Usbekistan. Now and then.

All you need is plov. Das schien lange die durch den autoritären Herrscher Islam Karimov den Usbeken aufoktroyierte Lebenseinstellung gewesen zu sein. Wirtschaftlich abgeschottet. Politisch isoliert. Einer der repressivsten Staaten weltweit. Als Reisender war man zu Zeiten Karimovs bestenfalls geduldet. An den vielen Checkpoints wurde man jeweils argwöhnisch angeschaut. Und wehe dem Reisenden, der nicht sorgfältig alle Hotel-Registrierungen des OVIR aufbewahrte und bei der Ausreise vorlegen konnte. Damit ist jetzt Schluss. Es ist November 2023. Ich bin gespannt, was sich seit meinem letzten Besuch im Jahr 2006 alles getan hat. In den Kapäuschen der Checkpoints zwischen den Provinzen macht sich gähnende Leere breit. Dafür ist auf den Strassen umso mehr los. Einiges mehr. Touristen sind nun ausdrücklich willkommen und die bürokratischen Hemmnisse abgeschafft.

Back in the U.S.R.R. Das war die Befürchtung, als der Regime-Insider Mirziyoyev nach dem Tod Karimovs zum Präsidenten gewählt wurde. Doch mit seinem Reformwillen meinte er es ernst und verblüffte alle. Das Land, zwar immer noch autoritär aber nicht mehr so repressiv, ist definitiv im Aufbruch. Die Menschen atmen auf, erwachen von der Schockstarre. Eine kuriose unpolitische Tatsache aber bleibt: Usbekistan ist (neben Liechtenstein) das einzige ‚doubly landlocked‘ Land weltweit. Ein Binnenstaat, der ausschliesslich von weiteren Binnenstaaten umgeben ist.

Drive my car. Das meistgefahrene Auto in Usbekistan ist erwartungsgemäss ein Chevrolet. Seit 2008 produziert GM Usbekistan Autos im eigenen Land. Die alten Ladas, Schigulis und Moskvitch sind zwar auf dem Lande noch zahlreich, in den Grossstädten sind sie definitiv am Aussterben.

Get back. Zurück nach Samarkand. Zurück zum Registanplatz. Zurück zum Tatort. Dort, wo 2006, wenige Tage nachdem Italien die Fussballweltmeister feierte, für mich der GAU eintrat: mein Fahrrad wurde gestohlen! Ende Gelände. Das Gepäck hatte ich noch im Guesthouse, doch das Stahlross war weg. Aus der Traum. Und damit fing für mich eine emotionale Achterbahnfahrt an.

Help! ‚They cause more problems than they solve‘, hiess es damals über die Polizei im Reiseführer. Einvernahmen über Einvernahmen. Und ich wurde dann zu einer Falschaussage genötigt, musste mich formell vor laufender Kamera entschuldigen. Es war ein falscher Alarm meinerseits gewesen, unnötigerweise hatte ich für diese ganze Aufregung gesorgt. Die Polizei konnte so ihr Gesicht wahren, ich kam mir wie der letzte Trottel vor und das Rad war weg (hier kann die ganze Geschichte nachgelesen werden: https://ceraldi.ch/2006/07/26/ausgetraeumt/).

Not a second time. Ein zweites Mal lasse ich mich nicht mehr beklauen, habe ich mir damals geschworen. Jetzt bin bin ich aufgeregt, als ich mir in der Abenddämmerung meinen Weg durch die engen Gassen von Samarkand bahne. Schon bald sehe ich das Schild von B+B Bahodir. Es geht neben den Leuchtreklamen der ringsherum wie Pilze aus dem Boden schiessenden Hotels nun schon fast unter. Damals war es ein sehr beliebter Treffpunkt für Reisende. Trotz der harten Matratzen und den kratzenden Badetüchern. Und es ist praktisch so wie damals geblieben! Ich checke im B+B Bahodir. Die drei Söhne von Mr. Bahodir selig führen das Guesthouse weiter. Das Wiedersehen mit den Söhnen ist freudig, sie sind ganz gerührt, als sie die Fotos von ihrem Vater sehen. Sie mögen sich noch gut an den Vorfall erinnern und wir frischen die alten Erinnerung auf.

Das B+B Bahodir ist nur einen Steinwurf vom Registan-Platz entfernt, einer der prächtigsten Plätze Mittelasiens. 17 Jahre später ist hier der Bär los. Es herrscht eine regelrechte Jahrmarktstimmung rund um den Registan. Und das, obschon die Hochsaison vorüber ist. Tretvelos, Leihräder, Elektrotrotinetts in Reih und Glied, Verkaufsstände, Luftballons. Nur mit einem Eintrittsticket darf man den Platz betreten und die Medressen aus der Nähe bestaunen.

Mittlerweile lassen sich Einheimische zwischen dem Registan-Platz und der 800 Meter entfernten Bibi Khanim Moschee in offenen, elektrisch betriebenen Elektrobussen befördern. Manchen ist sogar diese Strecke zu weit.

Der Registan selber darf dann abends als Kulisse für eine kunterbunte Lichtshow dienen, um die Hundertschaft von Schaulustigen bei Laune zu halten. Den zumeist einheimischen Touristen gefällt es offenbar. 2006 war hier nicht viel los. Eine Handvoll europäischer Touristen. Praktisch kein Verkehr und sehr wenig Beleuchtung. Restaurants waren dünn gesät und am besten liess man sich im B+B ein einen Teller Plov kredenzen. Samarkand ist aus dem Dornröschenschlaf erwacht.

Vor allem den Einheimischen, die hier gruppenweise mit Reisebussen unterwegs sind, gönne ich es, dass sie nun endlich ihr eigenes Land bereisen können. Ich kann mich aber glücklich schätzen, diese Denkmäler zu einer anderen Epoche erlebt zu haben.

Nichtsdestotrotz sind die Bauten nach wie vor prächtig. So etwa die Moschee der Bibi-Chanum aus dem 15. Jahrhundert auf Befehl des Herrschers Timur (Tamerlan) erbaut.

Von hier ist es nicht mehr weit zur Nekropole des Shohizinda mit Mausoleen aus dem 9. bis 19. Jahrhundert.

Ticket to ride. Ich stelle mein Velo beim B+B Bahodir ein und nehme den Nachtzug nach Chiwa. Diesmal in der Holzklasse, d.h. mit sechs Betten pro Abteil, die offen sind. Nichts für klaustrophobisch veranlagte oder grosswüchsige Menschen. Seit 2018 gibt es eine direkte Zugverbindung nach Chiwa, vorher musste noch in Urgench für die letzten 30 Kilometer in eine ‚marhsrutka‘ umgestiegen werden.

Chiwa kenne ich noch nicht. Für viele Usbekistan-Reisende ist die Altstadt Ichan Qala der Höhepunkt einer Usbekistan-Reise überhaupt. Es handelt sich um eine Stadtoase von 700 mal 400 Metern, komplett von Stadtmauern umgeben und mit unzähligen Medressen, Moscheen und Palästen verziert.

Die Anlage ist wirklich beeindruckend und ein Freilichtmuseum. Und so schlendere ich durch die Gassen mit den unzähligen Hotels und geniesse, dass nicht mehr so viel los ist wie in den Sommermonaten.

Als ich am zweiten Tag Morgen gemächlich durch die Altstadt spaziere, kommt mir ein Tross von gutgekleideten Menschen entgegen. Ich vernehme ein paar Brocken Italienisch. Ich zücke den Fotoapparat und ein Herr mit weissen Haaren schaut mir in die Augen.

Tatsächlich, es ist der Staatspräsident Italiens, Mattarella, der in Usbekistan auf Staatsbesuch ist.

Nach zwei Nächten in Chiwa geht es mit dem Zug weiter nach Buchara. Auch diese Stadt hat das Schicksal aller Städte mit UNESCO-Kulturgütern ereilt: eine inflationäre Zunahme von Übernachtungsmöglichkeiten, touristische Infrastruktur, Souvenirshops und Touristen ohne Ende. Zu meinem Leidwesen kann das kulinarische Angebot nicht mit der Vielzahl an Unterkünften mithalten.

Buchara hat sich im Unterschied zu Samarkand den Flair der Altstadt erhalten können. Die Stadt ist 2500 Jahre alt, wurde durch Dschingis Khan erobert und zerstört und durch Amir Temur wieder aufgebaut und erlebte unter seinem Enkel Ulg’bek anfangs des 15. Jahrhunderts eine neue Blüte. Freilich nur, bis sie 300 Jahre später durch die Perser wieder zerstört wurde.

Vor Sonnenaufgang begebe ich mich zu einem der Wahrzeichen der Stadt, dem Chor Minor mit den vier Türmen. Ursprünglich war es Teil einer Medresa. Einer der vier Türme kollabierte 1995 und wurde eilig wiederhergestellt, ohne die Richtlinien der UNESCO zu befolgen. Billiger Zement und Stahl wurde verwendet. Das Wahrzeichen von Buchara ist aber nach wie vor das Kalon Minarett. Es steht im historischen Zentrum der Stadt.

Eine positive Überraschung ist das Chor Bakr, eine Nekropole wenige Kilometer von Buchara entfernt. Die Anlage ist zwar nicht ganz so prächtig wie diejenige um das Kalon-Minarett, dafür ist man hier praktisch alleine und nur sehr wenige Touristen verirren sich hierher.

Am späten Nachmittag lohnt sich ein Besuch der Zitadelle Ark, Residenz und Sitz der Khane und Emire von Buchara. Von hier hat man einen erhabenen Blick auf die Altstadt von Buchara.

The long and winding road. Vorgesehen war, von Samarkand über Tadschikistan und den Shahriston-Pass (bzw. -Tunnel) auf 3’300 Meter zurück nach Tashkent zu radeln. Genau die 5 Tage, die ich wegen der Augenlidentzündung pausieren musste, fehlen mir jetzt aber.

Ich lasse es mir aber nicht nehmen, zumindest über das Wochende nochmals nach Tadschikistan und nach Panjikent einzureisen. Es ist nur 60 Kilometer entfernt. Ein Visum ist heute nicht nötig. Unvorstellbar vor Jahren, dass man zwischen den zentralasiatischen Ländern derart unbürokratisch hin- und herreisen konnte.

Das Monument eingangs der Stadt aus Sowjetzeiten hat sich um keinen Deut verändert. Ich buche mir in Penjikent ein Taxi und möchte zumindest einen Ausflug zu den sieben Seen und dem Fan-Gebirge machen.

Einen tristeren und graueren Tag hätte ich mir nicht aussuchen können. Zudem scheine ich am Morgen grippeähnliche Symptome aufzuweisen. Am liebsten hätte ich dem Taxifahrer abgesagt und wäre im Bett liegengeblieben. Aber ich bin nun mal hier, ausruhen kann ich mich später. Immerhin müssen wir nach dem fünften See wegen eines Erdrutsches umkehren und sind dann am frühen Nachmittag schon wieder zurück. Es soll mir recht sein.

Ich haue mich für zwei Stunden aufs Ohr und spaziere danach zur Lenin-Statue und dem Tourist Inn Hotel. 2006 war das die einzige Unterkunft. Ohne Strom und fliessendes Wasser. Mittlerweile sind die Zimmer renoviert und ganz hübsch hergerichtet. Heute gibt es im Bazaar Bananen, Kiwis und Orangen zu kaufen. Damals nur eine Wunschvorstellung. Es scheint sich in Tadschikistan einiges getan zu haben.

Der Rest ist schnell erzählt: ich fahre zurück nach Samarkand. Nächstentags dann mit dem Zug nach Tashkent. Die Mitnahme des Velos ist problemlos. Einen Velokarton habe ich bereits vorher organisiert und hole diesen ab. Und zu meiner Freude werde ich noch zur schweizerischen Botschaft eingeladen.

Von Tashkent fliege ich nach Istanbul, wo ich drei Nächte bleibe. Obschon Ende November ist, wimmelt es nur so von Touristen. Dabei hatte ich es mir etwas ruhiger vorgestellt. Der Glanz scheint in Istanbul etwas abhanden gekommen zu sein. Vielerorts täte der Stadt ein bisschen Renovation gut. Am liebsten halte ich mich auf der Galata-Brücke auf, wo ich die zahlreichen Hobby-Fischer abzeichnen kann.

Das garstige Wetter ist wenig einladend und ich verziehe mich ins grandiose Archäologie-Museum und danach in die „Pudding-Bar“ bzw. dem Lale Restaurant in Sultanahmet, Treffpunkt von Reisenden auf dem Hippy-Trail in den 60-er Jahren.
Noch lange nicht langweilig
Den letzten Beitrag habe ich in Almaty veröffentlicht. Mittlerweile bin ich bereits im 1’800 Kilometer entfernten Chiva in Usbekistan. Höchste Zeit für eine Aktualisierung also.

Die fast 800 km von Almaty bis nach Shymkent sind eher flach und nicht besonders reizvoll. Abgesehen davon, dass es nicht viele Alternativrouten gibt und man auf der Hauptverkehrsachse unterwegs ist. Ich schenke sie mir und stelle dafür die kasachische Bahn auf die Probe. Am Morgen fahre ich zum Bahnhof. Innert 10 Minuten erhalte ich für umgerechnet 20 Franken ein Business-Ticket für den Nachtzug. Danach folgt der wichtigere Teil: der Velotransport. Das entsprechende Büro ist rasch gefunden. Das Stahlross wird gewogen, 5000 Tenge, rund 10 Franken, muss ich berappen und ich soll mich eineinhalb Stunden vor der Abfahrt einfinden. Es klappt alles wie am Schnürchen. Ich vertraue dem Gepäckdienst mein Rad an und warte danach eine knappe Stunde. Mein Schlafabteil im modernen, von Spaniern gebauten Zug, ist rasch gefunden. Alles sehr sauber, weisse Laken, zahlreiche Kontrolleure im tadellosen, blauen Anzug. An Freundlichkeit sind sie nicht zu überbieten. Der Zug fährt pünktlich ab und kommt genauso pünktlich um 5.10 an. Alles in allem: Daumen hoch.

Da ich ein gutes Stück nach Westen gereist bin, ist es nun eine knappe halbe Stunde länger hell am Abend. Und dunkler am Morgen. Allerdings nur bis ich in Usbekistan bin. Dann werden die Uhren wieder um eine Stunde zurückgedreht.

Ich muss nun noch zwei Stunden in der Dunkelheit ausharren, trinke Kaffee, sitze rum und fahre dann irgendwann los, um in der Morgendämmerung eine Stadtrundfahrt zu absolvieren.
Shymkent weist knapp eine Million Einwohner aus und ist ohne besondere Anziehungskraft. Ich möchte hier nur eine Nacht verbringen und dann gleich weiterziehen. Aber nächstentags regnet es Bindfäden. Und mein linkes Augenlid fängt an zu kratzen und schwillt an. Ich ahne es schon: eine Augenlidentzündung oder ein Gerstenkorn. Ans Weiterfahren ist nicht zu denken. Ich sehe bald aus wie Rocky Balboa nach einem Boxkampf. Eine Zwangspause von weitern vier Tagen Krankenbett, bis das Auge abschwillt, ist angesagt. Immerhin habe ich mit dem Hostel Sweet Home, von einer Griechin geführt, ein äusserst saubereres Guesthouse gefunden. Tagsüber schaffe ich es knapp bis in den nächsten Magnum Supermarkt, um ein paar Viktualien einzukaufen und mir dann etwas zu kochen.
In einer Apotheke hole ich mir Augentropfen und eine Augensalbe. Es wird für mich die mühsamste Zeit meiner ganzen bisherigen Reise werden. Noch nicht einmal richtig lesen kann ich. Und es läuft mir Zeit davon, die ich anderweitig gebrauchen könnte. Aber fluchen nützt nichts, es ist kein Beinbruch, ich habe keinen Zeitdruck und zum Glück kann ich irgendwann einmal endlich wieder motiviert starten.

Die Kasachen machen es mir in den drei Tagen bis zur usbekischen Grenze wirklich schwer, sie nicht ins Herz zu schliessen. Von Shymkent geht es zunächst zur Ortschaft Sajam. Sobald ich ausserhalb der Stadt bin, es ländlicher wird und ich der Anonymität entkomme, spüre ich Neugier und der Kontakt zu den Einheimischen ist schnell hergestellt. Schon nach wenigen Kilometern die erste Einladung zum Tee von einem Kasachen, der sein Pferd am Strassenrand zum Grasen ausführt.

In Sajam schaue ich mir rasch die Freitagsmoschee und ein kleines Mausoleum an und werde nochmals eingeladen. Beide Einladungen lehne ich allerdings dankend ab, denn ich will heute weiterkommen. Die Landschaft wird hügelig, ich sammle einige Höhenmeter und kann damit die sehr stark befahrene Verbindungsstrasse Shymkent nach Tashkent umgehen.

Auf 1’000 Metern über Meer, biege ich in einen Trampelpfad ab, stosse mein Rad über Weizenstoppeln und schlage mein Zelt versteckt hinter ein paar Hügeln neben einem Acker auf.

Als ich kochen möchte, dann die Überraschung: die Benzinpumpe des Kochers ist undicht, das Benzin fliesst regelrecht raus, sobald ich Druck erzeuge. Ich reinige alle Teile, fette die Lederdichtung, doch nichts zu machen. Nach einer Stunde, es ist bereits dunkel, gebe ich auf. Das Teil ist kaputt, muss ersetzt werden. Mein nächster Kocher wird nicht mehr von Primus sein, soviel steht fest. Ärgerlich, weil vor der Abreise die alte Pumpe ebenfalls den gleichen Defekt hatte und ich eine neue gekauft hatte. Es gibt dann halt nur Brot, Pferdesalami, Käse und Erdnussbutter zum Abendessen. Mit 14 Grad ist es noch erstaunlich warm, es ist diesig und Vollmond.

Ich fahre dann runter zu einer Ortschaft, wo ich dann auf die ‚Autobahn‘ ausweichen muss, um nicht einen Riesenumweg zu fahren. Jumadulla, ein Restaurantbesitzer Mitte 50, lädt mich dort nach einem kurzen Schwatz zu Laghman und Samosa ein. Nach 14 Kilometern Highway kann ich wieder auf einer normalen Strasse fahren. Es ist zwar noch nicht einmal 15 Uhr, doch die 50 Kilometer bis Tashkent muss ich vertagen. Erstens geht um 17.22 Uhr die Sonne unter. Zweitens muss ich mit Chernayevka den am meisten frequentierten Grenzübergang Zentralasiens passieren. Und drittens habe ich es mir zur Angewohnheit gemacht, bereits um die Mittagszeit in eine Grossstadt reinzufahren. Im Abendverkehr nach einer Bleibe suchen zu müssen und auf die Gefahr hin, von der Dunkelheit überrascht zu werden, ist zu stressig.

Ich stelle mich also aufs Zelten – ohne Kocher – ein. Mehr aus Neugier frage ich in Qazigurt nach, ob es eine gastiniza habe. Es soll eine geben, meint ein Herr. Ob sie offen sei, ist aber fraglich. Ich frage dann nochmals nach. Mels, der gerade mit seiner Familie im Auto losgefahren ist, führt mich dahin, doch die Herberge hat wohl schon vor Jahrzehnten seinen letzten Gast verabschiedet. Kurzentschlossen meint er, ich solle ihm folgen. Er fährt zu seinen Eltern zurück, lädt mich dort ab, weist mir einen Schlafplatz im Essraum zu und verschwindet dann. Sein Name sei übrigens leicht zu merken: Mels wie Marx, Engels, Lenin und Stalin, meint der Elektroingenieur scherzend.

Um 17 Uhr kommt er mit seiner Frau und seinen vier Kindern zurück, heizt mir Wasser auf, damit ich mich waschen kann und die Frau bereitet das Abendessen vor. Eine sympathische Begegnung. Weniger jedoch seine vier riesigen Hunde – zum Glück angebunden oder im Zwinger. Da er und seine Frau am nächsten Tag zur Arbeit müssen, starte ich früh, doch die obligaten Erinnerungsbilder müssen sein.

Keine zehn Kilometer vor der Grenze fährt ein weisser Lada neben mir her und eine Babuschka wie aus dem Bilderbuch streckt mir lächelnd eine 100 Tenge-Note entgegen. Fliegendes Sponsoring.

Mir wird fast ohnmächtig, als ich dann an der Grenze die 200 Meter lange, vierspurige Kolonne von überladenen Vehikeln, Bussen und Autos sehe. Doch ich kann den Trumpf des exotisch anmutenden Radreisenden ziehen und lächelnd fahre ich an allen vorbei. Und muss dann gar nicht so lange anstehen. Nach einer Stunde bin ich durch, habe den Einreisestempel von Usbekistan in meinem Pass, wechsle meine restlichen Tenge in usbekische Som und verlasse den hektischen Ort rasch.
Schon fast fluchtartig habe ich vor 17 Jahren Usbekistan verlassen und mich nicht weiter um einen Termin beim Polizeikommissariat gekümmert (dazu mehr im nächsten Beitrag). Was für ein Unterschied zu 2006, als ich in einem bürokratischen Spiessrutenlauf zwei Wochen in Ankara verbracht habe, um alle meine zentralasiatischen Visas zu sammeln. Heute kann man als Europäer visumsfrei für 30 Tage in alle zentralasiatischen Länder einreisen. Ausser Turkmenistan. Derzeit gibt es noch nicht einmal ein Transitvisum.

Ich bin gespannt auf das neue Usbekistan, mit rund 35 Millionen Einwohnern das bevölkerungssreichste Land in Zentralasien. Seit dem Tod des Autokraten Islam Karimov 2016 und der Machtübernahme durch den neuen Präsidenten Shavkat Mirziyoyev weht ein neuer Wind. Das Land öffnet sich nach innen und aussen. Eine neue Ära hat begonnen. Touristen sind nicht mehr einfach geduldet sondern willkommen.

