• Namibia

Reisebericht

Bald wieder unterwegs…

Mein letzter Beitrag ist nun auch schon eine ganze Weile, ja schon ein paar Jahre her. Natürlich war ich in der Zwischenzeit immer wieder mal unterwegs: u.a. in Marokko im Atlas Gebirge am Trekken; in Uganda auf dem Ruwenzori; in Albanien und letztes Jahr mit dem Rad in Ladakh und Zanskar. Als ich dort auf ganz üblen Pisten unterwegs war, fiel der Entscheid, das nächste Mal mit einem Mountainbike, breiten Reifen und einem bikepacking-Setup unterwegs zu sein. Jetzt ist es soweit: in ein paar Tagen werde ich wieder unterwegs sein… Diesmal auf dem südamerikanischen Kontinent. Auf der Suche nach abgelegenen Schotterpisten und Pässen, in den Anden und auf dem Altiplano. Ganz besonders freut mich, dass ich mit dem neuen Flaggschiff von MTB Cycletech, dem RAW, unterwegs sein werde. Ich bin gespannt, wie sich mein neuer Drahtesel bewähren wird.

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Alpenroute

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Bevor ich schweizerischen Boden betrete – ich bin einen Steinwurf von Genf entfernt – lasse ich die letzten Tage in den französischen Alpen Revue passieren. Zurueck nach Korsika. In Bastia nehme ich die Fähre nach Italien. Als ich dort das Cyber Kaffee verlasse, rauscht ein Tourenradler an mir vorbei. Ich hole Olivier bald ein. Auch er nimmt die Fähre nach Savona. Olivier ist aus der Nähe von Lausanne und will nächstes Jahr auf der östlichen Route nach Südafrika radeln. Er kennt sich in den französischen Alpen gut aus und so tauschen wir eifrig Informationen.
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Einmal in Savona angekommen, verabschieden wir uns auch schon. Ich radle der Küstenstrasse entlang, der Via Aurelia, bis nach Ventimiglia und danach Richtung französische Grenze. Die Strände sind vollgepfropft mit Muessiggaengern, die sich Ellbogen an Ellbogen in der Mittagssonne aalen. Ich staune nur darueber, dass sich die Leute dies freiwillig antun, die wohl das Gleiche von mir denken werden. Ich klappere zahlreiche Veloläden ab, denn ich brauche für die nächsten Tage ein paar Beinlinge. Ein Veloweg einige Kilometer vor San Remo sorgt für einige ruhige und erholsame Momente und laesst die stark befahrene Hauptstrasse vergessen. Vorbildlich. Vielleicht liegt es daran, dass die Velolobby in San Remo dank des Eintagesklassikers Milano – San Remo, la Classicissima, staerker als anderswo ist.
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Kurz vor dem Feiertag “Ferragosto” sind die Campingplätze ausgebucht, was mir mehr als recht sein kann, denn ich habe keine Lust, eingepfercht in einem Kaninchenstall und für Lärmimmissionen noch Geld auszugeben. Stattdessen fahre ich ab Ventimiglia Richtung Norden. Es wird eine lange Etappe von über 140 Kilometer. Ein Zeltplatz ist im engen Flusstal unmöglich zu finden. Ich erreiche die letzte Ortschaft auf italienischem Boden, Fanghetto, in der Dunkelheit. Im idyllischen Dorf leben noch zwei Einheimische, ansonsten nur Touristen, Niederländer und Franzosen, die hier ihre Sommerresidenz in einem renovierten Steinhaus haben. Für die Übernachtung suche ich mir eine Steinbank neben dem Brunnen in einer Arkade aus. Fliessendes Wasser und ein Dach ueber dem Kopf, mehr brauche ich nicht. Ich bin zufrieden. Doch schon bald wird mir eine leerstehende Vorratskammer inklusive einer warmen Dusche angeboten. Dazu ein Plauderstuendchen. Eine angenehme Ueberraschung. Ich bin gluecklich.
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Am nächsten ‘Tag bin ich während eines Intermezzo von 40 Kilometer in Frankreich. Ich peile den Colle di Tenda auf 1870 M an, der suedlichste der grossen Alpenpaesse. Er fährt sich trotz Verkehr und vielen Motorradfahrern gut. Die verschwinden dann ohnehin alle im Tunnel und die letzten rund 7 Kilometer und spektakulaere 46 Haarnadelkurven bin ich dann abgesehen von einer Schafherde und vier boesen Hirtenhunden praktisch alleine. Die Beinlinge kann ich nun ganz gut gebrauchen, denn bald fängt es an zu regnen, es kuehlt ab. Die Strasse ist im oberen Teil dann ungeteert, eine richtig tolle Passstrasse.
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Dichte Nebelschwaden ziehen dann am Schluss auf und als ich endlich auf der Passhöhe bin, kann ich im dichten Nebel nur mit Muehe eine der zahlreichen militaerischen Festungen finden. Im Regen und Nebel zu zelten ist nicht sonderlich einladend. Sehr willkommen fuehle ich mich aber in der Festung auch nicht. Ein enger Gang führt in einen kleinen Vorraum. Drei kleine Gänge führen zu Schiessluken, während eine Treppe vier Stockwerke runter in die absolute Dunkelheit einlädt. Von dort fuehrt dann ein abfallender Tunnel direkt in die Hoelle, wie es mir vorkommt. Das Ganze ist mir dann doch etwas unheimlich und gruselig und ich steige rasch wieder die Treppen hoch. Ich habe keine Lust, noch weiter den Untergrund zu erforschen. Die Zeltstangen finden nur mit Kraftaufwand Platz im engen Vorraum. Es zieht fürchterlich und die Wassertropfen hängen schwer in der Luft. Ein paar Podcasts lenken mich zum Glück etwas ab.
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Am nächsten Tag hat sich der Nebel nicht verzogen. Ich warte zunächst ab, entschliesse mich dann aber, keine zweite Nacht in dieser Militärfestung  verbringen zu wollen. In der Talsenke wird das Wetter wohl besser sein. Auf der italienischen Seite zeigt sich dann bald ein Bergrestaurant, wo ich mit dem sympathischen Paar Giorgio und Gaby aus Cuneo ins Gespräch komme. Schweren Herzens lehne ich ihr Angebot ab, bei Ihnen in Cuneo zu übernachten, denn ich will noch zum Fusse des nächsten Passes fahren. Das Wetter klart nun endlich etwas auf.
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In Borgo San Dalmazzo trockne ich zunächst mein Zelt in einem öffentlichen Park und geniesse nochmals einen Espresso in der gegenüberliegenden Bar. Dort stellt mir, wie sich später herausstellen wird, der Bürgermeister Paolo, unuebliche und interessante Fragen über meine Reise. Auch hier wird mir eine Bleibe angeboten – doch ich bleibe nicht, dafuer bei meinem Plan. Ich fahre dem Valle di Stura auf einem ruhigen Veloweg fernab vom Verkehr bis zur Abzweigung zum Colle della Lombarda, wo ich am Flussufer wild zelte.
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Der Col de la Lombarde (2350 M) ist von der italienischen, nördlichen Seite her, gut zu fahren. 24 Kilometer lang, durchschnittlich knapp sechs Prozent Steigung mit einigen wenigen flacheren Abschnitten. Die Campingplätze sind in diesen Sommertagen meist ausgebucht, sodass meine warme Dusche noch einige Tage warten muss. Ich bin nun auf der Route des Grandes Alpes, die vom Mittelmeer bis zum Lac Léman über die französischen Alpen führt. Leider nicht nur bei Velofahrern beliebt.

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Es geht nun rauf zum Col de la Bonette, 2715 M hoch. Nach dem Pass führt noch einen steilen Kilometer lang “la plus haute route de l´Europe”, wie grossmundig auf Schildern prangt, rund um den Cime de la Bonette zu einem Monument. Es gibt noch hoehere Gebirgsstrassen in Europa, was aber von den Franzosen nicht gerne gehoert wird. Kaum dort angekommen und mein Velo abgestellt, um zu Beweiszwecken ein Foto zu schiessen, werde ich von ungeduldigen Motorradfahrern schon höflich gebeten, doch das Velo auf die Seite zu schieben. Oh-Oh. Das kommt bei mir nach drei Stunden Schwitzen und Treten am Berg, und nachdem ich Hunderte von vorbeirasenden Motorradfahrern ertragen musste, ganz einfach schlecht an. Immerhin kommen meine lauten Schimpftiraden bei den anderen Velofahrern gut an.
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Immerhin treffe ich noch “normale” Radler an. Wie den 66-jährigen André aus Toulouse, der von einer dreimonatigen Tour auf dem Balkan und in Albanien zurückkehrt. Erst vor wenigen Jahren habe er mit Velotouren angefangen. Es habe ihm unglaublich gut gefallen in Albanien, er habe sich in das Land verliebt, die Leute seien sehr freundlich gewesen. Doch sobald er wieder hier in Europa eingetroffen sei, habe es ihm abgelöscht. Die Leute seien gestresst, weniger freundlich. Er vermisse die Gastfreundlichkeit. Er bereue, dass er nicht als Jugendlicher Veloreisen unternommen habe. Die Einfachheit dieser Reiseart und die Begegnungen haetten ihm den Horizont geoffnet.

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Die nächsten Tage geht es stets mit Durchschnittsgeschwindigkeiten von 6 bis 8 km/Std rauf und mit fast zehnfacher Geschwindigkeit in langen Abfahrten wieder runter. Nach dem Col de Vars, 2111 M, finde ich dann endlich einen Campingplatz, um wieder einmal eine warme Dusche zu nehmen. Dort finde ich auch den Freak Christopher, 46 Jahre, aus Cumbria/England. Er ist in den Sommermonaten unterwegs, um die höchsten Alpenpässe zu besteigen und zu wandern. Anstelle von Wasserbidons hat er zwei Champagnerflaschen am Velorahmen und Korken zieren die Speichen seiner Raeder. Er ist in seinem Leben schon weit herumgekommen und geniesst umso mehr die Alpen.

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Der Col de l`Izoard (2360 M) ist landschaftlich auf den letzten Kilometern der “Casse Déserte”, einer Verwitterungslandschaft, besonders reizvoll. 32 Mal fuehrte die Tour de France ueber diesen Pass. Unterwegs erinnern zwei Schilder an einem Felsen an die Radlegenden Fausto Coppi und Louison Bobet.

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Der Col du Lautaret, 2058 M, ist nur die Vorstufe bzw. auf der Abzweigung zum Col du Galibier, 2677 M , einem Klassiker der Tour de France, ein Pass Hors Categorie, der schon sehr oft gefahren wurde.

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Nun gibt es einen etwas flacheren Abschnitt zwischen St. Michel de Maurienne und Lanslebourg. Von einem der “schönsten Dörfer Frankreichs”, wie es am Dorfeingang von Bonneval-sur-Arc heisst, führt die Strasse zum Col de l´Iséran, mit 2764 M der höchste ueberfahrbahre Gebirgspass Europas. Der riesige Parkplatz vor dem Dorfeingang und die Hundertschaften von Touristen, die das Dorf belagern, sind dann weniger schoen. Auf der anderen Seite des Passes liegt der Skiort Val d´Isère und eine lange Abfahrt bis nach Bourg St. Maurice. Erst sieben Male fuehrte die Tour de France ueber diesen Pass.

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Bevor das grosse Gaehnen bei der Aufzaehlung all dieser Paesse aufkommt: frueher als erwartet ist es geschafft. Der Cormet de Roselend (1967 M) führt durch eine wasserreiche Schlucht und einem Staudamm.

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Die Paesse flachen nun ab. Der Col de la Saisie (1633 M) liegt im Skiort Saisie, wo ich einen Nachmittag lang im Tourismusbüro verbringe und den Entwurf zum vorliegenden Artikel schreibe, während es draussen bestaendig regnet. Um sechs Uhr Abends endlich hoert es etwas auf, sodass ich mich auf dem Weg zum Camping mache. Da ich aber keine Dusche benoetige, reut es mich, die 11 Euro in diesem Drei-Sterne-Camping auszugeben, wo man fuer eine warme Dusche nochmals einen 1-Euro-Jeton einwerfen muss. Auf dem Campingplatz wird das erwartete Nachtgewitter nicht trockener sein als anderswo und das waldige Gebiet eignet sich ohnehin gut, um wild zu zelten. Ich fahre weiter und bei der erstbesten Gelegenheit frage ich einen Herrn, der gerade Mountainbikes in einer Garage verstaut, um Wasser. Wir kommen ins Gespraech und Herve bietet mir spontan und umsonst sein Winterchalet zur Uebernachtung an ! Toll !

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Am naechsten Tag aendere ich dann meinen Plan, lasse zwei kleinere Paesse rechts liegen und fahre schnurstracks Richtung Annecy und an die schweizerische Grenze unweit von Genf. Mein Freund Jan verreist in zwei Tagen und ich moechte ihn noch sehen. Unterwegs faehrt er mir entgegen und begleitet mich zu seinem neuen Wohnort in Frankreich. Mit seiner gleichnamigen Frau hat er mich bei der Abreise vor zwei Jahren waehrend einiger Tage begleitet. Die Schweiz ist nun in Sichtweite !

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Maestrale, Mirto e Mare

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Nun, nach zwei Wochen Erholung in Sizilien heisst es für mich, wieder in den Sattel zu steigen. Von Palermo aus gelange ich mit der Fähre der Tirrenia nach Cagliari. Nebenan harren Tunesier mit vollbeladenen Autos, meterhochem Gepäck, Fahrrädern und Scootern auf den Autodächern in der Hitze aus. Es ist Hochsaison, die Fähre ist voll, die Schlafsessel sind ausgebucht. Mit Glück ergattere ich in der Bar noch einen Stuhl und einen Tisch. Lege mich dann um Mitternacht am Boden auf meiner Schlafmatte hin.

In Cagliari werde ich von Enrico, einem Warmshower, herzlich aufgenommen. Warmshowers ist ein Netzwerk für Tourenradler, das in Europa und in den Staaten weit verbreitet ist. Erstaunlicherweise gibt es aber in ganz Sardinien nur drei Warmshowers. Enrico ist noch kein Jahr mit dabei und der erste der Insel.

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In einem Tag geht es über eine tolle Schotterpiste und den Wald des Monte Arcuso nach Portoscuso, einem Fischerdorf. Dort besuche Bruno, den ich in Addis Ababa seinerzeit kennengelernt habe und ich folge gerne seiner Einladung, ihn zu besuchen. Er wohnt in Rom, verbringt aber vier Monate im Jahr in seinem Heimatdorf.

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Er zeigt mir die Umgebung, die Reste der Tonnara, wo die Fischer von der Matanza, dem Thunfisch-Schlachten, zurück kamen. Wir besuchen auch eine naheliegende Nuraghe. Ein Steinturm und eine Siedlung aus der Bronzezeit, rund 3´500 Jahre alt. Die Nuraghenkultur  in Sardinien ist allgegenwärtig. Es gibt rund 7´000 dieser Turmsiedlungen auf der Insel. Der Wind Maestrale pfeifft uns ins Gesicht, naheliegende Korkbäume sind richtiggehend flachgelegt worden und wachsen horizontal.

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“Maestrale, Nuraghe e Mare – piu´ Sardegna di cosi´ non puoi avere!”, meint Bruno. Nun, den Mirto hat er vergessen, ein alkoholisches Kräutergetränk. Das holen wir aber nach dem Abendessen nach.

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Ich fahre dann einem Küstenabschnitt entlang bis zur Costa Verde. Es gibt hier einige reizvolle Küstenfelsen. Aber halt auch Touristen und Camper, wobei sich der ganze Rummel sehr in Grenzen haelt, nicht zuletzt weil die Faehrpreise erheblich gestiegen sind in dieser Saison. Zeit, um die Küste zu verlassen und zunächst einmal einer happigen 13 % Steigung von drei Kilometern in der Mittagshitze zu trotzen. Es geht dann wieder runter, dann wieder rauf zum Passo di Bidderdu auf 492 M, und dann wieder runter.

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Meine Route führt mich nun durch das Landesinnere, durch hügelige und bergige Landschaften, ­­­vorbei an vielen kleinen Dörfern und Korkeichen. Die Insel ist mit 1.5 Millionen Einwohnern nicht sehr dicht besiedelt und wildes Zelten problemlos möglich. Im Dorf Nureci möchte ich eigentlich nur Wasser tanken. Die Wände der Häuser sind mit grossen Malereien geschmückt. Ich plaudere mit Einheimischen und werde auf den über dem Dorf liegenden Brunnen geführt, wo ich dann gleich übernachte. Frisches Bergwasser findet sich oft am Wegesrand.

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Die Sardinier scheinen auf den ersten Augenblick nicht allzu kontaktfreudig, doch sobald man sie begrüsst und anfängt, mit ihnen zu plaudern, zeigen sie sich von einer sehr gastfreundlichen und herzlichen Seite. So schenkt mir der Gemeindeangestellte Paulo, nachdem wir lange während der Mittagshitze geplaudert haben, ein halbes Kilo Käse und eine Salami.

