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Nubische Zaubernächte

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Die ganze Wüstenstrecke im Sudan von 1‘600 Kilometern treten Sekiji und ich gegen einen hartnäckigen Nordwind an. Die Landschaft hat nur wenige Reize zu bieten. Das Quecksilber klettert tagsüber auf 45 Grad, es ist heiss, unsere Haut fühlt sich wie Backpapier an. Ein streng muslimischer Staat, eine Militärregierung, die Freiheitsrechte einschränkt und ein Präsident, der sich vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag verantworten muss. Klingt nicht sehr verheissungsvoll.

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Und dennoch: nach und nach werden wir um den Finger gewickelt. Der Sudan wird zu meinen Lieblingsländern in Afrika gehören. Die Leute gehören zu den gastfreundlichsten auf dem ganzen Kontinent. Das Reisen im Land ist absolut sicher, die Leute sind stets sehr hilfsbereit, man fühlt sich willkommen, wird sehr oft zu einem Tee eingeladen. Nach und nach zieht uns Nubien, wie der Sudan früher hiess, in seinen Bann. Den Sudan auf das Krisengebiet Darfur und dem Präsidenten al-Baschir zu reduzieren, wäre ungerecht.

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Meine Hoffnung, durch den Sudan mit einem Reisegefährten zu reisen, verwirklicht sich in der Person des Japaners Sekiji, den ich in Äthiopien treffe. Ich bin froh, die lange Strecke gegen den Wind mit ihm zusammen zu fahren. Das bisschen Windschatten und etwas Gesellschaft macht die Fahrt erträglicher.

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Die Einreise in den Sudan gestaltet sich problemlos. Wir sind gespannt auf dieses Land.  Der Sudan öffnet sich langsam dem Tourismus, wir haben sogar ein Zwei-Monats-Visum ausgestellt erhalten. Die bürokratische Hürde der Registrierung bei der Ausländerbehörde ist allerdings noch nicht abgeschafft. Man soll dies gleich am winzigen Grenzort in Gallabat erledigen können, hiess es. Am nächsten Morgen klappern wir vergeblich alle Ämter ab. Es heisst stets, „Khartoum, Khartoum“. Um 9 Uhr legen wir unverrichteter Dinge los. Und erhalten gleich unsere erste Lektion. Um diesen Zeitpunkt sollte man bereits zwei Drittel des Tagespensums absolviert haben.

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Im Laufe der nächsten Tage verlegen wir den Start in die Nacht, wir werden später teilweise sogar um zwei Uhr nachts starten. Es ist dann einfach ruhiger und kühler. Manchmal sogar windstill. Landschaftlich verpassen wir ohnehin nicht viel. Entweder spendet uns der Mond Licht oder wir fahren im Schein der Stirnlampe. Es sind herrliche Momente, in der Kühle und Stille der Nacht loszufahren, die Sternschnuppen zu zählen und nach ein paar Stunden anzuhalten, um die Sonne aufgehen zu sehen.

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Sekiji und ich haben glücklicherweise die gleiche Einstellung und wir machen uns das Radlerleben nicht unnötig schwer. Der Wind und die Hitze machen uns bereits zu schaffen.  Wir übernachten in der Regel in sogenannten „Cafeterias“, einfachen Restaurants am Strassenrand, Truckstopps. Man erhält dort garantiert immer einen Teller „ful“, Bohneneintop mit Brot, oft Fleisch, manchmal Leber, Eier, falafel (Kichererbsen-Küchlein). Und kann dann für wenige Rappen ein Bett, bestehend aus einem einfachen Gestell und einem geflochtenen Netz, für die Nacht mieten. Und erspart sich sämtliche Camping-Aktivitäten und kann dann rasch in der Nacht aufbrechen.

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In Wad Medani stossen wir wieder auf den Blauen Nil, der in Äthiopien in Bahir Dar beim Lake Tana seinen Anfang nimmt. Bald sind wir in Khartoum, wo uns der symphatische Couchsurfer Steve, ein 64-jähriger Amerikaner  aufnimmt. Steve arbeitet als Lehrer bei der American School in Khartoum. Zunächst verrichten wir den obligaten Behördengang, entledigen uns einer läppischen Summe von umgerechnet 50 Dollar, um uns offiziell zu registrieren.