Tashkent ist nicht mehr weit. Der übliche üble Grossstadtverkehr und bald bin ich in meiner Unterkunft. Ich bleibe nur einen Tag, ziehe an einem ATM eine Million Som, kaufe mir eine Gaskartusche für den Kocher, besuche das historische Museum und fahre gleich wieder los.
Auf der Karte verspricht die Strecke nach Samarkand langweilig zu werden. Flach, oft auf stark befahrenen Strassen. Ich mache das Beste daraus, plane eine Strecke auf Nebenstrassen und einen Abstecher in die Berge und ins Grenzgebiet zu Tadschikistan, vor wenigen Jahren noch unvorstellbar.

Die ersten Tage übe ich mich als Flachland Indianer. Es macht mir Spass, meinem GPS-Trackzu folgen, an Wasserkanälen entlang, durch ländliches Gebiet und durch kleine Dörfer, wo ich oft die Aufmerksamkeit auf mich ziehe. Schnell wird klar, dass auch die Usbeken sehr gastfreundlich sind.

In einem Mini Market möchte ich Brot kaufen. Die Lehrer von der Schule nebenan bringen mir Plov und laden mich zum Essen ein. Es sei ein tadschikischen Dorf, klären sie mich auf. Keine Chance, die Einladung abzulehnen.

Beim Fluss Syrdarja muss ich dann auf die Hauptverkehrsachse wechseln. Nach der Brücke über den Fluss geben sich alle Fischverkäuferinnen ein Stelldichein. Die Fische sind halb geräuchert und riesig.

Zahlreiche Granatäpfel-Stände am Strassenrand sorgen für weitere Abwechslung und ich werde mit Saft und Früchten beschenkt.

Der Fluss Syrdarya entstammt dem Fluss Naryn in Kirgistan, dem ich vor einigen Wochen gefolgt bin und mündet in den nördlichen Aralsee. Ein ausgedehntes Bewässerungssystem, das zu Sowjetzeiten wegen der Baumwollproduktion forciert wurde, entzieht dem Fluss sein Wasser. Die Umweltkatastrophe wurde in Kauf genommen: der Aralsee ist praktisch ausgetrocknet und nur noch ein Schatten seiner selbst.

Bei einem Pumpwerk frage ich den Wärter in seinem Kapäuschen, ob ich nebenan zelten könne. Neben einem alten verlassenen Haus finde ich einen Schlafplatz.

Die Fahrt durch das steppenhafte Gebiet mit ehemaligen Kollektivfarmen ist gar nicht so langweilig und meistens gelingt es mir, auf weniger befahrenen Strassen unterwegs zu sein.

In Zomin ist dann mit dem flachen Abschnitt Schluss. Von hier steigt die Strasse zunächst sanft an, dann geht es richtig bergauf. Unterwegs erhalte ich eine Flasche Bier geschenkt. Bei einem Aussichtspunkt mit Blick auf einen Stausee mache ich kurz Halt. Junge Usbeken mit dem obligaten weissen Chevrolet made in Usbekistan lassen sich mit mir fotografieren.

Wegen der Augengeschichte bin ich etwas in Bedrängnis gekommen mit meinem Zeitplan. Dennoch lasse ich mir den Abstecher in den Zaamin Nationalpark nicht nehmen. Ich habe wenig Informationen darüber gefunden. Es gibt ein paar teure Hotels dort, eine neue Seilbahn. Wandern und Zelten sind aber verboten, es ist militärisches Gebiet an der Grenze zu Tadschikistan.
Ich fahre einfach mal drauf los und schaue, was mich in der Schweiz Usbekistans erwartet. Wenige Kilometer vor dem Checkpoint zum Park finde ein nettes Family guesthouse, genau meine Kragenweite. Ein einfaches Zimmer bei einer Familie, ein freundlicher Gastgeber und zum Abschied erhalte ich Äpfel und Baumnüsse geschenkt.

Ich bin bereits auf 1’300 Metern, nachts ist es kalt, tagsüber angenehm. Ich bezahle beim Checkpoint die Eintrittsgebühr und ab jetzt heisst es nicht zuviel Zeit verlieren und die 40 km und 1’500 Höhenmeter bis zum Nachmittag bewältigen, bevor ich mein Zelt irgendwo aufschlagen darf.
Ein 700 Jahre mächtiger Walnussbaum am Strassenrand hält mich zunächst auf. Die gelb-braunen Herbsttöne gefallen mir sehr. Im Sommer ist es hier sehr grün und angenehm frisch und viel los. Es ist ein beliebter Ausflugsort, um der drückenden Sommerhitze zu entkommen.

Ich gewinne beständig an Höhe und bin dann bald in Zaamin, wo das Sanatorium aus den 70-er Jahren eine markanten Punkt setzt. Hier gibt es neuerdings auch eine Seilbahn, für die ich leider keine Zeit habe.
Nach einer kurzen Mittagsrast fahre ich weiter und bald ist die Passhöhe auf 2450 Metern erreicht. Der Anblick auf der anderen Seite offenbart die Berge zur tadschikischen Grenze. Zwei, drei Kilometer und dann ist Schluss mit dem Asphalt. Offenbar kehren hier alle um und nur die wenigsten fahren hier weiter.

Ein Usbeke rät mir eindringlich ab, weiterzufahren, die Strasse sei zu schlecht (tatsächlich ist die Piste für tadschikische Verhältnisse ausgezeichnet und mit dem Rad sogar ein Hochgenuss). ‚Betreten verboten‘-Schilder spornen mich an, keine Zeit zu verlieren. Ich möchte es nicht darauf ankommen lassen.
Endlich dann bin ich durch, es ist bereits nach 16 Uhr. Auf einer Anhöhe sehe ich Handwerker, die ein neu erstelltes Haus isolieren. Genau auf deren Höhe habe ich meinen ersten richtigen Platten am Hinterrad. Damit hat sich die Frage der Übernachtung auch gleich erübrigt, denn sie bieten mir an, im halbfertigen Haus zu schlafen. Der junge 35 jährige Besitzer Oqilbek kommt vorbei. Er wolle hier ein Hotel eröffnen, in einigen Jahren soll ja die Strasse neu gemacht sein. Die Lokalität ist ausgezeichnet ausgesucht, die Aussicht unschlagbar.

Nun, es wird im kleinen Zimmer eingeheizt, einer kocht und bald wird die erste Flasche Vodka geöffnet und angestossen. Die Stimmung ist gut. Offenbar freuen sich die drei Handwerker über meinen unerwarteten Besuch. Und zwar derart, dass wir am Schluss drei leere Flaschen Vodka entsorgen. Um Mitternacht bin ich sturzbesoffen, anders kann ich es nicht ausdrücken.

Am nächsten Tag starte ich spät, erst um 11 Uhr. Mein Kopf brummt und es fängt gleich mit 500 Höhenmeter Steigung zum nächsten Pass an. Na gut, dann kann ich den Restalkohol noch rausschwitzen. Die Strasse wird wirklich nicht oft befahren und ist teilweise zugewachsen.

Es folgen herrliche 20 einsame Kilometer auf einer recht ordentlichen Piste bis zur ersten Ortschaft. Und schon bald fährt Oqilbek in einem Lada neben mir und lädt mich zum Essen im Haus seines Onkels ein.
Nach einer Stärkung fahre ich dann weiter, damit ich anderntags Samarkand erreichen kann. Die Ortschaften nehmen zu, ein geschützter Zeltplatz schwierig zu finden. Ich frage daher nach Bakhmal in einem Dorf, ob ich irgendwo mein Zelt aufstelle könne. Nicht ganz unerwartet werde ich dann gleich von Shirmad eingeladen. Nun steht mir die Schlussetappe nach Samarkand bevor. Zunächst ein paar Höhenmeter und dann wird es wieder flach.

Nach einem Lavash-Döner in Osmat und einem Schwatz mit Usbeken an einer Strassenkreuzung fahre ich noch zwei Stunden bis Bulungur. Dort möchte ich nochmals kurz etwas Kleines essen, bevor ich die letzten 30 Kilometer nach Samarkand in Angriff nehme. Die Entscheidung wird mir abgenommen. Ich fahre an einem Restaurant vorbei, laute Musik und viele festlich gekleidete Männer winken mir energisch zu. Keine Chance, ich werde schon fast reingezerrt. Eine ‚little wedding‘, eine Verlobungsparty steuert gerade ihrem Höhepunkt entgegen.

Ich werde gleich reich bewirtet und ein bisschen unwohl ist mir schon, verschwitzt, unrasiert und seit fünf Tagen ohne Dusche. Am T-Shirt zeichnen sich schon Slazkrusten ab. Macht nichts! Schon bald lande ich auf der Tanzfläche und schwinge das Tanzbein zu Modern Talkings ‚Cheri cheri Lady‘. Einfach herrrlich. Was für ein Spass! Wenn es am schönsten ist, soll man bekanntlich gehen. Nach einer Stunde verabschiede ich mich. Meine Packtaschen werden noch zünftig mit Früchten gefüllt.

Die Alternativroute schenke ich mir nun, da ich in Verzug bin, und steuere die direttissima zu. Viel Verkehr aber genügend Platz auf der Schulter.

Die Sonne geht langsam unter. Punktlandung. Bei Sonnenuntergang erreiche ich Samarkand und peile den berühmten Registan-Platz an. Erinnerungen an 2006 werden wach, als sich hier ein Drama abgespielt hat. Ich checke, wie damals, gleich um die Ecke im Bed and Breakfast Bahodir ein, ein beliebter Treffpunkt für Reisende. Der Sohn von Mr. Bahodir selig ist erfreut über mein Erscheinen und kann sich noch gut an mich erinnern. Er ist gerührt über die Fotos von seinem Vater, die ich ihm mitgebracht habe.

The Big Apple Zentralasiens

Mittlerweile bin ich in Almaty, der inoffiziellen Hauptstadt Kasachstan angekommen und geniesse das kulinarische Angebot. Aber erstmal zurück nach Kirgistan und Karakol.
Ich starte spät von Karakol, kurz vor Mittag. Es ist sonnig, angenehm. Die heutige flache Etappe wird mit 50 Kilometern kurz werden. Ich möchte vor einem kleinen Pass, einige Kilometer vor der Grenze übernachten.

Dort werde ich in einem Dorf fündig, es gibt ein Homestay uns so kann ich bei Nurlan und seiner grossen Familie übernachten. Als ich mit Nurlan auf der Holzbank vor seinem Haus sitze, flitzt ein anderer Radler an uns vorbei. Ich rufe ihm zu, doch er hört mich nicht.

Macht nichts. Ich werde Alexandre am nächsten Tag begegnen, er hat nach dem Pass gezeltet. Der 33-jährige Maschineningenieur stammt aus der Normandie und ist seit sieben Monaten mit einem Rad am Reisen, das er selber zusammengeschweisst hat (hier sein Blog: https://ltdg-adventure.travelmap.net ). Wir werden bis Almaty zusammen unterwegs sein.

Ça passe ou ça casse. Wir verstehen uns gut und so fahren wir zusammen zur kasachisch-kirgischen Grenze, und ich habe für die nächsten Tage ein Fotomotiv und muss das Stativ nicht aufstellen und mich mühsam in Szene setzen. Obwohl der Grenzübertritt entspannt ist – ich kann 30 Tage visumsfrei einreisen – bin ich doch etwas aufgeregt. Kasachstan, das neuntgrösste Land der Welt, ist für mich Neuland.
Auffällig ist zunächst der Strassenzustand. Es rollt sich hier besser als in Kirgistan. Das Angebot in den Märkten scheint reichhaltiger zu sein. Flach geht es in die erste Ortschaft, wo wir an der Bushaltestelle vor der Moschee einen Mittags-Picknick veranstalten. Auch hier ist die Unsitte verbreitet, an Haltestellen, Monumenten oder schönen Plätzen in geselliger Runde Vodka zu trinken. Dagegen wäre ja nichts einzuwenden, wenn nicht die Flaschen einfach liegen gelassen würden, die irgendwann kaputt gehen und einen Scherbenhaufen hinterlassen.

In der ersten Kleinstadt Kegen kaufen wir zunächst eine SIM-Karte und lassen diese einrichten. Danach fragen wir im Hotel Kegen nach einem Zimmer. Die Dame, die offenbar für ein Taxiunternehmen arbeitet, ist wenig motiviert, wimmelt uns ab und so suchen wir das zweite Hotel auf.
Dort schaffen wir es, uns innert einer Stunde rauswerfen zu lassen. Alexandre geht als erster duschen. Die schicke Duschkabine mit vielen Knöpfen, Hebeln und Lichtern ist leider nicht richtig angeschlossen und so merkt er während des Duschens nicht, dass Wasser ausläuft und ungewollt den Gang und das Nachbarzimmer unter Wasser setzt. Ein aufgebrachter Junge beschuldigt ihn, die Kabinentüre nicht verschlossen zu haben. Ich versuche zu beschwichtigen, doch der Jüngling redet sich in Rage, möchte Schadenersatz von uns. Er erklärt uns beide zu persona non grata. Es ist uns sowieso zu blöde, derart behandelt zu werden. Ruhig packen wir unsere Sachen und gehen zum Hotel Kegen zurück und kriegen diesmal ein Zimmer. Einfach aber zweckmässig.

Unser Plan ist es, den eindrücklichen Charyn Canyon zu besuchen und danach durch ein Naturreservat und über einen 2’800 Meter hohen Pass nach Almaty zu fahren. Den zweiten Teil müssen wir wetterbedingt ans Bein streichen.
Nach Kegen fahren wir gestärkt auf gutem Asphalt Richtung Charyn und bewältigen einige Höhenmeter. Alexandre ist seit dreizehn Tagen ohne Ruhetag unterwegs und macht ‚mauvaise fortune, bon cœur‘, gut Miene zum bösen Spiel. Die Müdigkeit ist ihm langsam anzumerken.

An einem Parkplatz zieht ein Falke die Aufmerksamkeit auf uns. Ich habe Mitleid mit dem Besitzer, meine zu glauben, dass er den ganzen Tag untätig rumsitzen muss und lasse mich für 3’000 Tenge (rund 5 Euro) fotografieren. Danach fährt ein rappelvoller Touristenbus vor und belagert die Stätte und steht dort regelrecht Schlange.

Wir verziehen uns rasch, fahren die letzte Steigung hoch. Jetzt geht’s runter, der Charyn Canyon wartet auf uns. Nicht nur der. Sondern auch ein visitor center, ein Restaurant, eine Imbissbude und unzählige Touristen. Vor 17 Jahren, als Kathrin und Andreas, Freunde aus der Schweiz, die ich auf dem Pamir seinerzeit kennengelernt habe, dort waren, muss es noch ganz ruhig und beschaulich zu und her gegangen sein. Andreas, von Beruf Fotograf, hat einige sehr schöne Bildbände publiziert, die man hier bestellen kann: https://www.maisoncatalina.fr/de/bestellung.html (übrigens betreiben nun Kathrin und Andreas ein tolles B+B unweit von Montpellier!).

Nicht weiter schlimm, denn die Touristen verziehen sich alle am Abend und wir geniessen das Privileg, mit dem Rad durch das ‚Valley of Castle‘ fahren zu dürfen und beim Fluss zu zelten.
Dort versuche ich mich etwas in der Nachtfotografie und mein drittes Bild ist ein Glückstreffer. In doppelter Hinsicht, weil die Bildkomposition stimmt.

Am nächsten Morgen, es ist Freitag, der 13., stehe ich früh auf, um den Sonnenaufgang zu erleben. Als ich zurück beim Camp bin, ist es schon diesig und es zieht ein unsäglicher Wind auf. Es wird ungemütlich. Wir verdrücken rasch unser Müsli und packen zusammen. 2.7 Kilometer und 250 Höhenmeter zum Aufwärmen. Am Schluss veloschiebend. Der Preis für die Übernachtung am Fluss.

Danach 9 Kilometer bis zur Abzweigung zur Hauptstrasse. Der Wind pfeift uns frontal ins Gesicht und wir benötigen tatsächlich über eine Stunde für dieses kurze Stück. Die nächste grössere Ortschaft ist rund 70 Kilometer entfernt. Wir beraten uns. Derart gegen den Westwind anzutreten, macht keinen Sinn, ausser man ist wirklich masochistisch veranlagt. Zudem verheisst der Wind schlechtes Wetter, in Almaty regnet es bereits. Zähneknirschend müssen wir in den sauren Apfel beissen und wie begossene Pudel stehen wir also am Strassenrand, den Daumen hochhaltend.

Nach einer halben Stunde hat der Fahrer eines leeren Kleinbusses Erbarmen mit uns und nimmt uns bis Shelek mit.

Dort ist es bereits sehr bewölkt und frisch. Bald fängt es an zu regnen. Wir müssen hier einen Tag im Hotel Rosa zwangspausieren. Ein anderes französisches Radlerpaar hat sich ebenfalls hier einquartiert. Viel unternehmen kann man in dieser Ortschaft nicht, ausser eine Runde um den unattraktiven Basar zu drehen, Laghman zu essen und Tee zu trinken. Es wird praktisch den ganzen Tag lang regnen.

Endlich geht es weiter. Den Plan mit den Bergen haben wir ja schon begraben, es hat stark geschneit. Auffallend in Shelek sind übrigens die oberirdischen Gasleitungen.

Wir finden eine ruhige Nebenstrasse südlich der zwei Hauptachsen, die nach Almaty führen. Dort sind wir dann fast ganz alleine und begegnen einigen Reitern mit ihren Herden.
Wir möchten nochmals wild zelten, bevor wir in Almaty ankommen. Sicherheitshalber steuere ich eine Stunde vor Sonnenuntergang in Qarakemer den Dorfladen an, um dort nach Wasser zu fragen. Dem Wasser vom Fluss traue ich nicht und wir wissen ja nicht, wo wir zelten werden.

Es findet gerade Inventur statt und die beiden Verkäuferinnen Natalia und Natalia haben eine helle Freude an uns zwei durchgeschwitzten Radlern. Wir bekommen Vodka und Speck serviert. Es läuft laute Rockmusik. Zum Abschied gibt es umsonst Schokolade, Brot und Bier. Die lebensfrohe Natalia senior lacht über ihren Buckel. Ihre Lebensfreude lasse sie sich deswegen nicht nehmen, scherzt sie. Der Kurzbesuch in diesem Laden ist der Aufsteller an diesem Sonntag.

Endlich fahren wir los. Die letzten Sonnenstrahlen sorgen für ein paar schöne Stimmungsbilder. La pomme est pour le vieux singe. Soviel Zeit muss sein. Ein Zeltplatz ist rasch gefunden. Unter einem grossen Baum, geschützt vor dem Nachtfrost, schlagen wir unsere Zelte auf. Ein paar Hunde bellen in weiter Entfernung und der Muezzin ruft zum Gebet auf.

Die letzten 20, 30 Kilometer bis Almaty sind nervenaufreibend. Der Verkehr nimmt zu und wir versuchen, die grossen Achsen zu vermeiden. Doch viele Lastwagen und SUV’s kommen uns gefährlich nahe. Schon am Morgen berührt uns ein SUV beinahe und wir erschrecken beide. Ich zeige dem Fahrer den Vogel. Dieser hält am Strassenrand an und wartet auf uns. Wie nett von ihm. Was das soll, gibt der bärtige, rund 30-jährige, bärtige Typ in Latschen uns zu verstehen. ‚Normalni‘, alles fein meint er. Nein, schön ist es nicht, was ich gemacht habe. Was er getan hat, ist auch nicht schön aber vor allem lebensgefährlich. Er merkt es mir an, dass ich da keinen Spass verstehe und zieht von dannen.

Almaty. Elektrotrotinetts, Hunde an der Leine, Nagel- und Kosmetikstudios, ein reichhaltiges gastronomisches Angebot: die fast Zwei-Millionenstadt ist europäisch geprägt. Mit dem Zentralasien, das ich im Wakhan-Korridor oder im Pamir erlebt habe, hat es nicht mehr viel gemeinsam.

1997 hat Almaty den Status als Hauptstadt verloren, ist aber immer noch das geschäftliche, wissenschaftliche und kulturelle Zentrum des Landes. Für Alexandre ist hier erstmal Schluss. Er packt seine Satteltaschen und wird nach Bangkok fliegen, um dort seine Reise fortzusetzen.

Die Tage verbringe ich mit Museumsbesuchen, zeichnen und schlendern. So besuche ich etwa das Museum für Volksmusikinstrumente, das ganz aus Holz gebaut ist. Und gleich beim Park der 28 Panfilowzy (Soldaten) kann die wuchtige Skulptur bewundert werden. Diese ist in Andenken an eine 28-köpfige Infanterie aus Almaty errichtet worden, die im 2. Weltkrieg getötet wurde.

Dahinter ist die russisch-orthodoxe Holzkathedrale aus dem Jahre 1907.

Almaty heisst auf kasachisch ‚Vater des Apfels‘ in Anlehnung an die Apfelplantagen. Eine Sorte sticht hier heraus: die grossen Aport-Äpfel, von denen es leider in der Gegend nicht mehr allzu viele gibt. Die meisten Grundstücke, auf denen der Apfel wuchs, sind mittlerweile verbaut worden.

Die Orientierung ist einfach in Almaty. Aufwärts heisst Süden Richtung Ile-Alatau-Gebirge und abwärts Norden. Die Strassen sind streng in Nord-Süd-Richtung angelegt, damit die frische Luft von den Bergen besser zirkulieren kann.