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In einem anderen Dorf, Sarule, werde ich dann von pensionierten Herren in ein hitziges Gespräch verwickelt. Sie fangen damit an, dass an jenem Tag ein Trauertag sei. Berlusconi sei nun vom Kassationsgericht verurteilt werden und er müsse begnadigt werden. Mit meiner Meinung halte ich natürlich nicht hinter dem Berg. Berlusconi ist eine Schande für Italien, für ganz Europa und es ist unbegreiflich, dass viele Italiener diesem Kriminellen (ganz offiziell darf man ihn nun Betrüger nennen) noch die Stange halten. Jeder Anwesende lädt mich derweil zu einem Getränk ein. Da erst 10 Uhr morgens ist, verzichte ich auf Bier und Wein. Der barista Gesuino gibt mir aber noch eine Flasche Inchusa Bier mit.

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Während der ganzen Zeit ist es in Sardinien heiss, meist um die 35 Grad. Ich zelte oft in Wälderlichtungen. Für wenige Kilometer fahre ich mit dem Franzosen Thierry aus Annecy, für zwei Wochen in Sardinien und Korsika unterwegs und schon richtig schön verbrannt. Wir suchen einen Platz zum Zelten. Das Kirchlein San Pietro bietet sich da mit Sitzbänken, Festplatz und Brunnen gut an. Zufälligerweise fährt gerade in jemen Moment ein anderer Radler, Peter, Professor an der Universität Amsterdam, an uns vorbei. Er gesellt sich zu uns. Ich zeige dann beim Einschlagen des Zeltherings besonderes Geschick, da ich einen Wasserschlauch treffe und den ganzen Platz überflute. Nicht das erste Mal, bereits in Namibia ist mir das auf einem Zeltplatz passiert.

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Jedes Dorf hat seine Eigenheit. Oschiri ist die Stadt der “Panadas”, eine Art Calzoni bzw. Empanada, wie man sie aus Spanien kennt. Pattada hingegen ist bekannt für die handgefertigten Taschenmesser im Stile der französischen Laguiole. Der Griff wird aus Widder-Horn hergestellt. Nur der Preis von über 100 Euro hält mich davon ab, ein solches Teil zu ergattern.

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Ich treffe dann zwei Motorradfahrer aus Mailand an. Die Brüder Gabriele und Riccardo sind unterwegs zu den Eltern, die seit 38 Jahren ihren Urlaub in Sardinien verbringen. Spontan laden sie mich ein und so verbringe ich einen Nachmittag am Strand, kann Pasta alla bottarga essen und einen geselligen Abend verbringen. Gabriele ist übrigens Künstler und sein beliebtes Motiv sind afrikanische Tiere in Städten. Hier der Link http://www.gabrieleburatti.com

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In Santa Teresa di Gallura nehme ich dann die Fähre nach Bonifacio, das für einen kleinen Kulturschock sorgt. Man fährt in einen felsigen Fjord hinein, in dem sich die riesigen luxuriösen Yachten im kleinen Hafen tumeln. Der Anblick ist eigentlich angenehm. Das einstmals verschlafene Städtchen ­wird von Touristen richtiggehend erdrückt, ist Opfer des eigenen Charmes. Sobald man das Rad in der Nähe eines Kaffees anlehnt, wird man angewiesen, es zu entfernen. Und für die Nacht muss ich mit einem überfüllten Campingplatz Vorlieb nehmen.

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Die Insel ist im Belagerungszustand. Touristen ueberall. Erst nach rund 80 Kilometer kann ich endlich etwas dem Trubel entfliehen. Nun zeigen sich dafuer Hausschweine ueberall auf der Strecke. Die Gastfreundlichkeit wie in Sardinien vermisse ich hier allerdings. Auch an das Gruessen ohne Laecheln muss ich mich erst langsam wieder angewoehnen.

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Immerhin gibt es ein paar schoene Steigungen und Abfahrten. Auch die Tour de France ist hier vorbeigekommen, was an den farbigen Fahnen und den Beschriftungen auf der Strasse zu sehen ist. Nach wenigen Tagen dann bin ich dann schon in Bastia, wo ich die Faehre nach Savona nehme.

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Uebrigens laeuft die Spendenaktion fuer Helvetas immer noch weiter und wer sein Reisebudget nicht allzu arg strapaziert hat, ist gerne willkommen, einen Beitrag zu leisten. Vielen Dank.

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U cannolo siciliano

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Nach den letzten Ereignissen und der Ermordung eines Oppositionspolitikers in Tunis scheine ich wiederum zum richtigen Zeitpunkt das Land verlassen zu haben. Die Fähre bringt mich nach Sizilien und Trapani. Hier erwarten mich meine Eltern, um ihren Sohn nach 688 Tagen freudig umarmen zu können.

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Als wir um Mitternacht  mit der Fähre anlegen, ist von ihnen jedoch keine Spur zu sehen. Ich rufe sie an. Sie schlafen in der Pension. Da die Fähre mit über zwei Stunden Verspätung ablegt, teile ich das noch rechtzeitig per SMS mit. Allerdings wird das Boot die Verspätung bis Trapani aufholen können, meine SIM Karte aber nicht mehr funktionieren.IMG_7004 (1024x683)In Trapani verbringen wir zusammen einen Tag, machen einen Ausflug nach Erice, das hoch oben auf einem. Ich fahre dann mit dem Velo los, zunächst Richtung Küste, vorbei an den Salinen von Trapani, wo einige Flamingos zu sehen sind. Nach Marsala entdecke ich zu meinem Erstaunen, dass sich an der Küste ein recht gut ausgeschilderter Veloweg befindet. Ich nehme den bis nach Agrigento.

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Sizilien ist der richtige Ort, um mich langsam wieder an Europa zu gewöhnen. Der Kulturschock sitzt noch nicht so tief. Die Sizilianer sind keine Meister, was Ordnung, Disziplin und Sauberkeit anbelangt. Was mir nach Afrika auffällt, sind die leeren Felder, nur sehr wenige Schafe und Hirten sehe ich. Dörfer sind ausgestorben, praktisch keine Menschen sind unterwegs. Was hingegen die Preise für Gemüse und Früchte anbelangt, scheint Sizilien weltweit das beste Preis-Leistungsverhältnis zu haben. Sonnengereifte Tomaten, die noch diese Bezeichnung verdienen, für einen halben Euro. Wunderbare saftige Pfirsiche für einen Euro das Kilo.

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Essensmässig ist Sizilien ein Schlaraffenland. Wie sehr habe ich mich nach dem Essen hier gesehnt: Salami, Pecorino, Oliven, Pasta, Gelato, la granita… und dann die cannoli siciliani, eine Spezialität, von der ich oft geträumt habe, als ich in der Wüste gegen Hitze und Wind gekämpft habe. Ein Gebäck mit Ricotta gefüllt, das schwer auf dem Magen liegt.

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In anderen Bereichen steht Sizilien allerdings ganz schlecht da. So scheint das Abfallwesen ein Sorgenkind zu sein. Strassenränder und Parkplätze müssen als Mülldeponien herhalten. Abfall wird wild entsorgt. Die Insel ist dreckiger als die meisten Orte, die ich in Afrika gesehen habe. Auch das illegale Bauen scheint ein Volkssport zu sein. Immerhin hat die Insel im Kampf gegen die Mafia Fortschritte gemacht.

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Unterwegs duftet es nach wildem Fenchel und reifen Feigen. Olivenhaine, Kapernsträucher, Kaktusfeigen und Weinreben säumen den Weg. Die Insel ist bergig, hügelig. Ich fahre vorbei an La Sciacca,  einem Fischerort, und zelte am Strand. Hier werde ich dann von “Camperisti” aus Palermo zum Abendessen eingeladen.

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Als ich in Agrigento während der Mittagshitze Rast mache, fährt ein Vespa mit Schweizer Nummernschild an mir vorbei. Sofort steige ich aufs Rad in der Hoffnung, ihn einholen zu können. Vergeblich. Jedoch dreht dieser um und fährt mir plötzlich entgegen. Es ist ein pensioniertes Basler Paar, die mit einer Sonderedition eines dreirädrigen Ape vier Wochen lang Sizilien erkundet. Für mich ist es das erste Gespräch auf Schweizerdeutsch seit langem. Und das letzte unter sengender Sonne. Das nächste Mal suche ich mir lieber  einen Schattenplatz.

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Unterwegs treffe ich immer wieder Afrikaner an: aus dem Senegal, Marokko, Nigeria und Eritrea. Zwei Eritraern schenke ich eine halbe Melone. Sie seien vor zwei Wochen in Lampedusa gestrandet und nun in einem Zentrum untergekommen. Ich kann mit Ihnen ein paar Worte Amharisch tauschen, worüber sie sehr amüsiert sind.

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Ich fahre an der Scala dei Turchi vorbei. Ein Felsen aus Tuffstein, das einen schönen Strand umgibt. Ich habe keine Zeit, um ein Bad zu nehmen und fahre zur Mittagszeit weiter.

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Ich will mich beeilen, denn ich will ins Landesinnere, nach Milena. Spontan besuche ich hier Katie, ihre Eltern und ihr Ehemann Ivano, die im Raume Basel ein Elektrikergeschäft führen. Der Abschnitt von Agrigento zum Dörfchen Milena, das über 400 Meter hoch liegt, ist landschaftlich reizvoll. Beeindruckend ist auch die Tatsache, dass in dieser Gemeinde die Strassen sehr sauber sind und keine wilde Müllentsorgung und Littering betrieben wird. Hier in Milena kann ich dann den wohl besten Cannolo Siciliano bei der Pasticceria Palumbo geniessen.

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In einem Tag geht es dann über hügelige Landschaften zur Provinz Enna. Die Stadt Enna ist die höchste Provinzhauptstadt von ganz Italien. Noch rund 20 Kilometer bis Valguarnera, wo ich wieder meine Eltern treffe, die den Sommer auf ihrem Landsitz verbringen, umgeben von Oliven- und Birnenbäumen. Zu meiner Schande muss ich eingestehen, dass ich das letzte Mal vor elf Jahren in Sizilien war.

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Es wird zu meinen Ehren ein Fest organisiert, an dem sogar der Sindaco, der Bürgermeister erscheint und eine kleine Rede hält.  Zum Abschluss meines Aufenthaltes in Valguarnera organisiert mein Pate, il Padrino, einen Reitausflug. Zu Fünft galoppieren wir rings um das Dorf. Anschliessend wird ein Männerabend veranstaltet, an dem Pecorino, Pasta Aglio e Olio, Salsiccie und Dolci verspiesen werden.

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Lesotho und Revolution zum Zweiten

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Nervenkitzel zum Abschluss meines Afrika-Aufenthaltes. Die Ruhe vor dem Sturm. Nachdem ich mir in Südafrika und Lesotho eine Auszeit genommen habe, fliege ich am 2. Juli nach Kairo zurück. Ich komme um 5 Uhr 40 an. Es ist bewölkt. Der Wüstenstaub und der Smog decken die 20-Millionenstadt Kairo in einen grauen Schleier ein. Sobald ich vom Flieger aussteige, kleben mir die Kleider am Leibe. Ich bin mir diese schwüle Hitze nicht mehr gewohnt. Im winterlichen Südafrika ist es derzeit angenehm frisch. Ich bin etwas besorgt und gespannt. In den letzten Tagen gab es anlässlich des einjährigen Jubiläums des neuen Präsidenten Morsi Demonstrationen und Kundgebungen auf dem Tahrir-Platz. Unzufriedenheit, Unmut macht sich breit. Wirtschaftlich geht es bergab mit dem Pharaonen-Staat. Auch die undemokratische Richtung, die Morsi und die Muslimbrüder eingeschlagen haben, behagt vielen nicht. Das Land ist tief gespalten.

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Ein Taxi bringt mich westlich des Nils in den Stadtteil Mohandiseen, wo ich mein Velo bei drei jungen Studenten aus England, Amerika und Italien untergestellt habe. Sie studieren in Edinburgh “Internationale Beziehungen” und absolvieren einen Arabisch-Intensivkurs. An diesem Tag werden sich die Ereignisse überstürzen. Nachdem ich etwas Schlaf vom Nachtflug nachgeholt habe, begebe ich mich zum Sprachinstitut, wo Steve, Sam und Marco studieren. Alle anwesenden Studenten verfolgen gespannt und aufgeregt die aktuellen Geschehnisse im Fernsehen. Die Leute fordern den Rücktritt von Morsi, während dieser, gedeckt von den Muslimbrüdern, nicht im Geringsten daran denkt. Wieso auch ? Er ist demokratisch gewählt worden. Das Militär stellt sich auf die Seite der Demonstranten – und Morsi ein 48-stündiges Ultimatum, um eine friedliche Lösung herbeizuführen. In wenigen Stunden wird es ablaufen. Was wird passieren ? Nach Ablauf der Frist entmachtet das Militär putschartig Morsi.

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Freudenjubel bricht bei den Menschen aus. In der ganzen Stadt werden Feuerwerke gezündet, Autofahrer hupen, schwenken Fahnen, Gewehrschüsse werden abgefeuert. Mit dem mitgebrachten südafrikanischen Rotwein und Billtong stossen wir auf die zweite Revolution an. Steve geht spätabends noch auf den Tahrir-Platz, um die vibrierende Volksfest-Stimmung vor Ort zu erleben, während die meisten Sprachstudenten noch in dieser Nacht unter Waffenschutz nach Jordanien evakuiert werden. Meine drei Gastgeber wollen noch in Kairo bleiben.

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Es wird eine sehr kurze Nacht werden. Ich fahre am nächsten Tag ins Zentrum. Ich habe ganz andere Sorgen. Ich will ein Paket aufgeben, um ein paar Kilogramm für den Flug nach Tunesien abzuspecken. Die dicke, sperrige Wolldecke aus Lesotho kann ich zudem in den naechsten Wochen nicht gebrauchen. Und ich muss noch den Flug buchen. Die Taxifahrer sind erfreut über den Ausgang der Demonstrationen. Das Leben in der Metropole scheint normal weiter zu gehen. Ich begebe mich zum Tahrir-Platz, wo bloss eine Handvoll Demonstranten übriggeblieben ist. Es herrscht eher Katerstimmung, viel Abfall liegt herum, beissender Gestank von Urin liegt in den Strassen. Ich wäge ab. Es ist Donnerstag, ich könnte bereits am Freitag fliegen. Aber ohne einen Blick auf die Pyramiden und die Sphinx zu erheischen, moechte ich nicht verreisen. Also buche ich für den Samstag und besuche am Freitag mit meinen Gastgebern die Pyramiden. Auf den letzten Drücker sozusagen. Wir sind praktisch die einzigen ausländischen Touristen.

Die Muslimbrüder lassen die Absetzung ihres Präsidenten nicht ohne weiteres auf sich sitzen und blasen nach dem Freitagsgebet zum Angriff, während Kampfjets den ganzen Tag lang die Macht des Militärs demonstrieren. Es folgen Gegendemonstrationen, Sitzproteste, in denen drei Mursi-Anhänger getötet werden. Die Intialzündung für weitere Tote. Abends dann erhalten meine Gastgeber die Nachricht, dass sie in den nächsten Stunden zwingend evakuiert werden. Ein Taxifahrer bringt mich um 5 Uhr morgens zum Flughafen. Die Strassen sind leergefegt, wir kommen gut voran. Doch auf halber Strecke fahren wir im Vorort Nasr City in eine Protestaktion rein, Stacheldraht und Panzerwagen versperren die Hauptverbindung zum Flughafen. Mir ist leicht mulmig. Zum Glück habe ich aber das Taxi fünf Stunden vor dem Flug (der ohnehin noch zwei Stunden Verspätung haben wird) bestellt. Wir nehmen einen Umweg. Endlich treffe ich dann im Flughafen ein und kann einchecken. Und ausatmen.

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Doch nun zurück nach Südafrika, nach Lesotho. Ich stelle mein Velo bei Sam, Steven und Marco in Kairo ein und fliege runter nach Johannesburg, wo der Winter Einzug hält. Nachts ist es kalt und eisig, tagsüber sonnig und frisch. Die Luft ist rein, der Himmel stahlblau. Zusammen mit Shawna, eine Peace Corpse Volunteer, die ich seinerzeit in Lesotho kennengelernt habe, verbringen wir zunächst einige Tage in Südafrika, in Clarens und im Golden Gate National Park.

