Tibet-Reise 2006

Ausgetraeumt ?

Es ist geschehen, was nicht passieren darf. Eine Horrorvision: mein Velo ist gestohlen worden ! Als ich am Sonntag vor einer Woche in einem Internet-Cafe in Samarkand sitze, ist mein Velo kurzerhand samt Schloss davongetragen worden. Als ich das Lokal verlasse und mein Fahrrad nirgends mehr sehe, stockt mir der Atem. Das darf nicht sein! Meine Reise so abrupt zu Ende? Ich schreie den Besitzer des Cafes an: “Where is my bicycle?” Der grinst nur bloede, laesst seine Goldzaehne glitzern und meint, ich haette doch das Velo lieber ins Lokal reingenommen, ich sei doch selber schuld. Die Polizei will er nicht benachrichtigen. Daraufhin renne ich zum Hotel zurueck und zusammen mit dem herzensguten Mr. Bahodir des Bred und Breakfast, wo ich lebe, gehen wir zur Polizei. Bis zum Vormittag wird am Tatort fotografiert, einvernommen und protokolliert, als sei ein Kapitalverbrechen passiert. Kurz vor vier Uhr duerfen Mr. Bahodir und ich dann uebermuedet endlich zurueck ins Hotel.

Am naechsten Morgen werde ich zur Polizeistation gefahren. Etwa 60 Polizisten und Helfer haben sich hier eingefunden und werden instruiert, um nach meinem Velo zu fahnden. Ich bin beeindruckt und beruehrt. Dennoch glaube ich nicht, dass mein Velo gefunden wird. Das wird fuer die naechsten Wochen und Monate irgendwo eingelagert, male ich mir aus.

Meine Reise beenden will ich wegen des Diebstahls auf keinen Fall. Mein Usbekistan Visum wird in wenigen Tagen ablaufen und ich kann nicht warten, bis mein Velo gefunden wird. Ein Ersatz muss her, koste es was wolle. Mein anderes Tourenbike express nachschicken zu lassen, kommt mir dann allerdings zu teuer zu stehen. Riesenglueck im Unglueck: Mr. Bahodir besitzt ein altes Mountain Bike, das er von einem franzoesischen Tourenfahrer praktisch geschenkt erhalten hat und das er mir spontan weiterverschenkt. Es sieht nicht schlecht aus und ich koennte mit diesem die Reise wagen. Per SMS teile ich meinem Bruder Pietro mit, welche Teile ich dringend benoetige, um das Rad tourentauglich aufzuruesten. Mein Plan ist, mit dem Bus nach Dushanbe (Tadjikistan) zu fahren, um dort das Paket in Empfang zu nehmen und dann meine Reise mit dem Rad fortzusetzen. Mental stelle ich mich bereits auf das “neue” Giant Bike ein.

Am Tag nach dem Diebstahl kommen der fallfuehrende Untersuchungsbeamte und acht weitere Polizisten vorbei. Sie haben von meinem Ersatz Wind bekommen und wollen den Fall nun kurzerhand abschliessen, andernfalls ich noch drei Wochen in Usbekistan bleiben muesse. Offenbar ist es ihnen nicht recht, ihrem Vorgesetzten eingestehen zu muessen, dass vor dem Hauptplatz ein Tourist beklaut worden ist. Eine neue Version der Sachlage haben sie bereits zusammengeschustert: ich war im Internet-Cafe, als ich rauskam, meinte ich, mein Velo sei gestohlen worden, ich habe die Polizei informiert und erst am naechsten Tag merkte ich, dass ja mein Velo im Hotel war und ich am Vorabend ohne Velo unterwegs war. Glaubwuerdig, nicht ?

Nun wird diese Geschichte stundenlang protokolliert, das neue MTB und der Hof des Hotels ausfuerlich beschrieben und fotografiert. Schliesslich muss ich in eine Videokamera grinsen und in etwa folgendes Statement zum Besten geben: ‘Hi, I am Maurizio, I found my bike. Yesterday as I left the Internet-Cafe I thought that my bike was stolen. That was the reason why I called the police. But I forgot that I went out without bike and that I had it in the hotel. It was my mistake and I am very sorry.” Genausogut haette ich auch sagen koennen, dass ich vorher Gras geraucht hatte und ich ein voelliger Idiot bin. Als wir fertig bin, darf ich das alte Protokoll zerreissen und verbrennen. Irgendwann kommt dann ein Vorgesetzter und wir alle binden ihm einen Baeren auf. Die Situation ist komisch und ich kann mir das Lachen kaum verkneifen. Mr. Bahodir meint, dass die neun Polizisten Besseres zu tun gehabt haetten, als nur “talk, talk, talk”. Es sei gut gewesen, gute Miene zum boesen Spiel zu machen.

Als ich tags darauf daran bin, das alte MTB auf Vordermann zu bringen, kommt ein Juristenpaar aus London, das am Vorabend im Hotel eingetroffen ist, vorbei. Sie haetten vor dem Registan-Platz einen etwa zehnjaehrigen Jungen auf einem Tourenbike fahren gesehen. Der Lenker und der Lowrider (vorderer Gepaecktraeger) seien Ihnen aufgefallen. Sie haetten sich gedacht, dass muesse mein Fahrrad sein, und haben den Jungen gestellt. Ob das wirklich mein Fahrrad sei? Lange bringe ich kein Wort heraus. Ich umarme Sam und Francesca, meine Helden ! Sie haben mein Fahhrrad wiedergefunden ! Der Dieb muss kalte Fuesse erhalten haben und sich des Fahrrades entledigt haben. Der Bub auf dem Velo hat wohl kaum das Velo gestohlen. Abends spendiere ich Vodka, Bier und Suessigkeiten. Nach der emotionalen Achterbahn kann ich das gut gebrauchen !

Mittlerweile hat nun der Untersuchungsbeamte mitbekommen, dass mein Fahrrad aufgetaucht ist. Dumm fuer ihn, dass nicht einer der zahlreichen Polizisten vor dem Registan-Platz den Jungen angehalten hat und er sich den Finderlohn von 300 Dollar ans Bein streichen kann. Er telefoniert mir ins Hotel: “Mr. Maurizio, we have to do the protokoll and the film again, with your real bike!” Zum Glueck kommt er nicht wie versprochen am naechsten Tag vorbei. Ich packe meine Siebensachen und verlasse Samarkand. Meine Vorfreude auf die bevorstehenden Berge im Pamir-Gebirge ist umso groesser.

Danksagung

Meine Lehren habe ich aus diesem Vorfall gezogen. Als ich diese Zeilen in einem Internet-Cafe in Dushanbe schreibe, steht das Velo meiner italienischer Gastgeber, Angestellte einer NGO, neben mir. Insbesondere meinem Bruder Pietro, aber auch meiner Schwester Lola und meiner Freundin Ruth, die zwei Tage lang fuer mich herumgerannt sind, winde ich an dieser Stelle einen Riesenkranz. Zum Glueck konnten wir das Paket nach Dushanbe noch stoppen und das Material beim Veloplus ganz unbuerokratisch umtauschen. Und natuerlich verbeuge ich mich nochmals vor Sam und Francesca fuer ihre Geistesgegenwart und ihre Entschlossenheit. Thanks Sam and Francesca, you are my heroes !

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Heisse Fahrt durch die Kavir-Wueste

Nach drei Tagen Sightseeing in Esfahan gilt es, wieder kraeftig in die Pedale zu treten. Die Temperaturen sind im Zentraliran merklich hoeher als im Norden, wo es teils bewoelkt war oder mir einer der seltenen Regenschauer etwas Abkuehlung verschaffte. Noch heisser wird es in der Wuestenstadt Yazd, rund 300 Km suedoestlich von Esfahan, inmitten der Wuesten Dasht-el-Kavir und Dasht-el-Lut gelegen.

Unterwegs kann ich in einer Polizeistation uebernachten. Unterdessen verlieren die Iraner ihren ersten Fusballmatch. 150 Km vor Yazd will eine Karavanserai besichtigt werden. Dort hat sich ein englischer Tourenfahrer, Stevens, eingefunden, der aber in die entgegengesetzte Richtung faehrt. Zusammen schauen wir uns die Karavanserai an, kochen Pasta (mit frischen Pelati und viel Knoblauch) und verbringen den Abend mit einem aelteren Einheimischen und zwei Truckfahrern. Es ist zu heiss, um drinnen zu schlafen und wir machen uns auf dem Teppich vor dem Haus breit. Am naechsten Morgen kann der Wind nur jemandem zur Seite stehen. Ich kann mich gluecklich schaetzen: mit Rueckenwind fliege ich foermlich nach Yazd, dem Zentrum des Zoroastrismus, der wichtigsten Religion im Sassanidenreich (3.-7. Jahrhundert nach Chr.).

Die Altstadt aus Lehmziegeln, die unzaehligen Badgire (Windtuerme) und die kuppelbedeckten Basare laden zum Verweilen ein. Die Hitze zwingt dazu. Ich habe mein Turkmenistan-Visum im Auge und muss nach einem Besichtigungstag das Silk Road Hotel bereits verlassen, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Schade, denn dieses Hotel wie auch Yazd sind Hoehepunkte meiner Iranreise. Die Zimmer im Hotel sind wie in einer Karavanserai rund um den rechteckigen schattigen Hof angelegt. Man trifft auf andere Tourenfahrer, isst auf gemuetlichen, mit Teppichen ausgelegten Holzgestellen. Das Beste ist aber das Fruehstuecksbuffet, wo ich am Morgen satte zwei Stunden verbringe.

Ich bin bereit fuer die Wueste! Lieber 20 Liter Wasser zuviel mitnehmen als einen zuwenig, heisst die Devise. Ich fuehre etwa neun Liter mit. Einen Vorgeschmack auf die heissen Temperaturen habe ich auf der Fahrt nach Yazd bereits erhalten. Die Temperaturen klettern nun bis auf 50 Grad. Sobald man den Fahrtwind nicht mehr spuert, ist man pflotschnass vor Schweiss. Das Wasser in meinen Trinkflaschen ist schon nach kurzer Zeit warm, nach Stunden heiss. Das Trinken dient nicht der Erfrischung sondern einzig der Fluessigkeitszufuhr. Bei den Einheimischen informiere ich mich jeweils sehr genau, wo Wasser getankt werden kann. Oftmals sind auf meiner Karte Ortschaften eingetragen, die sich als verlassene Siedlungen entpuppen. Auf der anderen Seite bin ich ueberrascht, mitten in der Wueste auf eine Moschee zu stossen. Zu meiner Freude finde ich hier gekuehltes Trinkwasser a discretion. Herrlich !

Warnschilder weisen auf die Existenz von Kamelen hin. Was ich zu sehen und riechen bekomme, sind einzig Kadaver am Strassenrand. Die Mack-Trucks kennen keine Gnade. Rund 80 Km nordoestlich von Yazd mache ich im Oasendorf Kharanaq Halt, das inmitten einer abwechslungsreichen Gesteins- und Geroellwueste liegt. Die Morgen- und Abendstimmungen verlocken zu hauefigen Foto-Stopps. Was mir in der Tuerkei verwehrt blieb, kann ich hier endlich nachholen: ich kann in einer Karavanserai uebernachten. Die zu Konferenzzwecken sorgfaeltig restaurierte Karavanserai steht mir ganz alleine zur Verfuegung. Nach Kharanaq wird die Landschaft bald flacher, grauer und eintoeniger.

Schuster, bleib bei deinem Leisten !

Tabas ist die groesste Oasenstadt in der Wueste. Zwei Motoradfahrer aus Paris empfehlen mir, dort im Park zu uebernachten. Dass man im Iran in Parks unbehelligt zelten und uebernachten koenne, wurde mir immer wieder von den Einheimischen beteuert. Ich konnte mich jedoch nie mit dem Gedanken anfreunden, inmitten einer Siedlung quasi unter Beobachtung zu zelten. Der abgeschiedene Park in Tabas gefaellt mir aber sehr gut und bevor ich mein Zelt aufschlage, frage ich sicherheitshalber im nahegelegenen Buero des ‘Red Crescent’, einer Hilfsorganisation nach. Hier wird mir zuerst Tee und Wasser angeboten. Der Manager telefoniert lange rum, meint es sei zu heiss und es habe Muecken. Ich koenne jedoch in einer Mesaferkhune (guesthouse) uebernachten. Ich solle warten, jemand wuerde mich dahin fuehren. Ich bin erstaunt, als ploetzlich ein Polizist auftaucht.

Erst jetzt durchschaue ich die Hinhaltetaktik: der Manager ist der Auffassung, dass mein Visum nicht mehr gueltig sei. Vergebens versuche ich den beiden zu erklaeren, dass ich innert der viermonatigen Gueltigkeitsdauer in den Iran einreisen koenne und ab diesem Zeitpunkt ich 60 Tage im Iran bleiben koenne. Der Polizist ist bereits am Ende seines Lateins. Und so werden zu spaeter Stunde (es ist schon laengst dunkel) der Chief der Foreign Police und ein Regierungsvertreter bestellt. Nach einer Stunde treffen diese ein und wiegeln sofort ab. Das Visum sei in bester Ordnung. Der Coup des Managers hat Schiffbruch erlitten. Ich bin sauer. Es ist neun Uhr, ich habe noch nichts gegessen, habe keine Unterkunft, bin ungeduscht und haette um zehn schlafen wollen. Die einzige Genugtuung die mir verbleibt, ist die Blamage des Managers vor versammelter Beamten-Crew. Und dass ich die aufgetischte Wassermelone praktisch alleine aufgegessen habe. Uebrigens werde ich spaeter in Ferdows bei einer Polizeikontrolle wiederum mit der gleichen Begruendung zurueckbehalten. Die dortigen Polizisten scheinen die Weisheit ebenfalls nicht mit Loeffeln gegessen zu haben. Zum Glueck ist aber die Sachlage nach einer halben Stunde geklaert.

Waehrend die Hitze noch einigermassen zu ertragen ist, macht mir der Wind arg zu schaffen. Ich starte am Morgen jeweils kurz nach 5 Uhr. Doch bereits um acht, neun Uhr zieht ein kraeftiger Wind auf. Von Nordosten. Jeden Tag. Zermuerbend. Nach ueber einer Woche platzt mir der Kragen und ich werfe mein Rad in den Strassengraben. Anschliessend muss ich mich mit Musik von Lucio Battisti beruhigen: Le biciclette abandonate sopra il prato e poi, noi due distesi all’ombra, un fiore in bocca puo servire, sai… Abends treffe ich auf nette Leute, die mich mich Fruechten, Pistazien und Suessigkeiten verwoehnen. Bei einer gemuetlichen Unterhaltung kann ich mich wieder einfangen.

500 Kilometer nach Yazd wechselt die Wuestenlandschaft zur Steppe. Buesche nehmen an Anzahl und Groesse zu. Vermehrt sind Baumoasen auszumachen. In der Provinz Khorasan dominieren dann Pistazienplantagen. Hier ist auch das Zentrum des Safrans. In Feyzabad, ca 700 Km nordoestlich von Yazd, empfangen mich die Einheimischen besonders herzlich. Ich werde von Toeffahrern und Fahrraedern eskortiert, man will meine Unterschrift, ich erhalte eine Tesbieh (Rosenkranz) aus Kerbala geschenkt, man reicht mir Kirschen und Birnen. Ich bin erstaunt. Eine Dame meint, ich sei letzte Woche im Fernsehen erschienen, ich sei doch der Schweizer, der nach China fahre. Ja das stimmt. Aber vor einer Fernsehkamera habe ich nie gestanden. Hier muss sich es sich offenbar um meinen ‘Sitznachbar’ Roman handeln, der ebenfalls nach China unterwegs ist.

Spinning-Marathon der anderen Art

Meinen Plan, mir in Mashhad drei Ruhetage zu goennen, muss ich mit der Brechstange durchsetzen. 170 Kilometer fehlen mir am letzten Tag vor Mashhad. Als ich am Morgen um 7 Uhr starte und mir der Wind die Haare nach hinten kaemmt, weiss ich, dass es ein ganz langer Tag wird. Und so nehme ich 11 Fahrstunden lang – der laengste Radeltag bis anhin – den Kampf gegen den Wind auf. Bei Bergabfahrten komme ich kaum mehr als auf 18 Kilometer pro Stunde. Ein Unglueck kommt selten allein und ich darf nach ueber 2000 pannenfreien Kilometern wieder einen Platten flicken. Erst als die Dunkelheit einbricht, legt sich der Wind. Die letzten 35 Kilometer fahre ich auf einer dichtbefahrenen Autobahn. Der halsbrecherische Verkehr in Mashhad nimmt meine Konzentration nochmals gehoerig in Anspruch. Die Suche eines preisguenstigen und akzeptablen Hotelszimmers braucht ebenfalls Zeit. Erst um Mitternacht kann ich mich voellig ausgepumpt und micht leichten Magenkraempfen in einem Hotelzimmer breitmachen. Ich bin zu muede um zu duschen und lege mich gleich hin.

In Mashhad kontaktiere ich Mohammed, der mir von Hanif aus Tabriz mitten in der Wueste per SMS innert Minuten vermittelt worden ist. An seine Adresse konnte Ruth mir ein Paket mit einer neuen Isomatte nachschicken, da der alten in der heissen Wueste die Luft ausgegangen ist. Mohammed ist ein feiner Mensch. Er bereitet sich auf eine Weltumrundung mit dem Fahrrad vor. Leider fehlt im noch einiges Material. Wer also noch einige alte Velopacktaschen hat, kann ihm diese gerne spenden!

Er fuehrt mich zum Schrein des Imams Reza, des achten shiitischen Imams und des einzigen der insgesamt zwoelf, der im Iran begraben liegt. Obschon der Reisefuehrer davon sprach, dass es Nicht-Muslimen nicht erlaubt sei, den Schrein zu besuchen, meint Mohammed, nur Nicht-Glauebigen sei der Eintritt verwehrt. Er habe schon viele zum Schrein gefuehrt, auch ein schwedisches Bruederpaar. Seit einem Bombenanschlag im Jahre 1997 herrscht eine strenge Personenkontrolle und die Mitnahme von Fotokameras (nicht jedoch von Handys) ist nicht mehr erlaubt. Die Anlage rund um den Schrein ist in den letzten Jahren stark erweitert worden. Ganze Quartiere wurden plattgewalzt, um neue attraktive Plaetze zu schaffen. Vor den alten Moscheen mit den goldenen Iwanen (Boegen) sitzen Abertausende von Glaeubigen auf Teppichen. Die Shiiten bahnen sich einen Weg durch die vollstaendig mit Spiegelkacheln verzierten Raeume, in denen sich die goldigen massiven Tore spiegeln. Es herrscht eine euphorische Stimmung gemischt mit Trauer ueber den Tod des Imams, der von einem Kalifen hinterlistig vergiftet worden ist.

Die letzten zwei Tage bis zur iranischen Grenzstadt Sarakhs kann ich wieder ruhiger angehen. In Sarakhs wird mir der Abschied vom Iran nicht leicht gemacht: mein gebrochener Velostaender wird umsonst geschweisst, ein Coiffeur rasiert mich gratis, in der Backstube wird mir Brot geschenkt und ein Schneider will naeht mir ohne Bezahlung meine ausgeleierten Velohandschuhe. Schliesslich darf ich in der Transitzone der Zollanlage uebernachten, wo sich die Waechter liebevoll um mich kuemmern.

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In Buchara angekommen

Ciao! Rechtzeitig zum Italien-Deutschland Halbfinalspiel bin ich in Buchara (Usbekistan) eingetroffen, zeitgleich habe ich mir (wieder einmal) Verdauungsprobleme eingefangen. Dass die meisten Reisenden hier ebenfalls von solchen Reise-Unzulaenglichkeiten berichten, ist ein schwacher Trost. Nach einem halben Kilo Joghurt hat sich mein Magen wieder beruhigt, wie es scheint (remember Hanifs advice: eat a lot of joghurt!). Das Halbfinale habe ich mir nur bis zur Haelfte der Verlaengerung angeschaut. Ich war nach 21 Stunden auf den Beinen zu muede und musste schlafen gehen. Per SMS erhielt ich dann die freudige Nachricht. Grande squadra azzurra ! Forza Italia !