Auffallend viele Bäume hat es zudem in der Stadt, die wegen der vielen Auto-Abgase nicht zu den saubersten gehört. In Zentralasien, wo es im Sommer wegen des kontinentalen Klimas jeweils sehr heiss wird, weiss man, wie man sich dagegen schützt. Viel unversiegelter Boden, Wassergräben, Bäume und Sträucher. Helle Fassaden. Bäume und nochmals Bäume. Vielleicht wird man sich in ein paar Jahren in Europa vermehrt vom zentralasiatischen Städtebau inspirieren lassen. Im Mikrorajon Samal 1 wuchern Bäume und Sträucher um die Wette. Wilde Ecken inmitten einer Grossstadt. Es muss nicht immer perfekt sein.

Ein Besuch im ‚grünen Basar‘ darf nicht fehlen. Dieser muss sehr sehenswert sein, habe ich gelesen. Absolut, einer der aufgeräumtesten, übersichtlichsten und attraktivster Basare, die ich hier in Zentralasien gesehen habe. Und mit Stil. Alle Verkäuferinnen, Metzger und Fruchthändler tragen die gleiche weiss-grüne Uniform.

Klassische Gerichte wie Plov oder Laghman gibt es hier für einen Apfel und ein Ei, umgerechnet zwei bis drei Franken. Für mich heisst es nun, während meiner Reise eine Zugreise anzutreten. Ich werde mit dem Nachtzug nach Shymkent fahren und eine flache und wenig spannende Strecke von 700 Kilometern überspringen.

Herbstzeit in Kirgistan

Meinen letzten Reisebericht habe in Jangi Talap am Fusse des auf 3000 Metern liegenden Bergsees Song Köl geschrieben. Wegen Regenfällen blieb ich dort etwas ‚hängen‘. Ein anderer Radler kam dort runter und berichtete davon, dass es in der Nacht geschneit habe und zeigt mir Fotos.

Da es wieder stark regnet (und am Song Köl schneit) sehe ich davon ab, den Moldo Pass in Angriff zu nehmen. Es geht also in einem Tag Richtung Westen durch ein sehr weites Tal bis nach Naryn. Unterwegs lässt sich eine Herde von baktrischen Kamelen, auf Deutsch Trampeltier, durch meine Anwesenheit nicht aus der Ruhe bringen. Endlich kann ich sie von der Nähe begutachten.

In der Abenddämmerung erreiche ich das auf 2’050 Metern gelegene Naryn, eine Stadt an der Seidenstrasse mit rund 41’000 Einwohnern. Von hier führt eine Strasse über den Torugart-Pass nach China. Heute die wichtigste Verbindungsstrasse zum grossen Nachbarn. Die Stadt ist mit rund 14 Kilometern extrem langgezogen. Ein wirkliches Zentrum ist nicht auszumachen. Trotzdem finde ich dank GPS ein nettes Guesthouse. Es ist bereits dunkel.

Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, in den Städten die lokalen Museen zu besuchen und das Kulturprogramm etwas zu pflegen. Sonntags sind diese aber häufig leider geschlossen. Die Besitzerin meiner Unterkunft ist zufälligerweise die Museumsdirektorin und als sie mein Skizzenbuch sieht, lässt sie das Museum an diesem Sonntag eigens für mich öffnen.

Die nächsten Tage soll es schön bleiben. Also nichts wie los Richtung Tien Shan Gebirge. Wobei ich mich im Grunde genommen schon in dieser Grosslandschaft befinde, die vereinfacht gesagt von der Kysilkum-Wüste und dem Ferghana-Tal im Westen, dem Karakorum, dem Tarim-Becken mit der Taklamakan-Wüste im Südwesten und der Dschungarei begrenzt wird. Fast 2’500 Kilometer lang.

Der Tien Shan ist in mehrere, langestreckte Gebirgszüge mit Höhen bis über 7’000 Meter unterteilt, zwischen denen ausgedehnte Hochebenen bestehen. Das 198’000 Quadratkilometer umfassende Kirgistan befindet sich fast vollständig im Tien Shan. Mit rund 6 Millionen Einwohnern ist das Land eher dünn besiedelt. Der höchste Punkt des Landes ist der Khan Tengri mit 7’010 Metern an der Grenze Kasachstan, China und Kirgistan. Vom Khan Tengri aus führt der südliche Inyltschek-Gletscher, der weltweit grösste Gletscher ausserhalb der Polarregionen sage und schreibe 60 km westwärts.

Aus Schweizer, ja sogar aus Baselbieter (und genau genommen auch aus Schwarzbubenländerischer) Sicht ist der Khan Tengri, der nördlichste Siebentausender, bemerkenswert. Die Drittbesteigung erfolgte nämlich unter anderem durch Lorenz Saladin aus Nuglar-St. Pantaleon, einen Steinwurf von meiner Heimatgemeinde Liestal entfernt. Und endete leider tödlich für ihn beim Abstieg. Die (leider auch) jung verstorbene Annemarie Schwarzenbach hat die Fotos Saladins aufbereitet, recherchiert und ein Buch über seine Expedition geschrieben (https://www.sac-cas.ch/de/die-alpen/einfacher-bursche-und-reiche-tochter-18162/). Zurück zur Gegenwart. Während es im Sommer hier sehr grün ist, zeigt sich die Landschaft nun in warmen Herbstfarben. Die Farben Ocker, Gelb und Olivgrün dominieren die Landschaft. Im Kontrast dazu der blaue Himmel und die schneebedeckten Berge im Hintergrund. Die meisten touristischen Jurtcamps haben ihre Zelte jedoch bereits abgebrochen.

Bei einem Yurtcamp stehen die Jurten zwar noch, aber es ist alles verschlossen. Ich zelte nebenan, habe eine grüne Wiese, fliessendes Wasser, Tisch und Bank und meine Ruhe. Bis ein weisser Lada vorbeifährt. Die zwei Herren sehen aus wie Förster oder Jäger. Wer sie sind und was sie dort machen, weiss ich nicht. Sicherheitshalber frage ich den stämmigen und sympathischen Adam und seinen Freund Karim, ob es in Ordnung sei, hier zu zelten. Sicher doch. Ich könne auch in einer Jurte schlafen. Ohne Teppiche ist es dort aber nicht gemütlich und ich ziehe mein Zelt vor. Sie beschenken mich mit Gemüse, begutachten detailliert meine Ausrüstung und überzeugen sich davon, dass ich nicht kalt haben werde in der Nacht.

Die Nacht wird zwar kalt werden und das Wasser gefriert in den Trinkflaschen ein. Doch sobald sich die ersten Sonnenstrahlen zeigen, wird es wieder angenehm. Zum Radeln reichen mir tagsüber die kurzen Hosen aus.
Adam gibt mir am Vorabend zu verstehen, dass ich in der Ortschaft Oruk Tam nach seinem Bruder Kanat fragen und ihm das von uns dreien geschossene Foto geben soll. Gesagt, getan. Und so komme ich zur Mittagszeit zu einer warmen Mahlzeit. Der Bruder ist zwar nicht anwesend, aber seine Frau und die Töchter sind zu Hause und scheinen über meinen Besuch nicht überrascht zu sein. Ich bewege mich nun zwischen 2’300 und 2’700 Metern. Es geht auf und ab und ich sammle fleissig Höhenmeter. Die Landschaft erinnert zunächst an das Graubünden.

Mit zunehmender Höhe verschwinden die Birken und Tannen und ein karges, weites Hochgebirge verschafft sich Platz.

Riesige Herden von Schafen und Pferden sehen von weitem wie Ameisen aus. Der Fluss Naryn gibt die Richtung vor und sorgt für wunderbare Bilder.

Gegen Abend erreiche ich eine Anhöhe mit Blick auf den Fluss Bolgart.und den gleichnamigen Weiler.

Dort gibt es sogar Zimmer und ich kann dort schlafen. Nächstentags geht es dann ausgeruht weiter.

Bei meiner Durchschnittsgeschwindigkeit im tiefen zweistelligen Bereich sind die 65 Kilometer bis zur Passhöhe nur unter Zeitdruck zu schaffen, zumal die Tage recht kurz sind. Zudem ist es dort zum Zelten wohl nicht geeignet. ‚Prendre son temps est le meilleur moyen de n’en pas perdre‘, lautete schon das Motto des Reiseschriftstellers Nicolas Bouvier. Vor allem möchte ich nochmals eine Nacht im Hochgebirge verbringen und die Abgeschiedenheit in dieser Höhe geniessen.

Nicht so hingegen ein junger britischer Radler. Er möchte unbedingt noch über den Pass. Wir furten über einen Fluss und er zieht dann eilig weiter, während ich an der Sonne ein Brot mit Erdnussbutter, Käse und eine Birne verspeise. Das Wetter scheint trotz einiger Wolken zu halten.

An einem windgeschützten Plätzchen auf 3’400 Metern finde ich ein ebenes Stück Gras, das gerade so Platz für mein Zelt hat. Die Aussicht: ganz grosses Kino.

Die Nacht ist mit minus sieben Grad erträglich. Kurz nach Sonnenaufgang wärmt die Sonne bereits das Zelt und ich freue mich, noch die restlichen 500 Höhenmeter bis zum Tossor Pass auf 3’896 Metern zu radeln, die letzten Meter dann eher das Velo schiebend.

Dass nun Wolken aufziehen und es merklich kälter wird, kann mir egal sein. Ich habe den Pass erreicht, esse meine tiefgekühlte Banane und runter gehts. Bin zufrieden, dass ich es um diese Jahreszeit noch über einen so hohen Pass geschafft habe.

Sagenhafte 2’200 Höhenmeter mit nur sehr wenigen Pedalteltritten bis runter zum Yssik-Kul See. Eine Downhill Abfahrt, die seinesgleichen sucht. Und die äusserst zahlreichen und schreckhaften Yaks suchen jeweils panikartig das Weite, wenn ich heranrausche und mich mit Interjektionen lauthals bemerkbar mache.

In Tossor kann ich endlich mein Zelt trocknen und ein Guesthouse suchen.Die Etappe bis Karakol wird nicht zu den schönsten gehören. Eine Überführungsetappe sozusagen, in der es darum geht, die 100 Kilometer möglichst rasch runterzuspulen.

Sie beinhaltet zudem eine ‚Pantalonade‘, wie es im französischen Jargon heisst. Durch das wechselhafte Wetter bedingt ziehe ich mein ganzes Sortiment an Kleidern an und aus. Unterwegs fährt mir eine Radlerin aus Litauen entgegen, ein kurzer Schwatz und schon geht es weiter.
Am Morgen erheische ich noch einige Blicke zum Yssykköl. Die Besonderheit des grössten Gebirgssees nach dem Titicacasees in Südamerika liegt darin, dass er trotz seiner Höhe von über 1’600 Metern und Temperaturen von minus 20 Grad im Winter nie zugefriert.

Es ist Erntezeit und überall sieht man Berge von Äpfeln, Birnen und Kartoffelsäcken am Strassenrand aufgereiht. Alles in allem schlage ich mich gut durch bis Karakol, trotz des doch starken Verkehrs und einiger nähesuchende Vehikel. Ich werde oft vom Asphalt abgedrängt und fahre am Schluss auf der Piste nebenan.

Gegen Abend zeigt sich dann doch kurz die Sonne und sorgt für das klassische Dilemma. Eigentlich möchte ich raschmöglichst mein Tagesziel erreichen. Doch ich kann nicht anders als anzuhalten und bei diesen wunderbaren Lichtstimmungen ein paar Aufnahmen zu machen. Vorzugsweise mit Ladas oder einem alten Gaz-Truck drauf. Es wirkt pittoresker.

Ein glücklicher Zufall ist, das ich am Samstag Abend in Karakol ankomme und sonntags jeweils der berühmte Viehmarkt stattfindet. Einziger Wermutstropfen: er fängt schon in der Nacht an. Also rasch einchecken, duschen, essen und schlafen gehen.

Von ganz Kirgistan reisen die Tiertransporte hier bereits am Samstag Abend an, um sich einen guten Platz im Bazaar-Gelände zu ergattern.
Ich laufe um 5 Uhr los, es ist still, dunkel, null Verkehr. An einer Kreuzung biegt ein Lada ab. Zu dieser Zeit fährt man noch nicht zum Bäcker sondern einzig zum Bazaar. Ich kann mitfahren und erspare mir 30 Minuten Gehzeit.

Es herrscht ein regelrechtes Gedränge. Autos und Kleinlaster verrichten Millimeterarbeit, um durchzukommen. Zunächst passiere ich die Fraktion der Fettschwanzschafe.
Es folgen die Pferde und danach die Rinder und Kühe. Bei den Pferden halte ich gebührenden Abstand. Bei den Kühen ist dies nicht möglich. Ich komme mir vor wie an einem Openair.

Bei Sonnenaufgang herrscht so etwas wie Festivalstimmung. Als hätte man die Nacht durchgezecht. Viele sind vom weiten Weg und vom Ausharren müde. Bei Tageslicht und im Gedränge ist man dann plötzlich wieder hellwach, trägt aber eine gewisse Müdigkeit mit sich.

Ich bahne mir den Weg durch die Menschenmenge und das Vieh. Wenn man Pech hat, entleert dieses gerade seinen Darm.

Es ist ein gesellschaftliches Erlebnis, eine jahrhundertealte Tradition. Die Tiere werden penibel genau begutachtet. Es wird verhandelt, gescherzt, Geldscheine werden gezählt. Man läuft umher schaut sich die Tiere an. Eine prächtige Kuh kostet dabei rund ‚doksan besch‘, diese Zahl höre ich am häufigsten. Will heissen 85’000 Som, also etwa rund 850 Franken.

Zwischendurch suche ich die Esstände auf, trinke einen Kaffee und Mantis. Dort sind ein paar Gäste über dem Tisch eingeschlafen. Das Ereignis dauert bis etwa 10 Uhr, dann fängt sich die Masse an zu lichten und die ersten Mercedes-Transporter mit den neu erstandenen Tieren starten ihren Motor und produzieren eine Wolke von Abgasen. Nicht allen Tieren passt das.

Waren die Tiere während der Schau ruhig, herrscht nun plötzlich Aufregung. Es wird um die Wette gewiehert, geblökt und gemuht. Gewissen Pferden merkt man, dass ihnen auf dem neuen Transporter unwohl ist.

Karakol hat rund 69’000 Einwohner und macht einen aufgeräumten Eindruck. Die Strassen sind grosszügig angelegt, grösstenteils neu asphaltiert, ebenso die Gehsteige. Die Stadt ist Ausgangspunkt für Trekkingtouren in die umliegenden Berge. Möglicherweise stammt der Wohlstand von der nicht allzu weit liegenden Goldmine Kumtor.

Karakol nennt auch auch ein kleines Ortsmuseum ihr Eigen, auf das ich mich besonders freue. Es beherbergt nämlich eine Dauerausstellung mit Original-Fotografien der Genferin und Reiseschriftstellerin Ella Maillart, die 1932 Zentralasien bereiste. Und damit schliesst sich sozusagen der Kreis zu Lorenz Saladin. 1939 fuhr Maillart zusammen mit Annemarie Schwarzenbach in einem Ford von Genf nach Kabul. Kirgistan und die Schweiz. Die Entwicklungsorganisation Helvetas ist hier schon seit Jahrzehnten präsent. Neuerdings fördert die Schweiz hier den Wintertourismus.

Die Dauerausstellung ist von ausgezeichneter Qualität. Ich bin begeistert und kann mich an diesen alten Fotos kaum sattsehen. Die Museumsdirektorin vertraut mit dann an, dass sie im Besitz der alten Kamera von Maillart sei und ich darf diese dann auch in die Hand nehmen.

Die zwei Ruhetage in Karakol gehen rasch vorbei. Ich komme kaum zur Ruhe, mache meine ganze Wäsche, reinige mein Rad, erstelle ein Backup meiner Bilder, kaufe Esswaren ein, plane die Weiterfahrt.

Ach ja. Und man kann nicht Karakol verlassen, ohne Ashlan Fu probiert zu haben. Eine kalte würzig-scharfe Suppe mit Glasnudeln, Laghman, Gemüse und Fleisch. Sie ist derart populär, dass es sogar eine ‚Ashlan-Fu alley‘ hier gibt. Das Gericht wurde von Dunganen, chinesischen Muslimen, Ende des vorletzten Jahrhunderts importiert, als sie in Karakol Zuflucht fanden.
Kirgistan – Pferde und Pässe

Kirgisen mögen ja ausgezeichnete Reiter sein. Hinter dem Steuer eines Farzeuges hingegen brillieren sie nicht. Nach einigen Ruhetagen in Osh, in denen ich mir die grösste Mühe gebe, mich durch die Speisekarten der besten Restaurants rauf und runter zu essen, breche ich von der zweitgrössten Stadt Kirgistans gestärkt auf. Etwas Gesellschaft leisten mir in Osh dabei eine Radlerin aus Basel, Ann, und Martin aus England. Beide habe ich auf dem Pamir kennengelernt. Beide werden den Flieger zurück in die Schweiz bzw. nach Georgien nehmen.

Die Etappe wird lange, doch die Beine sind ausgeruht. Der Anstieg nach Özgun kann mir nichts antun. Die Stadt ist zur Mittagszeit lebhaft. Rasch ein Teller Manti und eine Krug Grüntee in einer Oschchona und schon geht es weiter.

In Dschalalabat finde ich nach etwas Umherirren endlich eine Unterkunft am Stadtrand. Ein Zentrum ist in der drittgrössten Stadt des Landes nicht wirklich auszumachen. Wirklich sehenswert ist sie nicht. Zusammen mit einem anderen Reisenden aus Ungarn lassen wir uns ein Jandex-Taxi bestellen, das Pendant zu Uber, um im nobelsten Restaurant essen zu gehen. Das Taxi, alles andere als nobel: ein Daewoo Matiz mit einem Gewicht ungefähr eines F1-Wagens. Meine Wenigkeit nimmt auf dem Beifahrersitz Platz. Kurz vor dem Aurum Restaurant biegt der Daewoo abrupt nach links ab, als in der stehende Kolonne auf der Gegenfahrbahn eine Lücke aufgeht. Ein Verkehrsrüpel meint, die Kolonne rechts in hohem Tempo überholen zu müssen und ich sehe ihn direkt auf mich zufahren. Auweia. Eine Knautschzone gibt’s ja beim Daewoo anders als bei einem F1-Boliden ja praktisch nicht. Es knallt. Zum Glück trifft er dann nur das Hinterrad und wir steigen unverletzt aus. Während sich die zwei Fahrer gegenseitig anschreien, verlassen wir die Unfallstelle. Die sollen das untereinander ausmachen.

Das Wetter ist nun etwas unbeständig und es schneit auf den hohen Pässen. Der Kyzilart Pass, den ich vor einigen Tagen befahren habe, ist bereits im weissen Kleid. Von Djalalabat möchte ich Richtung Nordosten über die Fergana Bergkette fahren. Es gibt nur einen Passübergang und dieser sei stark verschneit, heisst es. Touristen mussten mit ihrem Jeep umdrehen. Nun, es ist schwierig an aussagekräftige Informationen über den Strassenzustand zu gelangen. Ich fahre einfach mal los.

Die Kirgisen mögen vielleicht etwas zurückhaltender als die Tajiken bzw. die Pamiri sein, dennoch werde ich immer wieder mit Äpfeln, Bananen oder dem feinen Brot beschenkt, das frisch aus dem Ofen mit Erdnussbutter oder Nutella besonders fein mundet.

An der Kreuzung zur Passstrasse verschränken alle die Arme. Zuviel Schnee. Hüfthoch. Ich solle über die neue Strasse mit dem Tunnel fahren. Der Tunnel ist aber gar noch nicht fertig gebaut und die Chinesen dort werden mich sicher nicht mit offenen Armen empfangen. Ich fahre also weiter Richtung Pass, mache aber zunächst bei der letzten Ortschaft Halt.

Im Homestay wird ebenfalls nur der Kopf geschüttelt, ich könne es ja gerne probieren. Tatsächlich hat es zünftig geschneit. Doch bekanntlich schmilzt Schnee an der Sonne. Und am nächsten Tag halte ich einen Kleinlaster an und frage den Lenker, wo er denn hinfährt. Nach Kasarman, heisst es. Ausgezeichnet! Das heisst, dass es einige wieder über den Pass wagen. Die Gegend ist bekannt für die Walnuss-Wälder und es ist gerade Erntezeit. Der Anblick von richtigen Wäldern ist schon fast ungewohnt für mich.

Chaotische, ja dramatische Szenen dann auf den letzten zwei Kilometern am Pass. Ein Lada ist in eine Grube gestürzt, das Hinterrad hängt in der Luft.

Zwei Kleinlaster stecken fest, nachdem sie ins Schlingern geraten sind. Schaufeln werden geholt. Die Arbeiten müssen dann unterbrochen werden, als sich eine riesige Herde von Schafen die Vorfahrt erzwingt.

Behelfsmässig werden die abgelaufenen Pneus mit Seilen, Plastik und Weiss-Gott-Noch-Womit abgekleidet. Einzig Ketten sind nicht mit von der Partie. Dabei wäre mit solchen die Fahrt ein Kinderspiel gewesen.

Eine Familie versucht von der anderen Seite mit einem Audi A100 ebenfalls ihr Glück. Doch die Vorderräder drehen durch. Selbst Walter Röhrl zu seinen besten Zeiten hätte mit diesem Vehikel seine liebe Mühe gehabt. Der Kalpakträger fleht einen Touristenjeep an, ihn doch ‚tschüt-tschüt‘ zu ziehen, nur ein bisschen. Die zwei Kinder und seine Frau tun mir leid, dass sie in eine solche verzweifelte und gefährliche Lage gebracht werden.