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Khartoum ist angenehm, für afrikanische Verhältnisse sehr geordnet, sauber. Der Weisse Nil trifft hier auf das Blaue Gegenstück. Obschon ein Alkoholverbot herrscht, gibt es aber Restaurants mit Live Musik, wo man zu Schnulzen das Tanzbein schwingen kann.  Man staune. So im Papa Costa. Ulkig und unterhaltsam. Nächstentags gönnen wir uns im Schwimmbad im „Greek Club“ etwas Abkühlung.

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Und zur Unterhaltung führen uns Steve und seine Freunde ausserhalb Khartoums, um einem nubischen Wrestling-Turnier beizuwohnen. Sobald die Sonne sich dem Horizont neigt und die Temperaturen erträglicher werden, bringen die Kämpfer die Stimmung in der randvollen Arena zum Kochen.

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Von Khartoum aus unternehmen Sekiji und ich mit dem Bus einen Ausflug zu der Sehenswürdigkeit Nummer eins im Sudan: der königliche Friedhof in Meroe. Zeugnis einer Hochkultur aus der Pharaonenzeit. 13 Jahrhunderte lang, bis zum 4. Jhd. n.Chr., herrschten die Kuschiten in Nubien, lieferten Sklaven und Gold an die Ägypter.

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Die Pyramiden sind nicht derart gigantisch wie die berühmten im Nachbarstaat, dafür hat man sie für sich ganz alleine. Die Stimmung am frühen Morgen und späten Abend ist einzigartig, wird nicht durch Massen von Schaulustigen und Souvenirhändlern vermasselt. Die paar wenigen Kameltreiber, die ihre Dienste anbieten, sind charmant  und man kann ­deren Überredungsversuchen nicht widerstehen, sich für ein paar wenige sudanesische Pfund auf ein Wüstenschiff zu setzen. Einzig ein paar Tausende Besucher jährlich bekommen die Relikten zu Gesicht. Lächerlich wenig im Vergleich zu den ägyptischen Besucherzahlen.

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Busfahrten im Sudan sind übrigens untypisch afrikanisch. Moderne chinesische oder koreanische klimatisierte Busse, kein einziger Passagier zuviel. Unterwegs werden kühle Getränke und Snacks gereicht. Gefahren wird auf feinem Asphalt, keine Bodenwelle, keine Schlaglöcher. Zurück in Khartoum trudeln drei weitere Tourenfahrer bei Steve ein, Richtung Süden fahrend. Das schottisch-dänische Paar Sam und Julie und Ambrose aus der Normandie. Zeit für uns, um den Kollegen Platz zu machen und uns wieder auf die Räder zu schwingen.

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Doch allzu rasch entlässt uns Khartoum nicht. Wir fahren in der Nacht los, in einem Vorort hüllt die aufgehende Sonne den Morgenverkehr in ein goldenes Licht. Wir können selbstverständlich der Versuchung nicht widerstehen und knipsen die Szenerie gebührend ab. Bis uns ein Vespafahrer etwas unfreundlich Einhalt gebietet und uns zur Polizeistation bittet. Fotografieren im Sudan ist eine heikle Angelegenheit, das ist uns bewusst. Doch anstatt einfach die Bilder zu sichten und zu löschen, wird ein Distriktschef aufgeboten. Uns ist bange. Zum Glück erscheint der nie und nach einer Teerunde und einer Stunde werden wir, ohne dass die Fotos gelöscht werden müssen, entlassen. Und so kann ich natürlich meinen Lesern den Stein des Anstosses auch nicht weiter vorenthalten:

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Für die 500 Kilometer bis Dongola kämpfen wir uns sieben ­Tage lang ab. Zugegeben, etwas neidisch sind wir schon auf andere Radler, die in entgegengesetzter Richtung nur zwei bis drei Tage benötigen. Sekiji und ich müssen kleine Brötchen backen, 50 bis 90 Kilometer am Tag, je nachdem wie stark es der Sandsturm Habub auf uns abgesehen hat. Spätestens um Mittag wird das Fahren bei dem Sturm und der Hitze zur Tortur. An Wasser mangelt es uns glücklicherweise nicht. Am Strassenrand finden sich häufig überdeckte Wasserstellen, wo man Wasser aus riesigen Tonkrügen schöpfen kann. Und unterwegs trinken wir paradoxerweise stets gekühltes Wasser. Die Verdunstung ist derart extrem, dass wir unsere Trinkflaschen in eine Socke stecken, die wir andauernd feucht halten und dadurch abgekühlt wird.