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Dieses Bergland, drei Viertel so gross wie die Schweiz, hat mir auf meiner Durchreise bereits sehr gut gefallen, die Leute waren sehr freundlich. Die Stimmung ist enstpannt, die Leute gehen gemächlich ihren Alltagsgeschäften nach, die meisten Männer tragen einen Kobo, eine dicke Wolldecke. Verhandeln ist hier verpönt. Man wird nicht übers Ohr gehauen. Die meiste Zeit verbringe ich in Mohales Hoek, wo Shawna ihrer Tätigkeit als Peace Corps Volunteer beim Ministry of Agriculture nachgeht. Sie lebt hier in einem landestypischen Rondavel mit einem Strohdach. Einige Meter entfernt ein aus Wellblech improvisierter Stall für die vier Schafe von Ntaté Lefu, der mich wie üblich mit einem breiten Grinsen begrüsst.

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Langweilig kann es einem in einem bergigen Land nicht werden. Im Hinterhof von Mohales Hoek gibt es viele Hügel und so unternehmen wir viele Wanderungen, erkunden Höhlen, Schluchten und besteigen einige Berge. Es macht Spass, frühmorgens loszubrechen, einen Gipfel anzupeilen und dorthin zu trekken. Unterwegs treffen wir immer wieder Schafhirten an. Unser treuer Begleiter ist jeweils Seriti, auf Sesotho Schatten, ein frecher junger Hund, der stetig an Vertrauen gewinnt, es sichtlich geniesst, Berge hinaufzukraxeln und besonders Freude daran hat, Schafherden und Kinder zu verscheuchen. Bei einer Wanderung verweigert er jegliche Nahrungs- und Wasseraufnahme. Wir befürchten schon, dass er vergiftet wurde. Doch zum Glück wird er abends wieder seine gewohnte Ess-Aggression finden, um die wir für einmal froh sind.
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Als erstes nehmen wir den Hausberg von Mohales Hoek in Angriff: Thaba Linoha, der Schlangenberg. Die Tage sind kurz und so starten wir in der Dunkelheit im Schein unserer Stirnlampen. Beim ersten Aussichtspunkt eröffnet sich das Tal, Morgennebel hängt schwer in der Luft und gibt in der Dämmerung ein tolles Farbspektakel ab. Von weitem studieren wir die kahle Bergflanke, um eine geeignete Route ausfindig zu machen. Das lose Geröll und ein paar Felsstufen zwingen uns zu besonderer Vorsicht. Selbst Seriti wird es dann irgendwann einmal zu bunt, er winselt und will über ein paar Felsen getragen werden. Doch nach ein paar Stunden haben wir es geschafft, sind oben und können endlich die Aussicht auf die Berge und das benachbarte Flusstal bestaunen.
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Mit dem Mietauto unternehmen wir dann später einen Ausflug ins Landesinnere und zur höchsten Strasse des südlichen Afrika. Unterwegs bestaunen wir einige Dinosaurier Fussabdrücke und Felszeichnungen von Buschmännern. Dann geht es ständig bergauf, bis zum höchsten Punkt auf über 3’255 M zum Tlaeeng Pass, der höchsten befahrbaren Strasse im südlichen Afrika. Unser kleines Mietauto kann natürlich nicht mithalten mit den übermotorisierten SUV’s aus Südafrika, die für ein verlängertes Wochenende nach Lesotho zum Skifahren und Snowboarden brettern. Im Afriski-Resort gibt es das Ganze Drumherum, das man an einem Skiort findet: Ski – und Snowboardverleih, Après-Ski, Restaurant, Bars, Chalets, Backpacker und trendiger Laden. Ach ja, und eine niedliche, kaum halben Kilometer lange Piste, die mit Kunstschnee am Leben erhalten wird. Aber fuer  uns gibt es keinen Platz zum Schlafen. Ausser im Mietwagen, in dem wir eingepackt in den Schlafsäcken eine eisig-kalte Nacht verbringen.

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Wir fahren anschnliessend zum Katse-Dam. Ab hier ist die Strasse nicht mehr geteert und in einem schlechten Zustand. Für die 60 Kilometer nach Thaba Tseka benötigen wir fast vier Stunden. Dass wir mit dem Auto unterwegs sind, spricht sich bei den anderen Peace Corps Volunteer dank BlueBerry schnell rum und so nehmen wir unterwegs noch zwei Kolleginnen mit, die zur Hauptstadt Maseru fahren wollen.

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Diesmal habe ich ausgiebig Zeit für ein Ponytrekking, zwei Tage bin ich zusammen mit meinem 20-jährigen Guide Ntaté Ntabo auf Schusters Rappen unterwegs. Der beste Ort, um ein solches Trekking zu organisieren, ist die Malealea Lodge im Suedwesten des Landes. Es ist eindrücklich, wie die Ponies durch steile Abschnitte und loses Geröll vorankommen. Wir trekken ins Tal des Ribaneng, schlafen dann in einem kleinen Dorf.
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Eine unschoene Szene erleben wir, als wir in einem Minibus unterwegs sind. Ploetzlich haelt der Verkehr an, ein Bus hat sich aus welchem Grund auch immer quer zur Strasse gestellt. Ein entgegenkommendes Taxi weicht auf das holprige Feld aus, brettert mit unverminderter Geschwindigkeit darueber. Ploetzlich geht die hintere Tuere auf, eine uebergewichtige Mutter mit einem Kleinkind auf dem Ruecken gebunden faellt aus dem Fahrzeug und knallt auf den Boden, rollt einige Male. Die Frau blutet im Gesicht, schreit verzweifelt. Der Zustand des Kindes scheint kritisch zu sein.

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Zurück in Johannesburg habe ich einen halben Tag Zeit, die ich nutze, um ein paar Stunden im aufschlussreichen Apartheid-Museum zu verweilen. Dann geht es wieder zurück nach Kairo. Von dort fliege ich dann weiter nach Tunis. Nach Ägypten ist Tunesien eine richtiggehende Umstellung. Tunis ist sauber, europäisch, geordnet. Ein grosser Boulevard lädt zum Flanieren ein. Die Tunesier leben einen moderaten, aufgeschlossenen Islam. Frauen in Burkas sind hier nicht zu sehen. Kopftücher sind eher die Ausnahme. Abends schliessen alle Laeden. Ich fühle mich wohl hier. Die Tunesier sind kontaktfreudig. Viele Jugendliche sind neugierig auf meine Meinung über Tunesien, wo der arabische Frühling vor über zwei Jahren sich wie ein Brandfeuer ausgebreitet hat.

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Drei Tage lang absolviere ich mein Pflichtprogramm. Das touristische Städtchen Sidi Bou Said, das moderne Museum Bardo, wo viele einzigartige Mosaike aus Karthago höchst professionnel und zeitgemässs ausgestellt sind. Trotz Hitze kann ich mich doch  noch dazu überwinden, einige Steinhaufen in Karthago anzuschauen. Wohlwissend, dass  der Roemer Cato mit seinem “ceterum censeo carthaginem esse delendam” im Senat durchdrang und die Stadt im Dritten Punischen Krieg dem Erdboden gleichgemacht wurde.

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In Tunesien freue ich mich auch, wieder einmal ein traditionelles Hammam zu besuchen, wo ich von einem Masseur durchgeknetet und geschrubbt werde. Ich verirre mich in der UNESCO-geschützten Medina, wo die Händler im ägyptischen Vergleich richtiggehend zahm sind. Es ist jetzt im Juli eindeutig zu heiss, um noch das Landesinnere von Tunesien und die Wüste zu erkunden. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Inshallah ! Von Tunis nehme ich die Fähre, die mich in sechs Stunden nach Sizilien, meinem Heimatland bringt !

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Umbruch in Ägypten

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Nach der Gastfreundlichkeit der Sudanesen und der Abgeschiedenheit in der nubischen Wüste erfordert Ägypten eine Umstellung. Die Lebensader Ägyptens, das Nildelta, ist dicht besiedelt. Einen ersten Eindruck vom Land erhalten mein Radlerkollege Sekiji und ich, als wir mit der Fähre anlegen und über 600 Passagiere der Fähre gleichzeitig den Zoll passieren wollen. Gedränge, Gestubse. Träger mit riesigen Gepäckstücken auf dem Kopf tragend meinen, Vortritt zu haben. Beamte schreien Leute an, drangsalieren mit Schlagstöcken. Die Passagiere von hinten schubsen, von allen Seiten versuchen sich Leute einzuschleichen. Keine Spur von Disziplin. Chaos pur. Der Höhepunkt ist, als in einem engen Gang ein kleines Röntgengerät darauf wartet, sämtliches Gepäck zu durchleuchten. Sekiji und ich haben kaum Platz mit unseren beladenen Rädern, müssen alle Packtaschen auf das Fliessband legen. Trotz der klaustrophobischen Verhältnisse drängeln sich die Träger, die pro Gepäckstück entlöhnt zu werden scheinen, unerbittlich vor. Vor allem die in schwarzen Tschadors gehüllten übergewichtigen Mütter meinen, Vortritt zu geniessen. Es wird mir zu bunt. Mit gespielter Theatralik und einer Prise Humor fange ich an zu fauchen, zu fluchen, herum zu kommandieren, mich mit Ellbogen nach vorne zu kämpfen und mir jeglichen ungewollten Körperkontakt zu verbieten. Die Beamten scheint mein Gebaren zu amüsieren. Es nützt. Schon bald sind wir endlich draussen und können die wenigen Kilometer nach Assuan in Angriff nehmen.
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Der unorganisierte, undisziplinierte und chaotische erste Eindruck verfestigt sich übrigens im Strassenverkehr. Nicht, dass ich mich auf Überlandfahrten bedroht fühle. Aber in den Städten habe ich noch nie so viele, ich kann es nicht anders beschreiben, dumme Verkehrsteilnehmer gesehen. Ägypten hat sich den Ruf des gefährlichsten Verkehrs in Afrika reichlich verdient. Etwa die Hälfte der Fahrzeuge fährt nachts bewusst ohne Licht ! Die Strassenbeleuchtung sei ja ausreichend, um den Weg zu sehen. Wenn ein lebensmüder Fussgänger die Strasse überqueren möchte, wird auf das Gaspedal gedrückt und kurz aufgeblendet.
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Auch zu Fuss ist die Mobilität nicht immer einfach. In Assuan gleicht es einem Spiessrutenlauf, durch den Souk zu laufen. Ich gerate hier in die Haare mit einem Händler, der Sekiji beim Vorbeilaufen mit einem rüden und sehr lauten “Ni hao!” anschreit. Seit der “Revolution” vor zwei Jahren und dem Sturz Mubaraks bleiben die Touristen aus. Die Tourismusindustrie leidet seither sehr stark, steckt in einer tiefen Krise. Die Händler sind richtiggehend verzweifelt, stürzen sich dementsprechend auf die wenigen Reisenden.
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Nun, was mir vorher nicht bewusst war: der Tourismus in Ägypten konzentriert sich stark auf die pharaonischen Sehenswürdigkeiten und die Badeorte Hurghada und Sharm El Sheich. Seit den Unruhen durch islamische Fundamentalisten in den Neunziger Jahren ist das individuelle Reisen im Land eingeschränkt. Gefahren wird oftmals im Konvoi oder begleitet durch Polizeieskorten.
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Nichtsdestotrotz. Der organisierte Besuch des 250 Kilometer südlich von Assuan liegende Tempel von Abu Simbel lohnt sich allemal. Zahlreiche Cars, Busse und Minibusse starten gemeinsam um vier Uhr morgens, eskortiert durch die Polizei. Eindrücklich ist die Tatsache, dass der gesamte Berghügel, indem sich der Tempel findet, Stein um Stein abgetragen wurde, um 200 Meter verschoben und 65 Meter höher verlegt wurde.
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Den Ägyptern wird nachgesagt, dass sie stolz seien. Stolz, Ägypter zu sein. Dass sie auf die Hochkultur ihrer pharaonischen Vorfahren stolz sind, bezweifle ich. Die Schaufenster der Telekommunikations-Firmen sind blitzblank und sauber, während die Vitrinen, welche die Gräber im Tal der Könige schützen, die Handabdrücke einiger Tausend Besucher präsentieren. Obwohl Fotografieren und Blitzen in den meisten Gräbern untersagt ist, wird jeder Wächter gegen ein kleines Bakschisch gerne über das Verbot hinwegsehen. Und beim Bau des gigantischen Nasser Staudammes war geplant, den ganzen Tempel von Ramses II in Abu Simbel und viele weitere nubische Kulturstätten einfach zu überfluten, ohne sich um deren Rettung zu kümmern. Nur dank der UNESCO und der Hilfe von zahlreichen Wissenschaftlern und Staaten konnten die wichtigsten gerettet werden. Einige erst, nachdem sie schon überflutet wurden.
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Sekiji und ich fahren von Assuan dem Nil entlang nach Luxor. Unterwegs halten uns ein paar Tempel auf. So der dem Krokodil-Gott Sobek gewidmete Tempel in Kom Mombo, wo auch mumifizierte Krokodile bestaunt werden können. Besonders beeindruckend ist der gigantische Tempel von Horus in Edfu.
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Die Fahrt ist nicht unangenehm. Anders als in touristischen Orten, wo man ständig von Verkäufern, Rikscha-Fahrern und Guides zuweilen aufs Ärgste drangsaliert wird, werden wir unterwegs sogar zum Tee eingeladen. In guter Erinnerung bleiben wird mir die Begegnung mit einem Schuldirektor und der Lehrerschaft, die mich äusserst freundlich empfangen. Doch ich muss den vor mir liegenden Sekij wieder einholen und kann leider nicht allzu lange bleiben.
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In Erinnerung bleibt mir auch die Begegnung mit einem Jugendlichen. Ich bin daran, eine dieser Wasserspender zu fotografieren, aus denen man gekühltes Wasser trinken kann. Grossartig und toll, dass man sie überall an öffentlichen Stellen findet, denke ich mir. Dieser Junge fragt mich, wozu ich dies abfotografiere. Ich wolle doch dem Westen nur ein schlechtes Bild vermitteln, die Armut zeigen. Der Typ legt nun richtig los. Hört mir schon gar nicht zu. Er ist sichtlich angespannt und hasserfüllt. Er hasse Amerika und Israel und er hasse mich. So, so, Bürschen. Nun bin ich an der Reihe, mittlerweile haben wir eine stattliche Zuhörerschaft. Ich bin sehr ruhig aber laut. Ich frage ihn, ob er denn wirklich glaube, dass er ein guter Muslim sei, wenn er einem völlig Unbekannten, dessen Herkunft er noch nicht einmal wissen möchte, ins Gesicht sagt, er hasse ihn. Er solle sich einfach schämen. Menschen wie er seien eine Schande für sein Land und nicht der Wasserspender vor der Moschee.
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Das Gebiet entlang des Niles zwischen Kairo und Luxor ist unterentwickelt, überbevölkert. Die Armut und Unzufriedenheit hat in den Neunziger Jahren zu Aufständen von islamischen Extremisten geführt. Trauriger Höhepunkt dieser Auseinandersetzungen war 1997, als 68 ­Menschen in Luxor im Tempel von Hatschepsut getötet wurden. Jedem Schweizer wird sich noch an das Ereignis gut erinnern können, denn 36 davon waren Schweizer.
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Luxor ist an Denkmälern sehr reich. Die Stadt ist ein Anziehungspunkt für Touristen, sehr gepflegt und angenehm, wenn man von den lästigen Rikscha-Fahrern einmal abseht, die einem nach dem zehnten “Nein, Danke” und nach einer halben Stunde immer noch hartnäckig verfolgen. Einzigartig ist das Tal der Könige, in dem 64 Gräber gefunden wurden. Der bekannteste unter ihnen dasjenige des Tutenkhamun. Armer Pharao ! Mit 19 Jahren verstorben, wurde er mit unglaublich vielen Schätzen begraben. Die liegen nun alle im Museum in Kairo. Einzig die zerbrechliche und transportunfähige Mummie ist splitternackt ohne jeglichen Schmuck ganz alleine im Grabe geblieben.
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Absolut eindrücklich in Luxor ist eine Heissluftballon-Fahrt. Die werden im Backpacker, wo wir unterkommen, günstig angeboten, für rund 40 US-Dollar. Keine Frage, da machen wir mit! Die Fahrt ist einfach sensationell. Vor allem, weil unser Pilot talentiert ist und über die Tempel schwebt. Was wir erst im Nachhinein erfahren ist, dass vor wenigen Wochen der schwerste Unfall in der Geschichte des Heisluftballons hier in Luxor passiert ist und 19 Menschen getötet wurden.
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Von Luxor gibt es drei Routen, um nach Kairo zu gelangen. Entlang des Nils, entlang dem Roten Meer und die Western Desert Route, die mit 1’300 Km allerdings doppelt solange ist wie die beiden ersten. Zudem bläst um diese Jahreszeit der Wind Khamsin unerbittlich von Norden. ich verzichte gerne darauf, die Erfahrungen im Sudan zu wiederholen. Sekiji und ich trennen uns in Luxor. Er begleitet mich einige Kilometer ausgangs Luxor. Eine kurze Umarmung ohne viele Worte, aber Wehmut liegt in der Luft. Wir wissen beide, dass wir eine sehr tolle Zeit zusammen verbracht haben, die Fahrt durch den Sudan einer der Höhepunkte unserer Reise war. Sekiji versucht sich auf der Western Desert Route, doch nach einigen Tagen erkrankt er und kehrt um. Er will zuerst nach Europa und nach Ablauf der drei Monate des Schengen-Visums von Kairo her die Route erneut in Angriff nehmen. Inshallah !
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Ich fahre entlang des Niles. Besonders auf diesem Abschnitt bis nach Kairo gab es in den Neunziger Jahren Aufstände, das Reisen ist eingeschränkt. Von Qena bis nach Minya werde ich von Polizeiwagen eskortiert, die sich alle 20 bis 30 Kilometer abwechseln. Das Ganze ist etwas sonderbar. Die Städte, in denen ich übernachte – Qena, Sohag, Asyut, Minya und Beni Suef, sind nicht sonderlich attraktiv. Die meisten Hotels nehmen keine Ausländer auf.
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Dank der Unterstützung der freundlichen Polizei finden wir aber nach teils langem Suchen dann doch noch eine bezahlbare Unterkunft. Nur selten finde ich Leute, die ein bisschen Englisch sprechen. Doch die meisten sind erfreut, einen Ausländer zu sehen. Und nicht dass ein falscher Eindruck entsteht. Meinen Aufenthalt hier in diesem Land moechte ich nicht missen. Übrigens kennt praktisch jeder hier in Ägypten die Stadt Basel. Dank zweier ägyptischen Fussballspieler, die beim FC Basel ihre Brötchen verdienen.
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Die letzten Kilometer von Beni Suef nach Kairo schenke ich mir, steige in einen Zug ein. Ich habe keine Lust, in die Megalopolis von Kairo, die wohl grösste Stadt Afrikas, mit dem Velo rein zufahren. Ägypten hinterlässt bei mir einen gespaltenen Eindruck. Von einer Demokratisierung ist nicht viel zu spüren. Das von den – immerhin demokratisch gewählten – Muslimbrüdern angeführte Land ist daran, den Staat und die Verwaltung noch stärker islamisch zu prägen. Die Scharia ist bereits verfassungsrechtlich verankert worden. Die Freiheitsrechte der Minderheiten und der koptischen Christen werden stärker eingeschränkt.
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In Kairo komme ich bei drei jungen Studenten aus Italien, UK und US unter, die ich in Luxor kennengelernt habe. Sie besuchen drei Monate lang einen Arabisch-Intensivkurs. Ich kann bei Ihnen mein Velo unterstellen. Meine Velo-Reise durch Afrika ist bald zu Ende. Das ist mir bewusst.
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Doch ich möchte Afrika noch nicht so schnell verlassen, will auch Zeit haben, die letzten 20 Monate zu verdauen, Revue zu passieren, Zeit haben, um zu schreiben, zu lesen, meine Fotos zu sichten, für längere Zeit an einem Ort zu bleiben. Ein günstiger Flug bringt mich runter nach Johannesburg, zurück zu einem meiner Lieblingsländer, nach Lesotho, wo der Winter Einzug haelt. Fuer einmal darf ich nun frieren!