In den naechsten Tagen werde ich einen ausfuerlichen Bericht ueber die Fahrt durch die Wueste Kavir im Iran veroeffentlichen, den ich euch noch schuldig bin. Freut euch auf einige zauberhafte Wuestenimpressionen. Nach der Wueste bin ich dann endlich in Mashhad, dem wichtigsten Pilgerort der Shiiten im Iran, eingetroffen. Ich wollte mir dort unbedingt noch drei Ruhetage goennen und musste zuletzt einen 11-Stunden Marathon (exklusive Platten!) bei einem auesserst hartnaeckigen Gegenwind hinlegen. Danach war ich erledigt. Die Ruhetage waren bitternoetig. Entgegen aller Hinweise in den Reisefuehrern konnte ich als Nicht-Muslim den Schrein des Imams Reza besuchen. Der Begleitung von Mohammed Tajeran und meinem Vollbart sei Dank! Die riesige Anlage rund um den Schrein, die dort versammelten Abertausende von Glaeubigen und die friedliche Stimmung waren eindruecklich. Einziger Wermutstropfen: Fotografieren verboten ! Na ja, ich konnte nicht widerstehen und hab mit der Handykamera trotzdem fleissig geknipst.













Nach Mashhad stand die bei Velofahrern gefuerchtete Turkmenistan-5-Tage-Transit-Durchquerung bevor. Rund 500 Kilometer in 4 1/2 Tagen eigentlich machbar, wenn da nicht der beruechtigte Nordost-Wind waere, der schon manchen Velofahrer in die Knie bezwungen hat. Wie es mir dabei ergangen ist und wie ich Turkmenistan, das von Turkmenbashi mit eiserner Faust regiert wird, erfahren habe, werde ich euch ebenfalls in einigen Tagen verraten. Und schliesslich gilt es, ueber die ersten Eindruecke in Usbekistan und meinen Vodkasuff bei 40 Grad (Temperatur wohlverstanden) zu berichten. Vielleicht der Grund fuer die Magenrevolte?

Bis bald Maurizio

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Bezauberndes Iran

Salam aleykom ! Seid alle herzlich gegruesst. Es freut mich, dass ihr zwischen den WM-Fussballturnieren noch Zeit findet, in meinen Blog reinzuschauen. Leider habe ich den in den vergangenen Wochen aus verschiedenen Gruenden vernachlaessigt. Einer ist sicher der, dass mein Transitvisum fuer Turkmenistan exakt am 29. Juni beginnt und ich daher mein Stahlross an die Kandare nehmen musste. Waehrend 34 Tagen bin ich an 27 Tagen durchschnittlich 105 Kilometer gefahren und hatte wenig Ruhetage. Nichtsdestotrotz: Iran ist ein wunderbares, sicheres Reiseland !

Am 19. Mai betrete ich nach 5622 Kilometern erstmals iranischen Boden. Ein aufregender Moment. Was wird mich wohl im Iran erwarten, dass in letzter Zeit (und Jahren) von den Amerikanern in ein schlechtes Licht zu ruecken versucht wurde. Zunaechst heisst es, die Trekkinghosen ueber die kurzen Radlerhosen zu ziehen und sich der Kleidervorschrift zu beugen, die sich aber wegen der starken Sonneneinstrahlung als sinnvoll erweist. Nachdem das Einreisedatum vom 30.2.1385 in meinen Reisepass gestempelt worden ist, werde ich flugs zur Tourismusangestellten Ashref beordert, die mir die tuerkisch besiedelte Provinz West-Aserbaidjan naeherbringt. In der hauseigenen Bank am Grenzposten kann 100 Dollars zum bis anhin besten Kurs wechseln.

Nach den wechselhaften Gefuehlen in der Suedost-Tuerkei ist der erste Eindruck vom Iran sehr positiv. Die Staedte sind sauber und gepflegt und wirken nicht so heruntergekommen wie manche Strassenzuege in der Tuerkei. Die Iraner verstehen es, ihre Staedte mit grosszuegig angelegten Baumalleen und Parks einladend zu gestalten. Die braunen Ziegelsteine geben dem Stadtbild ein einheitliches Gepraege.

In den Strassen tumeln sich weisse Paykan-Limousinen, blaue Zamyad und Saipa Lieferwagen, die baerenstarken amerikanischen Mack-Trucks, von denen mir Flammen-Toni bereits erzaehlt hatte und – zu meiner Freude – zahlreiche Peugeot 405. Die Muck-Trucks stammen allesamt aus der Zeit vor der islamischen Revolution von 1979, in der das Pahlavi-Regime von Reza Shah von Ayatollah Khomeini gestuerzt wurde. Auf den 125-er Motorfahrraedern haben vierkoepfige (helmlose) Kleinfamilien ohne weiteres Platz. Die wenigen Hunde erweisen sich hier als zahnlos, liegen sie doch oft plattgewalzt am Strassenrand. Der Verkehr im Iran ist chaotisch, die Fahrweise der Iraner ist respektlos, gefaehrlich und dumm. Im Iran gibt es jaehrlich durchschnittlich 27’000 Verkehrstote. Weltweit einmalig! Fuer Velofahrer sind Rueckspiegel und Helm Pflicht.

Die Leute sind ebenfalls neugierig, jedoch nicht mehr so aufdringlich wie manchmal in der Tuerkei. Sie wirken kultiviert und weisen eine vornehme Zurueckhaltung auf. In den Strassen laufen viel mehr Frauen umher. Gemaess dem Hidjab zwar im vorgeschriebenen Tschador oder Kopftuch, die Atmosphaere wirkt aber durch die Praesenz des weiblichen Geschlechts – auch in Kleinstaedten, in der Nacht und in Restaurants – einiges freundlicher und entspannter. Die jungen Maenner legen grossen Wert auf ihr Aeusseres.

Verdauungsprobleme

In der grenznahen Stadt Maku muss ich mir eingestehen, dass es mit meinem Magen noch immer nicht zum Besten steht. Im Caffenet wird mir eine Suppe serviert, die ich im Hotel wenig spaeter oral ausscheide. In der Nacht dehydriere ich dann vollends. Am Morgen habe ich Muehe aufzustehen, ich bin voellig ausgelaugt, kraftlos. Ich begebe mich in eine Apotheke, wo mir der Englisch-Lehrer Akbal unter die Arme greift und mich zur Konsultation im Spital begleitet. Die nette Aerztin verabreicht mir ein paar Tabletten und raet mir eine Antibiotika-Kur (uebrigens kosten hier die Antibiotika nur noch etwa 20 Rappen!). Danach liege ich praktisch den ganzen Tag im Bett und versuche mich bestmoeglich zu erholen. Saftlos mache ich mich nach diesem Ruhetag wieder auf die Socken. Meine Ernaehrung besteht aus Bananen, Salzbiskuits und stark gezuckertem Tee. Ein Platten (Nummer 11 oder 12 …) erschwert mir den Start, ein Regenschauer kurz vor Marand daempft die Stimmung zusaetzlich.


Auch im Iran laesst die erste Einladung nicht lange auf sich warten und ich kann bei Eivaz, dem Direktor einer kleinen Schule uebernachten, obschon seine Mutter vor fuenf Tagen verstorben ist. Eivaz wohnt mit seiner Frau und seiner Tochter in einer kleinen Wohnung. Geschlafen und gegessen wird auf dem Teppich. Eivaz Sympathiebekundungen fuer Bin Laden befremden mich. Ich kann ihm beim Gebet zuschauen, das ab und zu von einigen Gaehnern unterbrochen wird.

Endlich in der Millionenstadt Tabriz angekommen, mache ich in einem Fotogeschaeft Bekanntschaft mit Mehrad, einem Fahrradfreak und Computerprogrammierer. Er hilft mir ein sauberes und guenstiges (will heissen um die umgerechnet 6 Franken) Guesthouse ausfindig zu machen. Noch am gleichen Abend kommt dann Hanif vorbei, mit dem ich bereits vorgaengig E-mail Kontakt hatte und der mir von Rod, dem neuseelaendischen Tourenfahrer, vermittelt worden ist.

Der 22-jaehrige Englisch-Student Hanif hat es sich zur Aufgabe gemacht, Velofahrer durch den Verkehrs- und Geschaeftsdschungel von Tabriz zu lotsen. Generalstabsmaessig hat er alles vorbereitet und seine Liste ist lang: ein lonely planet (fuer etwa 9 Franken zu kaufen…), Iran-Karte auf Farsi, Velo-Ersatzteile, Apotheke, Grundwortschatz auf Farsi, Stadt-Rundgang etc.

Hanif ist ein hellwacher und ehrgeiziger Junge und hat manchen guten Rat zur Seite. Sein Redeschwall will nicht aufhoeren: … and take care of the Mack-Trucks, they are very dangerous; and I will show you afterwards the Iranian calendar, look at the date when you buy food; and one thing more: take your knife always with you; and I will tell you one thing more: never forget to eat lots of yogurt, it’s the insurance for your stomach; and…. Am Morgen fuehrt er mich zu Saed Mohammeds Shop, wo den geplagten Fahrraedern von Tourenfahrern aus aller Welt umsonst ein Service verpasst wird.

Hanif fuehrt mich zum besten Dizi-Lokal von Tabriz, wo das Brot gleich selber gebacken wird. Von dieser nahrhaften Spezialitaet (auch Abgusht genannt), die als Mahl der armen Leute gilt, bin ich besonders angetan: in einem Tongefaess wird ein Eintopf aus Lammfleisch, Fett, Kartoffeln, Kichererbsen und Tomaten serviert. Das Fladenbrot wird in kleine Stuecke gerissen und mit der Bruehe vermischt. Nun isst man das aufgeweichte Brot. Die festen Ingredienzen werden anschliessend mit einem Moerser zu einer Masse zerstampft, welche auf das Brot gestrichen wird. Dazu wird eine Zwiebel und Joghurt gegessen.

Um meinem Magen die noetige Erholung zu goennen, verbringe ich einen weiteren Tag in Tabriz und folge der Einladung von Mehrhad. Die Familie von Mehrhad unterscheidet sich von der einer europaeischen in keiner Weise. Gegessen wird am Tisch. Kopftuecher werden zuhause keine getragen. Die Mutter setzt auf Homoeopathie. Mehrhads Vater, Notar von Beruf, stoert sich am schlechten Ruf, der Iran und den Iranern leider anhaftet. Die Iraner seien Menschen und nicht mit der Regierung und deren Einstellung gleichzusetzen. “Tell them, we are not terrorists!” Viele Iraner distanzieren sich deutlich von der derzeitigen Regierung und scheinen sich mit den zahlreichen Einschraenkungen des taeglichen Lebens arrangiert zu haben. Es gibt im Iran fast alles zu haben, auch Alkohol !




Von Tabriz nach Esfahan

In zwoelf Tagen fuehrt die Reise von Tabriz nach Esfahan im Zentraliran. Ich moechte die Kurden von einer anderen Seite kennenlernen und mache einen Abstecher in die Provinz Kordestan nach Sanandaj (500 Km suedlich von Tabriz). Die Leute wirken hier direkter und noch gastfreundlicher. Alt und jung traegt hier fast durchwegs die traditionelle Bekleidung bestehend aus dem Patol (Schlabberhosen), der Kava (Hemd), dem Pishtwen (Gurt) und einem Klav (Hut). Die Frauen tragen farbige Kopftuecher. Dadurch, dass die iranischen Kurden der shiitischen Glaubensrichtung angehoeren, fuegen sie sich gut in das iranische Voelkergemisch ein. Trotzdem: die Region wird vom Staat vernachlaessigt und ist eine der aermsten. Feldarbeit ist meistens noch reine Handarbeit.

Im kurdischen Divanderreh werde ich beim Kauf von Tomaten von zahlreichen Kurden umzingelt. Osman, ein Bodybuilder mit frappanter Aehnlichkeit zu Eddie Murphie und Amateur-Bergsteiger, fuehrt mich in sein Sanitaer-Geschaeft, das sich im Nu mit Schaulustigen fuellt. “Hadji” David, ein Englischlehrer (schon wieder einer…) laedt mich zu seiner Familie ein, wo ich traditionelles Essen kosten darf. Der Titel “Hadji” verweist auf eine Pilgerreise bzw. einen Pilgerflug nach Mekka. David wie auch zahlreiche Iraner moechten ueber die Laender ihrer Gaeste moeglichst viel erfahren. Ich kann immerhin seine Vorstellung, wonach man in christlichen Kirchen Bier trinken koenne, korrigieren.

Ein paar Mal kann ich in einfachen Bauernhuetten schlafen. Ein anderermal gestaltet sich die Zeltplatzsuche wegen der kahlen Landschaft schwierig und ich frage einen Bauernjungen, ob ich in der saftigen Obstplantage mein Zelt aufstellen kann. Der Junge kann mit der Neuigkeit des aus der Schweiz stammenden Velofahrers nicht hinter dem Berg halten und in der Nacht erhalte ich Besuch von etwa zehn Jugendlichen auf ihren lauten Motorraedern. Sie entfachen ein Feuer, bringen Tee und Essen vorbei. In ihrem kleinen Dorf scheint nicht viel Abwechslung zu herrschen. Es kommt ein wenig Festivalstimmung auf, doch mich wurmt es schon, dass nun jeder weiss, wo ich am zelten bin. Zwei aufgedrehte Jungs beginnen, Heroin zu rauchen. Dies scheint die anderen und sogar einem verheirateten Paar um die Dreissig nicht zu stoeren. Der Heroinkonsum ist weitverbreitet und die Droge gibt es hier spottbillig zu kaufen. Das Paar beruhigt mich. Die Jungs seien alle in Ordnung und ich koenne ungestoert schlafen. Ich koenne auch bei Ihnen uebernachten. Da ich schon muede bin, lehne ich dankend ab (haette ich die Horror-Geschichte von Muradiye gekannt, haette ich natuerlich sofort eingewilligt).

Fahrrad-Begegnungen

Im Iran begegne ich erstmals anderen Tourenfahrern. Ausgangs Tabriz stosse ich auf einen Franzosen, der seit 14 Monaten unterwegs ist. Nach nur 30 Km biegt leider Jean-Francois (Link) nach rechts ab, um in die Tuerkei einzureisen und nach Hause zu fahren. In Khomeyn, der Heimatstadt des gleichnamigen Ayatollahs, spricht man mich auf Hossein Asgary (Link) an, der hier lebt und ebenfalls mit dem Rad um die Erde gereist sein soll. Seine Telefonnummer ist bald ausfindig gemacht. Wir rufen ihn an und in einer Viertelstunde trifft er bereits ein. Er entpuppt sich allerdings als professioneller Rennfahrer des Iranian Cycling Teams. Er nimmt sich Zeit fuer mich, laedt mich zu einem vorzueglichen Kebap ein, erklaert mir sein Training, kauft mir Bananen ein und begleitet mich ein Stueck weit (mit dem Auto). In Golpeyagan spricht mich ein iranischer Tourenfahrer an, der auf dem Weg zur Arbeit ist. In der Fabrik bereitet er mir ein Omelett zu. In Esfahan werde ich spaeter die mutige Bea Trachsel (Link) aus der Schweiz kennenlernen, die alleine mit dem Rad in die Mongolei faehrt.

Esfahan nesf-e jahan – Esfahan ist die halbe Welt

Endlich treffe ich in Esfahan, einem Juwel Persiens, ein. Esfahan weist praechtige Moscheen mit blauen Kuppeln und den unter UNESCO-Schutz stehenden praechtigen Imam-Platz auf. Pittoresk sind ferner die wunderschoenen Bruecken, die Minarette, Medressen und Parkanlagen. Esfahan ist aber auch das Zentrum der Handwerkskunst und den Silberschmieden, Tuchdruckern und Miniatur-Malern kann rings um den Imam-Platz und im Bazar bei der Arbeit zugeschaut werden. Esfahan ist eine wunderschoene Stadt, in der man stundenlang herumspazieren, Tee trinken und die islamische Architektur bewundern kann. Das Timing stimmt und am Flughafen von Esfahan treffe ich auf Traugott Benz, einem in der Naehe von Bern lebenden Bauingenieur. Westlich von Esfahan arbeitet er am groessten Staudamm Irans mit. Der Zufall will es, dass wir fast zeitgleich in Esfahan eintreffen. Zu meiner Erleichterung bringt er mir einen Kilo frischer Diafilme aus der Schweiz mit. Cheili motshakheram!

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Gemischte Gefuehle

Das Alleinsein macht mir in den ersten Tagen nach Ruths Abschied zu schaffen. Etwas lustlos gehe ich ans Werk und radle ostwaerts. In Kozluk verbringe ich eine unruhige Nacht in einem Motel, dem Seyit Dinlenme Tesisleri. Die 5 tuerkischen Lira sind noch zuviel fuer dieses Rattenloch. Das Schloss meines Zimmers ist aufgebrochen und so verbarrikadiere ich mein Zimmer wie auch den Nebenraum, von welchem man auf den Balkon gelangen und in mein Zimmer sehen kann. In der Nacht versucht jemand prompt, sich Eingang in das Nebenzimmer zu verschaffen, wodurch ich sofort aufgeweckt werde. Mit einem nagelbeschlagenen Stock – reine Vorsichtsmassnahme – harre ich reglos in meinem Bett aus. Ein Junge schaut aus dem Balkon in mein Zimmer, wird aber von einem anderen zurueckgepfiffen. Zum Glueck passiert aber nichts.

Am naechsten Tag, einem sonnigen Sonntag, besteht die Hauptbeschaeftigung der Kurden darin, am Strassenrand zu picknicken. Fast jede Familie winkt mir zu und will mich zu einem Tee oder Essen einladen. Eine Gruppe, die gerade daran ist, ein geschlachtetes Schaf zu haeuten, ruft mich beim Namen herbei. Abdelkadir, der Cousin vom Grossgrundbesitzer F.T., und weitere bekannte Gesichter haben sich an einem schattigen Platz eingefunden, um die Grillkunst in Reinform zu zelebrieren. Ich komme nicht darum herum, eine laengere Pause einzulegen und – trotz anhaltenden Magenproblemen – vom frischen Kebap zu kosten.

Die Landschaft verengt sich zu einem Tal, in dem das Militaer in den zahlreichen Wachtuermen ausharrt und – immer noch – auf PKK-Terroristen Ausschau haelt, die ja ueber die hohen Berge trekken koennten. Nach wild Zelten ist mir nicht zumute und so frage ich sicherheitshalber eine Familie, ob ich mein Zelt auf ihrem Grundstueck aufstellen kann. Am naechsten Tag werde ich offenbar von einem Soldaten dabei beobachtet, wie ich von der alpinen Landschaft ein Bild schiesse und werde sofort hinaufbeordert. Ich gebe ihm zu verstehen, dass ich weiterfahre, doch er zeigt mir sein Gewehr und macht unfreundliche Gesten. Es bleibt mir nichts anderes uebrig, als den Hang hinaufzuklettern. Die drei Soldaten wollen nur kurz meinen Pass sehen und bieten mir sofort Ayran und Brot an. Nach einer Weile belangloser Plauderei (ohne heikle Themen anzuschlagen) kann ich meine Fahrt wieder – fuer kurze Zeit unbehelligt – fortsetzen.

In Bitlis werfen einige Buben Steinchen nach mir. Ich zeige Ihnen den Stinkefinger und mache mich aus dem Staub. Unglaublich ! Von solchen Vorfaellen hatte ich zwar schon gehoert, es ist aber trotzdem erschreckend zu erfahren, dass Kinder bereits so boesartig sein koennen. Die Begegnungen mit den Jungen sind hier mehrheitlich muehsam. Bereits als ich mit Ruth unterwegs war, wurden wir in Kleinstaedten von Kindern umzingelt, die ungehalten und forsch auf uns eingeredet haben. Tourist ! Tourist! Einmal laufen mir ein paar Kinder hinterher und einer reisst sogar am Lenker. Das ist zuviel des Guten und ich schreie ihn lauthals an, sodass er ganz bleich wird und zu einer Salzsaeule erstarrt. Zweimal noch werden mir Steine nachgeworfen. Keine gefaehrlichen Situationen. Doch dass sich diese Situationen hier im armen Suedosten der Tuerkei haeufen, wo die Strassen oft nur noch Schotterpisten sind, gibt mir zu denken. Bei Hirtenjungen halte ich nicht mehr an. Sie schreien mich bereits von weitem verzweifelt an, und betteln um ‘Pull, Pull’ (Geld), Zigaretten oder Streichhoelzern.

Kurz vor dem Van-See kann ich wieder eine bezaubernde Karavanserai, die Alaman Hani, bewundern. Ich waehle die noerdliche Route dem See entlang mit einzigartigen Blicken auf den 4058 Meter hohen Suephan Dagi. Nordoestlich des Sees wird die Landschaft sehr vulkanisch: Basaltgesteine, Wasserfaelle und kilometergrosse Lavafelder, die in der Naehe des Tenduerek Passes (2644 M.ue.M.) entspringen. Ein Kurde armenischen Urprungs laedt mich zum Tee ein. Er glaubt wohl besonders klug zu sein und bietet mir an, mich mit seinem kleinem Lastwagen fuer 100 tuerkische Lire den (nicht sonderlich anstrengenden) Pass hinaufzuchauffieren. Sehe ich wirklich wie ein Idiot aus? Das er ein teacher sei, kaufe ich ihm nicht ab. Nichtsdestotrotz kann ich ein paar schoene Bilder von seinen drei lieblichen Kindern und sogar von seiner Ehefrau im Schleier knipsen.