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Die Erleichterung ist gross, wenn wir mittags endlich eine kleine Cafeteria anpeilen können, um dort umgehend ein paar kühle Soda in wenigen Schlucken zu tanken, den obligaten Bohneneintopf zu verschlingen und uns auf den Betten breitzumachen, um den Rest des Tages bis zum abendlichen Bohneneintopf  zu dösen. Nicht immer finden wir ein lauschiges Plätzchen.

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In einer solchen kleinen gemütlichen Cafeteria erleben wir eine Schrecksekunde. Weniger wegen der faustgrossen Camel Spiders, die herumirren. Als wir um vier Uhr aufstehen, bemerkt Sekiji, dass seine Spiegelreflexkamera  und weitere Gegenstände in der Lenkertasche fehlen, sie jemand geklaut haben muss. Zwei Jungs und ein betagter Mann kümmern sich um die Cafeteria. Drei andere Gäste schlafen in jener Nacht ebenfalls dort. Im Umkreis von vielleicht 20 Kilometern ist keine andere Seele zu finden, allenfalls noch ein Schakal und die besagten Camel Spiders. Mir fällt am Vorabend auf, dass die zwei Burschen ständig auf die Ausrüstung von Sekiji schielen, zwischendurch flüstern. Um zwei Uhr morgens wache ich auf, sehe, wie die beiden Kerle sich mit einer Taschenlampe an das Rad von Sekiji heranschleichen. Ich mache mich bemerkbar, sie verziehen sich. Male mir nicht das Schlimmste aus, ahne nicht, dass die zwei derart bekloppt sein können, um einen Gast zu bestehlen.

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Wir wecken die ganze Bande auf, verlangen die Kamera von den zwei Schurken zurück. Jemand anderes kann es nicht gewesen sein. Die tun nichts dergleichen, leugnen alles ab, legen sich stinkfrech wieder schlafen. Der Alte, sichtlich verwirrt, brummelt ständig „Schakal, Schakal“. Wir warten bis zum Morgengrauen, bis die ersten zwei Truckfahrer anhalten.  Erklären denen, was vorgefallen sei, ziehen sie auf unsere Seite. Nun reden wir alle auf die Halunken ein, schüchtern sie ein. Wir drohen mit der Polizei. Ich gebe ihnen zu verstehen, dass aufgrund unserer Sachverhaltsschilderung die Polizei uns Glauben schenken wird, die Täterschaft mehr als augenfällig ist, ihnen aufgrund der geltenden Schari‘a die Hand abgehauen wird. Nun bekämen sie eine Chance: Kamera oder Hand ab !

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Ein Truckfahrer redet einem der zwei Gauner ins Gewissen, führt uns dann später zu einem Gebüsch hinter dem Gebäude. Dort ist die Kamera versteckt ! Ob der Chauffeur, der früher angeblich bei der Polizei angestellt war, ein Geständnis erzwingen konnte oder einfach ein guter Fährtenleser ist, wissen wir nicht. Jedenfalls ist der Vorfall jugendlichem Leichtsinn zuzuschreiben und untypisch für den Sudan.

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In Dongola gönnen wir uns zwei Ruhetage im einzigen für westliche Besucher ausgelegten Guesthouse. Der Tourismus steckt hier im Sudan ja leider noch in den Kinderschuhen, obschon es viel zu entdecken gäbe. Der Koreaner Isa führt seit sieben Jahren mit seiner Frau und den drei Kindern das Candaca Nubian Guesthouse, spricht gut arabisch, ist an nubischer Kultur interessiert und kennt Nordsudan wie seine Westentasche. Er organisiert für uns einen Ausflug. Wir besuchen ein nubisches Dorf, unternehmen eine Fahrt in einem traditionellen Boot und legen an einer Sandbank an, wo wir dann im Nil baden.