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Nubische Zaubernächte

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Die ganze Wüstenstrecke im Sudan von 1‘600 Kilometern treten Sekiji und ich gegen einen hartnäckigen Nordwind an. Die Landschaft hat nur wenige Reize zu bieten. Das Quecksilber klettert tagsüber auf 45 Grad, es ist heiss, unsere Haut fühlt sich wie Backpapier an. Ein streng muslimischer Staat, eine Militärregierung, die Freiheitsrechte einschränkt und ein Präsident, der sich vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag verantworten muss. Klingt nicht sehr verheissungsvoll.

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Und dennoch: nach und nach werden wir um den Finger gewickelt. Der Sudan wird zu meinen Lieblingsländern in Afrika gehören. Die Leute gehören zu den gastfreundlichsten auf dem ganzen Kontinent. Das Reisen im Land ist absolut sicher, die Leute sind stets sehr hilfsbereit, man fühlt sich willkommen, wird sehr oft zu einem Tee eingeladen. Nach und nach zieht uns Nubien, wie der Sudan früher hiess, in seinen Bann. Den Sudan auf das Krisengebiet Darfur und dem Präsidenten al-Baschir zu reduzieren, wäre ungerecht.

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Meine Hoffnung, durch den Sudan mit einem Reisegefährten zu reisen, verwirklicht sich in der Person des Japaners Sekiji, den ich in Äthiopien treffe. Ich bin froh, die lange Strecke gegen den Wind mit ihm zusammen zu fahren. Das bisschen Windschatten und etwas Gesellschaft macht die Fahrt erträglicher.

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Die Einreise in den Sudan gestaltet sich problemlos. Wir sind gespannt auf dieses Land.  Der Sudan öffnet sich langsam dem Tourismus, wir haben sogar ein Zwei-Monats-Visum ausgestellt erhalten. Die bürokratische Hürde der Registrierung bei der Ausländerbehörde ist allerdings noch nicht abgeschafft. Man soll dies gleich am winzigen Grenzort in Gallabat erledigen können, hiess es. Am nächsten Morgen klappern wir vergeblich alle Ämter ab. Es heisst stets, „Khartoum, Khartoum“. Um 9 Uhr legen wir unverrichteter Dinge los. Und erhalten gleich unsere erste Lektion. Um diesen Zeitpunkt sollte man bereits zwei Drittel des Tagespensums absolviert haben.

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Im Laufe der nächsten Tage verlegen wir den Start in die Nacht, wir werden später teilweise sogar um zwei Uhr nachts starten. Es ist dann einfach ruhiger und kühler. Manchmal sogar windstill. Landschaftlich verpassen wir ohnehin nicht viel. Entweder spendet uns der Mond Licht oder wir fahren im Schein der Stirnlampe. Es sind herrliche Momente, in der Kühle und Stille der Nacht loszufahren, die Sternschnuppen zu zählen und nach ein paar Stunden anzuhalten, um die Sonne aufgehen zu sehen.

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Sekiji und ich haben glücklicherweise die gleiche Einstellung und wir machen uns das Radlerleben nicht unnötig schwer. Der Wind und die Hitze machen uns bereits zu schaffen.  Wir übernachten in der Regel in sogenannten „Cafeterias“, einfachen Restaurants am Strassenrand, Truckstopps. Man erhält dort garantiert immer einen Teller „ful“, Bohneneintop mit Brot, oft Fleisch, manchmal Leber, Eier, falafel (Kichererbsen-Küchlein). Und kann dann für wenige Rappen ein Bett, bestehend aus einem einfachen Gestell und einem geflochtenen Netz, für die Nacht mieten. Und erspart sich sämtliche Camping-Aktivitäten und kann dann rasch in der Nacht aufbrechen.

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In Wad Medani stossen wir wieder auf den Blauen Nil, der in Äthiopien in Bahir Dar beim Lake Tana seinen Anfang nimmt. Bald sind wir in Khartoum, wo uns der symphatische Couchsurfer Steve, ein 64-jähriger Amerikaner  aufnimmt. Steve arbeitet als Lehrer bei der American School in Khartoum. Zunächst verrichten wir den obligaten Behördengang, entledigen uns einer läppischen Summe von umgerechnet 50 Dollar, um uns offiziell zu registrieren.

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Khartoum ist angenehm, für afrikanische Verhältnisse sehr geordnet, sauber. Der Weisse Nil trifft hier auf das Blaue Gegenstück. Obschon ein Alkoholverbot herrscht, gibt es aber Restaurants mit Live Musik, wo man zu Schnulzen das Tanzbein schwingen kann.  Man staune. So im Papa Costa. Ulkig und unterhaltsam. Nächstentags gönnen wir uns im Schwimmbad im „Greek Club“ etwas Abkühlung.

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Und zur Unterhaltung führen uns Steve und seine Freunde ausserhalb Khartoums, um einem nubischen Wrestling-Turnier beizuwohnen. Sobald die Sonne sich dem Horizont neigt und die Temperaturen erträglicher werden, bringen die Kämpfer die Stimmung in der randvollen Arena zum Kochen.

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Von Khartoum aus unternehmen Sekiji und ich mit dem Bus einen Ausflug zu der Sehenswürdigkeit Nummer eins im Sudan: der königliche Friedhof in Meroe. Zeugnis einer Hochkultur aus der Pharaonenzeit. 13 Jahrhunderte lang, bis zum 4. Jhd. n.Chr., herrschten die Kuschiten in Nubien, lieferten Sklaven und Gold an die Ägypter.

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Die Pyramiden sind nicht derart gigantisch wie die berühmten im Nachbarstaat, dafür hat man sie für sich ganz alleine. Die Stimmung am frühen Morgen und späten Abend ist einzigartig, wird nicht durch Massen von Schaulustigen und Souvenirhändlern vermasselt. Die paar wenigen Kameltreiber, die ihre Dienste anbieten, sind charmant  und man kann ­deren Überredungsversuchen nicht widerstehen, sich für ein paar wenige sudanesische Pfund auf ein Wüstenschiff zu setzen. Einzig ein paar Tausende Besucher jährlich bekommen die Relikten zu Gesicht. Lächerlich wenig im Vergleich zu den ägyptischen Besucherzahlen.

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Busfahrten im Sudan sind übrigens untypisch afrikanisch. Moderne chinesische oder koreanische klimatisierte Busse, kein einziger Passagier zuviel. Unterwegs werden kühle Getränke und Snacks gereicht. Gefahren wird auf feinem Asphalt, keine Bodenwelle, keine Schlaglöcher. Zurück in Khartoum trudeln drei weitere Tourenfahrer bei Steve ein, Richtung Süden fahrend. Das schottisch-dänische Paar Sam und Julie und Ambrose aus der Normandie. Zeit für uns, um den Kollegen Platz zu machen und uns wieder auf die Räder zu schwingen.

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Doch allzu rasch entlässt uns Khartoum nicht. Wir fahren in der Nacht los, in einem Vorort hüllt die aufgehende Sonne den Morgenverkehr in ein goldenes Licht. Wir können selbstverständlich der Versuchung nicht widerstehen und knipsen die Szenerie gebührend ab. Bis uns ein Vespafahrer etwas unfreundlich Einhalt gebietet und uns zur Polizeistation bittet. Fotografieren im Sudan ist eine heikle Angelegenheit, das ist uns bewusst. Doch anstatt einfach die Bilder zu sichten und zu löschen, wird ein Distriktschef aufgeboten. Uns ist bange. Zum Glück erscheint der nie und nach einer Teerunde und einer Stunde werden wir, ohne dass die Fotos gelöscht werden müssen, entlassen. Und so kann ich natürlich meinen Lesern den Stein des Anstosses auch nicht weiter vorenthalten:

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Für die 500 Kilometer bis Dongola kämpfen wir uns sieben ­Tage lang ab. Zugegeben, etwas neidisch sind wir schon auf andere Radler, die in entgegengesetzter Richtung nur zwei bis drei Tage benötigen. Sekiji und ich müssen kleine Brötchen backen, 50 bis 90 Kilometer am Tag, je nachdem wie stark es der Sandsturm Habub auf uns abgesehen hat. Spätestens um Mittag wird das Fahren bei dem Sturm und der Hitze zur Tortur. An Wasser mangelt es uns glücklicherweise nicht. Am Strassenrand finden sich häufig überdeckte Wasserstellen, wo man Wasser aus riesigen Tonkrügen schöpfen kann. Und unterwegs trinken wir paradoxerweise stets gekühltes Wasser. Die Verdunstung ist derart extrem, dass wir unsere Trinkflaschen in eine Socke stecken, die wir andauernd feucht halten und dadurch abgekühlt wird.

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Die Erleichterung ist gross, wenn wir mittags endlich eine kleine Cafeteria anpeilen können, um dort umgehend ein paar kühle Soda in wenigen Schlucken zu tanken, den obligaten Bohneneintopf zu verschlingen und uns auf den Betten breitzumachen, um den Rest des Tages bis zum abendlichen Bohneneintopf  zu dösen. Nicht immer finden wir ein lauschiges Plätzchen.

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In einer solchen kleinen gemütlichen Cafeteria erleben wir eine Schrecksekunde. Weniger wegen der faustgrossen Camel Spiders, die herumirren. Als wir um vier Uhr aufstehen, bemerkt Sekiji, dass seine Spiegelreflexkamera  und weitere Gegenstände in der Lenkertasche fehlen, sie jemand geklaut haben muss. Zwei Jungs und ein betagter Mann kümmern sich um die Cafeteria. Drei andere Gäste schlafen in jener Nacht ebenfalls dort. Im Umkreis von vielleicht 20 Kilometern ist keine andere Seele zu finden, allenfalls noch ein Schakal und die besagten Camel Spiders. Mir fällt am Vorabend auf, dass die zwei Burschen ständig auf die Ausrüstung von Sekiji schielen, zwischendurch flüstern. Um zwei Uhr morgens wache ich auf, sehe, wie die beiden Kerle sich mit einer Taschenlampe an das Rad von Sekiji heranschleichen. Ich mache mich bemerkbar, sie verziehen sich. Male mir nicht das Schlimmste aus, ahne nicht, dass die zwei derart bekloppt sein können, um einen Gast zu bestehlen.

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Wir wecken die ganze Bande auf, verlangen die Kamera von den zwei Schurken zurück. Jemand anderes kann es nicht gewesen sein. Die tun nichts dergleichen, leugnen alles ab, legen sich stinkfrech wieder schlafen. Der Alte, sichtlich verwirrt, brummelt ständig „Schakal, Schakal“. Wir warten bis zum Morgengrauen, bis die ersten zwei Truckfahrer anhalten.  Erklären denen, was vorgefallen sei, ziehen sie auf unsere Seite. Nun reden wir alle auf die Halunken ein, schüchtern sie ein. Wir drohen mit der Polizei. Ich gebe ihnen zu verstehen, dass aufgrund unserer Sachverhaltsschilderung die Polizei uns Glauben schenken wird, die Täterschaft mehr als augenfällig ist, ihnen aufgrund der geltenden Schari‘a die Hand abgehauen wird. Nun bekämen sie eine Chance: Kamera oder Hand ab !

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Ein Truckfahrer redet einem der zwei Gauner ins Gewissen, führt uns dann später zu einem Gebüsch hinter dem Gebäude. Dort ist die Kamera versteckt ! Ob der Chauffeur, der früher angeblich bei der Polizei angestellt war, ein Geständnis erzwingen konnte oder einfach ein guter Fährtenleser ist, wissen wir nicht. Jedenfalls ist der Vorfall jugendlichem Leichtsinn zuzuschreiben und untypisch für den Sudan.

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In Dongola gönnen wir uns zwei Ruhetage im einzigen für westliche Besucher ausgelegten Guesthouse. Der Tourismus steckt hier im Sudan ja leider noch in den Kinderschuhen, obschon es viel zu entdecken gäbe. Der Koreaner Isa führt seit sieben Jahren mit seiner Frau und den drei Kindern das Candaca Nubian Guesthouse, spricht gut arabisch, ist an nubischer Kultur interessiert und kennt Nordsudan wie seine Westentasche. Er organisiert für uns einen Ausflug. Wir besuchen ein nubisches Dorf, unternehmen eine Fahrt in einem traditionellen Boot und legen an einer Sandbank an, wo wir dann im Nil baden.

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Nördlich von Dongola wird die nubische Wüste abwechslungs- und erlebnisreicher. Das Gebiet ist wie schon seit Jahrtausenden reich an Goldvorkommen. Überall wird nach dem Edelmetall geschürft. Die Landschaft sieht teilweise völlig durchgebürstet aus. Menschen mit Gold-Detektoren irren in der einsamen Landschaft unter der brütenden Hitze herum. Wir können der Versuchung nicht widerstehen, unsere Nase in einer solchen staubigen Gold-Siedlung zu stecken. Es gibt hier viele Cafeterias, kleine Shops, pakistanische Parfumverkäufer, fliegende Teeverkäufer äthiopischer Herkunft. Steine werde zu Pulver zermalmt, Gold von Hand gewaschen.

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Unerwartet ist eines Morgens auch das Treffen mit einer riesigen Kamelherde von schätzungsweise 300 Tieren, die an den Nil geführt werden, um gefüttert zu werden. In 40 Tagen werden sie von der Sahara hierhin geführt. Viele überleben den langen Marsch nicht und verenden kurz vor der Futterstelle. Entlang der Strasse finden sich zahlreiche Kadaver, ein richtiger Friedhof.