Ich werde die steckengebliebenen Laster den ganzen Tag lang nicht mehr sehen. Nach der langen Abfahrt zelte ich in der Nähe der Strasse. Ich vermute, dass die Insassen des Lasters die Nacht in der Fahrerkabine verbringen dürfen und sich mit dem Singen von ‚Last Christmas‘ bei Laune halten dürfen.

Nach der teilweisen matschigen Abfahrt dann bin ich endlich wieder in wärmeres Gebiet und kann mein Zelt auf einem leeren Jurtenplatz aufstellen.

Im Dorf Kasarman auf 1’300 m beeindrucken die alten Sowjetbetonbauten mit den ’schönen grossflächigen Abplatzungen auf Betonfertigteiluntergrund‘, wie es in der Sprache des Fachmannes heisst. Auf dieser Höhe herrschen noch angenehme Temperaturen um die 20 Grad, die Tage werden aber merklich kürzer.

Nun geht es Richtung eines Passes auf 2’800 Metern. Doch zuerst geht es rauf und runter und am späten Nachmittag finde ich bei einem Bach einen wunderbaren Zeltplatz an einem Pfad entlang eines alten Birkenwaldes. In einer bei Reisenden beliebten App wird er als ‚Paradise wild camping‘ angepriesen und es ist nicht zuviel versprochen. Einen lauschigeren Übernachtungsplatz neben einem Bach und hundertjährigen Birken kann man sich wirklich nicht vorstellen.

In Afrika war ich noch mit physischen Reiseführern unterwegs, etwa dem 838 Gramm leichten ‚Rough Guide West Africa‘, handlich wie ein Ziegelstein. Klassische Reiseführer führe ich nach wie vor mit, allerdings als PDF auf meinem Handy.
Apps wie iOverlander, Maps.Me oder Komoot sind bei der Tourenplanung hilfreich. Daneben gibt es noch spezifische Facebook-Gruppen oder eine Whatsapp-Gruppe namens ‚Cycling East‘ mit über 1000 Mitgliedern. Dort kann man fleissig Informationen austauschen und Fragen wie ‚Where can I find a bike box in Bishkek?‘, ‚Does anyone know the best sim card for Ouzbekistan?‘ aufwerfen. Man erfährt auch, dass tatsächlich waghalsige Radler momentan durch Afghanistan reisen. Die wichtigste Informationsquelle sind nach wie vor andere Reisende, sei es virtuell oder physisch.

Zurück zum wunderbaren Zeltplatz. Am nächsten Morgen geht es zunächst ein kurzes Stück flach. Hier erinnert mich die Landschaft mit dem ausgetrockneten ockergelbem Gras an die Tiras-Berge in Namibia. Mit dem Unterschied, dass hier nicht Zebras sondern Pferde als Staffage dienen.

Das Pferd gehört unzertrennlich zu Kirgistan. Dank des Pferdes konnten die nomadisierenden Kirgisen sich im gebirgigen Land fortbewegen, jagen und Kriege führen. Nach der Sowjetära erlebten die Pferdezucht, der Verzehr von Stutenmilch und traditionelle Reitspiele eine Renaissance.

1000 Höhenmeter geht es nun rauf. Die Schotterpiste ist recht passabel und fahrbar. Vielleicht stehe ich noch unter dem Eindruck der Pisten Tajikistans und bin deswegen so optimistisch. Einige Serpentinen entschärfen glücklicherweise die steilsten Stellen.

Am Morgen kannte ich nicht einmal den Namen des Kara Soo Passes und ich wusste nicht, was mich auf der anderen Seite erwartete. Die Aussicht nach der Passhöhe Richtung Naryn-Tal haut mich dann förmlich um. Ich kann mir einen Freudenschrei nicht verkneifen. Damit hätte ich nicht gerechnet.

In Europa wäre dies -asphaltiert – ein Alpenpass erster Güte. Ich geniesse die Abfahrt runter zur Ortschaft Kök-Jar, wo die Strasse wieder asphaltiert ist. Ich pumpe die Reifen wieder voll auf, damit ich einen Kilometer nach der Ortschaft ernüchtert wieder Luft ablassen kann.

Die 20 km Wellblech auf Schotter hätte ich mir gerne ersparen können. Ich muss recht rabiat über die Piste gebrettert sein. Jedenfalls habe ich am nächsten Morgen einen Platten, ein klassischer ’snakebite‘: mit dem Pneu hart aufgeschlagen, sodass die Felge aufgesetzt und den Schlauch beschädigt hat. Ich repariere rasch den Schlauch, doch Eile ist nicht angesagt, da es ohnehin anfangen wird zu regnen und ich daher noch in Jalang Talap bleibe, bis wieder besseres Wetter die Weiterfahrt erlaubt.

Gefahrene Kilometer: 2’628, Fahrzeit 221 Stunden, Höhenmeter 29’870. Platten: 1.

Pamir Highway zum Zweiten

Nach der ersten Runde (Dushanbe-Khorog-Wakhan Korridor-Lake Zorkul-Murghab-Akbaital-Pass-Bartang Valley) bin ich wieder in Khorog, wo ich mir zwei Ruhetage gönne.

Von Khorog gibt es drei Varianten, um nach Murghab, im Herzen des Pamir zu gelangen: auf der am stärksten befahrenen und grösstenteils asphaltierten M41, dem Pamir Highway, dem Wakhan Korridor an der Grenze zu Afghanistan und dazwischen gibt es noch das Shugdara Tal. Dieses möchte ich entdecken.

Auf seinen 142 Kilometern nimmt der Fluss rund 40 Nebenflüsse von den mächtigen Bergen ringsherum auf und verwandelt sich in einen wasserreichen Fluss, der im Winter nie zugefriert. Die Vegetation ist im Tal üppig, ändert sich von Obstgärten, Auwäldern und Buschvegetation.

Als ich frühmorgens starte, merke ich, wie meine Beine etwa zittrig sind, mein Immunsystem auf Hochtouren läuft und ich am schwächeln bin. Eigentlich hätte ich auf dem Absatz kehrt machen müssen. In Tibet ist mir das einmal passiert: ich verliess das Guesthouse in einem kleinen Dorf und schaffte es keine 50 Meter weit. Mein Körper schrie nach einem Ruhetag. Ich checkte wieder im Hostel ein und verbrachte den Tag im Bett.

Ich wäge ab und wage es, fahre bis Roshtkala in gemütlichen Tempo. Immerhin fast 1000 Höhenmeter und 5 Stunden. Unterwegs esse ich fleissig Sanddornbeeren. Die sind zwar wegen der Dornen mühsam zu pflücken aber sollen viele Vitamine haben. Und die gibt es hier wie Sand am Meer.

Im kleinen Dorf Vezdara soll es ein Homestay geben. Kurz vor dem Dorf dann eine Überraschung: die Strasse ist gut einen halben Meter unter Wasser. Entweder baden gehen oder über einen Feldweg das Velo schieben. Ich entscheide mich für die zweite Variante.

Ich kann bei Atogol schlafen und vor drei Uhr lege ich mich schon mal hin und ruhe mich aus. Glück für mich. Weil er anderntags früh nach Dushanbe zurückfährt. Hier hat er sein kleines Landhaus, schlicht aber idyllisch zwischen einem Bach und der Dorfschule gelegen. Anderntags fühle ich mich etwas besser, dafür plagt mich langsam ein Husten. Die Landschaft wird dafür umso bezaubernder.

Die Menschen sind wie im Wakhan sehr gastfreundlich und meistens lehne ich die Einladungen zum Tee schweren Herzens ab, nehme dann aber vor Mittag dankend doch eine an.

Ich bin froh, dass es hier Homestays gibt und mich so etwas schonen kann. Nach der letzten Ortschaft steigt die Strasse an und gibt endlich den Blick frei auf den Peak Engels (6507 m) und Peak Karl Marx (6723 m).

Dann folgt ein etwas mühsamer Abschnitt mit ein paar Schiebepassagen. Der Mainasa Pass auf 4’244 m ist nicht mehr weit. Die Strasse wechselt die Flussseite und dort findet sich ein idealer Zeltplatz. Bei der Brücke kann ich windgeschützt kochen und schon bald bin ich im warmen Schlafsack. Es wird mit minus 7 Grad eine kalte Nacht werden.

Die letzten Kilometer am frühen Morgen sind ein Genuss. Die Abfahrt bis zum Pamir Highway wird dann ruppig. Wer hier rauf will, schiebt sein Rad drei Stunden lang. Eine Flussfurt nocj und die ersten Lastwagen erinnern mich daran, dass ich auf der M41, dem Pamir Highway, bin. Ein ganzer Konvoi von Radlern fährt an mir vorbei. Ich werde sie kurz darauf einholen. Da ich einen Abstecher nach Bulunkul, zum ‚Hohen See‘ eingeplant habe, verliere ich nicht allzu viel Zeit mit Smalltalk und mache mich auf den Weg. Sie sind schwer beladen und ich fahre ihnen gleich davon. Endlich wieder ein Pass, auf dem ich mein Rad nicht schieben muss. Der Asphalt weicht zwar einem feinen Schotter. Ich kann aber bis zum Koytezek-Pass auf 4271 Metern fahren.

Hier wird die Landschaft sehr karg, weitläufig. Die Hochebene wird von den Pamir-Kirgisen als Weidefläche genutzt. Kurz vor Alichur biege ich dann links ab, noch 16 km Kampf gegen den Wind und auf einer sandigen Wellblechpiste.

Das Timing ist perfekt, die letzten Sonnenstrahlen beleuchten das 400-Seelendorf, als ich Bulunkul erreiche. Hier wurde übrigens mit minus 63 Grad der Kälterekord Zentralasiens gemessen.

Die Fahrt von Bulunkul nach Alichur ist dann recht gut und vergnüglich. Und sehr einsam. Zu Beginn fahre ich auf einen Aussichtspunkt hinauf. Der Blick auf den See ist sensationell. Danach geht es eine Ebene runter, entlang eines Flusses mit einem kontrastierenden grünen Ufer. Und bald erreiche ich einen kleinen Geysir. Danach ist die Strecke kurzweilig, wellig und kurvenreich, aber gut zu befahren.

Bald erreiche ich die Ortschaft Alichur auf 3860 Metern. Den einzigen Dorfladen möchte ich aufsuchen und frage einen Herrn mit einem Kalpak, der traditionellen Kopfbedeckung, wo sich der Laden befinde. Er sei der Ladenbesitzer und zeige mir gern den Weg dorthin.

Geistesgegenwärtig sage ich zu ihm: ‚Adin minut, pashaulsta. Ya vi snaiu!‘ (Eine Minute, Bitte. Ich kenne Sie). Ich suche auf meinem Handy die alten Bilder von 2006 und zeige ihm ein Bild: „Das bin ja ich“ ruft er freudig aus. Zwei Bilder habe ich damals von ihm geschossen. Eines mit seinem Sohn und eines mit seiner Tochter. Wir machen ein paar frische Fotos und verabschieden uns herzlich.

Alichur hat sich nicht gross verändert. Eine Handvoll Homestays gibt es immerhin. Ecotourismus ist angesagt und drängt sich auf, da viele, egal ob mit Rad oder Jeep, hier Halt machen wollen und sich von den Strapazen erholen möchten. Strom ist Mangelware, abends muss der Generator für ein paar Stunden angeworfen werden.

Von Alichur möchte ich das über 100 km entfernte Murghab in einem Tag erreichen und fahre deshalb früh los.

Nun, es wird die bislang schnellste Etappe meiner Reise mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 20.4 km/h werden. Unglaublich schnell, wenn ich bedenke, dass ich für 2’214 Kilometer insgesamt 190 Stunden benötigt habe. Teilweise hatte ich sogar einen Schnitt von nur 7 km/h. Dem Rückenwind gebührt der entsprechende Dank. Und den Sowjets für die gut gebaute Asphaltstrasse. Unterwegs treffe ich einen englischen Radler an und wir fliegen zusammen Richtung Murghab. Um 14 Uhr sind wir schon beim Checkpoint. Bevor ich mein Zimmer beziehe, kaufe ich mir eine Wassermelone im Basar. Zu gross ist die Lust nach dieser gesunden Erfrischung.

Zufällig ist am nächsten Tag der Unabhängigkeitstag Tadschikistans. Gleich gegenüber meinem Guesthouse finden Feierlichkeiten, Ansprachen und Tänze statt und es herrscht eine Volksfeststimmung.

Das lasse ich mir natürlich nicht entgehen gehen und mische mich unter die Menschenmenge.

Mit einem Jeep geht es dann weiter bis zum Karakul, dem Schwarzen See. Die Strecke über den Ak-Baital Pass möchte ich nicht noch einmal abfahren. Karakul ist ein 380 km² grosser abflussloser See, umgeben von Bergriesen. In der gleichnamigen Ortschaft übernachte ich mit einem sympathischen deutschen Paar, in deren Jeep ich mitfahren durfte. Ein Pass auf 4’232 Metern ist zunächst zu erzwingen. Am Pass angekommen, drehe ich mich um, geniesse nochmals diesen grandiosen Anblick. Pamir Highway at it’s best: Weite, Einsamkeit, schneebedeckte Berge, schnurgerade Strasse.

Von hier hat man einen wunderbaren Blick auf das Transalaigebirge und den höchsten Berg, den Pik Lenin, der seit 2006 nun Pik Abuali ibni Sino heisst.

Eine Abfahrt und der Schlussanstieg zum tadschikischen Zoll steht mir bevor. Die Anlage ist ausgebaut worden, Solarpanels und neue Gebäude heben die Bedeutung hervor. Doch das alte Kapäuschen mit einem Tisch und Stuhl, wo ich mit Kugelschreiber wie anno dazumal in einem Schulheft eingetragen werde, ist nach wie vor geblieben.
Nach 44 Tagen verabschiede ich mich also von Tadschikistan. Spannend war es, vor allem nach 17 Jahren die Änderungen zu beobachten und mich ein Stück weit wieder in meine Pilgerreise nach Tibet hineinversetzen zu können. Bekannte Gesichter wieder zu treffen. Erneut die unglaubliche Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Menschen erfahren zu können. Und neue Ecken, Gegenden und Pisten zu entdecken. Anstrengend und schweisstreibend war es. Ich muss wohl sicher vier Kilo abgenommen haben.

Noch ein paar Hundert Meter und der berühmte Steinbock, der die Grenze zu Kirgistan bildet und den Kyzilart-Pass auf 4’336 Metern ziert, erhebt sich majestätisch vor mir. Nun folgen 20 Kilometer Niemandsland, wo ich mein Zelt aufstelle. Die Zeltplatzsuche ist ja eine Wissenschaft für sich. Idealerweise ist ein Zeltplatz gut versteckt und von der Strasse nicht einsehbar, windgeschützt, weist eine weiche grasige Unterlage sowie sauberes Wasser in der Nähe auf und ist landschaftlich reizvoll. Dieser gefällt mir ganz gut, ist zumindest gut vor Wind geschützt.

Nächstentags fahre ich zum kirgischen Zoll. Dummerweise folgen mir dann zwei Jeeps mit zahlreichen Touristen, wodurchich Zeit verliere. Einige von Ihnen haben keine Einreisegenehmigung und die Beamten suchen die Listen vergebens durch. Sie werden an der Grenze übernachten müssen. Ich beklage mich nicht. Nach eineinhalb Stunden werde ich endlich durchgelassen, erhalte den Stempel in meinem Pass und mit einem breiten Grinsen meint der bis anhin mürrische Beamte: Welcome to Kirgistan!

Vor meiner Abreise war die Grenze noch geschlossen und ich malte mir schon aus, mit einem Jeep nach Dushanbe zurück fahren und einen Riesenumweg über Usbekistan nehmen zu müssen. Ich bin überglücklich. Für mich heisst das, dass ich noch im September die Pässe in Kirgistan in Angriff nehmen kann.

Sary Tash ist bald erreicht. Der Gegenwind kann mir nichts anhaben. Die Sicht ist diesig. Die Schneeberge und der Pik Lenin sind von der Weite nicht mehr zu erkennen. An diesem Ort musste ich 2006 eine Zwangspause einlegen. Wer wissen will, warum, möge diesen Bericht lesen.

Der Ort ist zwar etwas bunter geworden, eine Tankstelle steht an der Hauptkreuzung. Die Strasse nach China ist nun asphaltiert und es gibt nun eine Handvoll Guesthouses mit warmer Dusche und sauberen Betten. Einige Läden, in denen ich eine SIM-Karte mit 4G-Netz kaufen kann. Getankt wird aber nach wie vor vorwiegend aus Kanistern. Und Berge von Kuhdung zeugen davon, dass Strom und Wohlstand noch keine Selbstverständlichkeiten sind.

Der Rest bis Osh, der zweitgrössten Stadt von Kirgisistan, ist schnell erzählt. Auf nun durchgehendem Asphalt sind wieder jeweils Pässe zu bezwingen.
So der Taldyk-Pass auf 3’615 Metern und später der Cherchyk-Pass auf 2’408 Metern. Die Landschaft wird grüner, die Berge sind oft rot gefärbt. Herden von Pferden sind neben oder auf der Strasse zu sehen.

Deutlich zugenommen hat auf diesen Abschnitt der Verkehr. Zahlreiche Lastwagen zeugen von der Nähe Chinas. Etwas mühsam ist einzig der Gegenwind.

Endlich in Osh angekommen. Städte sind eine Hassliebe für Radler, die sich durch den Stadtverkehr durchkämpfen müssen, abgedrängt werden, sich nicht mehr so willkommen fühlen. Andererseits ist das kulinarische Angebot gross. Man trifft auf andere Reisende und kann die Batterien wieder aufladen und Pläne für die Weiterfahrt schmieden.
Central Asia reloaded
29.7.2023 um 2 Uhr morgens lande ich in Dushanbe, der Hauptstadt Tajikistans. Trockene, heisse Luft weht mir entgegen. Es ist 27 Grad warm. Auf den Tag genau nach 17 Jahren befinde ich mich wieder in der Hauptstadt Tajikistans, einer ehemaligen Sowjetrepublik.

Da stehe ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor. Etwas reiseerfahrener auf jeden Fall aber nicht ganz so tüchtig wie damals, 2006, als ich in 165 Tagen von Liestal bis hierhin geradelt bin und mit rund 40 kg Gepäck exakt 10’020 Kilometer benötigt habe. Und davor dem bosnischen Winter bei minus 18 Grad im Zelt getrotzt habe; gegen die kroatische Bora, dem Wind aus dem Landesinneren, gekämpft habe; etliche eiskalte Regengüsse in Serbien-Montenegro erdulden musste; mich in der Türkei vor den Hirtenhunden, den Shivas Kangal, in Acht nehmen musste; bei über 40 Grad durch die iranische Wüste Dasht-el-kavir den Gegenwind verflucht habe; in Usbekistan mein Velo gestohlen wurde und ich von der Polizei zu einer Falschaussage genötigt wurde.

Ich wollte schon immer wieder diese Gegend noch einmal ausgiebig bereisen. 2009 wollte ich nach Kirgistan fliegen, aber es gab Unruhen. 2020 war ich kurz davor, einen Flug zu buchen, als aus bekannten Gründen jegliche Reisetätigkeit zum Erliegen kam.

Natürlich bin ich gespannt zu erfahren, was sich seither geändert hat. Mittlerweile hat sich der Tourismus entwickelt, gerade bei Abenteuer suchenden Radfahrern, ist dieses Land sehr beliebt geworden, aber auch viele Gruppenreisende sind nun unterwegs. Visas sind viel einfacher erhältlich oder für viele Länder gar nicht mehr nötig. Am 29.7.2018, genau vor fünf Jahren, kam Tajikistan dann leider in negative Schlagzeilen, als eine Gruppe von Radfahrern Zielscheibe eines extremistischen Angriffs wurden und vier, unter anderem auch ein Schweizer, getötet wurden.

Die Anreise über Istanbul klappt wunderbar. Im neuen, riesengrossen Flughafen Havalimani, das einem luxuriösen Einkaufstempel gleicht, stosse ich dann am Gate zum Weiterflug auf zwei Spanier, die ebenfalls mit dem Velo nach Dushanbe fliegen. Auch sie kommen im Greenhouse Hostel unter, wo sich alle Radler ein Stelldichein geben und fleissig Informationen austauschen.

Ich verstehe mich sofort prächtig mit Jurgi, einem Psychologie-Professor und Unai, einem IT-Spezialisten, beide aus Bilbao. Besser könnte meine Reise nicht anfangen. In zwei Tagen erkundschaften wir die Hauptstadt Tajikistans, besuchen das Antiken-Museum, wo sich der 13 Meter lange Buddha aus Lehm befindet und probieren das Nationalgericht Osch. Ich bin erstaunt, wie sich die Stadt entwickelt hat. Wo waren seinerzeit alle die Supermärkte nach westlichem Standard und alle Guesthouses und Unterkünfte?

Ich bin sofort im Element und im Reisemodus, betreibe fleissig Networking. Ich gönne mir in dieser Backofenhitze zunächt einmal drei Akklimatisierungstage, möchte auch mental hier ankommen, mich langsam auf das lokale Essen umstellen. Es wird fordernd genug werden. Die Temperaturen tagsüber sind unerträglich, über 40 Grad heiss. Am besten hält man es in einem gekühlten Supermarkt oder im Zimmer mit Klimaanlage aus.