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Nördlich von Dongola wird die nubische Wüste abwechslungs- und erlebnisreicher. Das Gebiet ist wie schon seit Jahrtausenden reich an Goldvorkommen. Überall wird nach dem Edelmetall geschürft. Die Landschaft sieht teilweise völlig durchgebürstet aus. Menschen mit Gold-Detektoren irren in der einsamen Landschaft unter der brütenden Hitze herum. Wir können der Versuchung nicht widerstehen, unsere Nase in einer solchen staubigen Gold-Siedlung zu stecken. Es gibt hier viele Cafeterias, kleine Shops, pakistanische Parfumverkäufer, fliegende Teeverkäufer äthiopischer Herkunft. Steine werde zu Pulver zermalmt, Gold von Hand gewaschen.

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Unerwartet ist eines Morgens auch das Treffen mit einer riesigen Kamelherde von schätzungsweise 300 Tieren, die an den Nil geführt werden, um gefüttert zu werden. In 40 Tagen werden sie von der Sahara hierhin geführt. Viele überleben den langen Marsch nicht und verenden kurz vor der Futterstelle. Entlang der Strasse finden sich zahlreiche Kadaver, ein richtiger Friedhof.

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Sehenswert ist auch eine Moschee aus dem Jahre 1779, von Sheikh Idris erbaut. Boras, ein Nubier, der seit 15 Jahren in den Niederlanden lebt, vorher General war und aufgrund seiner politischen Anschauung für zwei Jahre ins Gefängnis gesteckt wurde, erzählt uns bei einer Runde Tee viel über die nubische Kultur. Er setzt sich für die nubische Zivilisation ein, die durch die weiteren geplanten Staudämme weiter gefährdet ist. Ganze Städte, Dörfer und historisch bedeutende Relikte der nubischen Kultur sollen unter Wasser gesetzt werden. Wie vor 40 Jahren beim Bau des Nasser Staudammes, als zahlreiche Kulturgüter unter Wasser verschwanden und der Tempel Abu Simbel in einer aufwendigen Aktion verlegt werden musste.

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Wir stecken dann über eine Woche in Wadi Halfa am südlichen Ende des Nasser Stausees fest und müssen auf die nächste Fähre warten, die nur wöchentlich verkehrt. Trotz einem Tag lang Anstehen unter der prallen Sonne und viel Diskutieren erhalten wir kein Ticket mehr. Das historische Wadi Halfa und 30 weitere nubische Dörfer im Herzen Nubiens wurden anfangs der 60-er Jahre im Zuge des Staudamm-Projektes überflutet. Endlich geht es dann los mit der völlig überfüllten Fähre. Ich schlaufe auf dem Deck, dichtgedrängt mit vielen anderen Passagieren. Die Fahrt bis nach Assuan in Ägypten dauert 20 Stunden. Und schon nach 2 Tagen hier in Ägypten sehnt man sich zurück an die sudanesische Gastfreundschaft und die Nächte unter dem nubischen Sternenhimmel !