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Sehenswert ist auch eine Moschee aus dem Jahre 1779, von Sheikh Idris erbaut. Boras, ein Nubier, der seit 15 Jahren in den Niederlanden lebt, vorher General war und aufgrund seiner politischen Anschauung für zwei Jahre ins Gefängnis gesteckt wurde, erzählt uns bei einer Runde Tee viel über die nubische Kultur. Er setzt sich für die nubische Zivilisation ein, die durch die weiteren geplanten Staudämme weiter gefährdet ist. Ganze Städte, Dörfer und historisch bedeutende Relikte der nubischen Kultur sollen unter Wasser gesetzt werden. Wie vor 40 Jahren beim Bau des Nasser Staudammes, als zahlreiche Kulturgüter unter Wasser verschwanden und der Tempel Abu Simbel in einer aufwendigen Aktion verlegt werden musste.

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Wir stecken dann über eine Woche in Wadi Halfa am südlichen Ende des Nasser Stausees fest und müssen auf die nächste Fähre warten, die nur wöchentlich verkehrt. Trotz einem Tag lang Anstehen unter der prallen Sonne und viel Diskutieren erhalten wir kein Ticket mehr. Das historische Wadi Halfa und 30 weitere nubische Dörfer im Herzen Nubiens wurden anfangs der 60-er Jahre im Zuge des Staudamm-Projektes überflutet. Endlich geht es dann los mit der völlig überfüllten Fähre. Ich schlaufe auf dem Deck, dichtgedrängt mit vielen anderen Passagieren. Die Fahrt bis nach Assuan in Ägypten dauert 20 Stunden. Und schon nach 2 Tagen hier in Ägypten sehnt man sich zurück an die sudanesische Gastfreundschaft und die Nächte unter dem nubischen Sternenhimmel !

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I survived Todonyang !

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Um von Nairobi nach Addis Ababa zu radeln, ist mehr als ein Monat nötig, insbesondere wenn man eine attraktive Route im Great Rift Valley und vorbei am Lake Turkana wählt. Ich beklage mich aber nicht, denn bis vor wenigen Monaten wurde in Nairobi überhaupt kein Visum für Äthiopien ausgestellt. Neuerdings gibt es für Overlander ein 30-tägiges Visum. Einziger Haken: es ist sofort gültig. Am 7. Februar erhalte ich also 30 Tage bis zum 6. März, werde also schon mal um drei Tage betrogen. Aber in Äthiopien ist halt alles anders, das werde ich noch zu spüren bekommen. Eine eigene Schrift (das Amharische), die Uhren gehen um 6 Stunden voraus, während das Datum um  Jahre zurückgeblieben ist.  Es ist Donnerstag, am nächsten Tag hätte es mit dem Sudan-Visum geklappt. Aber das Empfehlungsschreiben der schweizerischen Botschaft fehlt. Also bleibe ich das Wochenende in Nairobi. Nochmals zwei Tage, die mir abgeknöpft werden.  Zum Glück habe ich mit Tristen und Gee ein hilfreiches und gastfreundliches Paar getroffen, die mir auch auf den weiteren Weg bis zur Grenze viele Kontakte und Freunde vermitteln.

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Als ich das Sudan-Visum mein eigen nenne, kann ich endlich losfahren. Ich entscheide mich für die Variante Great Rift Valley, Lake Turkana und Lower Omo Valley. Ich werde nicht enttäuscht. Eine Vielzahl an faszinierenden Völkern und Stämmen auf kleinem Raum. Der Ostafrikanische Grabenbruch, der von Mosambik bis nach Äthiopien reicht,  sorgt dafür, dass Afrika in der Zukunft zweigeteilt sein wird. Viele Seen, fruchtbares vulkanisches Land, Vulkankegel und heisse Quellen zeugen von der Tätigkeit der Mutter Erde. Ich staune nicht schlecht, als ich einen Aussichtspunkt erreiche und erfahre, dass ich bereits auf 2‘666 Meter bin. Das Klima ist hier angenehm und auf einer Abfahrt bekomme ich sogar Gänsehaut. Die Nächte sind angenehm kühl.

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Passend zum Valentinstag fahre ich dem Lake Naivasha entlang, wo die grösste Blumenindustrie von Ostafrika liegt. Ich besuche den Hell’s Gate National Park, einen der seltenen Tierparks, in den man mit dem Rad rein darf. Elefanten sucht man allerdings vergeblich hier. In der Nähe wird ein geothermales Kraftwerk gebaut, der Baumaschinen-Verkehr führt durch den Park und sorgt dafür, dass es draussen mindestens so spannend ist. Giraffen und Zebras bis zum Abwinken. Immerhin, im Park sorgt die Begegnung mit einem Büffel (zum Glück in sicherer Entfernung von rund 100 Metern) für etwas Nervenkitzel. Und an einem Campingplatz am See kommen die Hippos nachts bis auf wenige Meter an das Zelt, allerdings geschützt durch einen elektrischen Zaun.

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In Nakuru sehe ich zum ersten Mal die Velo-Taxifahrer: Boda-Boda. Für rund 20 Shilling (ca. 20 Rappen) kann man auf den buntbemalten Rädern Platz nehmen und sich durch die Stadt chauffieren lassen. Diese Boda-Boda finden sich auch später in Eldoret, Geburtsort vieler kenianischer erfolgreicher Läufer. Ich muss nun auch rennen, die Zeit bzw. das Visum läuft mir davon. Ich will nicht mit abgelaufenem Visum bei der Immigrationsbehörde in Addis eintrudeln. Zudem ist das Gebiet nördlich von Kitale von den West-Pakot besiedelt. Die hitzköpfigen Hirten laufen hier bewaffnet mit AK-47 umher, verunsichern die Strecke, weshalb man auf dem Teilstück nicht radeln darf. In Kitale nehme ich daher einen Bus nach Lodwar.

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Gesagt, noch lange nicht getan. Busfahren in Afrika ist ein Erlebnis für sich. Früh um 7.30 kaufe ich ein Billett bei Eldoret Express. Abfahrt um 10 Uhr (auf afrikanisch heisst das bestenfalls 11 bis 12 Uhr). Nun, ich reserviere im Bus meinen Platz, laufe umher, quatsche mit Leuten, trinke Tee. Erst nach Stunden erfährt man tröpfchenweise, dass der Bus gar nicht fahrtüchtig sei, ein zweiter aber natürlich vorhanden sei, der aber dummerweise noch in der Werkstatt liege. Aber der komme in einer halben Stunde, wird mir immer wieder versichert. Diese halbe Stunde dauert mehr als einen halben Tag lang: l’heure élastique, wie ich in Westafrika gelernt habe. Winke, Winke, um 11 Uhr fährt der Bus der Konkurrenzgesellschaft Dayah Express schadenfreudig davon, Pech gehabt. Der zweite Bus von Dayah wird dann schon mal fleissig mit Gepäckstücken geladen und füllt sich. Das Gepäck meiner Reisegesellschaft liegt immer noch am Boden, kein Bus in Sicht. Die anderen Passagiere werden jetzt, nach über 4 Stunden, auch etwas ungeduldig, fangen an zu reklamieren. Kurz vor drei Uhr, ziehe ich die Handbremse und ergattere mir den letzten Platz im Nachbarbus. Trotz Protesten erhalte ich die 1‘000 Schilling nicht zurück erstattet. Was soll’s,  ich erspare mir aber eine weitere Nacht in Kitale. Um drei Uhr geht es los. Die Strecke ist auf der Michelin-Karte immer noch als Teerstrasse verzeichnet. Das war vor vielen Jahrzehnten. Der Asphalt ist aber schon seit langem einem ganz üblen Waschbrett gewichen. So übel, dass wir für die 300 Kilometer über zehn Stunden brauchen.

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Lodwar ist die grösste Stadt in Nordwestkenia und liegt 120 Kilometer südlich von Kakuma, einem riesigen Flüchtlingslager mit über 100‘000 Menschen, vorwiegend Südsudanesen. Lodwar hat dagegen nur 20‘000 Einwohner. Es ist hier sehr heiss, nachts sinkt das Thermometer, wenn man Glück hat, auf unter 30 Grad. Trockene und staubige Luft machen den Bronchien zu schaffen. Ob deswegen so viele Leute hier Khat kauen ? Jedenfalls scheint das Kraut mit euphorisierender Wirkung beliebt zu sein.

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Im Gebiet des Turkana-Sees finden sich katholische Missionen der Missionary Community of Saint Paul the Apostle. Der Gründer dieser Mission, ein Spanier, ist vor wenigen Tagen verstorben. In Nairokotome am Turkana See findet sich der Hauptsitz dieser Mission. Hier findet eine grosse Abdankungsfeier statt. Der Zufall will es, dass ich mich  just am Vortag in Lodwar befinde, mit dem Priester der Diözese von Lodwar bekannt gemacht werde, dieser mich bei sich aufnimmt und am nächsten Tag mit nach Nairokotome mitnimmt. Des einen Freud, des anderen Leid. Und mir so überdies die ersten 50 Km entlang des Turkana-Sees, die besonders sandig sind, ersparen kann.

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In Nairokotome, auch “little spain” genannt, hat die Mission eine grosse Kirche errichtet, in der sich nun über 500 Turkana einfinden, um während der vierstündigen Zeremonie dem Gründer Paco zu huldigen. In diesem abgelegenen Ecken von Kenia soviele Leute, insbesondere Einheimische zu sehen, ist ein spezieller Moment. Nach der Messe gibt es ein grosses Essen. 1 Kuh und 12 Ziegen sind geschlachtet worden. Später dann fahre ich mit einer Gruppe spanischer Landsleute an den See, um dort zu baden.

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Nach Nairokotome ist die Piste immer noch recht sandig, aber abgesehen von einigen Schiebepassagen in der prallen Sonne bei Temperaturen um die 40 Grad, gerade noch einigermassen erträglich. Kleine Siedlungen von Turkanas am Wegesrand, wenig Vegetation, steppenhafte Landschaften, Dornbüsche, Kamele zeichnen das Bild.

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In Todonyang kann ich dann wiederum bei der Mission bei Father Steven übernachten, den ich in Nairokotome kennenlerne. Viele Angestellte der Mission tragen T-Shirts mit der Aufschrift „I survived Todonyang“. Das Gebiet um den Turkana See und das Omo-Delta im Norden ist Heimat vieler verschiedener, traditionell lebender Stämme, die oft verfeindet sind. Hintergrund der Fehden sind Weidegründe, Wasser, Viehdiebstahl, der Überlebenskampf in einem harschen Umfeld. Besonders während Dürreperioden sind die Turkana gezwungen, Richtung Norden in das Omo-Flussdelta auf äthiopischer Seite vorzudringen, wo die Volksgruppe der Dassanech lebt.

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Vor zwei Jahren sind die Streitigkeiten in ein Massaker ausgeartet. An einem Tag sind 5 Dassanech und 26 Turkana umgebracht worden. Die über 1‘000 Menschen haben Todonyang Richtung Süden verlassen. Nur die Mission steht heute noch. Hier zwei interessante Artikel zu diesem Vorfall: newway, Spiegel.

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Viele Männer laufen mit Kalaschnikows herum. Schuld sind teilweise auch die Regierungen, die in diesen völlig abgelegenen Orten zu wenig Schutz bieten und sogar die Bevölkerung mit Waffen ausrüsten. Als ich auf der Piste im No Man’s Land im Dreiländereck Sudan-Kenia-Äthiopien mein Velo schiebe, kommen drei bewaffnete Männer auf mich zu, betteln mich an, verschwinden dann aber bald. Bedrohend ist die Situation nicht.

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Bevor ich den Polizeiposten in Äthiopien erreiche, darf ich noch zwei Platten flicken. Schon bald fahre ich dem Fluss Omo entlang, bis ich dann Omorate erreiche. Die Brücke über den Fluss ist vor Jahren eingestürzt. Die 5-minütige Fahrt mit einem einfachen Boot kostet in der Regel rund 20 äthiopische Birr. In der Regel heisst wenn man kein ferenji, kein Ausländer ist. Doch man verlangt von mir 300 Birr. Willkommen in Äthiopien ! Nach zähem Verhandeln bringe ich den Preis auf 100 Birr runter. Wie in keinem anderen Land habe ich derart gemischte Gefühle wie bei der Einreise nach Äthiopien. Die Lektüre von Reiseberichten von anderen Radfahrern ist eher abschreckend: steinewerfende Kinder, hartnäckiges Betteln, Abzocke, Unfreundlichkeit, Diebstähle.

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Zum Glück wird aber nicht so heiss gegessen wie gekocht wird. Im Omo-Tal bin  ich nicht mit Steinen beworfen worden, allerdings musste ich bereits in Arba Minch in einen Bus umsteigen. Mein „Radnachbar“ Sekiji hat da andere Erfahrungen gemacht: Kamera und Handy gestohlen. Aber was die Preise angeht, nervt die andauernde Diskriminierung der „ferenjis“ schon etwas.

Im Lower Omo Valley gibt es auf kleinem Raum eine Vielzahl an Völkern: die Banna, Hamer, Tsemay und die bekanntesten wohl die Mursi mit den Lippentellern. Diese Völker leben sehr traditionell, haben animistische Religionen und sind nicht selten untereinander verkracht. Oftmals betreiben sie reine Viehzucht. Auf den Strassen sind ganze Viehherden unterwegs, viele Esel beladen mit Wassercontainern behindern den Verkehr zusätzlich. Ich habe Glück und kann den Wochenmarkt von Key Afer besuchen, der vorwiegend von Tsemay und Banna besucht wird. Spannend ist am späten Nachmittag in einer Bude ein Glas Honigwein zu trinken.

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Ich bin jetzt in Addis Ababa, geniesse einige Tage im Quartier Piazza. Ich werde Richtung Bahir Dar und Sudan radeln. In der Nähe von Bahir Dar werde ich ein Hängebrücken-Projekt von Helvetas besuchen. Es wäre schön, wenn ich nicht mit leeren Händen dort ankommen müsste, weshalb ich mich auf die eine oder andere Spende freuen würde. Bis bald, Maurizio

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Zum heiligen Berg der Massai

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Bevor ich über meinen letzten Ausflug berichte, liegt es mir am Herzen, meine Spendenaktion für Helvetas in Erinnerung zu rufen. Ich sammle derzeit für die letzte Etappe, fuer ein Hängebrücken-Projekt im Norden Äthiopiens, in der Region Tigray. Von Nairobi, wo ich mich gerade aufhalte, ist es nicht mehr so so weit weg. Deshalb: es wäre toll, wenn sich die Unentschlossen und die Auf-Die-Lange-Bank-Schieber sich dazu durchringen könnten, ein Zeichen der Solidarität zu setzen.

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Nun aber zurück nach Tansania. In Arusha, am Fusse des Mount Meru, komme ich beim Amerikaner Erik und seiner tansanischen Ehefrau Bernice unter. Erik lebt seit über 35 Jahren in Tansania, sein Vater hat in Tansania eine Schule gegründet. Ich lerne ihn über ein Netzwerk für Tourenradler kennen. Als ich ihn kontaktiere, hält sich gerade ein anderer japanischer Tourenradler, Sekiji, bei ihm auf. Sekiji habe ich vor Wochen bereits ebenfalls kontaktiert. Ein anderer japanischer Radler hat mir vor Monaten von ihm erzählt.
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Von Arusha führt eine gut geteerte Strasse nordwärts schnurstracks zur kenianischen Grenze. Doch irgendwie habe ich Lust, noch einen Schlenker zu machen, abseits auf Pisten zu fahren. Ngorongoro, Serengeti und Lake Manyara können nur mit organisiserten Safaris für unanständig viel Kohle besucht werden. Für mich ausser Reichweite. In zwei, drei Tagen würde ich dort mein Monatsbudget verbraten. Aber als ich die Karte genauer studiere, entdecke ich den Vulkan Oldoinyo Lengai, den heiligen Berg der Massai, nördlich des Ngorongoro Kraters. Dass „Buscharzt“ Stevens, ein Freund von Erik, in der Gegend wohnt passt perfekt. Erik kennt das Gebiet gut und gibt mir noch einige Tipps. Doch zunächst ersetze ich das Tretlager an meinem Drahtesel. Danach nichts wie los: an einem Tag fahre ich zunächst nach Mto Wa Mbu, am Rande des Lake Manyara, in einem sehr fruchtbaren Gebiet. Dort stocke ich meine Vorräte auf: Ananas, Orangen, Grapefruit, Mango, Gurken, Tomaten, Avocado, Brot. Übrigens besteht der Verkehr zwischen Arusha und Mto Wa Mbu schätzungsweise zu zwei Drittel aus Safaris-Jeeps, die zu den grossen Parks fahren.

