Ines ein. Sie haben eine Farm gekauft, letztes Jahr sind sie ausgewandert und bauen zur Zeit Lodges mit Ausblick auf das Meer und Jefferys Bay. Eröffnet werden die Lodges im Dezember. Mit Colombo, dem Dobermann, freunde ich mich schnell an. Dies hindert ihn aber nicht daran, während einer kurzen Abwesenheit meine gesamten Vorräte an Biltong, Brot, Keksen und Früchten aus einer Packtasche zu entwenden und zu verschlingen. Das Zelt wird übrigens nur zum Trocknen ausgepackt. Merci beaucoup pour votre hospitalité, Didier et Florbella !

Nicht, dass ich Heimweh hätte, aber Didier setzt mich mit John in Kontakt. Er ist Präsident des Schweizerclubs in Port Elizabeth. Dummerweise habe ich aber eine Zahl der Telefonnummer falsch aufgeschrieben. Zufälligerweise kennt der Besitzer des Bike-Shops, bei dem ich wegen eines grossen Veloservices vorbeifahre, John persönlich; seine Frau ist Eidgenössin. Und so kann ich doch noch John kontaktieren, der mich spontan zu sich nach Hause einlädt.  John und seine Ehefrau Anne, pensioniert, sind aus der Ostschweiz, sehr aufgestellt und unkompliziert, seit vier Jahren wieder in Südafrika zuhause, nachdem sie bereits in den 70-er und 80-er hier gelebt haben. John ist mit seiner „Betsy“, einem Mitsubishi Pick-Up, vor ein paar Jahren von der Schweiz nach Ghana gereist, wo er dann seinen bakkie verschifft hat. Der Zufall will es, dass ein schwedisches Paar, das ich in Senegal kennengelernt habe, ebenfalls John kennt und hier zu Besuch war. Ich bleibe fast eine Woche bei Ihnen, fühle mich wie zu Hause. Während ich auf Ersatzteile für das Velo warte, machen wir einen Ausflug in ein Tierpärkli, dem Addo Elephant National Park. Und tatsächlich: nach fast 400 Tagen kann ich  dann endlich meinen ersten Elefanten sehen. Hier oben ist er, der Knabe. Danke für die wunderbare Zeit, John und Anne !

Zu guter Letzt: Vielen Dank für die Spenden ! Die Probleme mit dem Spendenlink auf der rechten Seite sind nun gelöst, sodass nun weiterhin für das Bildungsprojekt im Norden Mosambiks gespendet werden kann.

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