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Sahara-Express

Am 8. November ist die Zeit gekommen, mich von Mélanie zu verabschieden. Am Morgen machen wir im Souk wie Obdachlose Jagd auf Riesenkartons, um das Velo flugtauglich verpacken zu können. Ich begleite Mélanie zum Flughafen und nach einem tränenreichen Abschied fahre ich mit dem Taxi alleine zurück ins Riad. Ich esse noch einmal auf dem Hauptplatz Djema el Fnaa, wo sich Schlangenbeschwörer, Henna-Zeichnerinnen, Orangensaft-Verkäufer, Imbissbuden, Schnecken-Stände, Musikanten, Einheimische und Touristen ein Stelldichein geben. Am nächsten Tag nichts wie weg Richtung Hoher Atlas. In der charmanten Jugendherberge in Asni, die noch wie genau vor fünfzig Jahren aussieht, spartanisch aber zweckdienlich, mache ich Halt. Und halte ein langes Schwätzchen mit dem Sohn des Jugi-Betreibers. Er geniesst hier oben die Ruhe und die Kühle, den Olivenhain hinter der Jugi, amüsiert sich über das französische Paar, das auf Trekkingtour ist, sich dafür eigens einen Esel gekauft haben und nun bis am Samstag warten müssen, um im Souk Heu zu kaufen. Er hat wegen dem Fest Aïd el Kebir ein paar Tage frei und erholt sich von seinem Job im teuersten Hotel in Marrakech, wo nicht tausend und eine sondern eine einzige Nacht über 1‘000 Dollar kostet. Die fehlende Dusche bei Billighotels, in denen man ab 3 oder 4 Euros ein einigermassen anständiges Zimmer bekommt, ist nicht notwendig ein Manko. Denn meistens gibt es in der Nähe ein Hammam, wo man sich gut waschen und entspannen kann. So auch in Asni. Ab 18 Uhr sei für Männer geöffnet, die beste Zeit, um sich dort in Ruhe zu schrubben und zu waschen, meint ein Einheimischer. Wenn nicht gerade Aïd el Kebir wäre und überall der Brauch herrscht, dass Horden von Jungen mit schwarz angemalten Gesichtern und eingekleidet in schwarzen Schaffellen durch Dörfer ziehen und Geld für das Fest sammeln. Und sich danach im Hammam wieder reinmachen und ein Affentheater veranstalten. Aber amüsant ist es allemal.  So oft es geht, suche ich ein Hammam auf. Man schnappt sich zwei Kübel, füllt heisses und kaltes Wasser rein und hält sich je nach Lust und Laune in einem der drei verschieden heiss-feuchten Räumen auf, schwitzt, seift  und schrubbt sich ein und begiesst sich nach Belieben mit heissem, warmem oder kaltem Wasser.

Von Asni aus ist es nicht mehr weit bis zum Djebel Toubkal, mit 4‘177 Metern der höchste Berg Nordafrikas. Ich lasse ihn aus, zumal ich ihn bereits vor drei Jahren bestiegen habe. Besteigung ist stark übertrieben, denn es handelt sich, zumindest aus schweizerischer Sicht, um eine normale zweitägige Bergwanderung ohne Schwierigkeiten.

Die Passstrasse Tizi’n Test auf 2‘092 Metern hingegen ist, aus radfahrerischer Sicht, sehr spektakulär und die Berge des Hohen Atlas ringsherum sensationell. Auch die Abfahrt Richtung Süden ist vom Feinsten, nicht sehr steil und sehr langgezogen. Runter bis nach Taroudannt, eine angenehme Stadt um sich einen Tag zu erholen und die „tanneries“, die Ledergerbereien zu besuchen. Es ist nicht viel los, die ganze Woche wird schliesslich gefeiert. Aber es sind bereits unzählige Schafsfelle hergebracht worden, die bearbeitet werden wollen.

Agadir lasse ich aus und nehme den direkten Weg nach Tiznit. Hier muss ich mich unzählige Male durchfragen, denn einige Strassen sind auf meiner Karte nicht bzw. nicht richtig eingezeichnet. Praktisch kein Verkehr, ausser einigen mauretanischen Pantherschildkröten, die mir über die Strasse laufen und gehörig anfauchen, als ich sie anfassen möchte.  Auch die Landschaft fängt langsam an, steppen- und wüstenhafter zu werden. Als ich am Abend durch landwirtschaftliches Gebiet fahre, frage ich Einheimische, ob ich hinter ihrem Haus mein Zelt aufschlagen könne. Sicher doch. Ein Teppich wird vor meinem Zelt ausgebreitet und als ich soeben meinen Riesenpfanne Pasta fertig gegessen und abgewaschen habe, kommt Abdullah, von Beruf Schulbus-Chauffeur, und grilliert vor meinem Zelt noch Schaffleisch-Brochettes, die wir dann gemeinsam im Schulbus bei einer Runde Tee essen. Und so komme auch ich noch in den Genuss von einem Aïd el Kebir-Schaf. Stolz zeigt er mir seine 7 Monate junge Tochter Jasmin. Am nächsten Morgen ist er sehr früh schon weg, um die Schulkinder einzusammeln. Dafür leistet mir sein Vater Gesellschaft beim Morgenessen mit frisch gebackenem Brot, Konfitüre und Früchten.