Ich fahre an Muradiye, am nordoestlichen Zipfel des Van-Sees, vorbei. Diesen Ort wird ein schweizerisches Paar, das einige Tage spaeter ebenfalls mit dem Fahrrad hier vorbeifahren und in der Umgebung zelten wird, ein Leben lang nicht vergessen. Sie werden in der Nacht von 5 Maennern ueberfallen. Anschliessend wird die Schweizerin unter Waffendrohung vergewaltigt, waehrend der Partner zuschauen muss. Beim Gerichtstermin ist die Bevoelkerung ausser sich und will die fuenf hochgradig Kriminellen lynchen. Solche hoechst grausamen Vorfaelle trueben natuerlich die Freude am Veloreisen. Dennoch waere es falsch, die gesamte Bevoelkerung dafuer verantwortlich zu machen.

In Caldiran, das auf einer kargen Hochebene auf ueber 2000 Metern ueber Meer und in unmittelbarer Naehe zur iranischen Grenze liegt, uebernachte ich in einem guenstigen und sauberen Hotel. Eshref, der nebenan eine Lokanta fuehrt, bereitet mir auf Wunsch hin eine guten Teller Pasta zu. Zusammen mit seinen Freunden verbringe ich den Abend in seinem Lokal. Den Kurden hier geht es wirtschaftlich miserabel. Zudem herrscht ein unwirtliches Klima. Wahrend 5 Monaten im Jahr liegt hier Schnee. Nach dem Tenduerek Pass zeigt sich erstmals der Berg Ararat, an dessen Fusse Dogubayazit (30 Km vor der iranischen Grenze) liegt. Dort bleibe ich einen Tag, goenne mir einen Haarschnitt und eine Rasur bei einem Berber (um nicht allzu hoehlenbewohnermaessig an der iranischen Grenze zu wirken), finde endlich einen passenden Rueckspiegel fuer mein Velo und fahre zum grossartigen Ishak Pasa Palast rauf. Der frisch renovierte İshak Paşa Sarayı wurde im 17. Jahrhundert von einem kurdischen Emir und dessen Sohn erbaut und vereint in einzigartiger Weise armenische, georgische, persische, seldschukische und osmanische Baustile.

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Rojbas !

Bei leicht regnerischem Wetter verlassen wir Malatya. Bald hellt es jedoch auf und bei Sonnenschein koennen wir am Ortsausgang von Kale auf einer Terrasse mit wunderbarer Sicht auf den aufgestauten Firat Nehri (Euphrat) und die umliegenden grünbraunen Hügel einen Balik (Fisch) verzehren. Wohlgestaerkt geht es danach über die Brücke, wo uns auf der anderen Seite ein Kommandant der Jandarma `ins Visier genommen` hat und uns vorführen laesst. Er ist freundlich, will sich aus Langeweile die Zeit etwas vertreiben und durchloechert uns mit Fragen. Ein junger Jandarma bringt uns Cay und Wasser, stolpert fast dabei und erntet von seinem Vorgesetzten den Kommentar ‘Jandarma!’, als sei die Tolpatschigkeit ein Markenzeichen der Jandarmas (etwa vergleichbar mit den Carabinieri in Italien).

In Elazig (100 km oestlich von Malatya) quartieren wir uns in ein leicht schmuddliges Hotel ein und kochen – wie schon oft – im Bad unsere Pasta. Der Duft verstroemt sich im Hotel und der Angestellte klopft schon bald an unserer Tür und sagt etwas von ‘Yekmek’ (Essen) und zeigt uns eine Kochgelegenheit. Da die Tomatensauce ohnehin bereits gekocht ist, ziehen wir es vor, unser Mahl im Zimmer fertig zu kochen.


Wir verlassen die fruchtbare Ebene um Elazig und radeln nach einer leichten Steigung dem Hazar See entlang, der einige haessliche unbewohnte Ferienbauten aufzuweisen hat. Nach dem See kommen wir zum Ursprung des Dicle Nehri (Tigris) und geniessen die Fahrt durch das enge Flusstal. Es ist bereits nach 18 Uhr und Maurizio bemerkt einen schleichenden Plattfuss. Da es bald eindunkelt, muss er den Reifen von Zeit zu Zeit aufpumpen, um nicht noch mehr wertvolle Zeit mit der Reparatur zu verlieren. Das Militaer ist in dieser Gegend praesent und patrouilliert mit Jeeps und Panzerwagen – Maschinenpistolen stets einsatzbereit. Wachtürme auf Erhebungen beobachten uns. Die 20 Kilometer bis Ergani wollen wir noch schaffen und so fahren wir in die Nacht hinein.

Um 20.30 Uhr treffen wir dann endlich im rudimentaer beleuchteten Ergani ein, wo zu dieser Tageszeit nur noch Maenner, und dies in Scharen, unterwegs sind. Wir ziehen natuerlich die Aufmerksamkeit auf uns. Ein Junge will uns den Weg zum einzigen Hotel zeigen und führt uns in eine dunkle Gasse. Ein anderer im Anzug kommt herbeigeeilt und gibt uns mit Handzeichen zu verstehen, dass der Junge uns ausrauben wollte. Er zeigt uns schliesslich eine (die einzige…) wenig vertrauenerweckende Unterkunft. Uns ist der Ort nicht ganz geheuer und wir fragen, ob der Platz wirklich sicher sei. Der Herr im Anzug, der eine Art Dorfschützer zu sein scheint und eine Alkoholfahne schwingt, zeigt Maurizio seine Knarre, die er mit sich traegt: ‘Polis.’. Er macht die zwei Jungs, die sich um die Herberge kümmern, ganz nervoes. Erst als er sich aus dem Staub gemacht hat, kehrt Ruhe ein. Die zwei netten Jungs bestellen uns Essen und unterstuetzen Maurizio bei der Reparatur seines Plattfusses. Auf die Frage, wer der andere gewesen sei, antworten sie nur ‘piss’. Die beiden lassen sich nicht davon abbringen, uns das Essen zu bezahlen (7 türkische Lira), dabei kostet das Zimmer gerade mal doppelt soviel. Bei Tageslicht sieht dann das stark kurdisch besiedelte Ergani einiges freundlicher aus. Mehr als anderswo laufen die Maenner hier mit den traditionellen weiten Schlabberhosen und einem hellen Kopftuch herum.


Wir steuern Diyarbakir, die Kurdenmetropole an, wo noch vor einigen Wochen heftige Auseinandersetzungen zwischen den Sicherheitskraeften und Demonstranten stattgefunden haben. Wir sichten einen Migros-Supermarkt und kaufen fast zwei Kilo Müsli ein. In einem Hotelzimmer ganz nach dem Geschmack von Ruth richten wir uns für zwei Tage ein. Mit dem Minibus machen wir einen Abstecher in das malerische Mardin, dessen Post in einem Herrschaftshaus untergebracht ist und der unterbeschaeftigte und gutgelaunte Direktor uns in seinem Büro einen Cay servieren laesst. Das anschliessende Essen in der Lokanta schmeckt zwar vorzüglich, doch unsere Maegen rebellieren und wir müssen dies mit Durchfall bezahlen. Wieder in Diyarbakir, bereits Nacht, will Maurizio seinen Vorrat an Antibiotika aufstocken (das hier – rezeptfrei – etwa nur einen Drittel des schweizerischen Preises kostet!). Waehrend sich Maurizio an der Theke bedienen laesst, wartet Ruth auf einem Stuhl am Eingang der stark frequentierten Apotheke und schreibt – nichts Boeses ahnend – SMS. Ploetzlich schreit Ruth laut auf (als wollte sie einen Koepek erschrecken), Maurizio dreht sich um und rennt zusammen mit einem anderen Kunden los. Doch der Dieb ist weg. Dieser wollte mit einem klassischen Entreissdiebstahl Ruths Handy entwenden. Zum Glück blieb es beim Versuch, denn beim Handgemenge fiel es auf den Boden und der dreiste Dieb musste davon ablassen. Wir kommen mit dem Schrecken davon.

Nur wenige Kilometer nach Diyarbakir kann Maurizio bei einer Wegkreuzung wieder einmal seinen Drahtesel auf den Kopf stellen, seinen zehnten Platten reparieren und gleichzeitig das etwas verknautschte Felgenband auswechseln. Ein etwas penetranter Herr redet dabei ununterbrochen auf uns ein und spricht schliesslich das Zauberwort ‘misafir’ aus. Sein Cousin faehrt kurze Zeit spaeter in seinem dicken Jeep vorbei und gibt uns zu verstehen, in der naechsten Ortschaft beim groessten Haus am Dorfrand Halt zu machen. Wir fahren entlang saftiger, dunkelgrüner Weizenfelder, die durch Blumenwiesen und Mohnfelder unterbrochen werden. Bald sehen wir das grosse Haus und F.T. kommt uns in seinem Jeep entgegen. Sein Anwesen ist herrschaftlich. Er ist Ingenieur Agronom, Grossgrundbesitzer und offensichtlich wohlhabend. Wir erhalten ein Gaestezimmer, das groesser als die gesamte Wohnung von Ruth ist. Die ganze Familie wird uns vorgestellt. Nach dem Essen verschwinden die Maenner nach unten, wo gepafft wird, Okai 101 gespielt und der Bedienstete Cay serviert. Sobald das Glas Cay leer ist, heisst es in einem leicht strengen Ton: ‘Ramazan, Cay!’. F.T. ist wie das ganze Dorf, das im Zuge der Reformen Atatürks umbenannt worden ist, armenischer Abstammung. Als ich das Wort ‘armenisch’ auf meiner Strassenkarte aufschreibe, streicht F.T. es durch: ‘Problem militar’. Am naechsten Morgen tischt uns Ramazan im Garten ein fürstliches Kavalti (Zmorge) auf. Die Magenprobleme bestehen weiter und wir machen in Silvan Halt, wo wir mangels Hotel im ‘teachers house’ ein Zimmer erhalten. Am naechsten Tag steht uns dann ein sehr schwerer Abschied bevor. Ruth nimmt einen Minibus nach Dyiarbakir und von dort das Flugzeug nach Hause..


Hier in der überwiegend kurdisch besiedelten Teil der Türkei (ca. 12 Millionen Kurden) versuchen wir – soweit die Sprachkenntnisse ausreichen – den Kurden auf den Zahn zu fühlen. Das Laecheln der Kurden verwandelt sich zu einem breiten Grinsen, wenn man sie mit ‘Rojbas’ begruesst..

In den 80er und 90er Jahren sind im Südosten der Türkei im Krieg zwischen dem Militaer und der kurdischen Arbeiterpartei – der PKK – rund 37,000 Menschen, ganz überwiegend Kurden, ums Leben gekommen. Zahlreiche Kurden sind brutal gefoltert worden, aus ihren Doerfern vertrieben und zwangsumgesiedelt worden. Wie sieht die Situation heute aus ? Misshandlungen und Folter geben gemaess Angaben von amnesty international nach wie vor Anlass zu grosser Sorge. Die Kurden werden ihrer Herkunft wegen benachteiligt und systematisch von gewissen staatlichen Aemtern ausgeschlossen.

Unbefriedigende Menschenrechtslage

Ein 40-jaehriger Iraner kurdischer Herkunft, den wir in einem Internet-Cafe antreffen, verlor in den 80er Jahren beim irakischen Giftgasangriff saemtliche 20 Familienmitglieder auf einen Schlag und lebt seither in Norwegen als Fluechtling. Er ist sichtlich verbittert über die taeglichen Schikanen und Benachteiligungen von Kurden. Die Polizei verweigere den Kurden Empfehlungsschreiben. Der Gebrauch der kurdischen Sprache, des Kurmanci, wird allenfalls geduldet ist aber ansonsten nach wie vor verpoent und hat in der von Atatürk proklamierten türkischen Einheit keinen Platz.

Zwar sind gewisse Verbesserungen im Hinblick auf einen allfaelligen EU-Beitritt zu verzeichnen, doch die halbherzigen Reformen der Regierungen sind Flickwerk geblieben. 1982 ist Kurmanci in der türkischen Verfassung verboten worden. 2002 ist es wieder zugelassen worden. Seit Maerz dieses Jahres dürfen regionale Sender in Kurdisch senden, allerdings nur 45 Minuten pro Tag und maximal 4 Stunden pro Woche, wobei die Beitraege mit türkischen Untertiteln gesendet werden müssen. Kein Wunder, dass die meisten Kurden RojTV (ehemals MedTV bzw. MedyaTV) mit Sitz in Daenemark via Satellit empfangen.

Maurizio erinnert sich an ein Gespraech in Istanbul mit einem ‘colonel retraite’, dessen Mutter Kurdin war. Auch er erzaehlt über die Benachteiligungen von Kurden. Aus Angst will er ungenannt bleiben und will sich nicht ablichten lassen. Ein Angestellter einer Tankstelle ist offenherzig: in ‘Isvicre’ (Schweiz) herrsche ‘cok democrasi’ (viel Demokratie), mehr noch als in Europa. In der Türkei hingegen werden Kurden nach wie vor diskriminiert Einige Kurden ziehen sogar ueber den Staatsgruender Atatuerk her..

In zahlreichen Gespraechen mit Türken wird klar, dass die Idee einer türkischen Einheit tief in den Koepfen sitzt. ‘I don’t like the curds.’ musste sich Maurizio in Westanatolien oft anhoeren. Viele Tuerken raten sogar von Reisen in den Suedosten ab und empfehlen wegen der angeblich zahlreichen Terroristen, lieber den Bus zu nehmen. Ein Lehrer in Silvan meint, dass die Kurden doch zufrieden sein müssten, sie haetten heutzutage Internet. Auf unsere Einwaende, dass erstens nicht alle Kurden Zugang zum Internet haetten und zweitens das Internet einen demokratischen Staat nicht davon entbinde, die Sprachenfreiheit zu gewaehrleisten, will er nicht eingehen. Die Lehrer in Silvan sind jung und stehen mehrheitlich am Anfang ihrer Laufbahn, die im unbeliebten Südosten ‘abverdient’ werden muss. Dabei wird offenbar auch die Erkenntnis gewonnen – wie ein Lehrer uns mitteilt – dass das kurdische Volk nicht anders sei wie das tuerkische und gleichen Gewohnheiten nachlebt. Derselbe Lehrer bedauert deshalb, dass sich seine (tuerkische) Familie un ihn sorgen wuerde, nur weil er im kurdischen Gebiet unterrichte.

Wir haben den Eindruck erhalten, dass die Türkei die Terroristen-Geschichte aufbauscht, um die augenfaellige Praesenz des immensen Militaers und die damit einhergehende Einschüchterung rechtfertigen zu koennen Trotz dieser Situation sehen die Kurden ihre Lage gegenueber den 80er Jahren als markant verbessert. Sie wirken positiv eingestellt und hoffnungsvoll. Eigentlich ein guter Boden fuer eine solide politische Loesung, die einer Demokratie wuerdig waere..

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Als ‘misafire’ unterwegs

Von Kayseri waere das 90 Kilometer entfernte Pinarbasi gut in einer Tagesetappe zu erreichen gewesen. Die an der Landstrasse gelegene Seldschuken-Karavanserai ‘Karatay Hani’ aus dem 13. Jahrhundert weckt unsere Neugier. Bei der Einfahrt ins Dorf verheddert sich die Kette von Maurizios Velo derart unglücklich, dass ein laengerer Halt noetig ist, um die Kette aufzubrechen und wieder zu vernieten. Schon nach wenigen Minuten sind wir von den maennlichen Dorfbewohnern jeglichen Alters umzingelt. Für Ruth wird sofort ein Stuhl hergebracht. Maurizio schlaegt die etlichen Ratschlaege der Schaulustigen, die mit Ochsengewalt an der Kette zerren wollen, etwas veraergert in den Wind. Ruth verfolgt gespannt die ganze Szene, und die Heimkehr der Kühe im Hintergrund rundet das Bild ab. Nach getaner (nicht notwendig erfolgreicher!) Arbeit wird Maurizio Tee, Wasser, Seife und ein Handtuch gereicht. Nun koennen wir uns – begleitet von einer riesigen Kinderschar – endlich die wunderschoene Karavanserai zu Gemüte führen. Wir sind danach spaet dran und Eile ist angesagt. Leider hat Maurizio bei der Reparatur übersehen, dass sich zwei, drei Kettenglieder arg verbogen haben und die Kette nun munter über die Zahnkraenze hin und her springt. Nachdem die laedierten Kettenglieder ersetzt sind, fahren wir einige Kilometer, müssen aber wohl oder übel bald Halt machen. Waehrend Maurizio eine stilvolle Übernachtung in der Karavanserai vorzieht (und das Zurückradeln gegen den Wind nicht scheut), setzt sich Ruth mit der Zeltübernachtung hinter einer heruntergekommenen Tankstelle durch. Wir kochen am Eingang der Damentoilette, wo wir von erdnussgrossen Kaefern belaestigt werden. Die freundlichen Angestellten der Petrol Ofisi haben Erbarmen mit uns und wir duerfen uns im Innern aufwaermen.

















In Pinarbasi stocken wir unseren Vorrat an Schafskaese auf. Die Stadt liegt bereits auf über 1’500 m.ü.M. Die Strasse steigt nun stetig an. Die weite Landschaft ist eben und karg, im Hintergrund sind schneebedeckte Berge zu sehen, es wird merklich kaelter. Schafherden ziehen vorbei. Ein quirliger und herzlicher Hirte stellt sich als Metin vor und gibt uns zu verstehen, das wir bei seinem ‘arkadas’ (Freund) Tunay Tarkay in der naechsten Ortschaft übernachten koennen. Er kritzelt den Namen auf einer Postkarte, mit der wir uns im Weiler Olukkaya, wo uns die Bewohner mit riesengrossen Augen anstarren, durchfragen. Wir treffen Tunay Tarkay vor dem schoensten Haus der Ortschaft an und eroeffnen ihm unser Ansinnen. Ohne grosse Worte laechelt er uns zu und laedt uns als ‘misafire’ (Gaeste) zu sich nach Hause, wo uns seine Schwester, seine Ehefrau und sein 6 Monate altes Kind erwarten. Tunay und Cemile Tarkay sind auesserst gastfreundlich und ein untypisches türkisches Paar. Er ist Physikprofessor in Ankara, sie Textillehrerin. Seit 20 Jahren ein Paar aber erst seit einem Jahr verheiratet. Sozialistischer Gesinnung verbringen sie ihre Ferien, wenn nicht gerade in Olukkaya, gerne in Kuba. Cemile ist tschetschenischer Herkunft waehrend Tunay aus dem Kaukasus stammt (wo genau konnten wir mangels genuegender Kommunikation nicht in Erfahrung bringen). Das Haus hat der Urgrossvater vor hundert Jahren gebaut.

Wohlgestaerkt verabschieden wir uns am naechsten Morgen. Cemile hat uns bereits lieb gewonnnen: ‘I like you very much’. Sie gibt uns noch reichlich Proviant mit. Unmittelbar nach unserer Abreise faengt es an zu regnen. Auf der Passhoehe haelt ein alter Mercedes-Lastwagen, Jahrgang 1976, an. Ein junges franzoesisches Paar in Begleitung eines Schaeferhundes steigt aus. Anais und Arnaud bereiten uns in dem zu einer Wohnung umfunktionierten Laderaum einen Kaffe. Sie kehren aus einer Reise nach Nepal zurueck. Kaum aus dem Lastwagen, wird der Regen wieder heftiger. Bei der folgenden Talfahrt fallen Ruth vor Kaelte fast die Haende ab (kein Wunder, die Windstopperhandschuhe sind laengst durchnaesst), sodass Maurizio gentlemen-like seine noch trockenen Handschuhe opfert. Nach einer weiteren Stunde Regenfahrt knurrt unser Magen derart stark, dass wir die Suche nach einem Unterstand aufgeben und im Regen die Böreks von Cemile hineinschoppen. Ein tuerkischer Lehrer beobachtet uns und ruft uns sofort zu sich nach Hause. Er feuert rasch den Kamin ein, wir improvisieren ein Zvieri, er bietet uns seinen hausgemachten Bal (Honig) an, wir steuern Schafskaese bei. Nach einer halben Stunde ist der Regenspuk vorbei, die Sonne scheint durch, doch – au weia – ein Platten (Nummer 7 glaube ich) haelt uns wieder einmal auf. Nach einem letzten Pass erreichen wir endlich Gürün, das zwischen Kayseri und Malatya liegt.