Sozusagen mit dem Plan B bin ich nach Zentralasien gestartet, wollte zunächst eine Rundreise in Tajikistan unternehmen, um danach über Usbekistan nach Kirgistan einzureisen. Seit der Pandemie und wegen Scharmützeln an der kirgisisch-tajikischen Grenze ist diese seit Jahren leider geschlossen. Eine winzig kleine Hoffnung hatte ich vor meiner Abreise, dass sich dies noch ändern könnte. Just als ich im Greenhouse bin, wird die Grenze für Touristen wieder geöffnet. Die Neuigkeit macht dank Social Media schnell die Runde und so lasse ich mich nicht ein zweites Mal bitten und schreibe umgehend der zuständigen kirgisischen Behörde eine Email, die mir dann postwendend antwortet, dass ich über den Pamir Highway einreisen dürfe. Wow, damit hatte ich nicht gerechnet.

Tja, dafür habe ich dann ein bisschen zuviel Gepäck mit dabei. Ich wollte nämlich in Dushanbe ein Depot einrichten. Ich verschenke daher ein paar meiner aus der Schweiz mitgebrachten Viktualien und werde erst in Khorog ein kleines Depot einrichten können. Bevor ich dann endlich losfahre, muss ich noch eine Stunde lang Tetris spielen und versuchen, alle meine Siebensachen in meinen Taschen zu verstauen. Im Verlaufe der nächsten Tage wird sich die Packordnung dann schon noch ergeben.

Endlich geht es los. Ich bin aufgeregt und kann es kaum fassen, dass ich wieder ‚per velociped‘ unterwegs bin. In den ersten Tagen geht es gleich richtig zur Sache. Nach 30 km bin ich schon durchgeschwitzt, es ist 35 Grad heiss, ich muss literweise Wasser trinken, mache Halt an einem kleinen Shop, wo mir der Besitzer einen leckeren gut gesalzenen Maiskolben reicht, gerade zur richtigen Zeit.

Danach geht es in Fayzobod an der Mineralwasser-Fabrik vorbei. Ab jetzt werde ich hauptsächlich Wasser aus Leitungen und Bächen trinken, das ich jeweils filtere oder behandle. Der limitierende Faktor in den ersten Tagen ist eindeutig die Hitze. Ich pausiere über drei Stunden im Schatten eines Baumes, wo mich ein älterer Tajike ausruhen lässt und eine zuckersüsse Wassermelone spendet. Er betreibt einen kleinen Shop nebenan und ist Selbstversorger. Ein ausrangierter LKW dient als Laden und Wohnfläche.

Am ersten Tag gönne ich mir noch ein Zimmer bei Khurshed, einem grossen Fan italienischer Popmusik der 80er Jahre. Ich bin schon auf 1600 Metern und es ist angenehm kühl in der Nacht.

Die gleiche Strecke bin ich ja schon damals gefahren, einige Abschnitte kommen mir noch sehr bekannt vor. Aber es hat deutlich mehr Verkehr. Der Fahrzeugpark ist ebenfalls moderner geworden. Auffallend: die Vielzahl der Opel Zafira, die als Minibusse fungieren.

Bis Obigarm ist die Strasse nun asphaltiert, danach kommt ein Teilstück, das den Namen Strasse nicht mehr verdient. Hier fahre ich an der grössten Baustelle Tajikistans vorbei, dem Wasserkraftwerk Roghun. Ein umstrittenes Megaprojekt mit einem Schüttdamm von eineinhalb Kilometern Länge. Die Strasse wird grösstenteils nach Fertigstellung überflutet werden.

Um die Hitze einigermassen zu ertragen, habe ich mir aus einer PET-Flasche einen Wasserspender gebastelt und besprühe mich regelmässig mit Wasser.

In einem schattigen Tal suche ich mittags Zuflucht in einer Oschchona, wo ich auf einer Tapchan, einer erhöhten, quadratischen Sitzfläche, wieder zu Kräften komme.

Ein Herr nebenan zeigt mir die noch funktionierende alte Mühle. Der grosse Stein, der unermüdlich seine Runden zieht, sei 200 Jahre alt, meint er.

Übernachten werde ich in einer Bauarbeitersiedlung. Exponiert am Fluss zu zelten macht mich nicht an und so lande ich in einer Baracke, wo ich mit Tajiken die Nacht verbringe.

Mein Eindruck ist, dass diese einfachen, kleinen Oschchonas, Gaststätten, nicht mehr ganz so häufig anzutreffen sind wie damals. Wenn ich aber eine zur richtigen Zeit finde, ist es ein Segen, dort Tee zu trinken, Spiegeleier und Brot zu essen und mit den Tajiken einfache Konversation zu führen.

Bei der Abzweigung zum Rasht-Tal mache ich einen kurzen Abstecher, um einen Schattenplatz in der ersten Ortschaft zu finden. Ich fange an einer Tankstelle an zu zeichnen und spontan werde ich von einem Herrn zu einem leckeren Essen eingeladen. Nicht auf sich warten lassen aber auch die Magenprobleme. Zum Glück aber nichts Ernsthaftes und nach ein, zwei Tagen stellt sich der Magen wieder ein.

In Qala-I-Hussein kann ich im Gästezimmer einer Moschee schlafen. Ich bin froh, mich hier wieder richtig waschen zu können, koche draussen dann meine Nudeln, um anderntags den Khaburabot-Pass auf 3´252 Metern in Angriff zu nehmen. Die Steigung ist zum Glück moderat, die Strecke zieht sich aber hin. 25 km und 1´400 Hm. Tönt nicht nach viel, aber mit Gepäck und auf einer MTB-Strecke doch ein gutes Stück Arbeit.

Die Abfahrt ist dann ein Hochgenuss, die Strasse windet sich durch Felsformationen, ist abwechslungsreich. Zahlreiche Imker am Wegesrand gehen ihrer Arbeit nach. Von dieser Gegend stammt der beste Honig Tajikistans.

Die Tajiken sind sehr gastfreundlich, viele winken mir zu und laden mich immer wieder zum Tee ein. Für kleine Einkäufe wie zwei Äpfel oder eine Packung Streichhölzer wollen sie gar kein Geld annehmen.

Junge am Wegesrand schenken mir sogar eine Melone. Sie ist dann zu meiner Enttäuschung nicht ganz so rot und schmackhaft, aber die Geste zählt.

Lustigerweise übernachte ich wieder oft an den gleichen Orten wie damals, nur dass sich die Umstände geändert haben. Beim kleinen Bergsee Hausi Kabuz konnte ich noch bei der Schenke einkehren und auf der Tapchan schlafen. Jetzt zelte ich direkt am See. Die ganze Anlage wird renoviert. Das Bad im See ist erfrischend und herrlich. Mit einem ganz alten Tretboot aus Lenins Zeiten drehen ein Arbeiter und ich noch eine Runde, als Paddel dienen zwei Schaufeln.

Ab Qhalaikum bin ich dann an der Grenze zu Afghanistan. Es ist faszinierend, jeweils die sehr sauber hergerichteten Dörfer einen Steinwurf entfernt zu beobachten und den eingehüllten Bewohnern zuzuwinken. Ab hier fangen auch die Strassenarbeiten der Chinesen an, vor denen einige Radler gewarnt haben.

Die Intention der neuen Seidenstrasse ist klar. Es geht nicht darum, die Reisezeit der Tajiken innerhalb dieses Gebietes zu verkürzen, sondern Waren, Trucks und Konvois aus China sollen möglichst schnell auf vierspurigen Strassen befördert werden können.

Kein Aufwand wird hier gescheut, um dieses Vorhaben umzusetzen. Dabei ragen 5000 Meter hohe Berge unweit des Grenzflusses Panj mächtig in die Höhe. Jeder Quadratmeter Landfläche ist für die Bewohner lebensnotwendig. Ich staune nicht schlecht. Da werden ganze Berghänge weggesprengt, Tunnels gebaut und mit der ganz grossen Keule wird hier angerichtet.

Dabei hätte es gereicht, die Strasse aus Sowjetzeiten moderat auszubauen und andauernd zu unterhalten, anstatt sie ganz verfallen zu lassen. Die Strasse ist tagsüber gesperrt, sodass ich frühmorgens um 5 Uhr starte. Ich habe Glück, bei der ersten Sperre fahre ich einfach weiter, während alle Fahrzeuge in der Hitze warten müssen. Sturheit gepaart mit Freundlichkeit helfen weiter. Der chinesische Vorarbeiter gibt mir barsch zu verstehen, ich solle rasch weiter. Dabei rollen vom Hang oben meterhohe Steinblöcke runter. Ich warte den passenden Moment ab, habe keine Lust, hier stundenlang zu warten, und in einem Kraftakt hebe ich mein Velociped über die Steine und weg bin ich.

Bei der zweiten Sperre lässt mich der Chinese dann nicht mehr durch. Hier wartet schon das deutsche Radlerpaar, Dennis und Maike aus Köln, das ich in Duschanbe kennengelernt habe. Ich mache aus der Not eine Tugend und zeichne kurzerhand den chinesischen Aufseher und kann ihm dann sogar ein Lächeln entlocken.

Zwei Tage fahre ich dann mit Dennis und Maike zusammen. Einmal zelten wir im Dorf Dashtak, tags darauf im Schulhof der Siedlung Shidz. Die Kinder sind natürlich neugierig auf die Europäer und die Bewohner jeweils sehr wohlwollend.

Nach Dashtak fängt es dann tatsächlich an zu regnen. Endlich erträgliche Temperaturen. Nach 18 km dann eine einladende Oschchona, wo wir unser zweites Frühstück zu uns nehmen. Bei Vanj fahren wir an einer grossen Arbeitersiedlung vorbei. Wie sich manche Orte doch sehr geändert haben.

Ich wurde damals ja etliche Male zum Schlafen eingeladen und habe mir daher Fotos ausgedruckt und kleine Geschenke mitgebracht, um diese Menschen aufzusuchen. Die Nachbarn erkennen jeweils die Gastgeber sofort, leider waren diese nicht mehr im Ort, sondern in Duschanbe.
Nach wie vor gibt es Abschnitte, an denen die Chinesen noch nicht Hand angelegt haben.

Wilde zerklüftete Flusstäler, kilometerhohe Berge ragen in die Höhe. Eine schroffe Bergwelt.Dem Grenzfluss entlang zu fahren, ist anstrengend. Es geht immer wieder hinauf, herab und quer und krumm, sodass auf 70 km bald 1´000 Höhenmeter gesammelt werden. So richtig in einen Rhythmus kommt man dabei nicht.

In Choshtchandez trennen wir uns dann. Eingangs der Ortschaft erkenne ich wieder die kleine Holzbank, auf der ich 2006 erschöpft von der Mittagshitze mich ausgeruht und einem vorbeigehenden Herrn gefragt hatte, ob es ein Teehaus im Dorf gebe. Die Gastfreundschaft, die ich danach von Abdul und seiner Familie erfahren hatte, verschlug mir die Sprache. Die Gastfreundschaft der Pamiri, die der Glaubensrichtung der Ismailiten angehören, ist unglaublich.

Ich wurde wie ein Gott empfangen, Speisen nach Speisen wurden aufgetischt, konnte danach ein Nickerchen machen und zum Abschied wurde ich mit handgestrickten Socken und getrockneten Maulbeeren beschenkt. Solche Momente gaben mir auf meiner damaligen Reise die nötige Motivation. Ich hatte mir damals versprochen, aus Dankbarkeit diese herzensgute Familie wieder einmal zu besuchen. Nun löse ich endlich dieses Versprechen ein. Vor vier Jahren haben Freunde aus Liestal Abdul einen Brief und Fotos von mir überbracht und er hatte eine Riesenfreude gehabt. Seither bin ich mit seinem Sohn auf Facebook befreundet und ich hatte ihm angetönt, dass ich irgendwann einmal wieder aufkreuzen würde. Ich zeige der Nachbarin ein Foto von Abdul und sie zeigt auf das Nachbarhaus. Schon nach wenigen Metern kommt mir dann freudig Abdul entgegen, wir umarmem uns lange, Freudentränen fliessen. Die damalige Begegnung ist mir immer noch in frischer Erinnerung geblieben.

Mit seinem 37-jährigen Sohn kann ich mich dank Google Translator einigermassen verständigen. Ich darf beim Cousin duschen. Als ich mit Nusrim zur Schule laufe, fährt uns ein abgekämpftes Radlerpaar aus Frankreich und Polen entgegen. Was für ein Zufall. Ich habe sie im Greenhouse kennengelernt und natürlich werden sie gleich mit eingeladen.

Nächstentags strample ich die 32 Kilometer bis nach Khorog runter. Diese Kleinstadt erkenne ich überhaupt nicht wieder. Hochhäuser, Kaffees, Homestays, Restaurants, viele Shops. Damals hatte ich meine liebe Mühe, in diesem grossen verschlafenen Dorf überhaupt eine Bleibe zu finden und konnte nach vielem Rumfragen in einem Privatzimmer schlafen. Jetzt ist hier der Bär los, sodass ich in einer netten Unterkunft meine Batterien aufladen, meine Weiterreise planen und mich um ein Permit für eine entlegene Gegend kümmern kann. In wenigen Tagen soll der seit 1994 regierende Präsident Rahmon die Stadt besuchen, fleissig wird daher noch Kosmetik betrieben und Schlaglöcher behelfsmässig ausgebessert.

Ich bin froh, nochmals nach Tajikistan gekommen zu sein. Zwar waren teils Abschnitte der Strecke Qhalaikum -Khorog aufgrund der Bauarbeiten alles andere als beschaulich. Der malerische Aspekt ist oft flöten gegegangen. Es herrscht auch viel mehr Verkehr als 2006. Lastwagen und Trucks sind Vorzeichen einer bevorstehenden Entwicklung, die tiefgreifende Änderungen nach sich ziehen wird. Es ist zu befürchten, dass die kleinen Dörfer, grüne Oasen in dieser wilden Gebirgslandschaft, vermehrt mit Landflucht zu kämpfen haben werden. Dennoch geniesse ich nach wie vor die Gebirgslandschaft und die Freundlichkeit der Menschen hier.
Weitwandern auf dem Sentiero Roma
Nachdem ich letztes Jahr im September die Via Alta Verzasca, eine wilde, technisch anspruchsvolle Gratwanderung der Spitzenklasse gewandert bin, wollte ich dieses Jahr wieder eine Woche mit Rucksack und Wanderschuhen unterwegs sein. Es kam mir gerade recht, dass ich vor kurzem vom Sentiero Roma hörte. Eine Höhenwanderung im südlichen Bergell auf der italienischen Seite, von Hütte zu Hütte. Nach Ansicht der Bergsteigerlegende Walter Bonatti befindet sich hier der schönste Granit auf der Welt.
Lagunenroute
Altiplano Ahoi

Ausangate Traverse
Peru’s Great Divide


Auf Projektbesuch in Peru
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Ruta de los Volcanes