Auf der Hauptstrasse Agadir-Tiznit herrscht viel Verkehr. Einige tote Ziegen am Strassenrand. Und sogar ein richtig grosses Wildschwein. Erst im Nachhinein wird mir bewusst, dass der Anblick eines Schweines ja eher selten in einem muslimischen Land ist. Spontan entscheide ich, einen Umweg über die Küste zu nehmen und nach Sidi Ifni zu fahren. Es liegt zwar eine Hügelkette dazwischen, die Anstrengung zahlt sich aber allemal aus. Sidi Ifni ist ein sehr angenehmer Ort, um sich zu entspannen, die Seele etwas baumeln zu lassen und nochmals Kräfte zu tanken. Die Stadt ist in den 1930ern von den Spaniern auf einem Felsen ganz im Art Deco Stil gegründet worden. Vorher lebte dort überhaupt niemand. Die Spanier besassen diesen Flecken Land bereits von 1476 bis 1524, als der Ort noch  Santa Cruz del Mar Pequeño hiess. Sie wurden dann vertrieben und sicherten sich die Herrschaft erst wieder 1860 im Abkommen von Tetouan.

Die Stadt versprüht einen ganz eigenen Charme und ist untypisch marokkanisch, sehr relaxt, beliebt bei Surfern, gutes Essen, guter Kaffee. Keine engen Souks. Der alte Flugplatz zieht nach wie vor einen Strich durch die Stadt und wird alljährlich für ein grosses Fest gebraucht, um den Weggang der Spanier im Jahre 1969 zu feiern. Es scheint mir aber, dass wenige Marokkaner Groll gegen die Spanier hegen. Im Gegenteil: in vielen Läden hängen F.C. Barcelona Flaggen und die Spiele der spanischen Liga werden eifrig in Cafés und Restaurants verfolgt. Und natürlich träumen viele von Spanien und Europa.

Einige Gebäude, wie der Twist Club oder das spanische Konsulat, sind am Verfallen. Andere wurden restauriert. Das älteste Hotel der Stadt, „La Suerte Loca“ – Das Wahnsinnsglück, gibt es nach wie vor und dort komme ich unter. Ein Wahnsinnzufall ist es dann abends, als ich in der Stadt rumspaziere und auf Freunde aus der Schweiz treffe. Unglaublich: Fotograf Andreas Kramer und seine Freundin Karin, die mir 2006 auf dem Pamir Highway in Tajikistan auf dem Velo begegnet sind, laufen an mir vorbei. Wer an meinem Diavortrag in Liestal in der Aula Burg anwesend war, mag sich vielleicht an ihn erinnern, da er einleitend eine kurze Rede gehalten hat. Diesmal sind sie mit ihrem neu umgebauten Landrover für vier Wochen in Marokko unterwegs.

Am nächsten Tag machen wir natürlich zum Morgenessen ab und fahren zur Legzira Beach, wo zwei eindrückliche Bögen den Strand zieren und Paraglidern als Kulisse für ihre waghalsigen Manöver dienen. Was für eine tolle Überraschung! Vor einem Jahr haben wir in Basel an der Herbstmesse noch Bratwürste gegessen, jetzt sitzen wir in der Sonne und verzehren Salami und Schweizer Käse !

Eine Wahnsinnsfreude bereite ich ungewollt dem pensionierten Julio Anton, den ich in Spanien eines Morgens in der einzigen Bar von Manzaneruela kennengelernt habe. Endlich komme ich dazu, ihm das versprochene Foto von der boccadillo-essenden und chupito-trinkenden Männerrunde zu schicken und sende ihm nebenbei Grüsse aus Sidi Ifni. Postwendend schreibt er mir zurück, dass ich ihm soeben eine Riesenfreude bereitet habe, weniger wegen des Fotos, sondern weil ich mich gerade aus dem Ort melde, in dem er 1959 als junger Bursche in einem Amphibienfahrzeug gestrandet ist und seinen Militärdienst absolviert hat. Er zählt mir einige Orte auf, die ihm noch bestens bekannt sind, unter anderem auch „La Suerte Loca“…