Nach Gürün führt uns die Fahrt durch ein herrliches canyonartiges Tal. Ockerfarbene kahle Bergflanken kontrastieren mit der grünen Flussoase. In der kleinen Ortschaft Darende werden wir gleich von jungen Jandarmas in Beschlag genommen und freundlich zum Tee eingeladen. Pro Tag nehmen wir übrigens durchschnittlich vier bis fuenf Einladungen an. Ebensoviele wenn nicht noch mehr müssen wir aus Zeitgründen leider ausschlagen. In der kleinen Ortschaft Asagiulupinar fragen wir nach einem geeigneten Plaetzchen für unser Zelt. Die teetrinkende Maennerrunde bringt wenig Verstaendnis für unser Vorhaben auf und schlaegt uns stattdessen vor, bei einem Bauern zu übernachten. Das nahende Gewitter und der einsetzende Regen lassen uns einlenken. Mehmet Ali Cep nimmt uns zu sich nach Hause, wo seine Ehefrau und die fünf Kinder bereits warten.

Als wir in Malatya (700 km südoestlich von Ankara) ankommen und den ersten grossen Supermarkt ansteuern, nimmt uns gleich ein junger Soldat in Beschlag. Er habe uns bereits bei unserer Ankunft gesehen und da er selber gerne Velo fahre, moechte er uns unbedingt kennenlernen. Spontan bietet er uns an, in seiner Wohnung, die er mit zwei Militaerkameraden teilt, zu übernachten. Ümit Seven (links auf dem Bild oben), 22 Jahre alt, Helikoptermechaniker, umsorgt uns wie eine Mamma. Die dreckige Waesche kommt flugs in die Waschmaschine. Im In-Lokal von Malatya laedt er uns zu Manti (Mini-Teigtaschen) mit Joghurt und viel Knoblauch ein. Jegliche Bezahlungsversuche unsererseits scheitern klaeglich.

Ümit kennt als Soldat die aktuelle Lage im Südosten des Landes und segnet unsere Reiseroute ab. Die Lage ist in dieser Gegend etwas angespannt und das Militaer plant in naher Zukunft eine grosse ‘operasyion’, wie den Zeitungen entnommen werden kann. Ümits Kompagnon Goekhan (rechts auf dem Bild oben), der am darauffolgenden Tag als Zeuge vor Militaergericht aussagen muss und deswegen frei hat, übernimmt am naechsten Morgen den Hütedienst. Mit seiner Hilfe buchen wir eine Sunset-Sunrise-Tour zum Nemrut Dag und reisen am Mittag bereits ab. Unsere Velos und unser Gepaeck koennen wir in der Wohnung von Ümit lassen.

Der Nemrut Dag (Link) ist mit 2’150 Metern Hoehe einer der hoechsten Berge des noerdlichen Mesopotamiens. Auf dem Gipfel thronen die Überreste des Grabmals des Koenigs Antiochos I. Theos (69-36. v. Chr.). Beeindruckend sind die Haeupter der riesigen Goetterstatuen am Fusse des künstlich aufgeschütteten, 150 Meter hohen Grabhügels. Kaum am Gipfel angelangt, zieht dichter Nebel auf und die Sonne laesst sich in den folgenden zwei Stunden nur für wenige Sekunden blicken. Den ‘Sunrise’ koennen wir am Morgen wegen anhaltenden Nebels und Regens abhacken und dafür zwei Stunden. In Malatya erwartet uns Ilyas, ein weiterer Freund und Arbeitskollege von Ümit (der übers Wochenende nach Ankara gefahren ist). Tags darauf begleitet er uns bis zum Ortsausgang. Wir sind gespannt auf den kurdischen Teil der Türkei.

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Kappadokien zu(m) zweit(en)


In Aksaray, 200 km südoestlich von Ankara, wartet Maurizio vergebens beim Otogar (Busbahnhof). Ruth ist nach Kayseri geflogen und hat dort einen Bus nach Aksaray genommen. Samt ihrem sperrigen Gepaeck wird sie auf einer einsam gelegenen Tankstelle einige Kilometer vom Otogar entfernt abgeladen. Nach einigen hektischen Telefonaten wird ein Bustaxi organisiert, das uns spaet nach Mitternacht vors Hotel faehrt. Der anhaltende Regen am naechsten Tag ermuntert uns nicht zum Start. Nachdem wir das Velo von Ruth ausgepackt und zusammengebastelt, etwas zum Essen eingekauft haben und bereits zweimal zum Tee eingeladen worden sind, geht die Reise um drei Uhr nun in trauter Zweisamkeit weiter. Der Regen hat zwar nachgelassen, dafuer erwartet uns gleich nach der Stadt ein hartnaeckiger Gegenwind. Der Anstieg wird so noch anstrengender. Wir sind froh, nach 15 Kilometern nach rechts abbiegen zu koennen, um nun den Wind nur noch von der Seite zu spüren. Wir sind unsicher, ob die naechste Ortschaft eine Unterkunft bietet und so entschliessen wir uns – Ruth zaehneknirschend – in einer für Kappadokien typischen Tuffstein-Hoehlenwohnung zu übernachten. Frühmorgens begrüsst uns ein geselliges Hirten-Bruderpaar mit seiner Schafherde, dem Esel und den fünf Koepeks (Hunden). Bei etwas Sonnenschein koennen wir – Ruth mehr schlecht als recht ausgeruht – die Reise fortsetzen.

Bald treffen wir in Selime ein, das wegen seiner beeindruckenden Tuffsteinkegeln bekannt ist. Im Dorf werden wir sofort von den Schülern in ihren blauen Schuluniformen umzingelt, die uns ihre ‘Hello’ und ‘What’s your name?’ zurufen. Schon bei der ersten Gasse werden wir von einer Grossfamilie zum Tee eingeladen. Weiter oben treffen wir auf Abidin Abur, der uns stolz die traditionelle Backstube seiner Frau zeigt und uns gleich einige noch warme Fladenbrote und Goezlemes mit auf den Weg gibt. Waehrend wir um die Steinkegel herumwandern, passt er auf unsere Velos auf. Zum Abschluss laedt er uns in sein kleines Haus ein, wo wir am Boden sitzend die leckeren mit Spinat gefüllten Goezlemes und Ayran serviert bekommen. Zum Glueck beherrscht Maurizio ein paar Brocken Tuerkisch, so dass doch das Wichtigste (Alter, Beruf, Zivilstand, Reiseroute etc.) ausgetauscht werden kann. Beim Ortsausgang von Selime haengt sich uns – wohl zum Schutz vor den gefürchteten Hirtenhunden, die es auf die strammen Velofahrer/innenwaden abgesehen haben – ein schwarzer Koepek an, der uns unglaubliche 20 Kilometer durch das malerische Ihlara-Tal bis zu unserem Tagesziel Güzelyurt begleitet.

Hier erhalten wir einen kleinen Vorgeschmack auf die riesige Untergrundstadt, die uns spaeter erwarten wird. In der kleineren von Güzelyurt ist echte Kletterkunst gefragt. Die verschachtelten und engen Gaenge koennen leicht klaustrophobische Anfaelle hervorrufen. Kaum am Tageslicht ruft schon der Baerenhunger, der mit Tomaten, Gurken, Schafskaese und Ekmek (Brot) gestillt werden will. Der Weg nach Derinkuyu fuehrt durch eine islaendisch anmutende Vulkanlandschaft, die mit einem riesigen tuerkisblauen Kratersee ueberrascht. In Derinkuyu aergert sich Maurizio ueber ein verstaubtes Gesetz des Kültürministeriums, das den Gebrauch von Fotostativen in der Untergrundstadt verbietet. Nichtsdestotrotz (schliesslich gibt es auch Ministative) erkunden wir die uralte Stadt, die sich ueber 20 Stockwerke unter dem Boden erstreckt und 30’000 Menschen Platz bot. Sie diente den Bewohnern als Schutz vor den an der Seidenstrasse haeufigen Überfaellen. Wichtige Verbindungsstollen konnten bei Gefahr mit metergrossen Steinen verriegelt werden. Heute kann nur ein kleiner Teil über acht Stockwerke besichtigt werden.

Die Fahrt fuehrt uns weiter nach Üchisar und Goereme, dem Herzen Kappadokiens. Die Burg von Üchisar bietet einen atemberaubenden Blick über die weitlaeufige maerchenhafte Tuffsteinlandschaft. Wir koennen uns kaum sattsehen. Im trendy Goereme nisten wir uns wieder im Traveller’s ein, wo wir ein hübsches Hoehlenzimmer zugewiesen erhalten – einiges angenehmer als unsere erste ‘Hoellenübernachtung’. Gekocht wird auf dem Dach des Hotels bei untergehender Sonne mit praechtiger Sicht auf die Stadt. Das Menu ist Coralli con piselli e ricotta, Salat und Cola Turka.

Bevor wir Richtung Kayseri aufbrechen, kurven wir noch durch die eindrückliche Landschaft und bestaunen die bizarren Steinformationen. Genug von den Touristenbussen und den zahlreichen Souvenirstaenden verlassen wir Ürgüp, nicht ohne einen letzten Tee bei einem schweizbegeisterten Teppichhaendler getrunken zu haben. Bei der Routenwahl verhauen wir uns maechtig und, anstatt den direkten und flachen Weg zu nehmen, steuern wir geradezu auf einen Berg zu, der uns zu unzaehligen Pausen und Schiebepartien zwingt. Nach zwei Stunden erreichen wir endlich Aksalur,wo wir verschwitzt eine Einladung zum Tee annehmen – bald ist das halbe Dorf um uns versammelt. Ausgangs des Dorfes warnt uns ein Bauer auf einem Esel vor drei boesen Koepeks. Mit Aesten und Trillerpfeife bewaffnet, koennen wir die mit eisigen Stachelhalsbaendern bestueckten und grimmig bellenden Vieher erfolgreich vertreiben. In sicherer Distanz suchen wir uns ein Campingplaetzli unter freiem Himmel aus.

Am naechsten Mittag erreichen wir nach einer schoenen Talfahrt Incesu (30 km vor Kayseri). Wir werden sofort von einer jungen Frau, der Kulturbeauftragten in Incesu (‘Incesi Beledyiesi Kültür Evi’) in Beschlag genommen. Sie zeigt uns die sehr gut erhaltene Karavanserai ‘Karamustafapasa’ aus dem 17. Jahrhundert, in der die Kamelkarawanen auf der Seidenstrasse Schutz und Unterkunft fanden. Als wir endlich aufbrechen wollen, bemerkt Maurizio seinen sechsten Platten. Kayseri, 330 Kilometer südoestlich von Ankara entfernt, erreichen wir am spaeten Nachmittag.

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Frühlingshaftes Westanatolien

Die Fahrt raus aus der Megalopolis Istanbul ist wegen des unglaublichen Verkehrs sehr anstrengend. Den Bosporus überquere ich mit einer Faehre und versuche schon gar nicht, über die neue Autobahnbrücke den Kontinent zu wechseln. Nach 50 Kilometern herrscht immer noch reger Verkehr. In Gebze nehme ich daher nochmals eine Faehre über das Marmara-Meer, fahre noch ein kurzes Stück der Küste entlang und nehme gleich eine erste Anhoehe in Angriff. Diese ist derart steil, dass ich nicht umhin komme, das Velo teilweise zu schieben. Saftig grüne Wiesen mit Obstbaeumen wechseln sich mit dichten Laubwaeldern ab. In dieser Hügellandschaft waehnt man sich bald im Jura, bald in den Pyrenaeen. Die Baeume stehen in voller Bluete und die Pollen fliegen mir um die Nase. ‘Wie schrecklich’, werden sich heuschnupfengeplagte Leute wie ich denken ! Nach einer nicht enden wollenden Niesattacke muss ich zur Chemiekeule greifen, wonach es mir bald etwas besser geht. An einem kuehlen Bach finde ich ein einladendes Plaetzchen, um mein Zelt aufzustellen. Eine heftige Sturmboe reisst dem Zelt drei Heringe aus dem Boden und schleudert sie in das Bachbett nebenan. Mit grossen Steinen beschwere ich die Heringe zusaetzlich.


Ich muss erst am 19. April wieder in Ankara sein, um hoffentlich am darauffolgenden Tag mein Turkmenistan-Visum abzuholen. Ich habe es daher nicht eilig, schaue weniger auf den Kilometerzaehler, lasse die Begegnungen auf mich zukommen und geniesse die warme Fruehlingssonne. In der kleinen Ortschaft Kizderbent, kaum 90 Kilometer von Istanbul entfernt, fahre ich an einer Teppichweberei vorbei. Ich halte natuerlich an, um den flinken Haenden der zahlreichen Damen bei der Arbeit zuzusehen. Beim Anblick eines Tourenfahrers in kurzen Veloshorts sind diese aus dem Haeuschen und rasch aus der Arbeitsstube. Die Chefin ruft sie vergebens zur Vernunft auf. Ich und mein Stahlross werden umzingelt und begutachtet. Die Vorlauteste wagt sich sogar auf mein Velo. ‘Berlusconi Kizderbent’, sprich der Bürgermeister, kommt vorbei und laesst sich ebenfalls von mir ablichten. Hundert Meter weiter werde ich zum Tee eingeladen.


Bei sonnigem Wetter fuehrt meine Fahrt weiter zum Iznik Goelü (See), der von endlosen Olivenhainen umsauent ist. In Iznik quartiere ich mich bei der Pension Kaynarca des leich exzentrischen aber sehr freundlichen Ali Bulmus ein. Eine solche Pension wünscht man sich in jeder Ortschaft: zentral, guenstig, sauber, Küche zur freien Benützung, Terrasse mit herrlicher Aussicht und Internet-Cafe nebenan. Ali lichtet alle seine Gaeste ab und auf seiner Webseite solltet Ihr mich daher finden. Nach Inegoel gilt es eine Steigung von rund 800 Hoehenmetern zu bezwingen. Die Strasse schlaengelt sich durch einen wunderschoenen Laubwald. Und wieder entdecke ich eine Schildkroete, die ich in aller Ruhe fotografieren kann.

Auf der Passhoehe in Nazifpasa schiesse ich zunaechst ein ‘Gipfel’-Bild. Kurz darauf naehert sich Salih Aksehir und stellt sich als Imam der 30-Familien-Gemeinde vor. Er hat eine Freude an den wenigen Touristen, die sich in diese Gegend verirren: ‘No Antalya-Tourist, Kültür-Tourist’. Andere Tourenfahrer aus Frankreich und Belgien seien ebenfalls hier durchgefahren. Ich frage ihn, ob ich die Moschee sehen koenne. Er willigt sofort ein und in Begleitung einer Kinderschar zeigt er mir die Moschee, setzt den Imam-Hut auf, singt mir ein paar Verse aus dem Koran vor, erklaert mir die Wappen mit den arabischen Insignien und schenkt mir sichtlich gerührt zum Abschied eine Tesbiah, einen Rosenkranz. In der waldreichen Landschaft, die mich stark an das Baselbieter Jura erinnert, macht das Zelten Spass.

In der modernen Stadt Eskisehir goenne ich mir nach drei Tagen im Zelt ein Hotelzimmer. In einem Hamam lasse ich mich gruendlich schrubben und einseifen. Als ich Eskisehir verlasse, faellt mir ein aelterer, armseliger Herr auf, der am Strassenrand den Abfall durchstoebert und Saecke damit fuellt. Es nimmt mich wunder, was er tut. Der braungebrannte und untersetzte Mann klaert mich auf: Aluminiumdosen sammle er fuer die ‘fabrika’. Für ein Kilogramm erhalte er eine türkische Lira (umgerechnet rund einen Franken). Pro Tag schaffe er fünf Kilogramm. Für ein Kilogramm muesse er 150 Dosen sammeln. Er zuckt mit der Schulter und sagt ‘Türkyie’, als wolle er mir zu verstehen geben, dass dies auch ein Teil der Türkei sei. Noch lange richte ich den Blick auf den Strassengraben, zaehle die Aludosen und rechne aus, wieviel der arme Mann dafuer erhaelt.

Die Landschaft wird flach, eintoenig und baumlos. Dementsprechend schwieriger gestaltet sich die Suche nach einem sichtgeschützten Zeltplatz. Der Brunnen des 70-jaehrigen Hassan kurz vor Kaymaz kommt da gerade richtig. Inmitten eines Kiefernhaines hat er eine richtige Oase fuer Durchreisende eingerichtet: WC, Esstisch, Liege- und Gebetsmatten. Alles liebevoll dekoriert. Spruchbaender und tuerkische Flaggen. Nach einer Runde auf dem vom Esel gezogenen Karren kann ich mein Zelt aufstellen. Am naechsten Tag komme ich nicht viel weiter. Ich will in Kaymaz meine Vorraete auffuellen und lande beim pittoresken Pazar. Hier kann ich endlich ein paar Schwarzweiss-Filme belichten. Im Unterschied zu den Herren, die sich gerne fotografieren lassen, muss ich bei den Frauen, die alle weisse Kopftuecher tragen, etwas vorsichtiger sein.

Wenige Kilometer spaeter mache ich einen Abstecher zu einer Felsformation, die mir bereits am Vorabend von weitem aufgefallen ist. Wieder einmal sichte ich – diesmal inmitten der Geroellhalde – eine Schildkroete. In Karakaya, der Ortschaft nebenan, werde ich von einem Auto angehalten. Ercan und sein Vater laden mich zu sich nach Hause zum Tee ein. Zum Abschied werde ich mit feinem Fladenbrot, hausgemachtem, frischem Schafskaese, Tomaten und Gurken beschenkt ! Meine Packtaschen sind prall gefuellt. Um drei Uhr, gerade mal 15 Tageskilometer in den Beinen, verlasse ich die Familie von Ercan. Dank Rueckenwind und flacher Topographie schaffe ich es bis zum Abend noch auf 75 Kilometer.

Am naechsten Tag laeufts nicht durchwegs rund: zunaechst haelt mich ein Plattfuss auf. Weiter nicht schlimm. Als ich den Platten repariert, alles eingepackt und mir die Haende gewaschen habe, bemerke ich am Vorderrad ebenfalls einen Platten. Was fuer ein Pech ! Mein Zeitplan geraet ins Wanken und ich treffe in Ankara erst um 21 Uhr ein. Am naechsten Tag, dem 20. April, kann ich endlich mein Visum bei der turkmenischen Botschaft in Empfang nehmen. Die Einladung des turkmenischen Aussenministeriums liegt vor. Nicht so das Paecklein mit Ersatzteilen, das mir Lola vor einigen Wochen an die Adresse von Turan geschickt hat. Im Hinblick darauf, dass Ruth am 23. April in Kayseri einfliegen wird, mache ich mich gleich wieder auf den Weg. Zunaechst muessen aber Seda und ich den kleinen Deniz Bora beruhigen: er will, dass mein Velo auf dem Balkon bleibt und faengt an zu heulen, als ich gehen will.

Ich fahre dem Tuz Goelü (Salzsee) entlang und lasse es mir nicht nehmen, auf der Salzkruste herumzulaufen. Die Strasse ist relativ stark befahren: sie fuehrt nach Kappadokien und runter bis nach Adana. Die Lastwagenfahrer, die ein aehnliches Schicksal wie ich teilen, auf und neben der Strasse tage- und wochenlang leben, laden mich des Oefteren zum Tee ein. Ein weiterer hat Erbarmen mit mir, haelt vor mir an und schlaegt mir vor, das Velo aufzuladen. Ein bloeder Taxifahrer macht sich einen Spass daraus, mich bei hoher Geschwindigkeit moeglichst nahe zu überholen und mir einen Schrecken einzujagen. Ich bin noch daran, ihm alle wüsten Verwünschungen auf den Weg zu geben, als das Hinterrad einen beunruhigenden Laut von sich gibt: ‘Pffft.’ Wieder ein Platten ! Langsam bin ich geübt und in etwas mehr als dreissig Minuten kann es weitergehen (den Pneu ziehe ich jeweils ohne Pneuheber auf: Danke fuer den Trick, Kilian!). Ein Lastwagenfahrer bietet mir wieder seine Hilfe an und fragt etliche Male nach, ob ich nicht doch lieber mit dem Laster mitfahren moechte.

Kurz vor Aksaray zieht ein Gewitter auf. Beim Otogar (Busbahnhof) erkundige ich mich nach den Busverbindungen zwischen Kayseri und Aksaray, suche ein nettes Hotelzimmer aus und begebe mich nach dem Abendessen zum Otogar, wo Ruth um Mitternacht eintrifft. Finalmente !

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Spiessrutenlauf in Ankara

Nach den zwei geruhsamen Tagen in Göreme wird es Zeit für mich, die unliebsamen bürokratischen Hürden in Angriff zu nehmen. Ich kann in Ankara beim Cousin von Rahime wohnen. Turan und Seda Göz sind sehr sympathisch und nehmen mich auf, obschon ihr zweites Kind vor wenigen Tagen auf die Welt gekommen ist. Und dass ich im Hotel übernachte kommt für sie nicht in Frage. Die Mutter von Seda ist aus Konya hergereist, um dem jungen Paar unter die Arme zu greifen. Sie kocht hervorragende Böreks und Gözlemes, waehrend Seda die Kunst des Kaffeesatzlesens beherrscht. Ihre Englisch-Kenntnisse hingegen sind nicht hervorragend und so verstaendigen wir uns mit Hilfe einer Online-Übersetzung.