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Auf einer recht passablen Piste fahre ich nun am westlichen Rand des Ngorongoro-Hochlandes entlang. Das Gebiet liegt in einer Senke, es kann dort sehr sehr heiss werden. Ich habe aber Wetterglück: abgesehen von einem Sandsturm macht der Himmel zu, es ist bewölkt, nicht mehr so heiss. In Engaruka esse ich einen Teller Reis und Bohnen, fahre dann sofort weiter, ohne mir die Ruinen eines über 500 Jahre, geheimnisvollen alten komplexen Bewässerungssystems anzuschauen. Eingefleischte Archälogiebegeisterte mögen mir das verzeihen. Doch ich muss weiter, Wasser gibt es nach Engaruka keines mehr.
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Nach 10 Km, als der Busch aufhört und es wüstenhafter wird, sehe ich eine Boma, eine kraalartige Festung der Massai. Die farbenprächtigen Massai sind ein Nomadenvolk, die Viehzucht betreiben, im Norden Tansanias und Süden Kenias ansässig. Sie stellen sich aktiv dem Wandel entgegen und leben wie seit Jahrhunderten. Das Vieh steht im Mittelpunkt des Lebens, liefert eine Vielzahl von wichtigen Gütern: Blut, Fleisch, Milch, Häute und Felle. Die Massai jagen so gut wie gar nicht. Frauen haben in der patriarchalischen Gesellschaft, die Vielweiberei zulässt, nicht viel zu melden. Die Zeiten haben sich geändert: Dürre, Bevölkerungsdruck, Landrestriktionen, Schulbildung und Gesundheitsfragen schränken die Lebensweise der Massai zunehmend ein. Auffallend ist der Ohrschmuck und geweitete Ohrlöcher, bei Frauen wie auch bei Männern. Junge Männer werden traditionell beschnitten. Die Beschneidung wird ohne Betäubung, ohne hygienische Massnahmen vollzogen. Die Jungen dürfen keinen Schmerz zeigen, es wäre eine Schande für die Familie. Schon wenige Tage später dürfen sie auf Vogeljad gehen. Sie kleiden sich danach noch monatelang schwarz. Tradition scheint auch die Angewohnheit zu sein, ohne Wasservorraete unterwegs zu sein. Sehr oft werde ich um Wasser gebeten.
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Nun, ich denke mir: wieso nicht in dieser Boma übernachten? Ich bekomme so einen Einblick in das Leben der Massai. Klar doch, ich darf mein Zelt innerhalb aufstellen. Als ich noch im Adamskostüm hinter einem Dorngebüsch mich mit tiefbraunem Wasser wasche, von dem ich nicht so recht weiss, ob ich danach wirklich sauberer bin, kommt schon ein Jüngling mit Speer dahergelaufen, lässt sich vom Anblick nicht beeindrucken und meint forsch, ich müsse dann der „mother“ etwas bezahlen. Selbstverständlich, ich werde ihr natürlich ein Geschenk machen. Nichts da, 50‘000 Schilling, rund 30 Dollar, solle ich bezahlen. Ein lächerlich hoher Preis – eine Nacht in einem sauberen Guesthouse, inklusive Dusche und Badtuch kostet rund 5-7‘000 Schilling. Ich habe keine Lust zu verhandeln. Obschon es schon dämmert, meine ich genervt, dass ich mein Zelt wieder zusammenpacke und ausserhalb zelten werde. Schlussendlich bleibe ich, bezahle 10‘000 Schilling und verziehe mich sofort ins Zelt. Noch in der Dunkelheit starte ich am nächsten Tag. Ich nehme es den Leuten nicht übel, die exorbitanten Preise für Safaris mögen einen falschen Eindruck erweckt haben. Doch der Weisse gilt als Krösus – und ist es auch im Vergleich zum äusserst bescheidenen Lebenstil der Massai.

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Ich fahre nun am Vulkan Oldoinyoi Kerimasi (2‘614 m) vorbei. Schon bald sehe ich dann endlich den Oldoinyo Lengai (2‘878 m), den „Berg Gottes“ in der Sprache der Massai. Der Gott Engai trohnt auf ihm. Die Massai glauben, dass Engai ihnen alle Rinder der Erde überlassen haben und alle anderen Rinderbesitzer folglich Viehdiebe sein müssen. In der Vergangenheit war dies oft Auslöser für blutige Auseinandersetzungen. Es hat ihnen den Ruf des „kriegerischen“ Massai eingebracht. Auch geologisch ist der aktive Vulkan mit einer gleichförmigen Form einzigartig. Es ist weltweit der einzige Vulkan, der Karbonatitlava fördert, das so dünnflüssig wie Wasser ist.

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Die östlich führende Abzweigung zum Dorf Gelai-Bomba finde ich nur nach einigem Suchen – ich bin ja ohne GPS unterwegs. Eine Viehpfad führt nun durch ein wunderschönes Gebiet, umgeben vom Kerimasi, dem Lengai und den Vulkanen Ketumbeine und Gelai. Es wird auch die kleine Serengeti genannt. Ich sehe Zebras, Gnus, Antilopen, Giraffen (auf dem Bild oben ist eine zu sehen!), Störche, Greifvögel und sogar Spuren einer Grosskatze. Einige Kilometer lang muss ich das Rad durch weichen Untergrund und steinige Flussbette schieben. Seit Wochen scheint hier niemand mehr vorbeigefahren zu sein.
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Als ich in Gelai Bomba ankomme, fängt es an zu regnen. Am nächsten Tag komme ich in Ketumbeine an, wo ich beim Arzt Stevens und seiner Frau Bethanie unter. Die Klinik wird von der Lutheran Church betrieben und versorgt die Massai in der Gegend. Als Haustier hält Stevens ein lustiges Tier, ein Dirkdikdik, eine kleingewachsene Gazelle. Weniger lustig ist, dass ich zusehen darf, wie Stevens einer schwangeren Patientin mit Ultraschall diagnostiziert, dass ihr ungeborenes Kind tot ist. Bethanie kümmert sich um ein Projekt, das Frauen ein geringes Einkommen sichert, indem sie Schmuck herstellen.
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Bevor ich die Teerstrasse erreiche, fahre ich einer Gruppe von neunzehn Giraffen entgegen. Schon bald bin ich dann an der Grenze zu Kenia. In zwei Tagen erreiche ich dann die Hauptstadt von Kenia, Nairobi, in Anspielung an den schlechten Ruf auch „Nairobbery“ genannt. Da ich hier die Visas für die Weiterfahrt besorgen muss, bleibt mir ein Aufenthalt nicht erspart. Doch ich habe das Gefühl, bei den richtigen Leuten zu landen. Der Couchsurfer Tristen und seine kenianische Ehefrau Gee beherbergen mich. Sie sind mir eine grosse Hilfe, mich in dieser Grosstadt zurecht zu finden. Kleine Welt: Sekiji war auch bei Ihnen und ein anderer deutscher Radler, mit dem ich einige Emails ausgetauscht habe, ebenfalls. Ich finde hier in Nairobi auch schnell Ersatz für meine billige, abhand gekommene Plastikuhr. Dass die Uhren hier in Afrika anders ticken, ist mir schon bewusst. Aber die Uhr verrichtet sozusagen im afrikanisch untypischen Eiltempo ihre Arbeit und ist nach einem halben Tag schon zwei Stunden voraus.

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Und hier noch ein kleines Video zum Abschluss:

 

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A Kind Of Magic

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Den letzten Reisebericht habe ich aus Dar Es Salaam veröffentlicht. Mittlerweile sind vier Wochen vergangen, wovon ich zwei Wochen „Urlaub“ gemacht habe. Meine Schwester Maria stattet mir hier in Tansania einen Besuch ab. Sie kommt von einer tollen Safari durch die berühmtesten Parks – die Serengeti, Ngorongoro-Krater und Lake Manyara. Ich fahre ihr ein Stück entgegen. Wir machen dann in den Usambara-Bergen ab, genau genommen in der Mambo Viewpoint Lodge (LINK) ab. Ein beschwerlicher Weg, denn von der Hauptstrasse muss ein Bus nach Lushoto genommen werden, von dort sind es dann nochmals 3 Stunden mit einem überfüllten Dalla-Dalla über eine gewundene Erdpiste durch den Gemüsegarten von Tansania und vorbei an einer Anzahl von kleinen verschlafenen Dörfern. Die Landschaft ist grün, üppig. Möhren, Kohl, Tomaten werden hier auf rund 1‘500 M.ü.M. angepflanzt.
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Nach über 16 Monaten unterwegs also kann ich wieder ein Familienmitglied umarmen ! Die Freude über das Wiedersehen ist gross. Die Mambo Viewpoint Eco-Lodge ist erst vor vier Jahren eröffnet worden. Die Lage ist sensationell mit atemberaubenden Blicken auf die Buschlandschaft der Mkomazi-Ebene. Die Lodge bezieht die Dorfgemeinschaft ein, versucht deren Kompetenzen zu stärken und sie zu eigenen Geschäftsaktivitäten zu animieren. Nach einem Spaziergang durch das Dorf Mambo und einem lokalen Essen in einer Mgahawa, einer einfachen Schenke, laufen wir wieder zurück hoch zur Lodge. Die Einheimischen veranstalten Tanz und Musik, doch vor Silvester sind wir schon im Bett, denn am nächsten Tag geht es um 6 Uhr früh wieder los.
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Wir fahren zurück nach Dar Es Salaam, um die Fähre auf die Insel Sansibar zu nehmen. Der Name klingt mythisch, weckt Fernweh, bürgt für Exotik. Doch die Zeiten haben sich geändert. Nicht mit einer knarrenden Segel-Dau setzen wir über. Mit einem modernen, klimatisierten Schnellboot fegen wir mit über 30 Knoten in eineinhalb Stunden auf die Insel Unguja. Wir legen in der Altstadt von Sansibar, in Stone Town an. Zum Glück bleiben die meisten der jährlich 100‘000 Touristen, wovon alleine ein Drittel italienischer Herkunft sein sollen, nicht in Stone Town, sondern sürmen die weissen, palmengesäumten Strände rings um die Insel.
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Bereits arabische Handelsleute gründen vor über 1‘000 Jahren Handelstützpunkte auf der Insel. Persische Händler aus Shiraz segeln im 8. Jahrhundert nach Ostafrika und legen sich hier nieder. Sansibar entwickelt sich in der Folge zu einem reichen Staat, der Handel mit Sklaven, Gold, Elfenbein und Gewürzen blüht. Der Handel mit dem Osten bringt dann auch die islamische Kultur und die städtebauliche Entwicklung ins Land. Im 16. Jahrhundert schauen die Portugiesen vorbei, danach die Briten und schliesslich die Omanis, welche die alleinige Herrschaft anfangs des 19. Jahrhunderts übernehmen. Der Handel mit Nelken, Sklaven und Elfenbein erstarkt derart, dass der Sultan von Oman um 1840 seinen Hof vom persischen Golf nach Sansibar verlegt.
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Es braucht nicht viel Zeit, sich vom Zauber der verwinkelten, engen Kopfsteingassen der Altstadt einnehmen zu lassen. Tagelang kann man sich hier verirren, alten Männer mit kofias (Mützen) schlürfen gerne Kaffe, spielen das Brettspiel bao, unterhalten sich. Frauen in schwarzen Gewändern tratschen, Kinder spielen Fussball. Die Stadt ist sehr muslimisch geprägt, die meisten Frauen tragen farbige Kopftücher, auch Burkas sind zu sehen. Gut verhüllt ist ein anderes Phänomen hier in Sansibar: es gibt viele Drogensüchtige. Heroin wird direkt aus Pakistan importiert. Spottbillig. Ein US-Dollar das Gramm.
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Nicht verbergen kann Sansibar den berühmtesten Sohn der Insel, Farrokh Bulsara, besser bekannt unter dem Künstlernamen Freddie Mercury. 1946 wird er auf der Insel als Sohn einer wohlhabenden parsischen Familie geboren. Als Achtjähriger muss die Familie nach Indien fliehen, später geht er nach Indien. 1991 stirbt die Ikone für Schwule an den Folgen von HIV. HIV und Homosexualität: zwei Tabuthemen hier auf Sansibar. Entsprechend umstritten ist der Sänger von Queen auf der Insel.
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Doch die Einheimischen sind, trotz einigen kopflosen Touristen, die leichtbekleidet herumlaufen oder den Bierwanst zur Schau tragen, tolerant, freundlich, heissen uns mit einem freundlichen „Karibu“ willkommen. Besonders pittoresk ist der kleine, äusserst belebte Hafen im Norden von Stone Town, wo die ankommenden Fischer belagert werden. Nebenan finden sich etwas versteckt bedeckte Garküchen, in die sich die wenigsten Touristen wagen. Aber gerade hier kommen wir schnell ins Gespräch mit Menschen. Abends versammelt sich die schick gekleidete Bevölkerung in den Forodhani-Gärten, wo es Spiesschen am Laufmeter gibt.
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Die Strassenhändler buhlen auf recht eindringliche Weise um die Touristen, drücken einem einen Pappteller in die Hand und leiern das Angebot runter: Jumbo Prawns, Shirimpsi, Octopus Mix, Lobster spice, Lobster no spice, Chicken Masala, Chicken non Masala, Ginger Beef, Tuna, Barracuda, Snaper, Solomoni Fish, Chappati, Coconoti Breadi, Garlic Breadi, Simusi Breadi, Falafel, Samosa Vegetarian, Somasa Beef, Mahendi (Cassava), Bread Fruiti, Chipsi. Eine leckere Auswahl kann dann mit einem kräftigen Schluck frisch gepressten Zuckerrohrs, verfeinert mit Limetten und Ingwer, runtergespült werden. Der Garten ist ein beliebter Treffpunkt. Viele Jugendliche springen allabendlich bei Flut zur Belustigung der Zuschauer ins Wasser und vollziehen oftmals kunstvolle Piroutten. Die Sonnenuntergänge könnten am Strand von Stone Town nicht kitschiger sein.
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Eine halbtägige Spice-Tour auf der Gewürzinsel ist schon fast ein Muss. Mr Mitu führt täglich viele Interessierte auf einige Plantagen, und man lernt Gewürznelken, Muskatnuss, Pfeffer, Kardamom, Vanille, Kurkuma, Zitronengras und viele andere Pflanzen im Naturzustand kennen. Anschliessend wird ein feines Gemüsecurry serviert und zum Abschluss wird man noch an einen tollen Sandsttrand geführt, wo man eine Stunde lang im azurblauen, warmen Wasser planschen kann.
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Ebenfalls nicht verpassen sollte man auf Sansibar einen Schnorcheltrip. Die Korallenriffe und die Unterwasserwelt im türkisblauen Meer vor der Insel sind weltberühmt. Zwei Stunden Schnorcheln, unterbrochen von einem leckeren Lunch mit vielen Früchten, sind ausreichend, um gehörig Sonne abzubekommen und sich von der reichen Unterwasswelt bezaubern zu lassen.   OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Von Sansibar aus wagen Maria und ich uns auf die zweite grosse Insel, Pemba, die praktisch keine Touristen zu sehen bekommt. Man bekommt hier entsprechend auch keine netten Lodges und gestilten Restaurants mehr zu sehen. Pemba ist noch sehr ursprünglich und pittoresk. Nachts gibt es in der Hauptstadt Chake Chake eine Handvoll einfacher Holzstände, von Petrollampen notdürftig beleuchtet. Hier wird auf Zeitungspapier frittierter Pweza (Tintenfisch), Maandazi (Donuts) und Mishikaki (Fleischspiesschen) serviert. Ansonsten muss man sich mit Chipsi – Mayai, einer Art Tortilla, begnügen.
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Von Chake Chake buchen wir einen Ausflug auf die kleine Insel Misali, die seit 1998 geschützt ist. Nur Tagesbesucher sind erlaubt, Luxuslodges glücklicherweise nicht. Der Tag vergeht wie im Fluge: Schnorcheln vor dem Korallenriff, ein Spaziergang zu einem faszinierendem Mangrovenwald, in dem uns vor allem die Einsiedlerkrebse in den Bann ziehen.
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Mustafa, unser Kapitän, tischt uns ein einfaches, aber köstliches Mittagsessen mit Salaten und Früchten auf. Zur Verdauung kann man in einer Stunde man in knapp einer Stunde rings um die Insel laufen, durch lauschige Wälder, vorbei an einem kleinen Fischercamp mit grossen Baobabs, zu einem Strand, der von Meereschildkröten als Brutstätte aufgesucht wird. Oder man kann einfach im türkisblauen Meer baden, auf dem weissen Strand laufen und die Seele baumeln lassen.
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Ein weiterer Ausflug führt uns zum Städtchen Wete mit einem Dalla-Dalla, einem lokalen Bus. Pemba ist bekannt für die Gewürznelken. Wir entdecken ein Lagerhaus, in dem Nelken von der ganzen Insel zum Trocknen und zum Verkauf hergebracht werden. Am Hafen werden Oktopusse versteigert. Es ist Freitag, die Geschäftsaktivitäten ruhen zur Mittasgzeit, alle Läden und Restaurants schliessen, die Männer versammeln sich in der Moschee zum Freitagsgebet.
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Von der Insel Pemba aus gönnen wir uns einen Flug zurück auf das Festland, da dieser nur unwesentlich teurer ist als mit dem Schnellboot zurück nach Daressalam. Aus der Vogelperspektive können wir diesmal die Inselwelt von Pemba und Sansibar bestaunen. Ich darf mich besonders glücklich schätzen, da ich im Cockpit Platz nehmen darf.
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Im verschlafenen Tanga, das uns gut gefällt, ruhen wir uns einen Tag lang aus. Die indischstämmige Bevölkerung ist hier stark vertreten. Wer längere Zeit in Tanga lebe, der werde „inergetic“, meint ein Pakistani. Mit dem Bus fahren wir zurück nach Daressalam, wo ich mich dann nach zwei tollen Wochen schweren Herzens von Maria verabschiede.
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Ich bin wieder auf dem Rad. Zunächst fahre ich nach Bagamoyo, nördlich von Dar. Mitte des 19. Jahrhunderts war Bagamoyo noch bedeutend. Die Karavanenrouten vom Tanganjika-See endeten hier. Bedeutende Entdecker wie Burton, Stanley und Livingstone begannen hier ihre Expeditionen.
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Danach radle ich durch den Nationalpark Saadani, in dem Velos gestattet sind. Die Erdpiste ist gut befahrbar. Viele Affen, Flamingos, Warzenschweine und Kudus sind in der schönen Buschlandschaft auszumachen. In Pangani dann nehme ich Kurs auf die Usambara-Berge und radle nordwestlich Richtung Kilimanjaro. Endlich geht es dann etwas in die Höhe, auf rund 1‘000 M.ü.M. wird dann das Klima endlich wieder erträglicher, die Luft ist nicht mehr so feucht wie an der Küste. In Moshi, am Fusse des Kilimanjaro, mache ich dann vorerst Halt, um die Weiterfahrt nach Norden planen zu können.
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Safari Njema

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In Mosambik leide ich noch unter der Hitze. Doch sobald ich tansanischen Boden betrete, hält die Regenzeit Einzug. Die Strasse bis Tansania ist nach Pemba zunächst noch asphaltiert, verwandelt sich danach aber zu einer sandigen Piste. Doch dank der grossen Erdöl- und Erdgasvorkommen sind  Arbeiten im Gange, um die Strasse von Palma nach Pemba zu asphaltieren. Eigennutz der Ölmultis dürfte hier eine Rolle spielen.  Die Dörfer am Wegesrand haben immer noch keinen Strom und es ist fraglich, inwiefern die Menschen von diesem Boom profitieren werden.