Mit neuen Kräften starte  ich Richtung Guelmim und West-Sahara. 1‘300 Kilometer Wüste. In der Vorstellung sieht das so aus: meterhohe Dünen, durch die man sich mehr schiebend als fahrend durch sandige Pisten durchkämpft und Sandstürmen trotzt. Zum Glück sieht die Wirklichkeit nüchterner aus: eine mehr oder weniger pfeiffengerade, gut asphaltierte Strecke, durch eine steinige, öde und karge Landschaft. Outback-mässig. Hier und da ein paar Büsche, um gerade noch das Zelt verstecken zu können. Eher selten Dünen. Einmal sogar eine alleinstehende grosse Sicheldüne. Häufig führt die Strasse nahe am Rande der Küste, die schroff um rund 50 Meter hinunterfällt. Ein böser Unfall: eine Frontalkollision zwischen einem Kleinlaster und einem Mercedes-Taxi. Vereinzelt Zelte von Fischern. Dann und wann Kamel- bzw Dromedarherden. Und Heiterkeitsanfälle, wenn man von einem Landrover mit 4 (in Worten: vier) Kamelen auf der Ladefläche überholt wird. Und es geht doch ! Aufschlussreiche Erkenntnisse, wenn der Wind den Sand aufwirbelt: bestreicht man sein Brot mit Schmelzkäse und isst es nicht sofort auf, hat man ein plötzlich ein Sand-Wich.

Strecken von 100 bis 140 Kilometer ohne Versorgungsmöglichkeiten. Ab und zu eine langersehnte Tankstelle mit Café und kleinem Laden. Aber auch einige grössere Städte mit allen Annehmlichkeiten. Insgesamt also mit ein bisschen Planung gut zu befahren. Und zudem soll meistens ein Nordwind, d.h. ein kräftiger Rückenwind blasen. Ich bin gespannt und traue der Sache nicht ganz. Am Anfang sieht es noch nicht sehr danach aus, im Gegenteil, ich habe eher Seiten- bzw. leichten Gegenwind. Besser gesagt wir. Denn ich treffe auf Jeff, einem Australier um die 50, der von Stockholm nach Dakar fährt und Richard, einem 22-jährigen Schweizer, der das gleiche Ziel anpeilt. Beide radeln seit Barcelona zusammen.

In Laayoune, der grössten Stadt in der Westsahara, legen wir einen Ruhetag ein. Unterwegs begegnen wir einem anderen, wegen seinen vielen Afrika-Eindrücken sichtlich mitteilungsbedürftigem Tourenfahrer, der von Südafrika gestartet ist und sogar durch den Kongo geradelt ist. Zufällig ist er wie Jeff auch Australier, auch aus Sydney und auch aus der Cleveland Street. So klein ist manchmal die Welt.

Auffallend ist in Laayoune die Vielzahl der weissen mit UN beschrifteten Jeeps. UN peacekeeper, die hier seit 1991 stationiert sind, als sich Marokko und die Unabhängigkeitsbewegung Frente Polisario auf einen Waffenstillstand geeinigt haben. Ziel des Frente para la Liberación de Seguiat el Hamra y Rio de Oro (Polisario) war die Unabhängigkeit der spanischen Kolonien „Rio de Oro“ mit der Kapitale Villa Cisneros (heute Dakhla) und „Seguiat el Hamra“ mit dem Hauptort Laayoune. Bereits 1966 erliessen die Vereinten Nationen eine Resolution, wonach Spanien eine Abstimmung über die Unabhängigkeit in der Sahara durchzuführen habe. Die arabischstämmigen Saharawis kamen aber vom Regen in die Traufe: der marokkanische König Hassan II organisierte la „marche verte“ und liess 350‘000 Marokkaner (und Soldaten) in die Westsahara einmarschieren und teilte sich mit Mauretanien den Kuchen in einem Abkommen, obschon auch Den Haag das Selbstbestimmungsrecht der Saharawis feststellte. 1976 gründete der Frente Polisario einen eigenen Staat, der von der Afrikanischen Union anerkannt wurde. Viele Saharawis flohen im Zuge der Auseinandersetzungen nach Algerien, wo sie noch heute unter prekären Bedingungen in einem Flüchtlingscamp mit über 200‘000 Menschen leben. Mit einem solchen Saharawi (natürlich nicht der auf dem Bild hier unten), die das Hassani, einem arabischen Dialekt sprechen, komme ich in einer Tankstelle kurz ins Gespräch: er zeigt mir seinen algerischen Pass. Um nach Boujdour zu reisen, muss er einen Umweg über Mauretanien machen, dort den Eisenerzzug nehmen. Kurz darauf verschwindet er in den Bus, der weiterfährt.