Die Botschaften in der 4 Millionen Hauptstadt zu finden ist nicht ganz einfach. Nach ein paar Anlaeufen habe ich den Dreh raus. Bloederweise wohnt Turan am anderen Ende von Ankara und so muss ich jeden morgen rund 12 Kilometer Busfahren, um von Incirli nach Cankaya, Gaziosmanpasa oder Kavaklidere zu gelangen. Sobald ich im entsprechenden Quartier bin, nehme ich ein Taxi, um nicht zu viel Zeit zu verlieren. So habe ich bis zu vier Botschaften an einem Tag geschafft. ‘Maurizio rennt’ wird sich meine Zwillingsschwester Lola denken. Ich mache den Anfang mit der usbekischen Botschaft, wo ich gleich den Antrag ausfülle. Sieben Tage Bearbeitungszeit und 60 Dollar, heisst es. Oder drei Tage Bearbeitungszeit und 90 Dollar. Ohne das usbekische Visum gibt es kein Transitvisum für Turkmenistan, erfahre ich spaeter bei der turkmenischen Botschaft. Zudem wird ein Empfehlungsschreiben der italienischen Botschaft benötigt. Bei dieser beantrage ich kurz danach eine ‘lettera di raccomandazione’. Für das tadjikische Visum hingegen ist eine ‘letter of invitation’ von einer tadjikischen Reiseorganisation nötig, das ich mir via Internet für 80 Dollar besorge. Jetzt weiss ich zumindest, wie man meinen Namen auf kyrillisch schreibt.

Ausflug nach Safranbolu

Am Samstag fliehe ich vom staubigen und laermigen Ankara, das nebst dem Anitkabir (Atatürk-Mausoleum) und dem Museum für Anatolische Zivilisationen nicht sonderlich viel zu bieten hat und nehme den Bus in das 250 Km entfernte nördlich gelegene Safranbolu. Die Altstadt besteht aus traditionellen osmanischen Haeusern, die noch sehr gut bewahrt sind. Die als UNESCO-Weltkulturerbe geschützte mittelalterliche Stadt laedt zum Entspannen ein. Im 300 Jahre alten Hamam, eines der schönsten in der ganzen Türkei, lasse ich mich schrubben, einseifen und so richtig durchkneten. Anschliessend werde ich in Badetücher eingehüllt und erhalte den obligaten Çay serviert. In Safranbolu kann man gut essen und ich lasse mir Lammfleisch in allen Variationen auftischen, jeweils begleitet von einem kühlen Ayran (nationales Joghurtgetraenk), serviert in einem Zinnbecher mit viel Schaum.

Turkmenische Bürokratie

Am Montag geht es dann mit den Botschaftsgaengen weiter. Von der kirgisischen zur tadjikischen zur italienischen und, und, und. Damit das ganze noch reizvoller wird, darf man die Gebühren (nur Dollars werden akzeptlert) bei einer ganz bestimmten Bankfiliale einzahlen, die zuerst gefunden werden möchte. Am unproblematischsten stellen sich die kirgisische und die tadjikischen Reiseerlaubnisse dar, soweit die noetigen Beilagen vorhanden sind. Der kirgisische Botschafter heisst mich in seinem Büro feierlich willkommen: ‘Mr. Mister Maurizio, I give you 30 days, no problem!’. Sein tadjikischer Kollege ist ebenfalls sehr freundlich und fragt mich ‘urgent?’. Ja. In seiner Anwesenheit klebt er mit den farbigen Sticker in den Pass und fuellt ihn aus. Als einziger nimmt er die Dollars bar entgegen.

Am Mittwoch will ich das usbekische Visum holen, doch die nette Dame erklaert mir, sie haetten Computerprobleme. Ich solle doch morgen kommen. Am naechsten Tag renne ich umsonst an, da die Botschaft geschlossen ist. Nachdem es dann schliesslich am Freitag klappt und ich auf einer ganz bestimmten Bankfiliale 110 Dollar einbezahlt habe (ich habe schon gar nicht versucht, darauf hinzuweisen, dass es trotzdem eine Woche gedauert hat und ich eigentlich weniger bezahlen muesste) und das usbekische Visum freudig in Empfang nehme, gehe ich sofort zur turkmenischen. Dort muss ich mich hinter einigen Spediteuren einreihen, die fuer ihre Chauffeure Transitvisas beantragen moechten. Als ich endlich an der Reihe bin, kurz vor zwölf, schnauzt mich der Angestellte barsch an ‘No, No, No’, als haette ich soeben im Warteraum gepinkelt. Ich solle alle Unterlagen im Doppel einreichen, nicht einfach. Und wieso ich die 51 Dollar bereits einbezahlt habe. Dieser Affe sagt mir noch ‘ten!’, zeigt auf den Kalender (gemeint ist Montag, der 10. April), kehrt mir den Rücken zu, macht den Schalter zu und geht in den Mittag. Gesenkten Kopfes verlasse ich die Botschaft.

Wochenende in Ankara zum Zweiten

Toll, so darf ich noch ein Wochenende hier in dieser schmucklosen Stadt verbringen, die vor 80 Jahren noch gerade doppelt soviele Einwohner wie Liestal hatte, wo Papiereimer praktisch nichtexistent sind, eine sagenhafte Dichte von einer Poststelle pro 15 Quadratkilometern besteht, man demzufolge gut und gern zwei Kilometer bis zur naechsten Poststelle laueft, diese dann aber keine entsprechenden Briefmarken für Postkarten hat und der Postangestellte noch blöde fragt, welches Land ‘CH – Switzerland’ ist (vielleicht ist aber auch das Trauma noch nicht überwunden :-)). Diesmal fluechte ich nach Peybezari, das ebenfalls noch vollstaendig alte osmanische Haeuser besitzt. Im Unterschied zu Safranbolu finden sich hier nur tuerkische Wochenendtouristen aus Ankara. Im Internet-Cafe werde ich wieder Opfer der tuerkischen Gastfreundschaft: ich muss nichts bezahlen, auf meine Frage nach dem Busbahnhof werde ich gleich mit dem Auto hingefahren, das Ticket wird fuer mich besorgt und ich erhalte einen Çay serviert.

Am Montag Morgen stehe ich wieder vor der turkmenischen Botschaft. Einige Spediteure vom Freitag mit stapelweise Paesse unter dem Arm warten bereits, worueber ich gar nicht erfreut bin. Das faengt gut an, denke ich mir! Klebte mir am Freitag noch das Pech an den Fuessen, steht mir das Glueck dieses mal zur Seite. Eine huebsche Kasachin steigt aus einem Taxi und ungeachtet der wartenden Menschenmenge vor dem Eisengitter verschafft sie sich Eintritt. Ich packe die Gelegenheit beim Schopf und trete ebenfalls ein. Wunderbar: sie stimmt den Botschaftsangestellten milde und spricht erst noch russisch. Er ist heute freundlich und ruft immer wieder ‘Mister Ceraldi’ aus. Die ‘Invitation’ von der er die ganze Zeit redet, stellt sich als Einladung des turkmenischen Aussenministeriums dar. Ich solle doch das einbezahlte Geld wieder bei der Bank holen und wenn die Einladung vorliegt nochmals einbezahlen. Nein, das geht nicht: ‘pay in advance, no problem’. Er nimmt endlich meinen Antrag entgegen: ‘Come in ten days!’ Insgesamt habe ich in Ankara 14 Mal eine Botschaft aufgesucht und total 391 Dollar an Gebuehren ausgegeben.

Gleichentags nehme ich den Bus zurück nach Istanbul. Beim gigantischen Busbahnhof in Ankara werde ich gleich mal von einem Jungen gefragt: ‘Istanbul?’ Zunaechst glaube ich, dass er ein Angestellter der rund 80 Busgesellschaften ist. Er ist mir eine Spur zu forsch und frech: ‘Come, come, bus will start!’. Eigentlich unnötig, da in Ankara jede Viertelstunde irgendein Bus nach Istanbul faehrt. Zudem will ich noch etwas zum Essen einkaufen. Er besorgt mir das Ticket und fordert ‘Yirmi Bes’ (25) Lira. Auf dem Ticket steht aber nur 20. Er versucht mir zu erklaeren, dass das Ticket 30 gekostet habe, so kurzfristig nur noch 20 und 5 ‘Komisyon’ seien. Mir platzt der Kragen und ich oute mich als Italiener ‘Ma chi cazzo ti ha chiesto di procurarmi questo biglietto di minchia?’. Obschon der Bus bereits losfahren moechte, mache ich ein Buero auf und tobe wie wild. ‘Yirmi bes: hayir !!’ (nein). Ich frage den Chauffeur ‘Yirmi?’ ‘Yirmi!’ antwortet dieser. Und weg ist der Junge.

In Istanbul kann ich dann endlich mein Velo, das sich in der Apotheke von Isik sichtlich wohl gefuehlt hat, wieder in Empfang nehmen. Ich verabschiede mich von Isik, dem Freund Sezer, der fotoscheuen Katze Vicks und der fotogenen Angestellten Esra. Endlich geht es wieder los ! Momentan verfolge ich die Sicherheitslage in den kurdischen Staedten, wo Auseinandersetzungen zwischen Kurden und den Sicherheitskraeften statt-gefunden haben. In Istanbul gab es zudem einen Anschlag und Unruhen auf dem Taksim-Platz. Die meisten Tuerken scheinen aber eine Kurden-Paranoia entwickelt haben und die Tuerkei scheint noch weit weg davon zu sein, die Kurdenfrage geloest zu haben. Der ganze Suedosten ist fuer viele ein Terroristengebiet, das unbedingt zu meiden ist. Rod, mit dem ich mich in Kappadokien getroffen habe, ist dort soeben durchgefahren und hat sich absolut sicher gefuehlt. Meine geplante Route führt ferner durch das Erdbebengebiet im Iran und die zwei am staerksten betroffenen Staedte – Borudjerd und Dorud. Es wird wohl unumgaenglich sein, die westlicher gelegene Strasse, welche direkt von Teheran nach Esfahan führt, zu befahren.

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Sonnenfinsternis über Mondlandschaft

Die letzte ‘Sofi’ im 1999 war in der Region von Basel nicht sonderlich eindrücklich. Die anstehende totale Sonnenfinsternis über Kappadokien will ich mir auf keinen Fall entgehen lassen. Zudem kommt sie mir deswegen gelegen, weil der Weg dahin über Ankara führt, wo ich meine Visas werde beantragen müssen.

Ich stelle also mein Gefaehrt in der Apotheke von Isik, welche von der betagten Katze Vicks überwacht wird, ab. Mit dem Nachtbus fahre ich nach Kappadokien in Zentralanatolien. In Göreme habe ich mıt Rod Oliver (Link), einem in Amsterdam lebenden 37-jaehrigen Neuseelaender abgemacht. Ich habe Rod über das Internet kennengelernt und seit letzten Oktober stehen wir in Kontakt. Er hat eine ganz aehnliche Route wie ich gewaehlt, wobei er nach Istanbul geflogen ist. Rod befürchtet, dass Göreme ausgebucht sein könnte. Mit Hilfe von Isik und Sezer kann ich für die Nacht vom 28.3. ein Zimmer für Rod und mir in einer netten, aber etwas überteuerten Pension buchen.

Göreme ist bekannt für die aus dem weichen Tuffstein herausgehauenen Höhlenkirchen. Die Landschaft um Göreme besteht aus zahlreichen verschlungenen und engen Taelern, die von bizarren Gesteinsformationen umgeben sind. Das ‘Love Valley’ etwa besteht aus riesengrossen kerzenförmigen Steinblöcken. Im weissen Gestein verstecken sich etliche Höhlenwohnungen und Kirchen. Bei Sonnenschein wandern Caoilte (ausgesprochen Kilter), ein irischer Backpacker und ich stundenlang durch diese Taeler, in denen Pappeln wachsen, Baeche Kühle spenden und die Aprikosenbaeume in voller Blüte stehen. Gegen Abend erklimmen wir dann einen beliebten Aussichtspunkt, wo uns nach dem kitschigen Sonnenuntergang ein Quartett von Italienern die 7 Km nach Göreme mitfahren laesst.

In der Zwischenzeit ist Rod in der Pension eingetroffen. Wir verstehen uns bestens und plaudern bis ein Uhr morgens über unsere bisherigen Reiseerlebnisse. Wir haben die grandiose Idee, den Sonnenaufgang zu fotografieren und stellen den Wecker auf fünf Uhr. Als wir aufwachen, bemerken wir (leider zu früh) dass es noch stockdunkel ist. Noch gut Dreiviertel Stunden haetten wir laenger schlafen können ! Was soll’s, das Wetter koennte nicht besser sein. Keine Wolke in Sicht.

Rod und ich wechseln nach der ergiebigen Fotosession zunaechst zum ‘Traveller’, einem coolen und günstigen Dormitory in einer Tuffsteinhöhle. Caoilte stösst zu uns und wir debattieren lange, von welchem Punkt wir die Sonnenfinsternis erleben möchten. Mit Hilfe des Kompasses machen wir Südwesten aus, von wo der Mondschatten nahen wird. Schlussendlich nehmen wir ein Taxi und suchen den vom Vortag bekannten Sunset-Point aus. Dort herrscht bereits Jahrmarkt-Stimmung: Riesenplakate, Fernseh-Teams, Heissluftballone, ein Turkish-Viagra-Stand (gedoerrte Aprikosen …). Wir begeben uns auf ein etwa dreihundert Meter höheres Plateau, das eine grandiose Vogelperspektive bietet. Etwa 80 Leute haben sich hier eingefunden. Die Stimmung ist ausgelassen. Einige hollaendische Eclipse-Chaser nehmen Messungen vor und wissen einige interessante Details zu berichten (der Kern-Schatten etwa naehert sich mit einer Geschwindigkeit von 800 Metern pro Sekunde; durchschnittlich alle eineinhalb Jahre gibt es eine Sofi). Eine Gruppe von jungen Türkinnen und Türken albert mit uns dreien lange herum.

Es wird merklich kühler und windiger (nach den Messungen der Hollaender 8 Grad kaelter). Das Licht ist einige Minuten vor der totalen Finsternis gedaempft und braeunlich. Zwei, drei Minuten vorher aendert dann die Helligkeit rasch, bis es dann etwa im Verlaufe von vier Sekunden ganz dunkel wird. Wow ! Endlich kann der Lichtring um die Sonne, die Corona, ohne Schutzbrille betrachtet werden. Die Schaulustigen schreien, rufen aus, singen im Chor. Ohh ! Ahhh ! Eine unwirkliche Lichtstimmung. Der Horizont ist orange verfaerbt, die Lichter der umliegenden Ortschaften kontrastieren zur dunklen Landschaft, der Himmel ist dunkelblau. Der Heissluftballon unten am Sunset-Point hat es wegen des Windes nicht in die Höhe geschafft und so wird die Flamme offen brennen gelassen. Dreieinhalb Minuten Staunen, bis dann der Schatten leider viel zu schnell verschwindet und das Spektakel zu Ende ist. Noch ganz benommen laufen wir eines der lauschigen Taeler runter, wo sich uns ein israelisches Paerchen anschliesst.

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Türkiye ‘ye hoşgeldiniz !













Willkommen in der Türkei ! Endlich wieder ein Lebenszeichen von mir. In der Zwischenzeit habe ich einiges erlebt. Um es gleich vorweg zu nehmen: die Gastfreundlichkeit der Türken ist kaum zu überbieten und herzerfrischend. Es handelt sich nicht etwa um einen abgegriffenen Slogan aus einem Hochglanzkatalog, sondern ist gelebte Wirklichkeit. Wenn man an die himmeltraurigen Geschehnisse beim WM-Qualifikationsspiel Schweiz-Türkei denkt, erhaelt man leider ein ganz falsches Bild von den Türken. An dieses Spiel bin ich bis jetzt eher selten erinnert worden und wenn dann mit Humor. Keine Spur von Feindseligkeit. Dass die Türken aber fussballfanatisch sind, ist nicht abzustreiten. Oft werde ich gefragt :’Fenehrbace? Galatasaray?’ Ich antworte dann immer: ‘Besiktas’ (die dritte Mannschaft aus Istanbul). Die Gastfreundlichkeit ist auch in Restaurants zu spüren, die personell oft überbelegt zu sein scheinen. Selbst bei dreistündigen Busfahrten wird man bewirtet und etliche Male erhaelt man das erfrischende Limonyiasi, um Haende und Gesicht einzureiben.

Es ist unglaublich, wie oft ich bereits in den ersten drei Tagen zum Tee, zum Essen und sogar zur Übernachtung eingeladen worden bin. Je weniger touristisch der Ort, desto freundlicher und hilfsbereiter scheinen die Leute zu sein. Wo man hingegen an Touristen gewöhnt zu sein scheint, wird man oft gefragt ‘Where do you come from?’. Es gaebe unzaehlige kleine Episoden zum Erzaehlen.

Aber alles der Reihe nach. Beim Grenzübergang Griechenland zur Türkei erschrecke ich zunaechst kurz, als mich der Zöllner nach einem Visum fragt. Habe ich da etwas übersehen? Das Visum entpuppt sich als 20 Euro teures Kleberlein (allerdlngs mit ’15 Euro’ beschriftet), das im Gebaeude nebenan wie eine Packung Zigaretten zu kaufen ist. Noch bin ich aber nicht drüber. Ein anderer Zoellner spannt mich vorher noch als Italienisch-Englisch Dolmetscher ein. Ein Georgier aus Kalabrien, der mit seinem Lieferwagen Pakete für Landsleute transportiert, darf seine ganze Ladung auf dem Gehsteig ausbreiten. İch staune darüber, wie er die ganze Fracht in der Wagen verstauen konnte. Der Zöllner versucht ihm klarzumachen, dass die Fracht nur mit einer Speditionsfirma die Grenze passieren darf. Nach dieser Machtdemonstration laesst er ihn aber schliesslich durch.

Ich passiere den Grenzfluss, der aufgrund des Hochwassers eher einem See gleicht. Ein Militaer auf der Bruecke macht ein Foto von mir, waehrend ich kurz darauf einer Schildkröte über die Strasse helfe, damit sie nicht wie ihre plattgewalzte Begleiterin endet. In Malkara, wo ich den Hotelpreis von 30 auf 15 neuen türkischen Lira runterdrücke, mache ich Halt. Malkara übt auf Touristen Null Anziehungskraft an und so falle ich ziemlich auf. Beim Mini Market wird mir sofort ein Tee angeboten und der Nachbarsjunge Yasin herbeigerufen, der ein bisschen Englisch spricht. Yasin führt mich durch seine Stadt und laesst mich eine doppelte Portion der in dieser Gegend berühmten Köfte – grillierte Hackfleischröllchen – probieren, waehrend Fenehrbace Galatasaray 3:2 schlaegt. Ich werde sehr freundlich empfangen und meine Konsumation geht auf Kosten des Hauses. Man scheint erfreut zu sein, dass sich ein Velofahrer in diese etwas heruntergekommene Stadt verirrt hat.

Tekirdag Köfteçi bis zum Abwinken

Am naechsten Tag wird es um die 20 Grad warm, erstmals kann ich kurzaermlig fahren. Fast schon zu warm für mich. Eigentlich hatte ich nur auf trockeneres nicht aber waermeres Wetter gehofft. In Tekirdag, das für seine Köfte bekannt ist, gibt es praktisch nichts anderes zu essen. Köfte salonu reiht sich an Köfte Restaurant. Wenn es hochkommt, liegt noch eine Çorba (Suppe) und Salat drin. Die grillierten Hackfleischröllchen verleiden mir sehr schnell und ich hoffe sehr, dass es in der Türkei noch etwas anderes zu essen gibt als diese gummigen Dinger.

Der naechste Tag bringt Regenschauer und Gegenwind, der den ganzen Tag anhaelt. Ich versuche schon gar nicht, mir vorzustellen wıe schnell ich bei normalen Bedingungen vorankommen würde. Ich kaempfe mich 5 Stunden lang bei einer Durchschnittsgeschwindigkeıt von 10 km/h ab. Ich motiviere mich mit dem Gedanken, dass es ‘eigentlich’ nicht schlimmer werden kann und der Tag irgendwann enden wird. Wenig spaeter überholt mich ein Lastwagen auf der Höhe einer Riesenpfütze und spritzt mich mit Dreck voll, waehrend mich von rechts ein deutscher Schaefer giftig anbellt und mir gefaehrlich nahe an das Hosenbein kommt. Die Situation ist komisch und ich muss lachen. Es kann also doch schlimmer werden ! Ein Tag zum Überspringen, denke ich mir und liege diesmal komplett falsch.