 

Als ich in Palma ankomme, bin ich sauer. Wohl kein guter Tag. Der Versuch, mit Einheimischen Windschatten zu fahren, scheitert. Wie immer. Jedesmal  geben sie mächtig Gas, um es dem Weissen mit seinem überlegenen Material zu zeigen. Und jedesmal biegen sie nach wenigen Minuten in eine Nebenpiste ab, die Kette springt raus oder ein anderer sonstiger Defekt legt sie lahm. Dieses mal aber fahren mir zwei Typen lange Zeit davon, lassen mich partout nicht ran.

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In Palma habe ich das Gefühl, dass mich alle wie eine Weihnachtsgans ausnehmen wollen. Ich bin es müde, um Lappalien feilschen zu müssen, lange zu diskutieren. Ein Kilo Zwiebeln kosten 50 Meticais. Und zwei kleine Zwiebeln ? 25 Meticais ! Sapperlot. Er solle mir bitte ein halbes Kilo Zwiebeln abwägen. Fein, das sind beinahe zehn Stück. Nein, ich will nicht ein halbes Kilo, nur zwei Zwiebeln. Wieviel kosten nochmals zwei Stück ? 25 Meticais !

Aber Afrika wäre nicht Afrika, wenn nicht auf die Peitsche Zucker und Brot folgen. In Palma treffe ich zwei Motorradfahrer aus Südafrika, Bossie und sein Sohn Quinten. Nette Gesellschaft, ein unterhaltsamer Abend. Genau das, was ich brauche. Wir zelten zusammen vor einer Pension, plaudern, während mir eine portugiesische Dame aus Braga (praktisch einen Steinwurf von meiner galicischen Wurzel entfernt) die Calamari säubert, die ich dann später unter die Spaghetti mische.

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Unterhaltsam muss dann für beide Südafrikaner auch der Grenzübertritt nach Tansania gewesen sein. Es gibt keine Brücke, nur einen Fluss mit niedrigem Wasserstand, wo man mit einem einfachen Holzboot rübersetzen kann. Mit dem Velo kein Problem. Kostet mich 300 Meticais, umgerechnet 10 Euro. Aber mit zwei schweren Motorrädern ? Alles ist möglich in Afrika. Gegen eine Kleinigkeit von 160 US-Dollar. Eine ganze Fussballmannschaft hievt die schweren Räder in das Boot rein und läuft dann rüber. Dreieinhalb Stunden dauert das Spektakel, das ich leider verpasse, weil ich ja zunächst bis zur Grenze radeln muss. Am tansanischen Zoll aber hole ich die beiden dann ein.

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Karibu! Willkommen in Tansania. Übrigens eine Wortschöpfung aus Tanganjika und Sansibar. 1964 verband sich die ehemalige britische Kolonie Tanganjika mit Sansibar. Im Südosten leben noch vorwiegend die matriarchialisch strukturierten Makonde. Die Frauen tragen wie überall in Afrika bunte Röcke, häufig nun aber auch farbige Kopftücher. Ich entdecke die ersten Masai-Hirten am Wegesrand. Ab und zu sogar Frauen in einer Burka. Die Vollverschleierung wirkt hier im heissen, bunten Schwarzafrika, wo die Leute gerne lachen und scherzen, wie die Faust aufs Auge.

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Einmal in Tansania angekommen, lassen die Regenschauer nicht lange auf sich warten. Oftmals fahre ich mangels Unterstand einfach im Regen weiter, bin pflotschnass, bis die Sonne wieder rauskommt und den Boden dampfen lässt. Als ich von Lindi starte, öffnet der Himmel seine Pforten. Die schliessen sich aber nicht nach einer halben Stunde, wie sonst üblich. Den ganzen Tag regnet es Bindfäden. Immer wieder suche ich Unterschlupf unter Vordächern von einfachen Lehmhütten, komme nicht voran. Ringsherum bilden sich Bäche, Rinnsale, stehendes Wasser. Nach 30 Kilometern muss ich in Michinga bereits Halt machen. Dort gibt es zum Glück ein einziges Guesthouse. Zwar etwas schäbig, aber mit Strom und immer noch besser als in einer Pfütze das Zelt aufzustellen.

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Hier in Tansania muss ich übrigens nicht um Zimmerpreise feilschen. Zwar ist der Standard oft sehr einfach, meist ohne Ventilator. Wenn man Pech hat, läuft in einer Bude gegenüber die ganze Nacht laute Musik. Momente, in denen man sich nach einen Stromunterbruch sehnt. Doch die Preise sind unschlagbar: die billigsten Zimmer gibt es schon ab 4‘000 Schilling, rund CHF 2.50.  In der Regel finde ich für 5-10‘000 tansanische Schilling ein akzeptables Zimmer. In Dar es Salaam sieht es dann mit den Preisen freilich anders aus, dafür ist der Standard gehoben. Kein Vergleich zu den oftmals überteuerten Bruchbuden vielerorts in West- und Zentralafrika.

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Von wenigen Ausnahmen abgesehen, spricht im  Südosten von Tansania, niemand Englisch, das keine Amtsprache ist. Gemäss offizieller Sprachpolitik ist Englisch für die Universitäten, die  höheren Gerichte und den Bereich der  Technologie vorgesehen, verliert aber zusehends an Bedeutung im gesellschaftlichen Leben. Es herrscht Swahili vor, Nationalsprache von Tansania und Kenia, eine der am weitesten verbreiteten Sprachen in Afrika, gesprochen von rund 50 Millionen Menschen. Ich kann mich nicht davor drücken, mir möglichst rasch einen Grundwortschatz zuzulegen. Jeden Tag geht es dann schon viel besser. Begrüssungsfloskeln, Zählen, Einkaufen und  Verhandeln sind mittlerweile kein Problem mehr.

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Unterwegs halten mich nebst Regenschauer auch einige Platten auf. Eine willkommene Abwechslung und ein Schauspiel für die Dorfbewohner, dem „Mzungu“ zuzuschauen, wie er den Schlauch vom Rad demontiert. Es wird jeweils laut gelacht, wenn ich den Schlauch danach wieder aufpumpe und nicht nach afrikanischer Art in einen Kübel voll Wasser halte. Irgendein Dorftrottel beziehungsweise ein alkoholisierter Genosse sorgt dann garantiert für zusätzliches Amüsement der Dorfgemeinschaft, zieht seine Faxen, löchert mich mit Fragen, obschon ich ihn nicht verstehe. Über fahrradtechnische Probleme kann ich mich übrigens bis anhin nicht gross beklagen. Zweimal musste ich den Gepäckträger schweissen lassen.  20‘000 Kilometer fordern aber ihren Tribut. Das Tretlager fängt nun an zu lottern und muss ersetzt werden. Zum Glück erhalte ich hier in Tansania Besuch und Ersatzmaterial aus der Schweiz.

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Die Strasse von Mtwara kurz nach der Grenze zu Mosambik bis nach Dar es Salaam ist übrigens praktisch durchgehend asphaltiert. Nach der Michelin-Karte, keine vier Jahre alt, müsste es sich um eine während der Regenzeit unbefahrbare Erdpiste handeln. Entweder können die Kartenhersteller nicht mit dem Strassenbau in Afrika Schritt halten oder sie ruhen sich auf ihren Lorbeeren aus.

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Auf halbem Weg zwischen der Grenze zu Mosambik und Dar es Salaam gönne ich mir einen Ruhetag in Kilva Kivinje, unweit vom historisch bedeutenden Kilva Kisivani. Kivinje ist anfangs des 19. Jahrhunderts von omanischen Arabern gegründet worden, später wurde es zu einem Zentrum  für den regionalen Sklavenhandel und zu einem  deutschen Verwaltungsort. Ein Monument, mit Unrat verziert, zeugt noch von der Kolonialzeit. Die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft hat es im Andenken an zweier ihrer Beamten, die „am 24. September 1988 in der Verteidigung ihres Hauses gegen den Aufruhr den Heldentod fanden“, errichtet.

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Der Ort strahlt einen morbiden Charme aus. Alte Häuser mit dicken moosbewachsenen Mauern sind am zerfallen, stehen kaum noch. Die Boma, ein grosses Handelshaus am kleinen Hafen, trotzt dem Zahn der Zeit, während sich viele Jugendliche mit Kiffen die Zeit vertreiben. Ich komme in einem alten deutschen Handelshaus unter mit einem wunderbaren Ausblick auf den kleinen Hafen. Am Nachmittag ist Flut, die Boote zu den umliegenden Inseln wie Songa Songa oder Mafia nehmen ihre Fahrt auf. Strassenhändler verkaufen leckere kleine frittierte Tintenfische. Der Unterschied zwischen Ebbe und Flut hier am indischen Ozean ist eindrücklich. Der Wasserpegel wechselt um mehrere Meter. Touristen sehe ich hier keine. Nationalparks, teure Lodges und der Kilimanjaro sind weit weg. Unbemerkt kann man sich hier als Weisser nicht bewegen. Die Leute sind aber freundlich, zuvorkommend, vor allem wenn man sich um ein paar Brocken Swahili bemüht.  Abends sitze ich mit Jugendlichen zusammen, rede stundenlang über die Unterschiede zwischen Europa und Afrika.

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Gewisse Vorurteile in Bezug auf Afrika halten sich ja hartnäckig. So soll das Essen nicht überragend sein. Zumindest in Bezug auf Früchte ist die vorgefasste Meinung aber Käse. Das Angebot ist zur Zeit einfach grossartig: die Mangosaison ist in vollem Gange. Die ganz grossen Exemplare gibt es für rund 20 bis 30 Rappen. Bananen, inklusive Frittierbananaen sind allgegenwärtig. Es gesellen sich Jack-Fruits , die ich hartnäckig verschmähe, zuckersüsse Ananas und zum Ausgleich herrlich leicht säuerliche Passionsfrüchte. Für das Bounty-Feeling sorgen Kokosnüsse, zum Essen oder zum Trinken. Nicht zu vergessen die Papayas und sogar Wassermelonen gibt es zur Erfrischung. Und wer es bissfest mag, schnappt sich eine Tüte von Cashew-Nüssen. Der Anblick eines Apfels in Dar es Salaam mutet dann schon sehr exotisch an.

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Auf das Händewaschen legen die Tansanier grossen Wert. Bei der kleinsten Garküche steht ein Kübel, oft sogar mit heissem Wasser, und Seife parat. Morgens gibt es überall leckere Chapatis, Pfannkuchen, gekochte Eier, frische heisse Milch, frittiertes Gebäck. Mittags Reis oder Ugali, ein Maisbrei, mit Bohneneintopf, Tomatensuppe. Auch wird zu meiner Freude überall gewürzter, leicht scharfer Tee getrunken. Bei einem heissen Tee lässt sich ein Regenschauer am besten absitzen. Wer es eilig hat, giesst den Tee nach und nach auf die Untertasse und trinkt ihn laut schlürfend. Diese Sitte habe ich bereits im Iran beobachtet; dort wird freilich ein Stück Zucker zwischen die Zähne geschoben, bevor der Tee getrunken wird.

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Keine Frage: die Ritter der Strasse sind für mich die Velofahrer, die über 100 Kilogramm schwere Säcke mit Holzkohle oder riesige Körbe voller Mangos transportieren. Beim geringsten Gefälle steigen sie ab und schieben ihr Eingang-Stahlross indischer oder chinesischer Herkunft von hinten. Der Lenker wird durch Gummibänder gerade gehalten. Die Schweissperlen laufen in diesem tropischen Klima nur so runter. Beim Anblick dieser Männer komme ich mir meiner Kettenschaltung und meinen Packtaschen wie auf einem Rennrad vor.

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Dar es Salaam ist erreicht ! Ich habe mir angewöhnt, wenn möglich weniger als 50 Kilometer vor einer Grosstadt zu übernachten, um nächstentags ausreichend Zeit zu haben, um ausgeruht in das Verkehrschaos einzutauchen und zur Mittagszeit bereits eine Unterkunft auf Nummer Sicher zu haben. Es bedeutet aber jedesmal Stress, die volle Aufmerksamkeit ist gefragt. Busfahrer nehmen hier keine Rücksicht. Aber es geht gut, ich finde rasch das Zentrum und eine relativ günstige Bleibe. In Dar es Salaam ist der indisch-arabische Einfluss und die Swahili-Kultur stark spürbar. Eine grosse Zahl von indischstaemmigen Menschen lebt hier. Die Stadt ist am Wachsen, viele moderne Hochhäuser werden errichtet, ein breites Angebot an Supermärkten, Banken. Sicher nicht die unangenehmste Stadt in Afrika. Das Velo lagere ich für ein paar Tage ein, Weihnachten in Zanzibar sind angesagt ! Ich wünsche allen besinnliche und zufriedene Festtage. Bis bald, euer Maurizio.

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Magisches Mosambik

Mittlerweile bin ich in Pemba, 2‘370 Kilometer von Maputo entfernt, angekommen. 1‘200 Kilometer bin ich in zwei Wochen geradelt, den Rest habe ich mit dem Bus absolviert, um meinen Zeitplan einzuhalten. Die Distanzen hier in Mosambik sind enorm. Doch zurück nach Maputo. Der Chauffeur von Helvetas bringt zunächst Pierluigi, den Direktor von Helvetas Mosambik an den Flughafen, und mich anschliessend aus der Stadt. Es gibt nur eine geteerte Strasse zum Norden, die N1, die aber innerhalb des Landes verläuft, 20 bis 40 Kilometer von der Küste entfernt. Die Stichstrassen zur Küste sind grösstenteils Sandpisten, unpassierbar mit dem Velo. Bis in das 500 Kilometer entfernte Inhambane eröffnet sich der Blick auf den Indischen Ozean gerade nur einmal, nämlich in Quissico.

Mosambik empfiehlt sich als Reiseland, aber nicht notwendig mit dem Stahlross. Zugegeben versprach ich mir – abgesehen vom Projektbesuch von Helvetas – nicht allzu viel von diesem Land. Doch nach einem Monat und vielen spannenden Begegnungen bin ich mittlerweile sehr angetan von diesem Land, das bis vor 20 Jahren noch in einem Bürgerkrieg steckte und erst 1975 von Portugal unabhängig geworden ist.