Cotopaxi y Mama Negra

Start in Ecuador
Endlich geht es los ! Mein Flug mit Iberia bringt mich von Zuerich ueber Madrid nach Quito, wo ich puenktlich lande und das bestellte Taxi bereits auf mich wartet. Da der Velokarton nicht in das Taxi passt, entsorge ich halt gleich den Karton vor Ort und demontiere das Vorderrad, damit mein Stahlross hinten auf dem Sitz Platz hat. Der neue Flughafen von Quito liegt rund 36 km vom Zentrum entfernt und als wir um 19 Uhr im Hostal Revolucion eintreffen, ist es bereits dunkel. Quito, die Hauptstadt von Ecuador, ist nur 20 km vom Aequator entfernt und mit 2’850 Metern die hoechstgelegene Hauptstadt der Welt vor Sucre in Bolivien. Sie liegt in einem fuer die Anden typischen schmalen Laengstal. Auf- und durchatmen heisst es erst mal in dieser Hoehe. Ich werde mir ein paar Tage goennen, um mir die Stadt anzuschauen und mich zu akklimatisieren.
Meine Reise habe ich minutioes geplant. Allerdings ist mir eine kleine Unachtsamkeit passiert, die mich zu einer Planaenderung zwingen wird. Den Clip mit Korrektur fuer die Sportbrille habe ich zuhause vergessen. Und so darf meine Mutter fuer mich express mit DHL (das heisst langsam?) ein Paket aufgeben. Drei Tage soll es gehen. Und tatsaechlich: innerhalb von zwei Tagen trifft das Paket nach Etappen in Leipzig, Amsterdam und Panama bereits in Guayaquil in Ecuador an. Ich nutze die Zeit, um mir die aufgrund der Kolonialvergangenheit roemisch-katholische gepraegte Stadt anzuschauen, auf den Turm der Basilika raufzusteigen und durch die Gassen des historischen Zentrums zu schlendern. Was mir sehr gut gefaellt, ist die Vielfalt an mir noch unbekannten Fruechten: etwa die Baumtomate, Babaco (Bergpapaya), Chirimoya, Granadilla, Pitajaya (Drachenfrucht, schmeckt wie Kiwi) und noch viele weitere. Fruchtsaefte – Jugos – gibt es an jeder Ecke. Kein Wunder, das Klima in Ecuador begunstigt den Anbau von tropischen Fruechten, Kakao, Kaffee und vor allem von Bananen. Ecuador ist eines der wichtigsten Exportlaender, was Bananen anbelangt.
Natuerlich lasse ich es mir nicht nehmen, mich mit dem Teleferico, der Seilbahn, auf fast4’000 Meter befoerdern zu lassen und eine gigantische Sicht auf die Stadt und den Vulkan Cotopaxi zu bewundern. Anschliessend wandere ich mit einer spontan zusammengewuerfelten Gruppe von Touristen und zwei Einheimischen mit ihrem Hund auf den Vulkan Ricu Pichincha auf 4’627 Metern rauf. Es scheint ein Volkssport zu sein, hier raufzusteigen, egal ob mit Wanderschuhen und Helm oder in ganz einfachen Turnschlappen. Mit leichtem Kopfweh steigen wir wieder runter, eine junge Suedtirolerin geraet bei einer Kletterpartie in Panik und ich muss ihr gut zureden und sie beruhigen, damit sie den Abstieg schafft.
Nun, das Paket mit dem Clip fuer die Sonnenbrille ist nun bereits in Guyaquil. Doch die Muehlen von DHL mahlen hier langsam, die Zollformalitaeten scheinen kompliziert zu sein. Nach zwei Tagen bemueht man sich, mich per Mail anzuschreiben und zu fragen, ob ich mit der Verzollung einverstanden sei. Was soll das fuer eine Frage? Habe ich eine Alternative? Ich muss die bittere Pille schlucken und zu den 139 CHF Transportkosten noch 71 US-Dollar berappen. Der US Dollar ist uebrigens seit einigen Jahren die offizielle Waehrung hier. Die Dinge wollen nicht recht vorangehen und so entscheide ich nach vier Tagen, Quito zu verlassen und nach Norden zu fahren, obschon ich nach Sueden fahren wollte. Nicht ohne meinen Unmut bei DHL Schweiz zu deponieren. Die Aussicht, noch drei, vier Tage in einer stickigen Grosstadt ausharren zu muessen, zwingt mich zu handeln. Abgesehen davon, dass im Backpacker einige Australier bis fruehmorgens feiern und jeweils besoffen um drei Uhr das ganze Haus aufwecken.
Ich sattle also mein neues Velo, ein RAW von MTB Cycletech, deren neues Flaggschiff und fahre zunaechst run d550 Hoehenmeter runter nach Tumbaco, wo die alte Eisenbahnlinie zu einem Veloweg ausgebaut wurde. Eine herrliche Strecke, um mich warmzufahren. Keine steilen Anstiege, sondern alles eher flach mit sanften Steigungen. Es ist am ersten Tag sehr heiss mit fast 35 Grad, die Sonnencreme ist irgendwo in einer Packtasche weit unten verstaut und so verbrenne ich mir leicht die Arme. Es braucht ein paar Tage Zeit, bis alle Handgriffe stimmen, jedes Objekt und Ausruestungsteil sein Plaetzchen in einer der Taschen auf dem Velo gefunden hat, ich eins werde mit meinem RAW.
Die ersten Kilometer in einem fremden Land, in einem mir unbekannten Kontinent und mit einem neuen Velo sind sehr aufregend. Sobald ich die ersten Kilometer aus Quito rausfahre, spuere ich, dass es die richtige Entscheidung war. Auf dem Velo fuehle ich mich befreit. Das Vorankommen, das Entdecken und mich Ueberraschen lassen, macht einfach Spass, treibt mich an. Als Ersatz fuer die Sonnenbrille habe ich uebrigens fuer 5 USD eine Schweisserbrille gefunden, die ich auf meine Brille aufsetzen kann. In Tumbaco esse ich Fisch, Ceviche, ein Gericht aus Garnelen gegart in Limettensaft, gewuerzt mit Chili und Koriander. Das Essen ist hier genial, reichhaltig, viele Maisarten, Gemuese. So laesst es sich gut leben als Radler. Und es ist hier auch dringend noetig, weil die Steigungen und der Streckenbelag brutal sein koennen.
Auf diesem Trip werde ich vor allem auf Pisten und Jeeptracks unterwegs sein, weg vom Asphalt und von der Panamericana. Es handelt sich in Ecuador um die Strecke TEMBR – Trans Ecuador Mountain Bike Route. Und schon bei einem ersten Canyon kommen Hochgefuehle auf und ich geniesse es, auf diesen verschlungenen und einsamen Wegen unterwegs zu sein. Na ja, nicht ganz einsam, weil bei einem Pause auf einer Wiese ich regelrecht von Insekten aufgefressen werde und danach alleine am rechten Bein 23 Stiche habe, die vor allem in der Nacht einen ueblen Juckreiz verursachen. Die ecuadorianischen Hunde, von denen es nur so wimmelt, habe ich schon nach einem Tag auf dem Kicker. Sie koennen recht aggressiv werden und es werden Geschichten von Tourenradlern kolportiert, die gebissen wurden. Vorsicht und lautes Schreien ist angesagt.
In einer kleinen Ortschaft, in Yaruqui, uebernachte ich in einem einfachen Hostal. Danach geht es bis nach El Quinche weiter, wo sonntags ein sehr belebter Markt stattfindet, in dem allerlei Waren angepriesen werden und das Zentrum rammelvoll ist. Ich spuele den Staub im Rachen mit dem frischen Saft einer Kokosnuss runter und fahre weiter bis nach Guayallabamba, wo ich mir ein leckeres Mittagessen goenne. Anstatt Brot wird hier Popcorn und geroesteter Mais gereicht. Jetzt folge ich der Panam – der Panamericana – fuer ein paar Kilometer. Zunaechst eine rasante Abfahrt und danach in der bruetenden Hitze ein schweisstreibender Anstieg, an einem Aussichtspunkt vorbei. Toll, schon auf den ersten Metern haelt ein Auto hinter mir an und reicht mir 8 Mandarinen, der Fahrer haelt den Daumen hoch und grinst mich an. Wie einfach doch Radler mit solch kleinen Gesten gluecklich zu stellen sind !
Ich nehme eine Seitenstrasse und mache Bekanntschaft mit dem beruechtigten ecuadorianischen Kopfsteinpflaster. Langgezogene, nie enden wollende holprige Steigungen. Selbst die Abfahrten auf diesem Belag sind muehsam. Da schon fuenf Uhr ist – um sechs dunkelt es ein – suche ich mir einen flaches Stueck Land ausser Sichtweite und schlage mein Zelt auf.
Am Morgen durchziehen Nebelschwaden die Taeler. Tagsueber wird es dann wieder recht warm. Die Strasse steigt an, ich komme in eine kleine Ortschaft, Malchinqui, wo ich meine Vorraete wieder aufstocken kann. Die einzige Bude, die offen hat, serviert nur Salchipapas, Fritten und Wuerste. Das erspare ich mir. Ich kaufe mir noch ein paar Snacks und Bananen und ziehe weiter.
Nun faengt die Steigung auf einer mit Furchen durchzogenen Erdpiste richtig an. Im ersten Gang kaempfe ich mich Meter um Meter hoch. Das GPS zeigt mir noch 14 Km bis zum hoechsten Punkt, wo eine Lagune ist. Als ich das Hoehenprofil studiere, wird mir etwas bange. Rund 1’400 Hoehenmeter wollten heute erklommen werden. Doch die Landschaft entschaedigt fuer die Strapazen.
Endlich flacht die Strecke etwas ab und ich kann etwas entspannter radeln, die Landschaft geniessen.
Ich bin nun schon auf ueber 3’300 Meter und die Sicht auf das Tal ist beeindruckend. Vor mir liegt tropischer Hoehen- und Nebelwald, weiter unter Anbaugebiet. Ich stosse auf Einwohner des Dorfes Malchinqui, die hier an den steilen Bergwaenden Blaubeeren sammeln und mir natuerlich ein paar Handvoll reichen.
Die Menschen sind freundlich, zu Spaessen aufgelegt und scheinen den Ausflug in der Gruppe zu geniessen. Die Kinder sind neugierig. Ein kleiner Junge, Luis, wuenscht mir alles Gute fuer die Weiterfahrt: Senor, che le vaya todo bien!
Ich bin jetzt ganz einsam, die Strasse steigt wieder an. Grosse Steinbrocken saen die Strasse, sodass ich ab und zu das Velo stossen muss. Bald habe ich das Gefuehl, in einem Regenwald zu fahren. Ich verfahre mich, muss wieder zurueckfahren. Doch landschaftlich wird es immer reizvoller.
Auch die Pflanzenwelt ist ungewohnt. Botaniker haetten in Ecuador ihre helle Freude. Ecuador besitzt eine einzigartige Vielfalt an Pflanzen und Tieren. Und so kann ich es trotz fortgeschrittener Stunde nicht sein lassen, ueber die ungewohnten Formen und Farben zu staunen. Es ist nun schon drei Uhr, noch 5, 6 km. Doch die wollen erkaempft werden.
Es geht ein Stueck runter und wieder rauf. Gemaess GPS bin ich zwar immer noch richtig, doch ploetzlich befinde ich mich auf einer Weide und nicht mehr auf einem Pfad, die Rinder suchen das Weite. Das Einzige, was ich vor mir habe, ist ein riesiger Hang mit Furchen.
Mir bleibt nichts anderes uebrig, als zu Schieben, denn ans Fahren ist schon lange nicht mehr zu denken. Zum Glueck ist es sonnig, denn sobald Wolken aufziehen, wird es rasch kuehl mit Temperaturstuerzen von 10 bis 15 Grad. Mit dem normalen Tourenrad haette ich hier schon laengst kapitulieren muessen. Die naechste Herausforderung steht mir bevor: ein Zaun. Vier neugierige Pferde beobachten mich, wie ich den Zaun muehsam aufmache und vorsichtig das Velo hieve. Um vier wollte ich auf der Lagune sein, daraus wird nun nichts. Ich laufe weiter, Meter um Meter gewinne ich an Hoehe und bin schon auf ueber 3’600 Metern. Dummerweise lauft linkerhand ein Pfad mit dem Zaun zusammen und ich merke, dass ich wieder ueber den Zaun muss. Diesmal kann ich aber den Zaun nicht oeffnen, sondern muss das ganze Gepaeck entfernen und dann muehsam das Velo ueber den Zaun heben und dabei aufpassen, dass sich meine Oberschenkel nicht am Drahtzaun aufschuerfen. Ich koennte schreien vor Wut, doch es nuetzt nichts. Noch ein Kilometer, 500 Meter und dann faellt mir ein Stein vom Herzen, ich bin ploetzlich erleichtert, euphorisch und ich weiss, wieso ich mir das alles antue und sich das lohnt. Der Anblick der Lagune Chiriacu auf fast 3’750 ist wie Balsam auf die Seele.
Eine tolle Ueberraschung ist, das ich hier ein Zelt erblicke. Zwei franzoesische Brueder aus der Bretagne, Clement und Aurelien, sind ebenfalls mit dem Rad unterwegs. Sie haben sich vor zwei Monaten in Kolumbien fuer umgerechnet 300 Euro Mountainbikes gekauft und sind seither als Tourenradler unterwegs. Davor waren sie mehr als ein Jahr lang als Backpacker und mit einem Van unterwegs gewesen. Doch mit dem Rad unterwegs zu sein, sei fuer sie die schoenste Art zu reisen.
Bis nach Otavalo sind es zwar nur 15 km, doch es ist schon 5 Uhr und deshalb schlage ich mein Zelt neben dem der Gebrueder Trotel (sic!) auf. Es tut gut, sich mit Gleichgesinnten austauschen zu koennen und diesen einzigartigen Ort und die Abendstimmung geniessen zu koennen. Nach dem Nachtessen – Pasta mit Tomaten, Knoblauch, Erdnuessen und Rosinen – schluepfen wird in den warmen Schlafsack, denn die Temperatur betraegt gerade noch 3 Grad. Um acht Uhr sind wir schon im Zelt.
Am naechsten Morgen scheint die Sonne und wir lassen uns Zeit mit dem Zusammenpacken. Wir verabschieden uns und ich fahre zur groesseren der zwei Lagunen weiter.
Die Lagunas de Mojanda sind von Otavalo aus auf einer 15 km langen Kopfsteinpflasterstrasse zu erreichen, die eine durchgaengige Steigung von ca. 7 Grad hat. Selbst die Abfahrt hat es in sich und auch hier bin ich froh, dass ich mit Scheibenbremsen unterwegs bin.
Um Mittag erreiche ich dann endlich Otavalo, eine Kleinstadt bekannt fuer den bunten Markt und ein beliebtes Touristenziel. Die Stadt ist gepflegt mit einem reichhaltigen Angebot an Laeden, Hostals und Restaurants. Ich steuere zunaechst ein Restaurant an und verpflege mich. Danach geniesse ich eine heisse Dusche und bin ueber die ersten dreieinhalb Tage Radfahren ganz zufrieden. Ich bin langsam auf Betriebstemperatur und bereit fuer die weiteren Pisten entlang der Vulkanroute. Das Paket ist nun nach fast einer Woche in Ecuador doch noch dem Hostal Revolucion zugestellt worden und nach etlichen Reklamationen meinerseits erhalte ich sogar die Transportkosten wegen den Unanehmlichkeiten zurueck erstattet. Morgen gehe ich mit dem Bus nach Quito. Hasta pronto !
Bald wieder unterwegs…
Mein letzter Beitrag ist nun auch schon eine ganze Weile, ja schon ein paar Jahre her. Natürlich war ich in der Zwischenzeit immer wieder mal unterwegs: u.a. in Marokko im Atlas Gebirge am Trekken; in Uganda auf dem Ruwenzori; in Albanien und letztes Jahr mit dem Rad in Ladakh und Zanskar. Als ich dort auf ganz üblen Pisten unterwegs war, fiel der Entscheid, das nächste Mal mit einem Mountainbike, breiten Reifen und einem bikepacking-Setup unterwegs zu sein. Jetzt ist es soweit: in ein paar Tagen werde ich wieder unterwegs sein… Diesmal auf dem südamerikanischen Kontinent. Auf der Suche nach abgelegenen Schotterpisten und Pässen, in den Anden und auf dem Altiplano. Ganz besonders freut mich, dass ich mit dem neuen Flaggschiff von MTB Cycletech, dem RAW, unterwegs sein werde. Ich bin gespannt, wie sich mein neuer Drahtesel bewähren wird.
Maestrale, Mirto e Mare
Nun, nach zwei Wochen Erholung in Sizilien heisst es für mich, wieder in den Sattel zu steigen. Von Palermo aus gelange ich mit der Fähre der Tirrenia nach Cagliari. Nebenan harren Tunesier mit vollbeladenen Autos, meterhochem Gepäck, Fahrrädern und Scootern auf den Autodächern in der Hitze aus. Es ist Hochsaison, die Fähre ist voll, die Schlafsessel sind ausgebucht. Mit Glück ergattere ich in der Bar noch einen Stuhl und einen Tisch. Lege mich dann um Mitternacht am Boden auf meiner Schlafmatte hin.
In Cagliari werde ich von Enrico, einem Warmshower, herzlich aufgenommen. Warmshowers ist ein Netzwerk für Tourenradler, das in Europa und in den Staaten weit verbreitet ist. Erstaunlicherweise gibt es aber in ganz Sardinien nur drei Warmshowers. Enrico ist noch kein Jahr mit dabei und der erste der Insel.
In einem Tag geht es über eine tolle Schotterpiste und den Wald des Monte Arcuso nach Portoscuso, einem Fischerdorf. Dort besuche Bruno, den ich in Addis Ababa seinerzeit kennengelernt habe und ich folge gerne seiner Einladung, ihn zu besuchen. Er wohnt in Rom, verbringt aber vier Monate im Jahr in seinem Heimatdorf.
Er zeigt mir die Umgebung, die Reste der Tonnara, wo die Fischer von der Matanza, dem Thunfisch-Schlachten, zurück kamen. Wir besuchen auch eine naheliegende Nuraghe. Ein Steinturm und eine Siedlung aus der Bronzezeit, rund 3´500 Jahre alt. Die Nuraghenkultur in Sardinien ist allgegenwärtig. Es gibt rund 7´000 dieser Turmsiedlungen auf der Insel. Der Wind Maestrale pfeifft uns ins Gesicht, naheliegende Korkbäume sind richtiggehend flachgelegt worden und wachsen horizontal.
„Maestrale, Nuraghe e Mare – piu´ Sardegna di cosi´ non puoi avere!“, meint Bruno. Nun, den Mirto hat er vergessen, ein alkoholisches Kräutergetränk. Das holen wir aber nach dem Abendessen nach.
Ich fahre dann einem Küstenabschnitt entlang bis zur Costa Verde. Es gibt hier einige reizvolle Küstenfelsen. Aber halt auch Touristen und Camper, wobei sich der ganze Rummel sehr in Grenzen haelt, nicht zuletzt weil die Faehrpreise erheblich gestiegen sind in dieser Saison. Zeit, um die Küste zu verlassen und zunächst einmal einer happigen 13 % Steigung von drei Kilometern in der Mittagshitze zu trotzen. Es geht dann wieder runter, dann wieder rauf zum Passo di Bidderdu auf 492 M, und dann wieder runter.
Meine Route führt mich nun durch das Landesinnere, durch hügelige und bergige Landschaften, vorbei an vielen kleinen Dörfern und Korkeichen. Die Insel ist mit 1.5 Millionen Einwohnern nicht sehr dicht besiedelt und wildes Zelten problemlos möglich. Im Dorf Nureci möchte ich eigentlich nur Wasser tanken. Die Wände der Häuser sind mit grossen Malereien geschmückt. Ich plaudere mit Einheimischen und werde auf den über dem Dorf liegenden Brunnen geführt, wo ich dann gleich übernachte. Frisches Bergwasser findet sich oft am Wegesrand.
Die Sardinier scheinen auf den ersten Augenblick nicht allzu kontaktfreudig, doch sobald man sie begrüsst und anfängt, mit ihnen zu plaudern, zeigen sie sich von einer sehr gastfreundlichen und herzlichen Seite. So schenkt mir der Gemeindeangestellte Paulo, nachdem wir lange während der Mittagshitze geplaudert haben, ein halbes Kilo Käse und eine Salami.
In einem anderen Dorf, Sarule, werde ich dann von pensionierten Herren in ein hitziges Gespräch verwickelt. Sie fangen damit an, dass an jenem Tag ein Trauertag sei. Berlusconi sei nun vom Kassationsgericht verurteilt werden und er müsse begnadigt werden. Mit meiner Meinung halte ich natürlich nicht hinter dem Berg. Berlusconi ist eine Schande für Italien, für ganz Europa und es ist unbegreiflich, dass viele Italiener diesem Kriminellen (ganz offiziell darf man ihn nun Betrüger nennen) noch die Stange halten. Jeder Anwesende lädt mich derweil zu einem Getränk ein. Da erst 10 Uhr morgens ist, verzichte ich auf Bier und Wein. Der barista Gesuino gibt mir aber noch eine Flasche Inchusa Bier mit.
Während der ganzen Zeit ist es in Sardinien heiss, meist um die 35 Grad. Ich zelte oft in Wälderlichtungen. Für wenige Kilometer fahre ich mit dem Franzosen Thierry aus Annecy, für zwei Wochen in Sardinien und Korsika unterwegs und schon richtig schön verbrannt. Wir suchen einen Platz zum Zelten. Das Kirchlein San Pietro bietet sich da mit Sitzbänken, Festplatz und Brunnen gut an. Zufälligerweise fährt gerade in jemen Moment ein anderer Radler, Peter, Professor an der Universität Amsterdam, an uns vorbei. Er gesellt sich zu uns. Ich zeige dann beim Einschlagen des Zeltherings besonderes Geschick, da ich einen Wasserschlauch treffe und den ganzen Platz überflute. Nicht das erste Mal, bereits in Namibia ist mir das auf einem Zeltplatz passiert.
Jedes Dorf hat seine Eigenheit. Oschiri ist die Stadt der „Panadas“, eine Art Calzoni bzw. Empanada, wie man sie aus Spanien kennt. Pattada hingegen ist bekannt für die handgefertigten Taschenmesser im Stile der französischen Laguiole. Der Griff wird aus Widder-Horn hergestellt. Nur der Preis von über 100 Euro hält mich davon ab, ein solches Teil zu ergattern.
Ich treffe dann zwei Motorradfahrer aus Mailand an. Die Brüder Gabriele und Riccardo sind unterwegs zu den Eltern, die seit 38 Jahren ihren Urlaub in Sardinien verbringen. Spontan laden sie mich ein und so verbringe ich einen Nachmittag am Strand, kann Pasta alla bottarga essen und einen geselligen Abend verbringen. Gabriele ist übrigens Künstler und sein beliebtes Motiv sind afrikanische Tiere in Städten. Hier der Link http://
In Santa Teresa di Gallura nehme ich dann die Fähre nach Bonifacio, das für einen kleinen Kulturschock sorgt. Man fährt in einen felsigen Fjord hinein, in dem sich die riesigen luxuriösen Yachten im kleinen Hafen tumeln. Der Anblick ist eigentlich angenehm. Das einstmals verschlafene Städtchen wird von Touristen richtiggehend erdrückt, ist Opfer des eigenen Charmes. Sobald man das Rad in der Nähe eines Kaffees anlehnt, wird man angewiesen, es zu entfernen. Und für die Nacht muss ich mit einem überfüllten Campingplatz Vorlieb nehmen.
Die Insel ist im Belagerungszustand. Touristen ueberall. Erst nach rund 80 Kilometer kann ich endlich etwas dem Trubel entfliehen. Nun zeigen sich dafuer Hausschweine ueberall auf der Strecke. Die Gastfreundlichkeit wie in Sardinien vermisse ich hier allerdings. Auch an das Gruessen ohne Laecheln muss ich mich erst langsam wieder angewoehnen.