Bei Hüseyin, dem ‘çaycı’

Als ich endlich Silivri erreiche, beginnt es bereits einzudunkeln. Ich mache mich auf die Suche nach einer Unterkunft und frage mich durch. Schon bald kommt Hüseyin auf seinem Roller, mit dem er vor zwei Jahren bis nach Antalya runter- und die Küste wieder raufgefahren ist, daher. Er laedt mich zu sich nach Hause ein und ich nehme dankend an. Hüseyin, ein 40 Jahre alter Junggeselle, spricht zum Glück ein wenig Englisch. Wir essen etwas in seiner Stammbeiz, einem einfachen aber ausgezeichneten Lokal und verbringen schliesslich den Abend in einem überfüllten und rauchigen Kaffee, in welchem praktisch nur Çay konsumiert wird (in dem Fall eine Çayhane), geplaudert und Karten oder Backgammon gespielt wird. Unnötig zu erwaehen, dass es ausschliesslich von Maennern frequentiert wird. Bei den Fragen nach meiner Familie kann ich endlich erstmals mein ‘Familienalbum’ auspacken, das interessiert begutachtet wird.

Die Runde, darunter auch ein Bruderpaar, das eine Speditionsfirma betreibt, lacht sich kugelrund ab meinem Bild auf dem Handy von einem türkischen BMC-Lastwagen (das ich eigens für einen Kollegen geschossen habe, der abseits vom Mainstream Zeitschriften wie ‘Fernfahrer’ liest …): diese Dinger sind derart hart und unbequem zu fahren, dass etliche Witze über die Impotenz der BMC-Chauffeure kursieren (leider habe ich sie nicht gut verstanden). Um elf Uhr verlassen Hüseyin und ich das Lokal. Ein Abend, wie man ihn nicht missen möchte.

Am naechsten Tag, es ist Samstag, begleite ich Hüseyin zur Arbeit. Er arbeitet bei der Steuerverwaltung (soweit ich das verstanden habe) und hat als çayci eine wichtige Funktion inne: er serviert der 96 starken Belegschaft den ganzen Tag lang Tee. In seinem Reich, der kleinen Küche, geniessen wir ein typisches türkisches Morgenessen mit Tomaten, Gurken, Oliven, Kaese, Poca (mit Kaese gefüllte Brötli), Bal (Honig) und natuerlich Çay.












Ich verabschiede mich von Hüseyin und mache mich auf den Weg zur 16 Millionen Metropole Istanbul. Ein Horror für Velofahrer ! Bereits 50 Km vor Istanbul nimmt der Verkehr stark zu. Ich fahre auf einer dreispurigen Schnellstrasse und muss mir die Ohren zustöpseln. In Istanbul übernachte ich bei einer Freundin von Rahime, meiner Schwaegerin in spe. Isik und ihr Freund Sezer kümmern sich aufmerksam um mich. An zwei Tagen sehe ich mir die Touristenmagneten Ayasofia, Sultanahmet und die blaue Moschee und schlendere durch den grossen Bazaar.

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Mal Prometheus, mal Epimetheus

Beim Grenzuebertritt von Bulgarien nach Griechenland komme ich mir gleich schlau wie Epimetheus vor. Nicht einmal die Grussformel kann ich aufsagen. Dass ich bei den Griechen landen koennte, war bei meiner Reiseroute fast voellig ausgeschlossen und so bin ich ohne Reiseinformationen ueber deren Land unterwegs. Etwas barsch haelt mir der Zoellner sein “Kalimera” entgegen. Das ‘Dober dan’ koenne ich mir fuer Bulgarien aufsparen.















Bei der ersten Gaststaette auf der Landstrasse bestelle ich einen Kaffee. Pavlos sitzt gerade in der Wirtschaft seiner Eltern und ruft lauthals ‘Mamma’, als ich eintrete. Braungebraunt, schwarzes Haar, dichte Augsbrauen und eine praechtige Alexandernase, von Beruf Sergeant in der griechischen Armee, haengt Pavlos gerade am Natel. Ich hoere gespannt dieser klangvollen und kraeftigen Sprache zu, die ein bisschen an das Spanische erinnert. Da die Mamma immer noch nicht kommt, fragt er mich: ‘Can I help you?’ Und wie ! Er erweist sich als guter Lehrer und in einer Schnellbleiche bringt er mir die wichtigsten Woerter bei.

Kassandra, die mir Regenwetter vorhergesagt hat, will ich natuerlich keinen Glauben schenken und so laesst Helios den Sonnenwagen im Stall. In Griechenland erwarten mich wieder europaische Preise, stolz wie Niobe. Bei stroemendem Regen vermeide ich es daher tunlichst, ein Hotel aufzusuchen. Bei der Zeltplatzsuche will ich ja keine Hybris begehen. Und um mir eine Phillippika von einem zornigen Bauern zu ersparen, begnuege ich mich mit einem verwilderten und struppigen Olivenhain. Der Boden ist vom anhaltenden Nieselregen bereits braun und richtig schoen aufgeweicht, sodass meine Schuhe fast vollstaendig darin einsinken. Nun beginnt die Sysiphos-Arbeit: schnell im Regen Zelt aufstellen, Innenzelt ausbauen, Zeltunterlage trocken wischen, Gemuese ruesten (es gibt Gemuesesuppe mit Ruebli, Lauch und Reisteigwaren), Benzinkocher parat machen, kochen, essen, Geschirr waschen, Isomatte aufblasen, Zaehne putzen, auf die Toilette gehen (zum Glueck hatte ich eine PET-Flasche dabei!) und, und… Die Lavendelduftkerze, die Licht und Waerme spendet und die Feuchtigkeit im Zaun haelt, erweist sich an diesem Abend als grosser Segen.

Am naechsten Morgen – immer noch bei Regen – habe ich die Ehre, das pflotschnasse Zelt im Matsch wieder abzubauen. Bei der naechsten Tankstelle behaendige ich einen Wasserschlauch und spritze die klebrige Masse von Ross und Reiter ab. Ich schaetze mich immerhin gluecklich, nicht das Los des Herakles teilen zu muessen, der die Stallungen des Augias saeubern durfte. Einigermassen sauber kann ich meine Odyssee fortsetzen.

Prometheus nachahmend, mache ich mir langsam Gedanken ueber den weiteren Verlauf meiner Reise. Bald wird der Sonnengott Helios um seinen verstorbenen Sohn Phaeton trauern und dieses Schauspiel will ich mir nicht entgehen lassen. Voraussichtlich werde ich von Istanbul mit dem Bus nach Ankara fahren, dort schon mal die Visas fuer die zentralasiatischen Laender beantragen, kurz nach Kappadokien zum Naturspektakel fahren und dann wieder zurueck nach Istanbul, um wieder auf den Sattel zu steigen. Ich hoffe aber, keine Eulen nach Athen zu tragen. Ob ich mich den Argonauten anschliessen werde und im Kaukasus nach dem Goldenen Vlies suchen werde, wird sich weisen. Jedenfalls darf ich meine Ankunft in Tibet nicht auf calendas graecas verschieben.











In Westthrakien halten mich die zahlreichen streunenden Koeter, die es mit Argusaugen auf Velofahrer abgesehen haben und wie der Hoellenhund Cerberus bellen, auf Trab. Leider finden sich auch zahlreiche ueberfahrene Tiere am Strassenrand. Ich werde Augenzeuge, wie ein Hund auf der Gegenfahrbahn von einem Minivan angefahren wird. Er winselt unaufhoerlich und dreht sich um den Schwanz. Gluecklicherweise faehrt kurz danach ein Bauer vor und nimmt das arme Geschoepf mit.

Das Wetter bessert sich endlich und das pflotschnasse Zelt kann luftgetrocknet werden. In Sapies, einer kleinen Ortschaft vor Alexandroupolis, faellt mir von weitem die Moschee auf. Ich unterhalte mich mit ein paar Jugendlichen, schuettle zwei aelteren Herren vor der Moschee die Hand und lasse mich im Kaffee nebenan einladen.













Am naechsten Tag spricht mich Sedat, der zwoelf Jahre in der Naehe von Frankfurt gearbeitet hat, auf Deutsch an und ist froh, seine Fremdsprachenkenntnisse auffrischen zu koennen. Sein Vater kommt heraus und gesellt sich zu uns. Sedat ruft seiner Frau zu, uns einen griechischen Kaffee zuzubereiten. Ein paar Glaeser Wasser duerfen natuerlich nicht fehlen. ‘Staatliches Wasser’ kommentiert er und meint wohl Hahnenwasser. ‘Ab gestern haben wir gutes Wetter, vorher nur Regen’. Plaudernd sitzen wir vor seinem Haus auf dem Dorfplatz und geniessen die Sonne. ‘Komm’ sagt er ploetzlich und zeigt mir die Moschee. Geduldig beantwortet er alle meine Fragen. Abends hoere ich im Zelt von weitem den Ruf des Muezzin. Tuerkei, ich komme !













Ach ja, an diesem Abend habe ich Geburtstag und schlafe gegen zehn Uhr muede und zufrieden in meinem Schlafsack ein. Einen halben Kilo schweren Fisch habe ich mir bereits am Vorabend gegoennt.

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Wo Tomaten ein Pfund wiegen

Francesco hatte mich bereits gewarnt. Die Bulgaren haben es sich zum Volkssport gemacht, Touristen auszunehmen. Fast ueberall gelten zwei Preiskategorien: eine fuer die Einheimischen und die andere fuer uns. Trotz nahendem EU-Beitritt ist das Einkommen der Bulgaren nicht wesentlich hoeher als das der Serben. Der Durchschnittsverdienst uebersteigt vielleicht gerade mal 100 Euro. Und so muss man halt den Bulgaren gut auf die Finger schauen, das Restgeld aufmerksam zaehlen (mal ehrlich, wer tut das regelmaessig) und bei der Bezahlung im Restaurant die Quittung sorgfaeltig studieren, ob sich nicht Preise fuer nicht konsumierte Esswaren ausmachen lassen.

Beim Fruechte- und Gemuesekauf kommt es schon vor, dass der Verkaufer einfach eine Zahl nennt, ohne die Waren zu waegen. Den Vogel schiesst ein grossgewachsener Bulgare ab, der fuer eine Tomate eine Leva (etwa 75 Rappen) verlangt, und dies bei einem Kilopreis von 2.00 Leva. Auf die Waage, bitte schoen ! Aha, ploetzlich ist die Tomate nur noch 0.46 Leva wert. Immer noch eine schoene fette Tomate, aber kein Pfund schwer ! Ohne die Farbe der soeben erstandenen Frucht anzunehmen wiederholt er flugs das gleiche Spiel mit Walnuessen. Unglaublich.

Nach Sofia erwartet mich nasskalter Schneeregen. Ich denke mir, das wird schon aufhoeren und warte noch zu, die Regenhosen anzuziehen. Und so treffe ich in Dupnica voellig durchnaesst ein. In Sandanski warnen mich die Taxifahrer vor den Hotelpreisen. Ich gebe mich hartnaeckig und nach einigem Nachfragen gewahrt mir der Besitzer einen kraeftigen Preisabschlag und ich habe fuer 10 Euro ein sauberes Zimmer.

Die bulgarische Kueche erweist sich nach der fleischdominierten serbischen Gastronomie als Wohltat. Sooft es geht, suche ich eine MEXAHA (Gaststaette) auf und geniesse einen leckeren Schopska-Salat (Gurken, Tomaten, Zwiebeln und Schafskaese) und lasse mir Kavarma (geschmorte Fleischstueckchen mit Leber, Pilzen, Kartoffeln, Zwiebeln und Kaese im Tontopf) auftischen. Fuer umgerechnet 7-8 Franken kann man sich den Bauch vollschlagen.

Vom Regen habe ich langsam die Nase voll. Etwas vorschnell verlasse ich bereits wieder Bulgarien. Auf trockeneres Wetter hoffend peile ich nun die griechische Kueste an.

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Wo ist Karadzic ?

Als ich an der Grenze in Serbien und Montenegro ankomme, winken mir die Zoellner von der Ferne zu und geben mir zu verstehen, sofort anzuhalten. Zwei weiss bekleidete Maenner mit Mundschutz kommen zu mir und desinfizieren sorgfaeltig meine Pneus. Ich mache mit den Ellbogen Fluegelbewegungen “Quak, quak ?”. Sie nicken. Aha, avijaria influenza. Auch hier sind die Zoellner sehr freundlich, fragen mich aus und klopfen ein paar Sprueche. Nach einer mittleren Steigung ist die von mir ausgewaehlte Strecke in Serbien flach, dafuer nimmt der Verkehr ab Uzice deutlich zu. Ich werde mit dem fuerchterlichen Gestank der Ladas, Zastavas und Yugos eingenebelt. Abgasnormen scheinen in Serbien nicht zu existieren. Ebensowenig eine geregelte Abfallentsorgung, leider wird der Strassenrand oft als Muellkippe missbraucht.

In Pozega richte ich mich wieder einmal im einzigen Soviet-Style-Hotel ein, das zu meinem Erstaunen renoviert ist. Auf Empfehlung von Einheimischen suche ich eine ausgezeichnete Grillbude auf, wo Sasa sich sofort meiner annimmt und seinem nicht Englisch sprechenden Arbeitskollegen den Dienst verrichten laesst. Sasa, 32 Jahre alt, hat mir viel zu erzaehlen. Die Jungen fuehlen sich von Europa isoliert. Die Serben sind Raucher Nr. 1 in Europa. In der Frage der Kriegsverbrechen sind die Serben gespalten. Viele sehen Karadzic und Mladic als Kriegshelden an. Die Jungen wuenschen sich mehrheitlich deren Auslieferung an das Kriegsverbrechertribunal.














In einem Kaffee in Kraljevo komme ich sofort ins Gespraech mit Dejan und Dragan. Dragan, der nebenan ein Malergeschaeft fuehrt, spricht ein bisschen Englisch, waehrend Dejan, der rechts vom Kaffee einen Fischladen besitzt, nur ein paar Brocken Englisch zum Besten geben kann: “He is Colour-Man, me is Fish-Man”, er zeigt auf den Kaffee-Besitzer, “and he is Fuck-Man !” Gelaechter. Er fragt mich: “Are you Green-Man?” “No, I’m Biking-Man.” (was sonst denn …). Dejan und Dragan teilen mir mit, dass vor einer Viertelstunde der Tod von Milosevic im Fernsehen bekannt gegeben worden sei. Fuer sie sei Milosevic ein Verbrecher, fuer die aeltere Generationen nicht unbedingt. Spaeter sehe ich in einem Vorplatz, wie eine Gruppe von Nationalisten ein Gebet zu Ehren ihres verstorbenen ehemaligen Praesidenten (und vermeintlichen – es gilt ja die Unschuldsvermutung – Kriegsverbrecher ) unter freiem Himmel halten.


In der Naehe von Krusevac muss ich meine Augen reiben: hier fahren noch die ausrangierten gelb-roten Busse der BLT, die frueher in Liestal, Frenkendorf und Lausen verkehrt haben, unermuedlich weiter.

Die Serben habe ich im allgemeinen als sehr hilfsbereit, freundlich und sehr zuvorkommend erlebt. Ich habe mich jederzeit sicher gefuehlt. Wo es ging, habe ich allerdings die Grossstaedte gemieden. Leider sprechen nur wenige Serben Englisch. Oft bin ich zu einem Getraenk eingeladen worden. An einem Kiosk habe ich nach dem Weg gefragt, sofort bin ich mit einer Cola beschenkt worden. In Aleksinac haelt mich ein mintgruener Lada, beladen mit vier Paletten auf dem Autodach, an. Peda, der fliessend Englisch spricht, will wissen wo ich hingehe. Er zeichnet mir ein Kroki von der naechsten Stadt, Nis. Gibt mir die Telefonnummer seiner Ehefrau, die er mit der Suche einer guenstigen Unterkunft beauftragt. Erklaert mir den Weg. Toll.

Ab Pozega kann ich uebrigens wieder die Regensachen auspacken. Die Felder sind ueberschwemmt, die Fluesse sind laengst ueber die Ufer getreten. In Nis schneit es dann ueber die Nacht und die Temperaturen sinken unter Null Grad. Bis Dimitrovgrad (Gruss an alle Dimitris !) spule ich die Kilometer runter. Mit Rueckenwind (endlich !!) fliege ich bis nach Sofia, wo ich zur Zeit in einem Backpacker-Hostel bin. Mit einem Italiener, Francesco, der hier in Bulgarien eine Pizzeria eroeffnen moechte, habe ich gestern Nacht Sofia erkundet. Im Hinblick auf den EU-Beitritt scheint ein bisschen Goldgraeber-Stimmung zu herrschen. Die Bilder der Ueberschwemmungen in Griechenland beunruhigen mich nicht allzu sehr, die waermeren Temperaturen im Sueden ziehen mich an. Ich hoffe aber, dass mich an der griechischen Kueste trockeneres Wetter erwartet.

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Bruecke ueber die Drina

Nach dem unerfreulichen Zwischenfall bei der geldgierigen Dame in Dubrovnik habe ich meine Siebensachen gepackt und bin zum Busbahnhof, wo ich sofort von von Silvana angesprochen worden bin. Das Zimmer war zwar recht erbaermlich, dafuer guenstig. Umso freundlicher waren aber Silvana und ihr pensionierter Vater, der mit einer Rente von umgerechnet Fr. 250.– kaum ueber die Runden kommt. Er ruft mir immer “polako, polako”, langsam, langsam, zu.

Ich breche am Dienstag Richtung Bosnien und Herzegowina auf. Bald komme ich in der ersten Stadt, Trebinje an. Ich lasse bei einem Bankautomaten Geld raus, wechsle meine restlichen Kuna in Konvertible Mark und verlasse sehr bald die Stadt. Ich brauche Zeit, um in Bosnien anzukommen und das Gesehene zunaechst zu verarbeiten. Der Wechsel von Kroatien zu Bosnien ist abrupt. Bosnien ist deutlich aermer, alle Schilder sind auf kyrillisch angeschrieben, ich ziehe ploetzlich alle Blicke auf mich, falle sofort auf, die Hauser und Strassen sind heruntergekommen und verfallen, die Preise am Boden. Die kyrillische Beschriftung ist gewoehnungsbeduerftig (aber eine gute Einstimmung auf die zentralasiatischen Laender): PECTOPAH etwa heisst Restoran.

Fast jeder zweite hupt mir in Bosnien freundlich zu. Eines haben die Bosnier uns voraus: die allermeisten Autos sind voll besetzt. Solofahrten sind die Ausnahme. Hier wird nichts vergeudet.

Verschneites Bosnien

Der Winter hat Bosnien noch fest im Griff. Die Strasse fuehrt durch verschneite Huegellandschaften. Uebrigens befinde ich mich in der Republika Srpska. Nach dem Krieg ist im Dayton-Abkommen von 1995 der Status von Bosnien Herzegowina (BiH) definiert worden. BiH besteht aus zwei Entitaeten – die Foederation von Bosnien Herzegowin (51 % Prozent der Flaeche), welche die Gebiete um Sarajevo und entlang der kroatischen Grenze umfasst, und die Republika Srpska mit der Serben-Hochburg Banja Luka im Norden und dem Osten, wo ich durchradeln werde. Die beiden Staaten leben einigermassen friedlich zusammen, doch die ethnischen Linien sind im Krieg klar gezogen worden. Wo frueher muslimische Bosnier (Bosnjaken), orthodoxe Serben und katholische Kroaten miteinander lebten, haben sich nun Mehrheiten gebildet und viele Vertriebene sind nicht mehr zurueckgekehrt.

In Belica treffe ich auf die ersten EUFOR-Soldaten. Die EUFOR ist die groesste militaerische Aktion der EU und hat im 2004 die von der Nato geleitete KFOR abgeloest. Cedric und Gerard erzaehlen mir einiges ueber ihre Arbeit. Sie leben mit der heimischen Bevoelkerung zusammen und versuchen ihr auf den Zahn zu fuehlen und sich mit ihren Alltagsproblemen und -sorgen vertraut zu machen. Sie versuchen auch wirtschaftliche Bande zu Frankreich zu knuepfen. Klar, und dann es gilt noch die Kriegsverbrecher zu fassen und die Korruption und den Schmuggel zu bekaempfen. Die EUFOR sollte ihre Arbeit Ende Jahr beenden. Es faellt auf, dass viele Serben noch eher franzoesich als englisch sprechen. Dies kommt daher, dass Frankreich in der Vergangenheit und in den Weltkriegen Serbien eher die Stange gehalten hat.