Um Fakten zu schaffen, bauen die Marokkaner entlang der Strasse kleine Siedlungen, die aber meist leer stehen. In einer solchen will ich die Arbeiter fragen, ob ich zelten könne. Einer spricht mich auf Italienisch an: „Ueglio, e tu che ci fai qui?“ Er hat lange in Italien gearbeitet. Ich darf dann sogleich in einer leerstehenden Wohnung schlafen. Ein Haus ist sogar mit „Centre de santé de soins de base“ beschriftet. Ob es je eröffnet wird, ist sehr fraglich. Gesellschaft leisten mir fünf weisse putzige Welpen. Die Mutter sei seit vier Tagen verschwunden, meint der „chef de chantier“, der mir Nektarinen, Äpfel und Datteln schenkt. Ich spende den süssen Welpen meine Wurst, wohlwissend, dass sie kaum eine grosse Chance haben werden, zu überleben. Die Mutter liegt drei Kilometer weiter vorne tot im Strassengraben.

Endlich. Nach Tarfaya, als die Strasse von Westen nach Süden abknickt, kommen Hochgefühle auf. Mit Geschwindigkeiten von 30 bis 40 Km/h blitzen wir durch die Ebene.  Ich fühle mich wie auf dem Rennvelo, einfach ge…, genial. Es gelingt mir, an diesem Tag fast 200 Kilometer zu fahren.  Aviatik-Interessierten mag Tarfaya unter dem Namen Cap Juby besser bekannt sein.  Alljährlich macht hier im Oktober die „Rallye Aérien“, die von Toulose nach Dakar führt, Halt. Tarfaya war eine Station für die Flugpost nach Südamerika und hier war auch einige Jahre der Pilot und Schriftsteller Antoine de St. Exupéry, Autor des weltweit beliebten Kinderbuches „Le Petit Prince“, stationiert. Eingepfercht in seinem kleinen Büro hatte er genügend Zeit, um seine Erzählungen niederzuschreiben. Wenn er nicht gerade mit Saharawis über das Lösegeld für die in der Wüste abgestürzten Flugpiloten am Verhandeln war. Ein kleines Museum der „Association des Amis de Tarfaya * Mussée Antoin de S. experey“ (sic!) mit vielen Informationen lädt zu einer willkommenen Auszeit ein, um in die Geschichte des Flugpostverkehrs einzutauchen.

Nach dieser langen Etappe, auf der ich mich von meinen Reisekumpanen verabschiede, ist mit Rückenwind dann auch schon Schluss, Wolken ziehen auf, sogar einige Regentropfen fallen vom Himmel und der Wind bläst mir ins Gesicht. In der gleichen Zeit wie am Vortag, aber mit viel mehr Anstrengung, schaffe ich es nur noch auf 120 Kilometer. Erst vor Dakhla stimmen Fahrt- und Windrichtung wieder überein. Hier in der Westsahara die Temperaturen erträglich. Am Morgen kühle 15 Grad, am Nachmittag um die 25 bis 30 Grad. In Dakhla werden aus einem Ruhetag drei, ich brauche Zeit, um die Weiterreise zu planen und einfach einmal ein Buch in die Hand nehmen zu können, einen Moment innezuhalten. Der Angestellte im Hotel ist übrigens in Sidi Ifni aufgewachsen, neben dem “La Suerte Loca”…Noch sind es 350 Kilometer bis zur mauretanischen Grenze.

Noch ein bisschen Werbung in eigener Sache. Zum Glück bekomme ich vom ganzen Weihnachtsrummel nicht viel mit, der in Europa wohl in vollem Gange ist. Wer den Menschen in Mali ein Geschenk machen will, damit dort ein Dorfbrunnen gebaut werden kann und diese Zugang zu etwas für uns so Selbstverständlichem aber Lebensnotwendigem wie Wasser bekommen, kann gerne spenden. Jede Spende, mag sie auch noch so klein und symbolisch sein, freut mich und noch mehr die Nutzniesser ungeheuer. Und natürlich kann sie von den Steuern abgezogen werden. Shukran !

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