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Tashi Delek !

Auf tibetisch hat mich der Franzose hier oben nicht gegrüsst. Immerhin entspricht er aber dem Bild, das man landläufig von einem Franzosen hat.

Seit dem 10. September bin ich alleine unterwegs. Zuerst fahre ich Richtung Cévennen. In Orange mache ich nur für einen Espresso Halt. Für die Sehenswürdigkeiten und Sightseeing in der Hitze habe ich keine Musse. Weiter geht’s am AKW Marcoule vorbei. Ich mache mir Gedanken über die Atomenergie, über Fukushima, darüber, dass man gemeinhin über die Herkunft von Uran und unter welchen Umständen  es abgebaut wird, nicht viel weiss. Augen verschliessen und auf die lange Bank schieben. Das Uran der Bombe von Hiroshima stammte angeblich aus dem Kongo. Nur wenige Stunden später wird es hier explodieren und ein spanischstämmiger Arbeiter wird verbrennen.

Ich streife die Cévennen, eine Landschaft, die zusammen mit den Causses, den Kalk-Hochebenen, von der Unesco als Weltkulturerbe geschützt wurden. Eichen- und Kastanienbäume herrschen vor. Und langsam zeigen sich auch die ersten Pilze, insbesondere Satans- oder Hexenröhrlinge – meine rudimentären Pilzkenntnisse reichen leider nicht aus, um diese auseinanderzuhalten. Ich lasse lieber die Finger davon. Zwei Jünglinge auf einem Roller, der eine mit Helm mit Satanshörnern, überholt mich einige Tage später. Beide haben je einen Korb voller Pilze. Ich halte sie an, sie schenken mir ein halbes Kilo Röhrlinge und Steinpilze. Ihr Vater habe am Vortag 32 Kilogramm geerntet.

Die Causses sind ausgedehnte Kalkplateaus im Süden des Zentralmassivs. Im Süden öffnen sie sich zu den Ebenen des Départements Hérault und des Bas Languedoc. Karge Hochplateaus, gigantische Canons und Klüfte. Tief eingeschnittene Täler kontrastieren mit den kargen Hochebenen, die an die Steppen Zentralasiens erinnern. Zahlreiche Dolmen, Menhire und Steinzirkel zeugen von der frühen Besiedlung dieser Gegend. Regenwasser wird vom Kalkboden wie ein Schwamm aufgesaugt. Wie bei uns im Jura finden sich hier riesige Höhlen. Die Causses sind ein bevorzugtes Gebiet für die Schafhaltung. Die Milch wird zu Käse verarbeitet, der weiter nördlich in den berühmten Kellern von Roquefort-sur-Soulzon reift.

Ein besonders eindrückliches Exemplar einer solchen Karstlandschaft sind die Cirques de Navecelles. Ein 300 Meter tiefer Canon, darin findet sich eine durch einen Fluss natürlich geschaffene Pyramideninsel. Am Rande der Weiler Navecelles.  Vor 10 Millionen Jahren begann ein Mäander des Flusses Vis, sich einzuschneiden, um vor rund 6000 Jahren sein Werk zu beenden und sich einen anderen Weg zu suchen. Ich campe direkt am Aussichtspunkt, um am Morgen die ersten Sonnenstrahlen fotografisch einfangen zu können.

In Le Caylar erwarten mich Françoise und Hubert, die ich durch das Tourenfahrern vorbehaltenem Netzwerk Warmshowers kennengelernt habe. Ich bin an der richtigen Adresse. Le Caylar war seit  jeher ein wichtiger Durchgangsort für Reisende zwischen Nord und Süd, gelegen zwischen den weniger verkehrstauglichen Cévennen im Westen und den Monts du Haut-Languedoc im Osten. Es fing mit der Transhumanz an und kulminiert heute in der Autoroute A 75, eine der wichtigsten Verkehrsadern zwischen Nordeuropa und der iberischen Halbinsel. Den Verkehr bekomme ich in Le Caylar zu spüren, die Autobahn ist für wenige Stunden gesperrt, Durchreisende quälen sich durch das Dorf mit 425 Seelen.

In Le Caylar findet jährlich das Festival du Roc Castel statt, das einen Schwerpunkt auf das langsame Reisen gelegt hat. „Éloge du voyage lent“ lautet das Motto des diesjährigen Festivals. Klar, dass Velofahrer überproportional vertreten sind. Einer fehlt jedoch unfallhalber am Festival. Und so nimmt Hubert telefonisch mit Gérard Kontakt auf, da er ebenfalls in Afrika Rad gefahren ist (www.zagafrica.fr) . Hubert unternimmt zwar nur kleinere Velotouren in Europa, ist ansonsten aber in vielen Reise-Netzwerken angeschlossen und hat Freude daran, Veloreisende und allgemein Reisende aufzunehmen. Er vermittelt mir noch viele weitere Kontakte. Ganz nebenbei kann ich auch noch seine Kochkünste ausprobieren. Allerlei regionale Spezialitäten tischt er auf, unter anderem Roquefort-Würste, Crême fraiche mit Marronipaste und entsprechenden Wein. Françoise et Hubert, merci pour votre accueil et votre précieuse aide !