Am naechsten Tag ist es sonnig, es kommt aber starker Gegenwind auf und ich kann mein Rad auf der vereisten Strasse kaum noch halten. Ich verfluche es und moechte es am liebsten wegschmeissen. In diesem Moment hupt die Schneepflugmaschine von hinten. Der Fahrer bietet an, mich mitzunehmen. Ich nehme dankend an. Doch schon bei der naechsten Ortschaft halte ich es nicht mehr aus und lasse mich ausladen. Das schlimmste Stueck habe ich vermeintlich hinter mir und ich glaube, wieder im Zeitplan zu sein, um mein Tagesziel zu erreichen. In Gacko versuchen zwei freundliche Polizisten, mich von meinem Vorhaben abzubringen: “Cememo: No, No, Mount Everest, No!” Das trifft sicht gut, dort will ich doch hin !














Es folgt der Aufstieg zur Ortschaft Cememo auf 1293 M.ue.M. Bei strahlend blauem Himmel komme ich oben an, doch die Temperaturen sind auf minus 6 Grad gesunken. Schnell ziehe ich meine Gore-Tex Jacke und Hose an. Die Abfahrt gestaltet sich zur Schlittelfahrt. Die Strassen werden nicht gesalzen, nur sehr spaerlich mit Kies bestreut. Ich gerate in eine Eisrinne. Das Vorderrad rutscht weg und ich kann meinen ersten Sturz nicht verhindern. Mein Tagesziel ist in weite Ferne gerueckt. Ich schaffe es gerade noch bis zum Anfang des Sutijeska National Park, wo ich mein Zelt an einer windgeschuetzten Stelle bei einem halben Meter Schnee montiere.














Tags darauf halten mich Schulkinder an, die mich unbedingt ihrem Schullehrer zeigen wollen. Ich gehe mit und sehe mir das Schulgebaeude an, das einer Bauruine gleicht. Fast saemtliche Fenster sind eingeschlagen. Nichtsdestotrotz haben die Kinder eine Freude und der Rektor alle Haende voll zu tun, um sie zu beruhigen und sie wieder auf die Schulbank zu bringen. Spaeter stosse ich wieder auf EUFOR-Soldaten, diesmal Italiener. Die jungen Soldaten sind begeistert von meiner Reise und winken mir lange zu. Ich werde ihnen spaeter noch ein paar Mal begegnen.

In Ustikolina faellt mir erstmals eine Moschee auf. Zwei junge Bosnjaken klaeren mich auf auf: es handelt sich um eine Rekonstruktion der alten Moschee von 1448, welche die aelteste in ganz Bosnien war; unweit in der Stadt Foca sind saemtliche 15 Moscheen zerstoert worden. In Ustikolina, Teil der Foederation von Bosnien und Herzegowina, leben vorwiegend Muslime, nur sehr wenige Serben. Wenige sind zurueckgekehrt.

Die Bruecke ueber die Drina

Die Strasse fuehrt durch ein Flusstal mit 39 Tunneln auf einer Strecke von 41 Kilometern. Die Tunnels sind nicht beleuchtet und beim laengsten muss ich in der Mitte in absoluter Dunkelheit anhalten (meine Stirnlampe ist zu schwach) und einige Minuten warten, bis endlich wieder ein Auto vorbeifaehrt. In Visegrad betrete ich die alte Bruecke und durchquere die Drina. Das alte sozialistische Hotel Visegrad mit dem ueblichen Charme der 60-er Jahre erwartet mich bereits. Visegrad ist durch den bosnischen Schriftsteller Schriftsteller Ivo Andric (1892 – 1975, Nobelpreis 1961) bekannt geworden. In seinem Buch “Die Bruecke ueber die Drina” (Link zum Anklicken) beschreibt er das Zusammenleben zwischen Muslimen und Christen.

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Dubrovnik – Perle an der kroatischen Adria

Ich bin fast am Ende der Adria Magistrale und habe gestern Dubrovnik bei Nacht erreicht. Ich habe nun bereits ueber 1600 Kilometer gestrampelt.

Obwohl kleiner als etwa Zagreb, Split, Rijeka oder Pula, ist der Bekanntheitsgrad von Dubrovnik einiges groesser. Zu Recht, denn die als UNESCO-Weltkulturerbe geschuetzte Altstadt ist bezaubernd. Im Unterschied zu den anderen kroatischen Staedten, die ich gesehen habe, wirkt Dubrovnik viel sauberer und aufgerauemter. Dubrovnik, bis 1918 noch Ragusa genannt, war im 14. Jahrhundert eine unabhaengige Handelsrepublik und Gegenmacht von Venedig, das die Vorherrschaft in der Adria innehatte. Die Spuren des sinnlosen Bombardements der jugoslawischen Armee, welche 1991 Dubrovnik in Flammen aufgehen liess, sind groesstenteils beseitigt. Allein 700 Bomben gingen in der etwa 200 Meter langen Hauptstrasse in der Altstadt, der Placa, nieder !

Die Adria Magistrale war zu meinem Glueck und entgegen der Prophezeiungen, die mir im Vorfeld gemacht worden sind, maessig bis wenig befahren. Allerdings musste ich den Lastwagen immer schoen Platz machen. Erschreckend sind die aberhunderte von Kreuzen und Gedenktafeln am Strassenrand. Oftmals sind die Verunglueckten nicht aelter als 30 Jahre alt. Bei der halsbrecherischen Fahrweise gewisser Heisssporne mag das nicht erstaunen ! Andererseits finden sich nur sehr wenige Abschrankungen und Leitplanken an der Adria Magistrale. Dafuer finden sich auf exponierten Kurven bergseitig meterhohe Steinmauern, die vor der vom Landesinneren wuetenden Bora schuetzen.

Dalmatien hat sich bereits im Fruehlingskleid gezeigt. Die Temperaturen sind gestern, als sich die Sonne zeigte, bis auf 18 Grad hochgeklettert. Viele Baeume und Straeucher bluehen weiss und rosa. Es duftet und die ersten Blumen und Raupen lassen sich blicken. Und Ihr in der Schweiz habt meterhohen Schnee ! Schade, diesen Jahrhundertschnee und den Verkehrskollaps haette ich gerne miterlebt. Es ist jetzt sieben Uhr. Startschuss fuer den Chienbaese, den ich dieses Jahr leider verpasse ! Naechstes Jahr werde ich aber wieder einen Besen tragen. Gerade jetzt erreicht mich ein MMS von Kilian vom Chienbaes mit seinem, wie nicht anders zu erwarten, perfekt gezimmerten und gebundenen Besen. Hopp dr Baese, Kili !

Waehrend meinen Aufenthalten in Privatunterkuenften hatte ich oft die Moeglichkeit, etwas mehr ueber die Kroaten und ihre Denkweise zu erfahren. Die Unterkunft bei Filip und Marija Tomasovic war in dieser Hinsicht besonders aufschlussreich. Filip und Marija haben 25 Jahre in Frankfurt gelebt und sind vor 8 Jahren in ihr Heimatland zurueckgekehrt. Sie vermieten nun Apartments, die sie liebevoll und sauber hergerichtet haben. Waehrend den Sommermonaten haben sie beide Haende voll zu tun. Ihre sieben Zimmer sind fast vollstaendig ausgebucht.

Kroatien hat eine wechselvolle Geschichte zwischen Rom, Byzanz, Venedig und Oesterreich-Ungarn hinter sich. 1991 erklaerte Kroatien die Unabhaengigkeit. Die EU und auf Andraengen des damaligen Aussenministers Hans-Dietrich Genscher anerkannten bald einmal Kroatien als eigenstaendigen Staat. Kurz darauf wurde Kroatien als Mitglied in die Vereinten Nationen aufgenommen. Zu Ehren Genschers, der sich fuer Kroatien stark gemacht hat, sind Strassen, Restaurants und sogar eine Universitaet nach ihm benannt worden.

Die Serben in der Krajina hingegen, die ploetzlich eine Minderheit in Kroatien darstellten, hielten eigene Wahlen und vertrieben zahlreiche Kroaten. Im Zuge der kriegerischen Auseinandersetzungen wurden dann spaeter die Serben aus der Krajina vertrieben, so auch in der Ortschaft Islam Latinski, wo ich durchgefahren bin. Unter anderen wird Ante Gotovina fuer die Massenvertreibungen und ethnischen Saeuberungen verantwortlich gemacht. Da dieser dank Hinweisen der kroatischen Regierung zur Freude der Chefanklaegerin Carla del Ponte endlich an das Kriegsverbrechertribunal ausgeliefert werden konnte, sollte dem baldigen EU-Beitritt nichts mehr entgegenstehen. Gotovina stellt fuer die meisten Kroaten aber nach wie vor ein Volksheld dar. Zahlreiche Plakate und Bilder legen Zeugnis davon ab.

Genug im Geschichtsbuch geblaettert. Ich werde voraussichtlich morgen meine Reise durch Bosnien-Herzegowina fortsetzen.

Kleiner Nachtrag: habe soeben ueber zwei Stunden mit dem Besitzer des Internet-Cafes geplaudert, der mir sehr viel ueber die kroatische Geschichte erzaehlt hat. Ich habe ihm dann ueber den Chienbaese erzaehlt und im Tele-Basel haben wir erfahren, dass die Feuerwagen dieses Jahr aus Sicherheitsgruenden am Umzug nicht teilnehmen durften. Seit einigen Stunden regnet es ununterbrochen.

Da sich das Wetter auch am Montag nicht gebessert hat, bin ich erst am Dienstag Richtung Bosnien gestartet. Ich musste allerdings zuerst Unterkunft wechseln, weil die alte Dame mich ausnehmen wollte. Der Preis fuer das Zimmer war ueberdurchschnittlich hoch. Es kam dazu, dass ich am Sonntag meine Waesche von Hand gewaschen und aufgehaengt habe. Um sechs fing es an zu regnen, ich war noch unterwegs, und die gute Dame hat mir die Waesche nicht abgehaengt. Da ist mir der Kragen geplatzt. Sie wollte dann noch zusaetzliche 15 Kuna. Wir haben lauthals gestritten und ich habe mich geweigert, ihr die umgerechnet 3 Franken zu bezahlen.

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Entlang der kroatischen Adria

Endlich wieder ein Moment der Ruhe, um meine Eindrücke niederzuschreiben. Nach dem Aufenthalt bei meiner Tante ging es in einer kurzen Etappe nach Venedig. Bereits in der Peripherie wurde ich von einem entgegenkommenden Velofahrer angehalten, der sich ebenfalls als begeisterter Tourenfahrer erwies. Gianni führte mich durch das ganze Verkehrschaos von Venedig zum Camping-Platz (Hotels in Venedig würden mein Budget überstrapazieren). Am nächsten Tag hatte ich die Schnapsidee, mit meinem Gefährt ein Foto auf der Piazza San Marco zu schiessen. Ein logistisches Problem bei all den unzähligen Brücken in der Altstadt von Venedig. Ich hätte mit der Autofähre zum Lido übersetzen müssen, von dort mit der Motonave dann zurück in die Nähe der Piazza und von dort “nur” noch zwei Brücken zum Passieren. Ich begnügte mich mit dem Lido und sah mir den Campanile von San Marco von der Ferne an.

Die Strecke bis Triest war flach, verkehrsreich und monoton. Unzählige Memento Moris am Strassenrand in Form von Plastikblumen oder Gedenktafeln lassen Italien nicht als fahrradfreundlich erscheinen. Oft wurde mir unfreundlich gehupt. Wenn mir der Verkehr zu viel wurde, flüchtete ich in eine Bar, wo mir nach ein bisschen Plauderei auch schon ein Kaffee angeboten wurde. Ein Koch war über meine Reisepläne derart begeistert, dass er mir einen riesengrossen Dessertteller offerierte. Die Ebene erlaubte es kaum, wild zu zelten. In Sichtweite ständig Häuser und Weiler, keine Sträucher oder Wäldchen. Ein Bauer schickte mich fort, es habe zu viele Verbrecher und Kriminelle.

Ich war froh, endlich Triest zu erreichen. In Italien suchte ich vergebens eine private Unterkunft und musste mit einem Hotel “vorlieb” nehmen. Ich liess mir von Einheimischen eine gute Beiz empfehlen und schlug nochmals kräftig zu. Der Kellner entpuppte sich als Kroatien-Kenner und konnte mir ein paar Tipps auf den Weg geben. Bevor ich Italien den Rücken kehrte, trank ich auf der Piazza Centrale den in Italien bisher teuersten Kaffe (3 €) und schon bald war ich in Slowenien, das ich jedoch nach rund 40 km bereits wieder verliess. Es stieg an und die Temperaturen näherten sich der Nullgradgrenze.

Die kroatischen Grenzwächter waren etwas verdutzt, als sie hörten, wohin ich reisen wollte. Sie gaben mir ein “Souvenir” in Form eines Einreisestempels auf meinen Pass. Dobro dosli ! Konnte ich mich in Italien gut verständigen, war ich jetzt ein Fremder, der nur wenige Worte verstand. Eine Abfahrt führte mich hinunter zum Golf von Kvarner direkt nach Matulji, wo der Karnevalsumzug sich gerade seinem Höhepunkt näherte. Unzählige Männer, mit Schafsfellen, Hammelhörnern, Blumenschmuck und Kuhglocken bekleidet, vollführten lustige Tänze. Das Glockengeläut zusammen mit der Live-Band und den dröhnenden Boxen strapazierten das Trommelfell arg.

Erster Platten

In Rijeka, wo ebenfalls Karneval gefeiert wurde, stieg ich in der heruntergekommenen staatlichen Pension (prenociste) ab, die noch aus der sozialistischen Stalin-Ära Titos stammte. Ein grässlicher Block ! Als ich nach einer Dusche mit dem Velo die Stadt erkunden wollte, bemerkte ich einen Platten am Hinterreifen, den ich aber erst spätabends nach dem Restaurantbesuch reparierte. Das Problem war schnell erkannt: mein Velohändler hatte auf meine “Touren-Dampfwalzen” (26 x 1.90 Zoll) filigrane dünne Schläuche, die erst noch für schmale Pneus bis 1.50 Zoll gedacht waren, montiert. Der Reibung gegen die Karkasse des schweren Schwalbe-Pneus hielt der Schlauch nicht stand. Ich ersetzte also diesen durch meinen Ersatzschlauch.

Die unerbittliche Bora

Bald machte ich mit der berühmt-berüchtigten Bora Bekanntschaft: die Bora ist ein stürmisch-kalter Wind aus dem Landesinnern. Zwei Tage plagten mich Gegenwind und orkanartige Sturmböen, die mich ein paar Mal aus dem Sattel rissen. Oftmals musste ich das Velo schieben und konnte kaum noch stehen. Ich wurde hin- und hergerüttelt, aufgehalten, dann wieder angestossen. Im Gebiet um Senj war die Bora fürchterlich und an ein Weiterkommen war nicht zu denken. Im Dorfladen fragte ich nach einem “Sobe” (Zimmer). Die Angestellte telefonierte kurz rum und nach wenigen Minuten kam der Tankstellenwart und nahm mich zu sich nach Hause, wo er mich ohne viele Worte in die Küche führte und mir einen Teller Nudelsuppe und in Kohl eingewickelte Frikadellen, Kartoffeln und Brot servierte. Gastfreundschaft auf kroatisch. Herrlich ! Die Bora tobte indessen die ganze Nacht unermüdlich weiter. Am Morgen stand ich halbherzig auf und nahm den Kampf gegen die Bora erneut auf. Irgendwann am Nachmittag liess die Windstärke nach.

Schreckliche Sehenswürdigkeit

Um den Weg etwas abzukürzen ging ich nicht runter bis nach Zadar, sondern wählte eine Nebenstrasse. Es war bereits um 16 Uhr, ich war ohne Unterkunft, die Abendsonne glühte rötlich. Nichtsahnend bog ich also in diese Landstrasse ein und traf bald in die Ortschaft Islam Latinski ein. Zwar wusste ich, dass ich mich in der Krajina befand, in welchem noch die Gefahr von Landminen herrschte. Doch was ich dort zu Gesicht bekam, war unheimlich. Es lief mir kalt den Rücken runter. Alle Häuser der Ortschaft waren vollständig verlassen, zerbombt, verbrannt, überall Einschusslöcher, Minenwarnschilder entlang der Strasse. Die Stimmung war gespenstisch. Es sah so aus, als hätten hier noch vor wenigen Tagen Bomben und Granaten explodiert und detoniert. Offenbar das Resultat einer ethnischen Säuberung. Ich fuhr einsam durch die folgende Ortschaft, Islam Grcki, welche das gleiche Bild abgab. Dieser Streckenabschnitt wühlte mich auf. Lange noch gingen mir die Bilder durch den Kopf.

Übernachtung im Pfarrhaus

Es war bereits nach 17 Uhr. Ich beeilte mich, in Benkovac einzutreffen. Offenbar verirren sich wenige Touristen hierhin. Es war bereits dunkel und kalt. Ich hatte 120 Km in den Beinen. Ans Zelten war nicht mehr zu denken (abgesehen davon war mir die Lust nach all den Minenwarnschildern auch etwas vergangen). Nach etlichem erfolglosem Fragen nach einem Zimmer blieb mir nichts anderes übrig, als beim Pfarrhaus anzuklopfen. Der Hilfspfarrer bat mich, nach zwei Stunden wieder vorbeizuschauen, bis der Pfarrer zurück sei. In der nahgelegenen Gaststube verspeiste ich eine Pizza. Die Einheimischen schauten mich misstrauisch an. Nach einer Stunde war der Pfarrer da. Er war bereits im Bilde und empfang mich sehr herzlich. Er hatte in Luzern und Wädenswil gewirkt und sprach recht gut Deutsch. Er erzählte mir von seiner Pfarrgemeinde. Von den 4´000 Einwohner sei etwa ein Drittel primar- oder mittelschulpflichtig. Für rund 60 arme Leute sei ein Mittagstisch eingerichtet worden. Vorwiegend ältere serbische Leute, die nicht flüchten wollten. Islam Latinski sei vollständig von Serben bewohnt gewesen. Diese seien von Kroaten vertrieben worden. Er hege gewisse Sympathien für Ante Gotovina, der leider im Hinblick auf die EU-Beitrittsverhandlungen geopfert werden müsse.

Platten Nummer zwei

Gestern wollte ich unbedingt Split erreichen, das ich nach 8 1/2 Stunden Fahrt in der Dunkelheit erreichte. Ich habe heute morgen etwas ausgespannt, den Fischmarkt besucht und den “Palast” des römischen Kaisers Diokletian besucht. Der gewaltige Palast mass ursprünglich 215 x 181 Meter und ist im Mittelalter nach und nach verbaut worden und ist heute ein Viertel mit Läden und Wohnhäusern. Die Schutzmauer ist nur noch teilweise intakt. Gestern abend übrigens traf es das Vorderrad: wieder ein Platten. Das gleiche Problem. Es ärgert mich, denn es wäre leicht zu vermeiden gewesen. Ich habe einen billigen chinesischen Schlauch gekauft, den ich anschliessend montieren werde.

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Erste Eindruecke

Ausspannen in Grindelwald vor der Abreise

Ein lachendes und ein weinendes Auge

Kein einfacher Abschied fuer uns beide

Verschneiter Veloweg am Walensee

Zauberhafte Stimmung auf dem Aufstieg zum
Julierpass

Andy und Regi: Ueberraschung am Julierpass

Herrliche Abfahrt nach dem Bernina-Pass !

Diese zwei freundlichen Ciclisti haben mich ein
Stueck weit begleitet

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Finalmente in Italia !

Nach Savognin nahm ich bestens ausgeruht und gestaerkt den Julier-Pass in Angriff und erklomm inmitten der verschneiten Buendner Landschaft Hoehenmeter um Hoehenmeter. Kurz vor der Passhoehe, als die Wolkendecke aufzureissen begann, begegneten mir Andy Schnyder und seine Freundin Regi. Andy hatte am Vortag ein Konzert in Sils Maria. Nach nunmehr einigen Tagen Alleinsein freute ich mich, nochmals bekannte Gesichter anzutreffen. Andy ueberbrachte mir auch gleich die freudige Nachricht, dass eines meiner Bilder aus Galicien als Cover fuer die naechste CD seiner Band “Voice It” (mit der begnadeten Saengerin Lisette Spinnler aus Wittinsburg) auserwaehlt worden ist. Wenn das nicht tolle Neuigkeiten sind !