Immerhin gibt es ein paar schoene Steigungen und Abfahrten. Auch die Tour de France ist hier vorbeigekommen, was an den farbigen Fahnen und den Beschriftungen auf der Strasse zu sehen ist. Nach wenigen Tagen dann bin ich dann schon in Bastia, wo ich die Faehre nach Savona nehme.
Uebrigens laeuft die Spendenaktion fuer Helvetas immer noch weiter und wer sein Reisebudget nicht allzu arg strapaziert hat, ist gerne willkommen, einen Beitrag zu leisten. Vielen Dank.
U cannolo siciliano
Nach den letzten Ereignissen und der Ermordung eines Oppositionspolitikers in Tunis scheine ich wiederum zum richtigen Zeitpunkt das Land verlassen zu haben. Die Fähre bringt mich nach Sizilien und Trapani. Hier erwarten mich meine Eltern, um ihren Sohn nach 688 Tagen freudig umarmen zu können.
Als wir um Mitternacht mit der Fähre anlegen, ist von ihnen jedoch keine Spur zu sehen. Ich rufe sie an. Sie schlafen in der Pension. Da die Fähre mit über zwei Stunden Verspätung ablegt, teile ich das noch rechtzeitig per SMS mit. Allerdings wird das Boot die Verspätung bis Trapani aufholen können, meine SIM Karte aber nicht mehr funktionieren.In Trapani verbringen wir zusammen einen Tag, machen einen Ausflug nach Erice, das hoch oben auf einem. Ich fahre dann mit dem Velo los, zunächst Richtung Küste, vorbei an den Salinen von Trapani, wo einige Flamingos zu sehen sind. Nach Marsala entdecke ich zu meinem Erstaunen, dass sich an der Küste ein recht gut ausgeschilderter Veloweg befindet. Ich nehme den bis nach Agrigento.
Sizilien ist der richtige Ort, um mich langsam wieder an Europa zu gewöhnen. Der Kulturschock sitzt noch nicht so tief. Die Sizilianer sind keine Meister, was Ordnung, Disziplin und Sauberkeit anbelangt. Was mir nach Afrika auffällt, sind die leeren Felder, nur sehr wenige Schafe und Hirten sehe ich. Dörfer sind ausgestorben, praktisch keine Menschen sind unterwegs. Was hingegen die Preise für Gemüse und Früchte anbelangt, scheint Sizilien weltweit das beste Preis-Leistungsverhältnis zu haben. Sonnengereifte Tomaten, die noch diese Bezeichnung verdienen, für einen halben Euro. Wunderbare saftige Pfirsiche für einen Euro das Kilo.
Essensmässig ist Sizilien ein Schlaraffenland. Wie sehr habe ich mich nach dem Essen hier gesehnt: Salami, Pecorino, Oliven, Pasta, Gelato, la granita… und dann die cannoli siciliani, eine Spezialität, von der ich oft geträumt habe, als ich in der Wüste gegen Hitze und Wind gekämpft habe. Ein Gebäck mit Ricotta gefüllt, das schwer auf dem Magen liegt.
In anderen Bereichen steht Sizilien allerdings ganz schlecht da. So scheint das Abfallwesen ein Sorgenkind zu sein. Strassenränder und Parkplätze müssen als Mülldeponien herhalten. Abfall wird wild entsorgt. Die Insel ist dreckiger als die meisten Orte, die ich in Afrika gesehen habe. Auch das illegale Bauen scheint ein Volkssport zu sein. Immerhin hat die Insel im Kampf gegen die Mafia Fortschritte gemacht.
Unterwegs duftet es nach wildem Fenchel und reifen Feigen. Olivenhaine, Kapernsträucher, Kaktusfeigen und Weinreben säumen den Weg. Die Insel ist bergig, hügelig. Ich fahre vorbei an La Sciacca, einem Fischerort, und zelte am Strand. Hier werde ich dann von „Camperisti“ aus Palermo zum Abendessen eingeladen.
Als ich in Agrigento während der Mittagshitze Rast mache, fährt ein Vespa mit Schweizer Nummernschild an mir vorbei. Sofort steige ich aufs Rad in der Hoffnung, ihn einholen zu können. Vergeblich. Jedoch dreht dieser um und fährt mir plötzlich entgegen. Es ist ein pensioniertes Basler Paar, die mit einer Sonderedition eines dreirädrigen Ape vier Wochen lang Sizilien erkundet. Für mich ist es das erste Gespräch auf Schweizerdeutsch seit langem. Und das letzte unter sengender Sonne. Das nächste Mal suche ich mir lieber einen Schattenplatz.
Unterwegs treffe ich immer wieder Afrikaner an: aus dem Senegal, Marokko, Nigeria und Eritrea. Zwei Eritraern schenke ich eine halbe Melone. Sie seien vor zwei Wochen in Lampedusa gestrandet und nun in einem Zentrum untergekommen. Ich kann mit Ihnen ein paar Worte Amharisch tauschen, worüber sie sehr amüsiert sind.
Ich fahre an der Scala dei Turchi vorbei. Ein Felsen aus Tuffstein, das einen schönen Strand umgibt. Ich habe keine Zeit, um ein Bad zu nehmen und fahre zur Mittagszeit weiter.
Ich will mich beeilen, denn ich will ins Landesinnere, nach Milena. Spontan besuche ich hier Katie, ihre Eltern und ihr Ehemann Ivano, die im Raume Basel ein Elektrikergeschäft führen. Der Abschnitt von Agrigento zum Dörfchen Milena, das über 400 Meter hoch liegt, ist landschaftlich reizvoll. Beeindruckend ist auch die Tatsache, dass in dieser Gemeinde die Strassen sehr sauber sind und keine wilde Müllentsorgung und Littering betrieben wird. Hier in Milena kann ich dann den wohl besten Cannolo Siciliano bei der Pasticceria Palumbo geniessen.
In einem Tag geht es dann über hügelige Landschaften zur Provinz Enna. Die Stadt Enna ist die höchste Provinzhauptstadt von ganz Italien. Noch rund 20 Kilometer bis Valguarnera, wo ich wieder meine Eltern treffe, die den Sommer auf ihrem Landsitz verbringen, umgeben von Oliven- und Birnenbäumen. Zu meiner Schande muss ich eingestehen, dass ich das letzte Mal vor elf Jahren in Sizilien war.
Es wird zu meinen Ehren ein Fest organisiert, an dem sogar der Sindaco, der Bürgermeister erscheint und eine kleine Rede hält. Zum Abschluss meines Aufenthaltes in Valguarnera organisiert mein Pate, il Padrino, einen Reitausflug. Zu Fünft galoppieren wir rings um das Dorf. Anschliessend wird ein Männerabend veranstaltet, an dem Pecorino, Pasta Aglio e Olio, Salsiccie und Dolci verspiesen werden.
Lesotho und Revolution zum Zweiten
Nervenkitzel zum Abschluss meines Afrika-Aufenthaltes. Die Ruhe vor dem Sturm. Nachdem ich mir in Südafrika und Lesotho eine Auszeit genommen habe, fliege ich am 2. Juli nach Kairo zurück. Ich komme um 5 Uhr 40 an. Es ist bewölkt. Der Wüstenstaub und der Smog decken die 20-Millionenstadt Kairo in einen grauen Schleier ein. Sobald ich vom Flieger aussteige, kleben mir die Kleider am Leibe. Ich bin mir diese schwüle Hitze nicht mehr gewohnt. Im winterlichen Südafrika ist es derzeit angenehm frisch. Ich bin etwas besorgt und gespannt. In den letzten Tagen gab es anlässlich des einjährigen Jubiläums des neuen Präsidenten Morsi Demonstrationen und Kundgebungen auf dem Tahrir-Platz. Unzufriedenheit, Unmut macht sich breit. Wirtschaftlich geht es bergab mit dem Pharaonen-Staat. Auch die undemokratische Richtung, die Morsi und die Muslimbrüder eingeschlagen haben, behagt vielen nicht. Das Land ist tief gespalten.
Ein Taxi bringt mich westlich des Nils in den Stadtteil Mohandiseen, wo ich mein Velo bei drei jungen Studenten aus England, Amerika und Italien untergestellt habe. Sie studieren in Edinburgh „Internationale Beziehungen“ und absolvieren einen Arabisch-Intensivkurs. An diesem Tag werden sich die Ereignisse überstürzen. Nachdem ich etwas Schlaf vom Nachtflug nachgeholt habe, begebe ich mich zum Sprachinstitut, wo Steve, Sam und Marco studieren. Alle anwesenden Studenten verfolgen gespannt und aufgeregt die aktuellen Geschehnisse im Fernsehen. Die Leute fordern den Rücktritt von Morsi, während dieser, gedeckt von den Muslimbrüdern, nicht im Geringsten daran denkt. Wieso auch ? Er ist demokratisch gewählt worden. Das Militär stellt sich auf die Seite der Demonstranten – und Morsi ein 48-stündiges Ultimatum, um eine friedliche Lösung herbeizuführen. In wenigen Stunden wird es ablaufen. Was wird passieren ? Nach Ablauf der Frist entmachtet das Militär putschartig Morsi.
Freudenjubel bricht bei den Menschen aus. In der ganzen Stadt werden Feuerwerke gezündet, Autofahrer hupen, schwenken Fahnen, Gewehrschüsse werden abgefeuert. Mit dem mitgebrachten südafrikanischen Rotwein und Billtong stossen wir auf die zweite Revolution an. Steve geht spätabends noch auf den Tahrir-Platz, um die vibrierende Volksfest-Stimmung vor Ort zu erleben, während die meisten Sprachstudenten noch in dieser Nacht unter Waffenschutz nach Jordanien evakuiert werden. Meine drei Gastgeber wollen noch in Kairo bleiben.
Es wird eine sehr kurze Nacht werden. Ich fahre am nächsten Tag ins Zentrum. Ich habe ganz andere Sorgen. Ich will ein Paket aufgeben, um ein paar Kilogramm für den Flug nach Tunesien abzuspecken. Die dicke, sperrige Wolldecke aus Lesotho kann ich zudem in den naechsten Wochen nicht gebrauchen. Und ich muss noch den Flug buchen. Die Taxifahrer sind erfreut über den Ausgang der Demonstrationen. Das Leben in der Metropole scheint normal weiter zu gehen. Ich begebe mich zum Tahrir-Platz, wo bloss eine Handvoll Demonstranten übriggeblieben ist. Es herrscht eher Katerstimmung, viel Abfall liegt herum, beissender Gestank von Urin liegt in den Strassen. Ich wäge ab. Es ist Donnerstag, ich könnte bereits am Freitag fliegen. Aber ohne einen Blick auf die Pyramiden und die Sphinx zu erheischen, moechte ich nicht verreisen. Also buche ich für den Samstag und besuche am Freitag mit meinen Gastgebern die Pyramiden. Auf den letzten Drücker sozusagen. Wir sind praktisch die einzigen ausländischen Touristen.
Die Muslimbrüder lassen die Absetzung ihres Präsidenten nicht ohne weiteres auf sich sitzen und blasen nach dem Freitagsgebet zum Angriff, während Kampfjets den ganzen Tag lang die Macht des Militärs demonstrieren. Es folgen Gegendemonstrationen, Sitzproteste, in denen drei Mursi-Anhänger getötet werden. Die Intialzündung für weitere Tote. Abends dann erhalten meine Gastgeber die Nachricht, dass sie in den nächsten Stunden zwingend evakuiert werden. Ein Taxifahrer bringt mich um 5 Uhr morgens zum Flughafen. Die Strassen sind leergefegt, wir kommen gut voran. Doch auf halber Strecke fahren wir im Vorort Nasr City in eine Protestaktion rein, Stacheldraht und Panzerwagen versperren die Hauptverbindung zum Flughafen. Mir ist leicht mulmig. Zum Glück habe ich aber das Taxi fünf Stunden vor dem Flug (der ohnehin noch zwei Stunden Verspätung haben wird) bestellt. Wir nehmen einen Umweg. Endlich treffe ich dann im Flughafen ein und kann einchecken. Und ausatmen.
Doch nun zurück nach Südafrika, nach Lesotho. Ich stelle mein Velo bei Sam, Steven und Marco in Kairo ein und fliege runter nach Johannesburg, wo der Winter Einzug hält. Nachts ist es kalt und eisig, tagsüber sonnig und frisch. Die Luft ist rein, der Himmel stahlblau. Zusammen mit Shawna, eine Peace Corpse Volunteer, die ich seinerzeit in Lesotho kennengelernt habe, verbringen wir zunächst einige Tage in Südafrika, in Clarens und im Golden Gate National Park.
Dieses Bergland, drei Viertel so gross wie die Schweiz, hat mir auf meiner Durchreise bereits sehr gut gefallen, die Leute waren sehr freundlich. Die Stimmung ist enstpannt, die Leute gehen gemächlich ihren Alltagsgeschäften nach, die meisten Männer tragen einen Kobo, eine dicke Wolldecke. Verhandeln ist hier verpönt. Man wird nicht übers Ohr gehauen. Die meiste Zeit verbringe ich in Mohales Hoek, wo Shawna ihrer Tätigkeit als Peace Corps Volunteer beim Ministry of Agriculture nachgeht. Sie lebt hier in einem landestypischen Rondavel mit einem Strohdach. Einige Meter entfernt ein aus Wellblech improvisierter Stall für die vier Schafe von Ntaté Lefu, der mich wie üblich mit einem breiten Grinsen begrüsst.
Langweilig kann es einem in einem bergigen Land nicht werden. Im Hinterhof von Mohales Hoek gibt es viele Hügel und so unternehmen wir viele Wanderungen, erkunden Höhlen, Schluchten und besteigen einige Berge. Es macht Spass, frühmorgens loszubrechen, einen Gipfel anzupeilen und dorthin zu trekken. Unterwegs treffen wir immer wieder Schafhirten an. Unser treuer Begleiter ist jeweils Seriti, auf Sesotho Schatten, ein frecher junger Hund, der stetig an Vertrauen gewinnt, es sichtlich geniesst, Berge hinaufzukraxeln und besonders Freude daran hat, Schafherden und Kinder zu verscheuchen. Bei einer Wanderung verweigert er jegliche Nahrungs- und Wasseraufnahme. Wir befürchten schon, dass er vergiftet wurde. Doch zum Glück wird er abends wieder seine gewohnte Ess-Aggression finden, um die wir für einmal froh sind.
Als erstes nehmen wir den Hausberg von Mohales Hoek in Angriff: Thaba Linoha, der Schlangenberg. Die Tage sind kurz und so starten wir in der Dunkelheit im Schein unserer Stirnlampen. Beim ersten Aussichtspunkt eröffnet sich das Tal, Morgennebel hängt schwer in der Luft und gibt in der Dämmerung ein tolles Farbspektakel ab. Von weitem studieren wir die kahle Bergflanke, um eine geeignete Route ausfindig zu machen. Das lose Geröll und ein paar Felsstufen zwingen uns zu besonderer Vorsicht. Selbst Seriti wird es dann irgendwann einmal zu bunt, er winselt und will über ein paar Felsen getragen werden. Doch nach ein paar Stunden haben wir es geschafft, sind oben und können endlich die Aussicht auf die Berge und das benachbarte Flusstal bestaunen.
Mit dem Mietauto unternehmen wir dann später einen Ausflug ins Landesinnere und zur höchsten Strasse des südlichen Afrika. Unterwegs bestaunen wir einige Dinosaurier Fussabdrücke und Felszeichnungen von Buschmännern. Dann geht es ständig bergauf, bis zum höchsten Punkt auf über 3’255 M zum Tlaeeng Pass, der höchsten befahrbaren Strasse im südlichen Afrika. Unser kleines Mietauto kann natürlich nicht mithalten mit den übermotorisierten SUV’s aus Südafrika, die für ein verlängertes Wochenende nach Lesotho zum Skifahren und Snowboarden brettern. Im Afriski-Resort gibt es das Ganze Drumherum, das man an einem Skiort findet: Ski – und Snowboardverleih, Après-Ski, Restaurant, Bars, Chalets, Backpacker und trendiger Laden. Ach ja, und eine niedliche, kaum halben Kilometer lange Piste, die mit Kunstschnee am Leben erhalten wird. Aber fuer uns gibt es keinen Platz zum Schlafen. Ausser im Mietwagen, in dem wir eingepackt in den Schlafsäcken eine eisig-kalte Nacht verbringen.
Wir fahren anschnliessend zum Katse-Dam. Ab hier ist die Strasse nicht mehr geteert und in einem schlechten Zustand. Für die 60 Kilometer nach Thaba Tseka benötigen wir fast vier Stunden. Dass wir mit dem Auto unterwegs sind, spricht sich bei den anderen Peace Corps Volunteer dank BlueBerry schnell rum und so nehmen wir unterwegs noch zwei Kolleginnen mit, die zur Hauptstadt Maseru fahren wollen.
Diesmal habe ich ausgiebig Zeit für ein Ponytrekking, zwei Tage bin ich zusammen mit meinem 20-jährigen Guide Ntaté Ntabo auf Schusters Rappen unterwegs. Der beste Ort, um ein solches Trekking zu organisieren, ist die Malealea Lodge im Suedwesten des Landes. Es ist eindrücklich, wie die Ponies durch steile Abschnitte und loses Geröll vorankommen. Wir trekken ins Tal des Ribaneng, schlafen dann in einem kleinen Dorf.
Eine unschoene Szene erleben wir, als wir in einem Minibus unterwegs sind. Ploetzlich haelt der Verkehr an, ein Bus hat sich aus welchem Grund auch immer quer zur Strasse gestellt. Ein entgegenkommendes Taxi weicht auf das holprige Feld aus, brettert mit unverminderter Geschwindigkeit darueber. Ploetzlich geht die hintere Tuere auf, eine uebergewichtige Mutter mit einem Kleinkind auf dem Ruecken gebunden faellt aus dem Fahrzeug und knallt auf den Boden, rollt einige Male. Die Frau blutet im Gesicht, schreit verzweifelt. Der Zustand des Kindes scheint kritisch zu sein.
Zurück in Johannesburg habe ich einen halben Tag Zeit, die ich nutze, um ein paar Stunden im aufschlussreichen Apartheid-Museum zu verweilen. Dann geht es wieder zurück nach Kairo. Von dort fliege ich dann weiter nach Tunis. Nach Ägypten ist Tunesien eine richtiggehende Umstellung. Tunis ist sauber, europäisch, geordnet. Ein grosser Boulevard lädt zum Flanieren ein. Die Tunesier leben einen moderaten, aufgeschlossenen Islam. Frauen in Burkas sind hier nicht zu sehen. Kopftücher sind eher die Ausnahme. Abends schliessen alle Laeden. Ich fühle mich wohl hier. Die Tunesier sind kontaktfreudig. Viele Jugendliche sind neugierig auf meine Meinung über Tunesien, wo der arabische Frühling vor über zwei Jahren sich wie ein Brandfeuer ausgebreitet hat.
Drei Tage lang absolviere ich mein Pflichtprogramm. Das touristische Städtchen Sidi Bou Said, das moderne Museum Bardo, wo viele einzigartige Mosaike aus Karthago höchst professionnel und zeitgemässs ausgestellt sind. Trotz Hitze kann ich mich doch noch dazu überwinden, einige Steinhaufen in Karthago anzuschauen. Wohlwissend, dass der Roemer Cato mit seinem „ceterum censeo carthaginem esse delendam“ im Senat durchdrang und die Stadt im Dritten Punischen Krieg dem Erdboden gleichgemacht wurde.
In Tunesien freue ich mich auch, wieder einmal ein traditionelles Hammam zu besuchen, wo ich von einem Masseur durchgeknetet und geschrubbt werde. Ich verirre mich in der UNESCO-geschützten Medina, wo die Händler im ägyptischen Vergleich richtiggehend zahm sind. Es ist jetzt im Juli eindeutig zu heiss, um noch das Landesinnere von Tunesien und die Wüste zu erkunden. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Inshallah ! Von Tunis nehme ich die Fähre, die mich in sechs Stunden nach Sizilien, meinem Heimatland bringt !
Umbruch in Ägypten
Nach der Gastfreundlichkeit der Sudanesen und der Abgeschiedenheit in der nubischen Wüste erfordert Ägypten eine Umstellung. Die Lebensader Ägyptens, das Nildelta, ist dicht besiedelt. Einen ersten Eindruck vom Land erhalten mein Radlerkollege Sekiji und ich, als wir mit der Fähre anlegen und über 600 Passagiere der Fähre gleichzeitig den Zoll passieren wollen. Gedränge, Gestubse. Träger mit riesigen Gepäckstücken auf dem Kopf tragend meinen, Vortritt zu haben. Beamte schreien Leute an, drangsalieren mit Schlagstöcken. Die Passagiere von hinten schubsen, von allen Seiten versuchen sich Leute einzuschleichen. Keine Spur von Disziplin. Chaos pur. Der Höhepunkt ist, als in einem engen Gang ein kleines Röntgengerät darauf wartet, sämtliches Gepäck zu durchleuchten. Sekiji und ich haben kaum Platz mit unseren beladenen Rädern, müssen alle Packtaschen auf das Fliessband legen. Trotz der klaustrophobischen Verhältnisse drängeln sich die Träger, die pro Gepäckstück entlöhnt zu werden scheinen, unerbittlich vor. Vor allem die in schwarzen Tschadors gehüllten übergewichtigen Mütter meinen, Vortritt zu geniessen. Es wird mir zu bunt. Mit gespielter Theatralik und einer Prise Humor fange ich an zu fauchen, zu fluchen, herum zu kommandieren, mich mit Ellbogen nach vorne zu kämpfen und mir jeglichen ungewollten Körperkontakt zu verbieten. Die Beamten scheint mein Gebaren zu amüsieren. Es nützt. Schon bald sind wir endlich draussen und können die wenigen Kilometer nach Assuan in Angriff nehmen.
Der unorganisierte, undisziplinierte und chaotische erste Eindruck verfestigt sich übrigens im Strassenverkehr. Nicht, dass ich mich auf Überlandfahrten bedroht fühle. Aber in den Städten habe ich noch nie so viele, ich kann es nicht anders beschreiben, dumme Verkehrsteilnehmer gesehen. Ägypten hat sich den Ruf des gefährlichsten Verkehrs in Afrika reichlich verdient. Etwa die Hälfte der Fahrzeuge fährt nachts bewusst ohne Licht ! Die Strassenbeleuchtung sei ja ausreichend, um den Weg zu sehen. Wenn ein lebensmüder Fussgänger die Strasse überqueren möchte, wird auf das Gaspedal gedrückt und kurz aufgeblendet.
Auch zu Fuss ist die Mobilität nicht immer einfach. In Assuan gleicht es einem Spiessrutenlauf, durch den Souk zu laufen. Ich gerate hier in die Haare mit einem Händler, der Sekiji beim Vorbeilaufen mit einem rüden und sehr lauten „Ni hao!“ anschreit. Seit der „Revolution“ vor zwei Jahren und dem Sturz Mubaraks bleiben die Touristen aus. Die Tourismusindustrie leidet seither sehr stark, steckt in einer tiefen Krise. Die Händler sind richtiggehend verzweifelt, stürzen sich dementsprechend auf die wenigen Reisenden.
Nun, was mir vorher nicht bewusst war: der Tourismus in Ägypten konzentriert sich stark auf die pharaonischen Sehenswürdigkeiten und die Badeorte Hurghada und Sharm El Sheich. Seit den Unruhen durch islamische Fundamentalisten in den Neunziger Jahren ist das individuelle Reisen im Land eingeschränkt. Gefahren wird oftmals im Konvoi oder begleitet durch Polizeieskorten.
Nichtsdestotrotz. Der organisierte Besuch des 250 Kilometer südlich von Assuan liegende Tempel von Abu Simbel lohnt sich allemal. Zahlreiche Cars, Busse und Minibusse starten gemeinsam um vier Uhr morgens, eskortiert durch die Polizei. Eindrücklich ist die Tatsache, dass der gesamte Berghügel, indem sich der Tempel findet, Stein um Stein abgetragen wurde, um 200 Meter verschoben und 65 Meter höher verlegt wurde.