Kurz vor Mittag breche ich auf. Keine 13 Kilometer komme ich weit. Von Weitem fällt mir auf einem Hügel eine Installation mit Flaggen auf. Kommt mir irgendwie bekannt vor. Habe ich letztmals in Tibet am heiligen Berg Kailash gesehen. Und tatsächlich: ein tibetischer Tempel eingebettet zwischen den bewaldeten Hügeln. Was für ein Zufall ! Ich werde sofort an meine Tibet-Reise von 2006 erinnert und bin ganz entzückt.

Julien arbeitet im kleinen Verkaufslokal, er schenkt mir spontan ein vom Dalai Lama geknüpftes Band, zeigt mir trotz Besucherverbot die ganze Anlage und lädt mich zum Essen ein. Die Leute arbeiten hier hauptsächlich als „bénévoles“, erhalten Kost und Logis und Unterricht in Meditation und der buddhistischen Lehre. Die Belegschaft der Freiwilligen stammt aus aller Welt, entsprechend international ist die Atmosphäre geprägt. Aussenstehende können hier ebenfalls verweilen, die Ruhe geniessen und meditieren. Ich beschliesse, in der Nähe zu zelten. „De bonne augurues“, sei dies, dass ich hier an diesem Ort gelangt bin. Er schenkt mir ein vom Dalai Lama geknüpftes Band. Lérab Ling ist einer der grössten tibetischen Tempel in Europa , 850 Meter hoch gelegen. Der Blick reicht bis zu den Pyrenäen. Im August 2008 hat der Dalai Lama den Tempel eingeweiht.

Am nächsten Tag suche ich einen geeigneten Platz, um in der Wildnis zu zelten. Da ich nichts Geeignetes finde, fahre ich bis zur Ortschaft Verreries-de-Moussans.  Zwei Freundinnen, Célia und Frédérique, lassen mich im Garten zelten. Meine tibetischen Gebetsflaggen am Velo fallen ihnen sofort auf. Beide sind tibetische Buddhistinnen. Ihre beiden tibetischen Schosshunde bewachen mein Zelt. Die Gebetsflagge, die ich am Vortag gekauft habe, übergebe ich ihnen als Geschenk.

Der Vorzug einer Veloreise zeigt sich in den kleinen Begegnungen. Etwa in Lunas, wo eine Variante des Jakobsweges durchführt, und wo ich mit einem anderen Velofahrer ins Gespräch komme. Christian aus Lyon, der in den letzten 25 Jahren regelmässig nach Burkina Faso gereist ist, um dort mehrere Wochen als Freiwilliger zu arbeiten, ist begeistert. Die beiden älteren Damen nebenan, 78 und 90 Jahre jung, meinen, wir hätten uns viel zu erzählen gehabt. Sie erzählen mir ihre Geschichte. Ihr Vater sei aus Spanien ausgewandert, seither leben sie hier in Lunas.

In Carcassonne lege ich zwei Ruhetag bei Yves, einem Couchsurfer, ein. Yves ist Lehrer und hat einiges zu erzählen. Er ist Vater dreier erwachsener Kinder. Er hat Lebens- und Reiseerfahrung und entsprechend viel zu berichten. Auch hat er während Jahren in Hamburg gelebt und spricht perfekt Deutsch. Er weist mich darauf hin, dass Couchsurfing eine moderne Variante von Servas ist, dessen Erfolg mit der Verbreitung des Internet zusammenhängt. Demgegenüber hat Servas an Mitglieder eingebüsst. Zusammen mit Kerstin, einer deutschen Psychologiestudentin, besichtigen wir die Festung „La Cité“, wandern entlang am Canal du Midi, führen gute Gespräche und kochen zusammen. Yves, Danke vielmals für die tolle Gastfreundschaft !

Noch zwei Tage bis zur spanischen Grenze. Ich gehe nicht in Andorra über die Pyrenäen, da ich zuviel Verkehr befürchte, sondern weiter südöstlich über den Col de la Perche, zuerst an den beeindruckenden Gorges de St. Georges vorbei. Es ist nicht aussergewöhnlich, dass Leute aus Toulouse am Wochenende nach Andorra fahren, um sich mit Zigaretten einzudecken, die halb so viel kosten wie zuhause. Ich fahre die Passstrasse hinauf, dummerweise kann ich wegen der Hanglage nirgends zelten und muss in die Nacht hineinfahren, bis ich endlich hinter einem verlassenen Gebäude mein Zelt aufschlagen kann. Zum Kochen ist es zu spät. Ich verdrücke rasch etwas Salami, Käse und Brot.

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