Husarenritt zum Julier- und Berninapass

Uebrigens wurde mir jetzt kurz vor dem Pass fleissig zugewinkt oder mit dem Daumen Anerkennung gezollt. In rasanter Abfahrt steuerte ich nach dem Pass St. Moritz an, das ich aber links liegenliess. In Pontresina entschied ich mich nach einer kurzen Rast und nach einem Gespraech mit einem Einheimischen fuer die Weiterfahrt zum Bernina-Pass, der im Gegensatz zum Julier-Pass groesstenteils schneebedeckt, deutlich verkehrsarmer jedoch nicht so anstrengend ist. Es daemmerte bereits, als ich erschoepft den Pass erreichte. Zu meinem Glueck war das Ospizio Bernina, das mit einem “preisguenstige Zimmer”-Schild auf sich aufmerksam machte, offen. Ueber 1’700 Hoehenmeter waren fuer heute genug. Zwar wollte man mir im nicht allzu stark frequentierten, dafuer umso angenehmeren Ospizio zunaechst das teuerste Zimmer anbieten. Nachdem ich aber mit dem Chef reden konnte, erhielt ich ein Zimmer zum Preis einer Uebernachtung im 6-er Massenschlag.

Uebernachtung im Ospizio Bernina

Am naechsten Morgen brach ich nach einem reichhaltigen Fruestuck und nach einem Schwatz mit einem sympathischen Bergfuehrer aus Bayern (der vor 30 Jahren mit dem Velo bis zum Berg Ararat gefahren ist) bei strahlendem Wetter durch die bezaubernde und weisse Bernina-Landschaft. Eine Abfahrt von etwa 30 Kilometern bis nach Tirano auf der italienischen Grenze stand mir bevor. Beim Grenzuebertritt wurde ich durchgewinkt. Eccomi in Italia! Und wieder einmal bewahrheitete sich, wofuer ich Italien mag: man erhaelt ueberall “un buon caffè”. Zum Glueck begnuegte ich mich in Tirano nur mit einem leichten Panino alla Bresaola, denn es ging danach wieder steil rauf zum Skiort Aprica (800 Meter Hoehendifferenz). In Breno suchte ich ein gepflegtes Bed+Breakfast als Nachtquartier aus und stellte in einem leeren Restaurant meinen Verdauungsapparat auf die Probe: Bruschette, gemischter Salat, Gnocchi di patate al gorgonzola, Hirschpfeffer, Polenta, Profiteroles, Wasser, Wein und caffè. Che bella mangiata !

Regentag

Den naechsten Tag fuhr ich praktisch nur in Regen, der zudem immer staerker wurde. Voellig durchnaesst kam ich in Brescia an, wo auf der Piazza Centrale “Ultras” (das sind Leute, die sich sonntags in Fussballstadien austoben) gerade gegen Polizeigewalt in den Stadien demonstrierten (Ausloeser war ein Vorfall im September, an dem ein Fussballfan von Polizisten komareif verpruegelt worden war). Zu meinem Leidwesen fand die Demo vor dem Ufficio di turismo statt, das aber am Samstag Nachmittag ohnehin geschlossen hat (welch eine Schande, da ist ja Aarau noch besser bestueckt!). In einer Tageszeitung vernehme ich vom beschaemenden Auftritt des Reformministers Calderoli, der in einer Fernsehsendung ein T-Shirt mit der umstrittenen Mohammed-Karikatur getragen hat. Man kann nur staunen, von welchem Saupack Italien regiert wird! Ich hoffe sehr, dass sich beim bevorstehenden Urnengang der Faux-Pas fuer die Regierungsparteien raechen wird. Die angespannte Stimmung der extremistischen Muslime ist durch das saubloede und kindische Benehmen des Ministers leider weiter angeheizt worden. Ich hoffe, dass sich mein italienischer Pass waehrend der weiteren Reise nicht nachteilig auswirken wird.

Marathon-Etappe

Von Brescia aus wollte ich unbedingt Castelfranco Veneto (kurz vor Venedig), wo meine Tante lebt, in einem Tag erreichen. Ich startete vor acht Uhr und war nach 80 km kurz nach Mittag bereits in Verona, das ich leider etwas vernachlaessigte. Der anhaltende Regen lud aber nicht unbedingt zu einer ausgedehnten Sightseeing Tour ein. Dopo un bel piatto di pasta (das Essen ist wenigstens eine Entschaedigung fuer den elenden Mordsverkehr in Italien) war keine Zeit zum Ausruhen und ich rechnete mir bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 km/h aus, kurz nach Einbruch der Dunkelheit in Castelfranco einzutreffen. Leider machte mir der Gegenwind einen Strich durch die Rechnung und so kam ich nach 9 1/2 Stunden Fahrzeit und 174 Kilometern erst um 21:30 an. Ohne die zahlreichen schmackhaften Orangen und Mandarinen, die von Sizilianern am Strassenrand feilgeboten wurden, waere ich wohl nicht ueber die Runden gekommen. Diese Etappe wird nicht leicht zu ueberbieten sein. Ich goenne meinen mueden Beinen nun zwei Tage Ruhe und geniesse das Nichtstun und das gute Essen, bevor mich meine Reise nach Venedig bringen wird. Meine Tante hat vergeblich versucht, mich von meinem Vorhaben abzubringen.

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Wieder in Schwung

Zunächst Danke an alle Eure Kommentare, über welche ich sehr erfreut bin und die mich enorm anspornen. Der gestrige Ruhetag in Chur hat mir wohl bekommen. Mein Magen und der gesamte Verdauungsapparat kommen langsam wieder in Schwung. Ich habe mir gestern abend eine Wan-Tan-Suppe und ein Thai-Curry mit extra viel Reis gegönnt. Heute bin ich dann gestärkt um 8 Uhr morgens von Chur Richtung Lenzerheide, Tiefencastel und Savognin losgeradelt und konnte mir endlich am Berg den Kopf “freiradeln”.

Es ging zunächst praktisch über 2 Stunden im Schritttempo rauf. Zwar sind die Geschwindigkeiten nicht berauschend (5-7 km/h bei Steigungen von 9-13 %), sobald man aber den Rhytmus gefunden hat und sich an die Gemächlichkeit und Langsamkeit gewöhnt hat, kann man stundenlang radeln. Unzählige übermotorisierte deutsche Kombis oder Jeeps, vorzugsweise in schwarz und mit Blondinen auf dem Beifahrersitz, haben mich überholt. Gerade drei haben mir zugewinkt.

In Lenzerheide angekommen konnte ich mir einen Euphorieschrei über meine Tagesform nicht verklemmen. Danach gings recht steil nach Tiefencastel hinunter (merde: die verlorenen Höhenmeter wollen wieder erklommen werden), wo ich mir ein währschaftes Menu (Suppe und Spätzliteller) gegönnt habe. Obschon es erst drei Uhr nachmittags ist, habe ich beschlossen, hier in Savognin Halt zu machen. Ich befürchte, dass der Julier-Pass heute zuviel des Guten wäre. Immerhin war ich bereits über vier Stunden auf dem Sattel und dies meist bergauf (1’400 Höhenmeter). Bis zum Pass wären es noch weitere 1’000 Höhenmeter. Für heute habe ich genug geradelt und werde morgen über alle sieben Berge sein. Eigentlich schade, weil der Bruder von Ruth, Andi Schnyder, Schlagzeuger von Beruf, heute einen Auftritt mit seiner Band in Sils Maria hat und mich auf die Gästeliste gesetzt hat.

Das Tourismusbüro stellt gratis Internet während 24 Stunden zur Verfügung. Nach meinen Pizzocherl bin ich also wieder hier und kann nochmals meine Gedanken vollständig zu “Papier” bringen. Nachdem ich heute die erste Bergetappe heil überstanden habe, bin ich für die weitere Fahrt zuversichtlich. Bis gestern hatte ich da noch meine Zweifel. Ich gehe es am Anfang bewusst langsam an und sehe die ersten Wochen als Kraftausdauer-Training.

Noch ist mir nicht ganz bewusst, auf was ich mich da eingelassen habe. Ich konzentriere mich jeweils auf die unmittelbar bevorstehenden Schritte. China liegt in Gedanken noch fern. Es ist mir bewusst, dass einiges passieren kann und ich entsprechend meine Reisepläne werde ändern müssen.

Meine Ausrüstung

Wer sich für diese nicht interessiert, soll an dieser Stelle nicht weiterlesen. Der eine oder die andere wird sich aber fragen, was ich so alles mit mir mitschleppe. Ich fahre ein klassisches 26 Zoll Mountain Bike mit Diamantrahmen aus Chromstahl (MTP Cycletech Papalagi), das ich mir eigens habe zusammenstellen lassen. Die Laufräder hat mir der Meister Gerd Schraner aus Basel in reiner Handarbeit und Perfektion höchstpersönlich gebaut (nochmals vielen Dank !!). Er verwendet Messingunterlagsscheiben und die extradicken Speichen werden mit Metalldraht gebunden und gelötet. Fahrgenuss pur. Mit seinen Rädern hat Ivan Cotti 1997 den Girosieg eingefahren.

Die meisten Komponenten sind Shimano XT. Als Reifen die legendären Schwalbe Marathon XR (schwer und teuer), Gepäckträger aus Chromstahl vorne und hinten von Tubus. Zudem habe ich einiges Werkzeug (Imbusschlüssel. Zange, Kettenpeitsche, Kettennieter etc.) wie auch Ersatzmaterial dabei (Bremsbeläge, Kabel, Schmieröl, Kette, Schlauch, Reifen etc.).

Das ganze Material wird in vier Radtaschen, zwei Packtaschen und einer Lenkertasche verstaut. Ich habe Zelt, einen warmen Winterschlafsack, Seidenschlafsack, Isomatte, Benzinkocher, Pfannen und noch etlichen Kleinkram dabei. Die Bekleidung ist funktionell und für alle vier Jahreszeiten ausgelegt. Am meisten trage ich die langen Velohosen mit Windstopper-Einlage. Wenns zu kalt wird, kommt eine Gore-Tex Hose darüber. Eine Trekkinghose mit abnehmbaren Hosenbeinen darf ebenfalls nicht fehlen wie auch Thermosunterwäsche, Faserpelz, Windstopper-Handschuhe, Gore-Tex-Jacke und -Socken, kurzärmeliges Trikot, Windstopper-Jacke und, und, und… Neopren-Überzüge für die Veloschuhen dürfen auch nicht fehlen. Übrigens bereue ich bis jetzt keine Sekunde, mit Klickpedalen unterwegs zu sein. Die Kraftübertragung ist sehr direkt und erlaubt einen “runden” Tritt.

Die Apotheke ist umfangreich. Erwähnenswert sind die rezeptpflichtigen Medikamente (verschiedene Breitband-Antibiotika, Diamox gegen Höhenkrankheit). Die Impfungen beim Tropeninstitut waren zahlreich (Diphterie, Tetanus, Polio, Hepatitis A+B, Tollwut, japan. Encephalitis, FSME-Encephalitis, Masern, Mumps, Röteln und Abdominaltyphus) und durch meine Reisezusatzversicherung allesamt gedeckt.

Die Strassenkarten habe ich mir alle bereits in der Schweiz besorgt. Die Reiseführer lasse ich mir nach Bedarf nachschicken wie auch zuzsätzliche Diafilme und weiteres Material.

Die Fotoausrüstung ist in der Lenkertasche untergebracht und umfasst eine klassiche analoge Spiegelreflexkamera (Canon EOS 5) mit Zoomobjektiv 28-105 sowie eine Festbrennweite von 20 mm. Dazu Polfilter und Stativ (daher ist meine Velo so schwer !). Ich habe zunächst nur “50” Dia-Filme (Fuji Sensia 100 und Velvia 50) und einige Schwarz/Weiss-Filme mitgenommen.

Na ja, dann gibt’s halt noch den übrigen Kleinkram, der aber auch ins Gewicht fällt: MP3-Player, Handy, Feldstecher, Notizbücher, Stirnlampe, Mini-Aquarellset, etc.

Und jetzt das Wichtigste: der HELM. Ausser beim Berg bei kriechendem Tempo wird dieser immer (oder vielmehr meistens) getragen.

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Abschied nehmen

Letzten Freitag konnte ich nun endlich von meinen Liebsten Abschied nehmen. Für das tolle Zmorge bei Lucio und Toni in der “Bude” sei nochmals gedankt. Der Abschied war wirklich rührend und es hat mich wirklich sehr gefreut, dass Ihr so zahlreich frühmorgens erschienen seid (Lucio, Toni, Flammentoni, Michèle und Niki, Paulo, Fabian, Pietro, Lola, Mama und Ruth … und natürlich Kilian). Nachdem ich mich bei meinem früheren Brötligeber, der Advokatur Gysin und Roth, ebenfalls verabschiedet hatte, konnte meine Reise endlich beginnen.

Ruth hat mich dabei die ersten drei Tage eskortiert. Geplant (oder eben besser gesagt eben nicht …) war ja, dass sie mich bis zum Julierpass begleiten würde. Zwar habe ich mittlerweile einige Velotouren unternommen, doch das enorme Gewicht meines neuen Stahlrosses samt Ausrüstung für vier Jahreszeiten (rund 35 kg Gepäck ohne Proviant) habe ich etwas unterschätzt. Nachdem Ruth und ich in Ormalingen beim Restaurant Schlüssel nochmals richtig zugeschlagen hatten (Cordon Bleu und viel Spätzli für mich), ging es rauf nach Anwil. Der Anstieg war brutal und ich dachte schon, ich schaffe es nicht mehr. Ohne Pause wär’s nicht gegangen. Staffelegg und Saalhöchi waren ebenfalls sehr herausfordernd mit dem vielen Gewicht. Es braucht wohl noch ein bisschen Angewöhnung. Etwas Ballast habe ich auch schon abgeworfen (etwa den Weltempfänger, den ich mühsam in Deutschland bestellt habe, Danke trotzdem Berthold!).

Wir machten Zwischenhalt in Aarau und Metmenstetten (in der Gegend um den Albis), wo wir in einem Bed + Breakfast einkehrten. Der Inhaber entpuppte sich als Heiri Müller (uns bis anhin unbekannt). Für Pferdebessesene: Heiri Müller chauffiert mit seinen zwei “Knaben” (zwei stattliche schwarze Frieser-Pferde) seit 18 Jahren beim jährlichen SCI (Pferdeconcours) während der Siegerehrungen die medaillenüberbringenden Schönheiten. Nebenbei ist er auch noch passionierter Züchter von Schweizer Schecken Hasen.

In Wädenswil am Zürchersee stand dann der härteste Abschied von meiner lieben Ruth bevor. Ich konnte wieder einmal erfahren, dass das Reisen zu zweit sehr viel Spass macht und seine grossen Vorzüge hat. Grazie mille Ruth, sei meravigliosa! Nachdem der Zug abgefahren war, fühlte ich mich richtiggehend verloren und orientierungslos.

Magenverstimmung

Einige werden mich nun schon über alle sieben Berge vermuten. Dem ist aber nicht so. Seit zwei Tagen habe ich ein unglaubliches Völlegefühl und Blähungen. Trotz Schwerarbeit will kein Staubsauger-Bärenhunger aufkommen, wie er bei Velotouren normal sein sollte. Vorgestern ass ich nur die Hälfte der Pasta. Gestern zwang ich mich dann schon richtiggehend, die Teigwaren aufzuessen (wie es mir beigebracht worden ist). Ich übernachtete übrigens auf dem Camping-Platz von Bad Ragaz, welches zu meinem Erstaunen das ganze Jahr offen hat. Offensichtlich war ich der einzige mit Zelt. Kommentar eines Mobilehomes-Bewohners: “ganz ä zäche”. Schön wär’s. Zwar wars draussen minus 5 Grad kalt, in meinem Schlafsack aber wohlig warm. Bis ein Uhr lag ich wach und hatte immer noch einen vollen (unverdaut, wie sich herausstellen sollte) Magen. Ich hielt es nicht mehr aus, kleidete mich an (brrrrrr) und wollte auf die Toilette. Nach wenigen Schritten überkam es mich aber schon und meine ganzen Kochkünste vom Vorabend breiteten sich vor mich aus (igitt). Wenigstens konnte ich dann noch einigermassen schlafen. Die ganze Aufregung und Anspannung der letzten Tage und Wochen hat mir wohl auf den Magen geschlagen.

Heute wollte ich endlich den Julier-Pass in Angriff nehmen. Derart geschwächt war jedoch nicht mehr an ein Weiterkommen zu denken. Nach wenigen Kilometern bereits merkte ich die mir abhanden gekommenen Kohlehydrate. So habe ich mich in Chur in einem gemütlichen Backpacker-Hotel einquartiert und gönne mir etwas Ruhe bis morgen.

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E via si va !

Heute habe ich bei der iranischen Botschaft in Bern vorgesprochen, um die Visa-Angelegenheit zu klären. Mein Antrag ist leider liegengeblieben, da gewisse Angaben angeblich fehlten (die Kästchen habe ich allerdings nirgends entdecken können).

Nachdem ich dem Botschaftsangestellten also wunschgemäss meine Handynummer sowie eine Kopie meines C-Ausweises ausgehändigt hatte, bot er mir sehr freundlich einen Kaffee an und erteilte mir anschliessend das 60-Tage-Visum, dessen Gültigkeit er auf meine Bitte hin noch um einen weiteren Monat auf insgesamt vier Monate verlängerte. Ich werde nun bis anfangs Juni Zeit haben, um in den Iran einzureisen. Hoffentlich werden sich bis dahin die islamischen Gemüter etwas abgekühlt haben und die westlichen Länder ihre allzu rigorose Haltung im Atomstreit überdacht haben.

Ich geniesse jetzt noch die letzten Tage hier in der Schweiz. Meine Freundin Ruth wird mich am Freitag Morgen mutig bis zum Julier-Pass begleiten, allerdings ohne viel Gepäck. Ich freue mich nun riesig auf den Start.

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Startverzögerung

Nein, ich bin noch nicht abgefahren ! Die iranische Botschaft hält noch meinen Reisepass in den Händen, den ich vor über drei Wochen mit dem Visumsantrag samt erforderlichen Formalitäten verschickt hatte. Entgegen den Auskünften, die ich erhalten habe, wonach der Pass in 10 bis 14 Tagen wieder retour sein sollte, warte ich immer noch vergebens darauf. Ohne Pass möchte ich es nicht riskieren loszuziehen und so werde ich noch etwas ausharren müssen.

Angesichts der derzeitigen Unruhen in islamischen Ländern wegen der Mohammed-Karikatur und der Haltung der westlichen Länder, Iran im Atomstreit vor den UN-Weltsicherheitsrat zu bringen, erscheint der Zeitpunkt, ein Touristenvisum für den Iran zu beantragen, nicht gerade ideal. Nichtsdestotrotz: ganz ungelegen kommt mir der verzögerte Start nicht, da ich mir so ein Gehetze in letzter Minute ersparen kann und ich noch in aller Ruhe die letzten Reisevorbereitungen treffen kann. In den letzten Wochen ging es etwas drunter und drüber und ich bin kaum zum Stillstand gekommen. Immerhin konnte ich noch die Rembrandt-Radierungen im Kunstmuseum Basel bewundern und zwei Tage in Grindelwald bei Zimmerlis geniessen. Ich nehme es nun etwas gelassener und hoffe, dass ich bald werde starten können.

Danke

Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich bei all denen bedanken, die mich in irgendeinerweise unterstützt haben und mich “ertragen” mussten. Angefangen von meiner Freundin Ruth, meinen Eltern (la Mamma, die unglaublich leiden muss..), meinen Geschwistern, meinem Zügelteam (grazie mille a Giuseppe, Flammen-Toni, Salvi, Paolo, Lola und Ruth), meinen technischen Helfern (Kilian für den Mechaniker-Lehrgang in natura und Beda für denjenigen auf Papier, Toni für die Eigenkonstruktion eines Bidonhalters und Lucio für die Bereitsstellung von Gerät und Material), der ganzen Advokatur Gysin und Roth für das tolle Abschiedsgeschenk (MP3-Player mit satten 6 Gigabyte, wow!).

Ein grosser Dank gebührt all jenen, die mir zu Kontakten im Ausland verholfen haben (Rahime, Anita M., Moni, Salvi, Oleg, Andy …) und selbstverständlich auch all jenen, die ich im Ausland werde besuchen können und mich vor Ort irgendwie unterstützen werden. Ein Dankeschön all jenen, die am Abschiedsfest für Trank und Speis gesorgt haben und natürlich Flammen-Toni, Toni und Nicola für die tatkräftige Mithilfe bei der vorgängigen Putzaktion. Den “Wildhünden” danke ich dafür, dass sie mir den Raum zur Verfügung gestellt haben. Danke auch allen, die ich jetzt nicht speziell erwähnt habe und mir sonstwie bei meinem Vorhaben Unterstützung geleistet haben.

Übrigens stehe ich in Kontakt mit Roman, der gestern (planmässig) seine einjährige Velotour starten konnte. Roman hat eine ähnliche Route wie ich gewählt und wer weiss, vielleicht werden wir uns unterwegs sogar treffen können.

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