Den Ägyptern wird nachgesagt, dass sie stolz seien. Stolz, Ägypter zu sein. Dass sie auf die Hochkultur ihrer pharaonischen Vorfahren stolz sind, bezweifle ich. Die Schaufenster der Telekommunikations-Firmen sind blitzblank und sauber, während die Vitrinen, welche die Gräber im Tal der Könige schützen, die Handabdrücke einiger Tausend Besucher präsentieren. Obwohl Fotografieren und Blitzen in den meisten Gräbern untersagt ist, wird jeder Wächter gegen ein kleines Bakschisch gerne über das Verbot hinwegsehen. Und beim Bau des gigantischen Nasser Staudammes war geplant, den ganzen Tempel von Ramses II in Abu Simbel und viele weitere nubische Kulturstätten einfach zu überfluten, ohne sich um deren Rettung zu kümmern. Nur dank der UNESCO und der Hilfe von zahlreichen Wissenschaftlern und Staaten konnten die wichtigsten gerettet werden. Einige erst, nachdem sie schon überflutet wurden.
Sekiji und ich fahren von Assuan dem Nil entlang nach Luxor. Unterwegs halten uns ein paar Tempel auf. So der dem Krokodil-Gott Sobek gewidmete Tempel in Kom Mombo, wo auch mumifizierte Krokodile bestaunt werden können. Besonders beeindruckend ist der gigantische Tempel von Horus in Edfu.
Die Fahrt ist nicht unangenehm. Anders als in touristischen Orten, wo man ständig von Verkäufern, Rikscha-Fahrern und Guides zuweilen aufs Ärgste drangsaliert wird, werden wir unterwegs sogar zum Tee eingeladen. In guter Erinnerung bleiben wird mir die Begegnung mit einem Schuldirektor und der Lehrerschaft, die mich äusserst freundlich empfangen. Doch ich muss den vor mir liegenden Sekij wieder einholen und kann leider nicht allzu lange bleiben.
In Erinnerung bleibt mir auch die Begegnung mit einem Jugendlichen. Ich bin daran, eine dieser Wasserspender zu fotografieren, aus denen man gekühltes Wasser trinken kann. Grossartig und toll, dass man sie überall an öffentlichen Stellen findet, denke ich mir. Dieser Junge fragt mich, wozu ich dies abfotografiere. Ich wolle doch dem Westen nur ein schlechtes Bild vermitteln, die Armut zeigen. Der Typ legt nun richtig los. Hört mir schon gar nicht zu. Er ist sichtlich angespannt und hasserfüllt. Er hasse Amerika und Israel und er hasse mich. So, so, Bürschen. Nun bin ich an der Reihe, mittlerweile haben wir eine stattliche Zuhörerschaft. Ich bin sehr ruhig aber laut. Ich frage ihn, ob er denn wirklich glaube, dass er ein guter Muslim sei, wenn er einem völlig Unbekannten, dessen Herkunft er noch nicht einmal wissen möchte, ins Gesicht sagt, er hasse ihn. Er solle sich einfach schämen. Menschen wie er seien eine Schande für sein Land und nicht der Wasserspender vor der Moschee.
Das Gebiet entlang des Niles zwischen Kairo und Luxor ist unterentwickelt, überbevölkert. Die Armut und Unzufriedenheit hat in den Neunziger Jahren zu Aufständen von islamischen Extremisten geführt. Trauriger Höhepunkt dieser Auseinandersetzungen war 1997, als 68 Menschen in Luxor im Tempel von Hatschepsut getötet wurden. Jedem Schweizer wird sich noch an das Ereignis gut erinnern können, denn 36 davon waren Schweizer.
Luxor ist an Denkmälern sehr reich. Die Stadt ist ein Anziehungspunkt für Touristen, sehr gepflegt und angenehm, wenn man von den lästigen Rikscha-Fahrern einmal abseht, die einem nach dem zehnten „Nein, Danke“ und nach einer halben Stunde immer noch hartnäckig verfolgen. Einzigartig ist das Tal der Könige, in dem 64 Gräber gefunden wurden. Der bekannteste unter ihnen dasjenige des Tutenkhamun. Armer Pharao ! Mit 19 Jahren verstorben, wurde er mit unglaublich vielen Schätzen begraben. Die liegen nun alle im Museum in Kairo. Einzig die zerbrechliche und transportunfähige Mummie ist splitternackt ohne jeglichen Schmuck ganz alleine im Grabe geblieben.
Absolut eindrücklich in Luxor ist eine Heissluftballon-Fahrt. Die werden im Backpacker, wo wir unterkommen, günstig angeboten, für rund 40 US-Dollar. Keine Frage, da machen wir mit! Die Fahrt ist einfach sensationell. Vor allem, weil unser Pilot talentiert ist und über die Tempel schwebt. Was wir erst im Nachhinein erfahren ist, dass vor wenigen Wochen der schwerste Unfall in der Geschichte des Heisluftballons hier in Luxor passiert ist und 19 Menschen getötet wurden.
Von Luxor gibt es drei Routen, um nach Kairo zu gelangen. Entlang des Nils, entlang dem Roten Meer und die Western Desert Route, die mit 1’300 Km allerdings doppelt solange ist wie die beiden ersten. Zudem bläst um diese Jahreszeit der Wind Khamsin unerbittlich von Norden. ich verzichte gerne darauf, die Erfahrungen im Sudan zu wiederholen. Sekiji und ich trennen uns in Luxor. Er begleitet mich einige Kilometer ausgangs Luxor. Eine kurze Umarmung ohne viele Worte, aber Wehmut liegt in der Luft. Wir wissen beide, dass wir eine sehr tolle Zeit zusammen verbracht haben, die Fahrt durch den Sudan einer der Höhepunkte unserer Reise war. Sekiji versucht sich auf der Western Desert Route, doch nach einigen Tagen erkrankt er und kehrt um. Er will zuerst nach Europa und nach Ablauf der drei Monate des Schengen-Visums von Kairo her die Route erneut in Angriff nehmen. Inshallah !
Ich fahre entlang des Niles. Besonders auf diesem Abschnitt bis nach Kairo gab es in den Neunziger Jahren Aufstände, das Reisen ist eingeschränkt. Von Qena bis nach Minya werde ich von Polizeiwagen eskortiert, die sich alle 20 bis 30 Kilometer abwechseln. Das Ganze ist etwas sonderbar. Die Städte, in denen ich übernachte – Qena, Sohag, Asyut, Minya und Beni Suef, sind nicht sonderlich attraktiv. Die meisten Hotels nehmen keine Ausländer auf.
Dank der Unterstützung der freundlichen Polizei finden wir aber nach teils langem Suchen dann doch noch eine bezahlbare Unterkunft. Nur selten finde ich Leute, die ein bisschen Englisch sprechen. Doch die meisten sind erfreut, einen Ausländer zu sehen. Und nicht dass ein falscher Eindruck entsteht. Meinen Aufenthalt hier in diesem Land moechte ich nicht missen. Übrigens kennt praktisch jeder hier in Ägypten die Stadt Basel. Dank zweier ägyptischen Fussballspieler, die beim FC Basel ihre Brötchen verdienen.
Die letzten Kilometer von Beni Suef nach Kairo schenke ich mir, steige in einen Zug ein. Ich habe keine Lust, in die Megalopolis von Kairo, die wohl grösste Stadt Afrikas, mit dem Velo rein zufahren. Ägypten hinterlässt bei mir einen gespaltenen Eindruck. Von einer Demokratisierung ist nicht viel zu spüren. Das von den – immerhin demokratisch gewählten – Muslimbrüdern angeführte Land ist daran, den Staat und die Verwaltung noch stärker islamisch zu prägen. Die Scharia ist bereits verfassungsrechtlich verankert worden. Die Freiheitsrechte der Minderheiten und der koptischen Christen werden stärker eingeschränkt.
In Kairo komme ich bei drei jungen Studenten aus Italien, UK und US unter, die ich in Luxor kennengelernt habe. Sie besuchen drei Monate lang einen Arabisch-Intensivkurs. Ich kann bei Ihnen mein Velo unterstellen. Meine Velo-Reise durch Afrika ist bald zu Ende. Das ist mir bewusst.
Doch ich möchte Afrika noch nicht so schnell verlassen, will auch Zeit haben, die letzten 20 Monate zu verdauen, Revue zu passieren, Zeit haben, um zu schreiben, zu lesen, meine Fotos zu sichten, für längere Zeit an einem Ort zu bleiben. Ein günstiger Flug bringt mich runter nach Johannesburg, zurück zu einem meiner Lieblingsländer, nach Lesotho, wo der Winter Einzug haelt. Fuer einmal darf ich nun frieren!
Nubische Zaubernächte
Die ganze Wüstenstrecke im Sudan von 1‘600 Kilometern treten Sekiji und ich gegen einen hartnäckigen Nordwind an. Die Landschaft hat nur wenige Reize zu bieten. Das Quecksilber klettert tagsüber auf 45 Grad, es ist heiss, unsere Haut fühlt sich wie Backpapier an. Ein streng muslimischer Staat, eine Militärregierung, die Freiheitsrechte einschränkt und ein Präsident, der sich vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag verantworten muss. Klingt nicht sehr verheissungsvoll.
Und dennoch: nach und nach werden wir um den Finger gewickelt. Der Sudan wird zu meinen Lieblingsländern in Afrika gehören. Die Leute gehören zu den gastfreundlichsten auf dem ganzen Kontinent. Das Reisen im Land ist absolut sicher, die Leute sind stets sehr hilfsbereit, man fühlt sich willkommen, wird sehr oft zu einem Tee eingeladen. Nach und nach zieht uns Nubien, wie der Sudan früher hiess, in seinen Bann. Den Sudan auf das Krisengebiet Darfur und dem Präsidenten al-Baschir zu reduzieren, wäre ungerecht.
Meine Hoffnung, durch den Sudan mit einem Reisegefährten zu reisen, verwirklicht sich in der Person des Japaners Sekiji, den ich in Äthiopien treffe. Ich bin froh, die lange Strecke gegen den Wind mit ihm zusammen zu fahren. Das bisschen Windschatten und etwas Gesellschaft macht die Fahrt erträglicher.
Die Einreise in den Sudan gestaltet sich problemlos. Wir sind gespannt auf dieses Land. Der Sudan öffnet sich langsam dem Tourismus, wir haben sogar ein Zwei-Monats-Visum ausgestellt erhalten. Die bürokratische Hürde der Registrierung bei der Ausländerbehörde ist allerdings noch nicht abgeschafft. Man soll dies gleich am winzigen Grenzort in Gallabat erledigen können, hiess es. Am nächsten Morgen klappern wir vergeblich alle Ämter ab. Es heisst stets, „Khartoum, Khartoum“. Um 9 Uhr legen wir unverrichteter Dinge los. Und erhalten gleich unsere erste Lektion. Um diesen Zeitpunkt sollte man bereits zwei Drittel des Tagespensums absolviert haben.
Im Laufe der nächsten Tage verlegen wir den Start in die Nacht, wir werden später teilweise sogar um zwei Uhr nachts starten. Es ist dann einfach ruhiger und kühler. Manchmal sogar windstill. Landschaftlich verpassen wir ohnehin nicht viel. Entweder spendet uns der Mond Licht oder wir fahren im Schein der Stirnlampe. Es sind herrliche Momente, in der Kühle und Stille der Nacht loszufahren, die Sternschnuppen zu zählen und nach ein paar Stunden anzuhalten, um die Sonne aufgehen zu sehen.
Sekiji und ich haben glücklicherweise die gleiche Einstellung und wir machen uns das Radlerleben nicht unnötig schwer. Der Wind und die Hitze machen uns bereits zu schaffen. Wir übernachten in der Regel in sogenannten „Cafeterias“, einfachen Restaurants am Strassenrand, Truckstopps. Man erhält dort garantiert immer einen Teller „ful“, Bohneneintop mit Brot, oft Fleisch, manchmal Leber, Eier, falafel (Kichererbsen-Küchlein). Und kann dann für wenige Rappen ein Bett, bestehend aus einem einfachen Gestell und einem geflochtenen Netz, für die Nacht mieten. Und erspart sich sämtliche Camping-Aktivitäten und kann dann rasch in der Nacht aufbrechen.
In Wad Medani stossen wir wieder auf den Blauen Nil, der in Äthiopien in Bahir Dar beim Lake Tana seinen Anfang nimmt. Bald sind wir in Khartoum, wo uns der symphatische Couchsurfer Steve, ein 64-jähriger Amerikaner aufnimmt. Steve arbeitet als Lehrer bei der American School in Khartoum. Zunächst verrichten wir den obligaten Behördengang, entledigen uns einer läppischen Summe von umgerechnet 50 Dollar, um uns offiziell zu registrieren.
Khartoum ist angenehm, für afrikanische Verhältnisse sehr geordnet, sauber. Der Weisse Nil trifft hier auf das Blaue Gegenstück. Obschon ein Alkoholverbot herrscht, gibt es aber Restaurants mit Live Musik, wo man zu Schnulzen das Tanzbein schwingen kann. Man staune. So im Papa Costa. Ulkig und unterhaltsam. Nächstentags gönnen wir uns im Schwimmbad im „Greek Club“ etwas Abkühlung.
Und zur Unterhaltung führen uns Steve und seine Freunde ausserhalb Khartoums, um einem nubischen Wrestling-Turnier beizuwohnen. Sobald die Sonne sich dem Horizont neigt und die Temperaturen erträglicher werden, bringen die Kämpfer die Stimmung in der randvollen Arena zum Kochen.
Von Khartoum aus unternehmen Sekiji und ich mit dem Bus einen Ausflug zu der Sehenswürdigkeit Nummer eins im Sudan: der königliche Friedhof in Meroe. Zeugnis einer Hochkultur aus der Pharaonenzeit. 13 Jahrhunderte lang, bis zum 4. Jhd. n.Chr., herrschten die Kuschiten in Nubien, lieferten Sklaven und Gold an die Ägypter.
Die Pyramiden sind nicht derart gigantisch wie die berühmten im Nachbarstaat, dafür hat man sie für sich ganz alleine. Die Stimmung am frühen Morgen und späten Abend ist einzigartig, wird nicht durch Massen von Schaulustigen und Souvenirhändlern vermasselt. Die paar wenigen Kameltreiber, die ihre Dienste anbieten, sind charmant und man kann deren Überredungsversuchen nicht widerstehen, sich für ein paar wenige sudanesische Pfund auf ein Wüstenschiff zu setzen. Einzig ein paar Tausende Besucher jährlich bekommen die Relikten zu Gesicht. Lächerlich wenig im Vergleich zu den ägyptischen Besucherzahlen.
Busfahrten im Sudan sind übrigens untypisch afrikanisch. Moderne chinesische oder koreanische klimatisierte Busse, kein einziger Passagier zuviel. Unterwegs werden kühle Getränke und Snacks gereicht. Gefahren wird auf feinem Asphalt, keine Bodenwelle, keine Schlaglöcher. Zurück in Khartoum trudeln drei weitere Tourenfahrer bei Steve ein, Richtung Süden fahrend. Das schottisch-dänische Paar Sam und Julie und Ambrose aus der Normandie. Zeit für uns, um den Kollegen Platz zu machen und uns wieder auf die Räder zu schwingen.
Doch allzu rasch entlässt uns Khartoum nicht. Wir fahren in der Nacht los, in einem Vorort hüllt die aufgehende Sonne den Morgenverkehr in ein goldenes Licht. Wir können selbstverständlich der Versuchung nicht widerstehen und knipsen die Szenerie gebührend ab. Bis uns ein Vespafahrer etwas unfreundlich Einhalt gebietet und uns zur Polizeistation bittet. Fotografieren im Sudan ist eine heikle Angelegenheit, das ist uns bewusst. Doch anstatt einfach die Bilder zu sichten und zu löschen, wird ein Distriktschef aufgeboten. Uns ist bange. Zum Glück erscheint der nie und nach einer Teerunde und einer Stunde werden wir, ohne dass die Fotos gelöscht werden müssen, entlassen. Und so kann ich natürlich meinen Lesern den Stein des Anstosses auch nicht weiter vorenthalten:
Für die 500 Kilometer bis Dongola kämpfen wir uns sieben Tage lang ab. Zugegeben, etwas neidisch sind wir schon auf andere Radler, die in entgegengesetzter Richtung nur zwei bis drei Tage benötigen. Sekiji und ich müssen kleine Brötchen backen, 50 bis 90 Kilometer am Tag, je nachdem wie stark es der Sandsturm Habub auf uns abgesehen hat. Spätestens um Mittag wird das Fahren bei dem Sturm und der Hitze zur Tortur. An Wasser mangelt es uns glücklicherweise nicht. Am Strassenrand finden sich häufig überdeckte Wasserstellen, wo man Wasser aus riesigen Tonkrügen schöpfen kann. Und unterwegs trinken wir paradoxerweise stets gekühltes Wasser. Die Verdunstung ist derart extrem, dass wir unsere Trinkflaschen in eine Socke stecken, die wir andauernd feucht halten und dadurch abgekühlt wird.
Die Erleichterung ist gross, wenn wir mittags endlich eine kleine Cafeteria anpeilen können, um dort umgehend ein paar kühle Soda in wenigen Schlucken zu tanken, den obligaten Bohneneintopf zu verschlingen und uns auf den Betten breitzumachen, um den Rest des Tages bis zum abendlichen Bohneneintopf zu dösen. Nicht immer finden wir ein lauschiges Plätzchen.
In einer solchen kleinen gemütlichen Cafeteria erleben wir eine Schrecksekunde. Weniger wegen der faustgrossen Camel Spiders, die herumirren. Als wir um vier Uhr aufstehen, bemerkt Sekiji, dass seine Spiegelreflexkamera und weitere Gegenstände in der Lenkertasche fehlen, sie jemand geklaut haben muss. Zwei Jungs und ein betagter Mann kümmern sich um die Cafeteria. Drei andere Gäste schlafen in jener Nacht ebenfalls dort. Im Umkreis von vielleicht 20 Kilometern ist keine andere Seele zu finden, allenfalls noch ein Schakal und die besagten Camel Spiders. Mir fällt am Vorabend auf, dass die zwei Burschen ständig auf die Ausrüstung von Sekiji schielen, zwischendurch flüstern. Um zwei Uhr morgens wache ich auf, sehe, wie die beiden Kerle sich mit einer Taschenlampe an das Rad von Sekiji heranschleichen. Ich mache mich bemerkbar, sie verziehen sich. Male mir nicht das Schlimmste aus, ahne nicht, dass die zwei derart bekloppt sein können, um einen Gast zu bestehlen.
Wir wecken die ganze Bande auf, verlangen die Kamera von den zwei Schurken zurück. Jemand anderes kann es nicht gewesen sein. Die tun nichts dergleichen, leugnen alles ab, legen sich stinkfrech wieder schlafen. Der Alte, sichtlich verwirrt, brummelt ständig „Schakal, Schakal“. Wir warten bis zum Morgengrauen, bis die ersten zwei Truckfahrer anhalten. Erklären denen, was vorgefallen sei, ziehen sie auf unsere Seite. Nun reden wir alle auf die Halunken ein, schüchtern sie ein. Wir drohen mit der Polizei. Ich gebe ihnen zu verstehen, dass aufgrund unserer Sachverhaltsschilderung die Polizei uns Glauben schenken wird, die Täterschaft mehr als augenfällig ist, ihnen aufgrund der geltenden Schari‘a die Hand abgehauen wird. Nun bekämen sie eine Chance: Kamera oder Hand ab !
Ein Truckfahrer redet einem der zwei Gauner ins Gewissen, führt uns dann später zu einem Gebüsch hinter dem Gebäude. Dort ist die Kamera versteckt ! Ob der Chauffeur, der früher angeblich bei der Polizei angestellt war, ein Geständnis erzwingen konnte oder einfach ein guter Fährtenleser ist, wissen wir nicht. Jedenfalls ist der Vorfall jugendlichem Leichtsinn zuzuschreiben und untypisch für den Sudan.
In Dongola gönnen wir uns zwei Ruhetage im einzigen für westliche Besucher ausgelegten Guesthouse. Der Tourismus steckt hier im Sudan ja leider noch in den Kinderschuhen, obschon es viel zu entdecken gäbe. Der Koreaner Isa führt seit sieben Jahren mit seiner Frau und den drei Kindern das Candaca Nubian Guesthouse, spricht gut arabisch, ist an nubischer Kultur interessiert und kennt Nordsudan wie seine Westentasche. Er organisiert für uns einen Ausflug. Wir besuchen ein nubisches Dorf, unternehmen eine Fahrt in einem traditionellen Boot und legen an einer Sandbank an, wo wir dann im Nil baden.
Nördlich von Dongola wird die nubische Wüste abwechslungs- und erlebnisreicher. Das Gebiet ist wie schon seit Jahrtausenden reich an Goldvorkommen. Überall wird nach dem Edelmetall geschürft. Die Landschaft sieht teilweise völlig durchgebürstet aus. Menschen mit Gold-Detektoren irren in der einsamen Landschaft unter der brütenden Hitze herum. Wir können der Versuchung nicht widerstehen, unsere Nase in einer solchen staubigen Gold-Siedlung zu stecken. Es gibt hier viele Cafeterias, kleine Shops, pakistanische Parfumverkäufer, fliegende Teeverkäufer äthiopischer Herkunft. Steine werde zu Pulver zermalmt, Gold von Hand gewaschen.
Unerwartet ist eines Morgens auch das Treffen mit einer riesigen Kamelherde von schätzungsweise 300 Tieren, die an den Nil geführt werden, um gefüttert zu werden. In 40 Tagen werden sie von der Sahara hierhin geführt. Viele überleben den langen Marsch nicht und verenden kurz vor der Futterstelle. Entlang der Strasse finden sich zahlreiche Kadaver, ein richtiger Friedhof.
Sehenswert ist auch eine Moschee aus dem Jahre 1779, von Sheikh Idris erbaut. Boras, ein Nubier, der seit 15 Jahren in den Niederlanden lebt, vorher General war und aufgrund seiner politischen Anschauung für zwei Jahre ins Gefängnis gesteckt wurde, erzählt uns bei einer Runde Tee viel über die nubische Kultur. Er setzt sich für die nubische Zivilisation ein, die durch die weiteren geplanten Staudämme weiter gefährdet ist. Ganze Städte, Dörfer und historisch bedeutende Relikte der nubischen Kultur sollen unter Wasser gesetzt werden. Wie vor 40 Jahren beim Bau des Nasser Staudammes, als zahlreiche Kulturgüter unter Wasser verschwanden und der Tempel Abu Simbel in einer aufwendigen Aktion verlegt werden musste.
Wir stecken dann über eine Woche in Wadi Halfa am südlichen Ende des Nasser Stausees fest und müssen auf die nächste Fähre warten, die nur wöchentlich verkehrt. Trotz einem Tag lang Anstehen unter der prallen Sonne und viel Diskutieren erhalten wir kein Ticket mehr. Das historische Wadi Halfa und 30 weitere nubische Dörfer im Herzen Nubiens wurden anfangs der 60-er Jahre im Zuge des Staudamm-Projektes überflutet. Endlich geht es dann los mit der völlig überfüllten Fähre. Ich schlaufe auf dem Deck, dichtgedrängt mit vielen anderen Passagieren. Die Fahrt bis nach Assuan in Ägypten dauert 20 Stunden. Und schon nach 2 Tagen hier in Ägypten sehnt man sich zurück an die sudanesische Gastfreundschaft und die Nächte unter dem nubischen Sternenhimmel !