Immerhin verläuft die flache N1 durch das breite Küstentiefland. Will heissen es ist flach. Aber nicht windstill. Die Brise ist grundsätzlich ganz angenehm, wenn es heiss ist. Das Klima ist tropisch mit sehr schwülen Nächten. Morgengrauen ist bereits um 4.30 Uhr, sodass ich sehr früh starten muss, um möglichst vor Mittag einen Platz im Schatten zu finden. Die Sehenswürdigkeiten Mosambiks sind weit gestreut. In den ersten Tagen auf der N1 ist es noch nicht so heiss, dafür habe ich mit Gegenwind zu kämpfen. Buschbrände sind auch hier an der Tagesordnung. Im Süden herrschen riesige Palmenwälder vor. Im Norden dann Savanne und Busch mit Trockenwäldern. Es finden sich hier sehr eindrückliche Exemplare von Baobabs. Cashew-Nuss-Bäume und Mangos sind allgegenwärtig.

Unterwegs schlafe ich in Dörfern, in Polizeistationen und in den touristischen Orten in Backpackers bzw. bei Couchsurfern. Vor allem wenn man bei Leuten draussen im Zelt schläft – zum Glück weht nachts stets eine leiche Brise – kann man eine für wohl ganz Schwarzafrika beliebte Tätigkeit erfahren. Frauen lieben es hier, bei Morgengrauen, manchmal schon vorher, laut die Aufenthaltsplätze zu wischen und viel Staub aufzuwirbeln. Pfischhhh, pfisschhh. Einiges angenehmer als motorsägenlaute Laubbläser,begleitet von Strassenwischmaschinen, die täglich um 7 Uhr morgens durch die Altstadt von Liestal donnern.

Einen ersten Ruhetag lege ich in Inhambane ein, keine 20 Kilometer von der touristischen Playa de Tofo entfernt.  Die beschauliche Stadt mit einem Mix aus Kolonialarchitektur, arabischen, indischen und afrikanischen Einflüssen liegt auf einer Halbinsel, in sicherer Distanz zur geschäftigen N1. Mit einem Boot setze ich nach Maxixe über, wo ich wieder auf der N1 bin und meine Fahrt nach Vilankulo aufnehmen kann.

Vilankulo ist beliebter Stopp für Overlander und für Reisende, die sich auf den Süden von Mosambik beschränken. In Griffnähe liegt das Archipel von Bazaruto, ein Juwel Mosambiks: türkisfarbenes Meer, weisse Sandstrände, Palmen, Korallen, Tauch- und Schnorchelparadiese mit einer überbordenden Fauna. Ich komme in einem Backpacker unter, wo auch Andrew aus Melbourne kurz zuvor eingetroffen ist. Am nächsten Tag erkundigen wir uns. Wir wollen einen Schnorcheltrip buchen. Entweder auf Bazaruto oder Magaruque. Als wir am Strand entlanglaufen, winken uns Leute auf einem Boot zu. Fünf Minuten später sind wir Opfer eines Kidnappings, inmitten einer Geburtstagsgesellschaft, Bierflasche in der Hand.  Zumeist Leute aus der Tourismusbranche, Hotelbesitzer, die meisten aus Portugal, Zimbabwe, Südafrika. Wenig später legt das Boot in Dead Island an. Eine Sandbank, die nur bei Ebbe sicht- und begehbar ist. Den ganzen Tag verbringen wir dann auf der Insel Benguera, veranstalten einen Braai (Barbeque), kaufen unterwegs von Fischern lobster ein. Drei grosse Kühlboxen mit Getränken sorgen für Erfrischung. Einige versuchen sich im Kitesurfing. Geburtstagskind Tessa lädt Andrew und mich später nochmals zu herrlichen Lulas (Calamares) ein.

Von Vilankulos nehme ich den Bus nach Inchope und Nampula, wo ich abends ankomme. Bei Busfahrten kommt man in den Genuss einer anderen afrikanischen Eigenheit: 11 Stunden wird in ohrenbetäubender Lautstärke Musik abgespielt, die bei meinen Protesten für kurze Zeit zum Level ” sehr laut” gesenkt wird. Nampula mag ich nicht sehr. Hotelzimmer sind überteuert. Ich treffe hier am nächsten Tag Faizal, einen jungen Reporter und Gründer einer Online-Zeitschrift “O Nacalense”, der mir durch Marco, einem schweizer Journalisten, vermittelt worden ist.  Im Gelände der Radiostation Encontros kann ich mein Zelt aufschlagen, nachdem Faizal mich interviewt hat. Faizal lädt mich zu sich nach Hause ein. An einem Tisch unter dem grossen Mangobaum warten wir, bis seine Frau den Frango, das Hühnchen, zubereitet hat. Faizal ist Régulo, sozusagen Dorfchef des Quartiers, und beauftragt einen Nachbar, Getränke zu holen. Ich nutze die Gelegenheit, gebe dem Typen 100 Meticais, um mir eine grosse, kühle Flasche Wasser zu bringen. Zwei Stunden später, als wir schon lange mit dem Essen fertig sind, kommt dann endlich der Schlaumeier schlurfend daher. Das Wasser ist warm, dafür hat er nur 40 Meticais Wechselgeld. Er muss sich wohl für sehr klug halten oder mich für sehr dumm. Jedenfalls meint er, die 1,5 Liter Flasche habe 60 gekostet (sie kostet normalerweise 30 bis 40), weil ja eine Halbliterflasche 20 Meticais kostet. Es entsteht eine lauthalse Diskussion und Auseinandersetzung zwischen ihm und Faizal.

Der Norden ist augenfällig ärmer, weniger entwickelter als der Süden. Dies zeigt sich an der Verfügbarkeit einer gekühlten Flasche Cola. Im Süden war die noch leicht zu erhalten. Jetzt wird es immer schwieriger. Nur grössere Siedlungen und Städte verfügen über Strom. Das Essen unterwegs auf der N1 ist eher enttäuschend. Keine Strassenstände, wie sie in Westafrika zu finden sind. Verhungern muss ich aber nicht. Immerhin gibt es Brötchen und frittierte Küchlein aus Bohnenpaste. Daneben natürlich Mangos, spottbillige Cashew-Nüsse, Kokosnüsse, Papayas und Bananen. Und in Küstennähe dann wieder Fisch.

Übrigens rate ich jedem Mosambikreisenden an, eine Postkarte zu verschicken. Nachdem ich beim Postamt eine Postkarte erstanden habe, diese platzfüllend beschrieben habe und zum Kauf der „entsprechenden“ Briefmarke für Südafrika übergehen möchte, staune ich nicht schlecht, als mir sechs grosse Briefmarken überreicht werden. Wollte man sie tatsächlich aufkleben, wäre nur noch kanpp die Adresse lesbar.

In der Ilha de Moçambique komme ich bei der Couchsurferin Cristina aus Barcelon unter. Sie ist lange in Afrika umhergereist und hat viele Monate in Äthiopien gelebt. Nun hat sie eine kleine NGO “Africa sin fronteras” zusammen mit ihrer Mutter Maya gegründet, die sich ebenfalls auf der Ilha de Moçambique niedergelassen hat und daran ist, ein Haus zu einem Restaurant zu renovieren.

Die Ilha ist das einzige UNESCO geschützte Weltkulturerbe in Mosambik und eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten des Landes. Die Insel ist nur 3 km lang. Der Stadtteil Makuti Town, benannt nach den Strohdächern, liegt praktisch unter Meer. Denn die Steine wurden hier abgebaut, um im nördlichen Teil Stone Town die Kolonialgebäude zu errichten. Die Ilha war bereits vor Ankunft von Vasco da Gama im Jahre 1498 ein bedeutender Handelsort mit Kontakten zu Madagaskar, Persien und Arabien. Die Insel war bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Hauptstadt von Portugiesisch-Ostafrika, bis sie durch Lorenço Marques (heute Maputo) abgelöst wurde. Auch hier ist ein interessanter Mix aus Kulturen zu finden. Moscheen, Hindu-Tempel und Kirchen sind einen Steinwurf voneinander entfernt.

Maya kocht gerne, will demnächst ein Restaurant auf der Ilha gründen. Sie lädt Freunde zu einem spanischen Abend mit einer tollen Paella ein. Auch Miguel aus Galizien ist dabei. Miguel bezeichnet sich als moderner Nomade. Mit 18 Jahren ist er losgezogen, um die weite Welt zu erkunden. Seit 22 Jahren ist er nun schon mit dem Rucksack unterwegs, wobei er jeweils für längere Zeit vor Ort arbeitet. Entsprechend viele Anekdoten kann er zum Besten geben.

Unterwegs werde ich Zeuge von Initationstänzen und Bummelzügen von jungen Männern. Mit meiner Mischung aus Italienisch-Spanisch mit einigen Wörtern Portugiesisch kann ich mich eingermassen verständigen. Das Wort “precisar” gefällt mir dabei mit Abstand am Besten. “Preciso agua”: ich brauche Wasser.  Viele Leute in den ländlichen Gebieten sind des Portugiesisch nicht mächtig, sprechen nur die lokalen Sprachen, wie etwa Makua.

Die Landschaft wird nach der Ilha etwas abwechslungsreicher, sanfte Steigungen und Zuckerhüte setzen Akzente in der trockenen Savannen-Landschaft. Die Gegend wird nicht von Touristen aufgesucht. Wie sonst nirgends in Afrika, werde ich beim Genuss eines gekühlten Getränkes von einer riesigen Schar von Menschen umzingelt. Beim Marktbesuch laufen dann etwa hundert  (!) Schaulustige hinter mir her. Richtig unheimlich. Die Leute sind aber freundlich, bloss sehr neugierig.

Im Ort Metoro zelte ich bei der Polizeistation. Der Zufall will es, dass der Niederländer Johann mit seinem Mitsubishi-Bus dieselbe Idee hat und ebenfalls am nächsten Tag die Stichstrasse nach Pemba fahren will. Johann ist seit über einem Jahr unterwegs. In Pemba werde ich von Karin, Regionalkoordinatorin und Barbara (Konsulentin) von Helvetas toll empfangen und in einem Beachhouse am Wimbi-Strand einquartiert. Ich kann hier die gesammelten Spenden symbolisch überbringen. Herzlichen Dank an alle, die mich unterstützt haben. Ich nutze die Gelegenheit, um einige von Helvetas unterstütze Kulturprojekte zu besuchen.  Ich werde noch darueber berichten.

Pemba liegt an einer grossen Bucht und soll in Zukunft dank grosser Erdölvorkommen bedeutender werden. Es herrscht zur Zeit Goldgräberstimmung. Ölgesellschaften aus aller Welt reissen sich Bohrrechte unter den Nagel. In einigen Jahren wird sich Pemba ändern.

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Wiedersehen macht Freude

Durban, so heisst es, habe das beste Klima in Südafrika. Von dem habe ich leider nicht viel gespürt. In den Tagen, die ich dort bei Les verbracht habe, hat es meistens geregnet. Wir schauen uns Zulu-Tänze an und das Ushaka Aquariam , das an einem an einem bewölkten Samstagnachmittag rege besucht wird. Es ist eindrücklich, überdimensionierte Fische, Haie und Quallen hinter Glas zu bestaunen.

Abends im stroemenden Regen erhaelt die Rugby-Mannschaft aus Durban, die Sharks, dann eine kalte Dusche. Als Topfavorit gehandelt, wird sie im Final geschlagen. Les hat ein Interview bei einer Lokalzeitung, einer Art 20 Minuten, organisiert, wo ich es sogar auf die Titelseite schaffe (Titelseite, Artikel). Zum Abschied laden mich Les und seine Ehefrau Barryl in den Royal Navy Club zu einem Sonntagsbuffet ein. Aufzuzählen, welche Unmengen an Fisch, Fleisch und Nachspeisen ein hungriger Radler zu verschlingen mag, sprengt den Rahmen dieses Artikels. Les fährt mich im Auto, natuerlich regnet es, einige Kilometer der Küste entlang nach Ballito.

Dort treffe wieder das englische Paar Rob und Sarah an, die ich Nigeria beim Movieset zum Nollywood-Film „Invasion 1897“ kennengelernt habe. Zusammen sind wir danach nach Calabar gereist, von dort mit der Fähre nach Limbé in Kamerun und haben anschliessend den Mount Cameroun bestiegen. Sie arbeiten nun für ein knappes Jahr im öffentlichen Spital in Stanger.  Die Führung durch das Spital, das praktisch nur von Schwarzen und Farbigen besucht wird, ist sehr aufschlussreich. AIDS ist ein grosses Problem, aber auch Messerstechereien, Verbrennungen und Schlangenbisse gehören zur Tagesordnung. Die Platzverhältnisse sind zwar etwas knapp, im Stile eines britischen Krankenhauses aus den 80-er Jahren, aber, so meinen Rob und Sarah, funktoniert das Spital doch recht gut.

Weiter geht es. Kurz vor Mtubatuba mache ich auf einer Milchfarm Halt. Leon, Inhaber des Dannybrook Inn, hat mich vor einigen Tagen in einer Rundhütte umsonst schlafen lassen und mich ermuntert, auf dem Wege nach Norden vorbeizuschauen. Ich werde durch die Milchfarm geführt, die pro Tag über 2‘000 Liter Milch produziert, werde dem Chef als einer mit einem “brain problem” vorgestellt. Vorwiegend Sauermilch wird hier hergestellt. Dankend verbringe ich eine Nacht bei ihm. Der Ausflug in den Imfolozi Game Park fällt buchstäblich ins Wasser, den ganzen Morgen stürmt und regnet es. Erst um Mittag kann ich weiterfahren, der Wind bleibt. Für einmal von hinten.

Durch das kleine Swaziland, das oft mit Switzerland verwechselt wird, rausche ich in zwei Tagen hindurch. Ich geniesse es, nach langer Zeit wieder einmal durch eine flache Landschaft mit Rückenwind zu brausen. Swaziland hat übrigens die lustigsten Münzen, die ich je gesehen habe: nicht rund, sondern blumenförmig. Die Einfahrt nach Mozambique ist unproblematisch. An der Grenze erhalte ich das Visum, muss allerdings eine Kleinigkeit von umgerechnet 68 Euro für den farbigen Kleber hinblättern. Dafür fühle ich mich sofort wohl. Unglaublich, was für Unterschiede eine Grenze jeweils ausmacht. Es wird portugiesisch gesprochen, es werden überall „castanas“, Cashew-Nüsse verkauft. In einem kleinen Shop begrüsst mich Novela herzlich, überreicht mir sofort eine Cola, Kekse, gibt mir noch eine Flasche Wasser mit auf den Weg. Geld will er dafür nicht, obschon man sein Inventar an einer Hand abzählen kann. Was für ein Empfang ! Vor Maputo, in der Stadt Boane, ist Brotzeit. Man findet Restaurants in portugiesischem Stil, leckeren „frango“, Brathähnchen. Und was für eine Überraschung: feinen Espresso-Kaffe wie in Portugal, wie man ihn selbst in den meisten Ländern Europas vergeblich sucht.

In Maputo dann gibt es ein tolles Wiedersehen mit Pierluigi und Hélène. Pierluigi aus Chianti, dannzumal Direktor von Helvetas Burkina Faso, habe ich in Ougadougou kennengelernt, wo er mich fürstlich aufgenommen hat. Mittlerweile hat er seinen Arbeitsplatz nach Mozambique gewechselt. Voilà, hier in Maputo treffe ich ihn wieder !

In Maputo suche ich die italienische Botschaft auf, da mein alter Pass keine leeren Seiten für Visas mehr aufweist. In 15 Minuten halte  ich bereits einen neuen biometrischen Pass in Händen ! Hätte ich die Gebühr in Euro entrichten können und nicht noch eine Stunde zu Fuss durch die Stadt irren müssen, um eine Wechselstube aufzusuchen, wäre die Dienstleistung hervorragend gewesen.

Maputo hiess bis zur Unabhängigkeit „Lorenço Marques“ – nach dem gleichnamigen Seefahrer aus Portugal, der 1545 die Baia de Maputo entdeckte. In den 50er und 60er Jahren, während der Apartheid-Ära, war „LM“ bei Südafrikanern auf der Suche nach gutem Meeresfisch, Stränden und Bordellen sehr beliebt. Die Stadt ist angenehm, recht sauber. In der Baixa findet sich der alte Bahnhof, ein monumentales Gebäude, entworfen von der Schule von Gustave Eiffel. Vom Meister selbst ist die „Casa de Ferro“ gezeichnet worden, die Residenz des Gouverners, ein Haus aus Stahl, aber äusserst unwohnlich in diesem tropischen Klima. In der Baixa von Maputo finden sich alte Häuser im portugisischen Stil wie auch marxistisch angehauchte Blockhäuser. Die farbigen capulanas (Sarongs) finden sich in der Casa Elefante gegenüber dem peinlich sauberen Mercado municipal. Besonders attraktiv sind die pastelerias und Kaffehäuser, eine Reminiszenz aus der Kolonialzeit.

Die Projekte von Helvetas liegen indessen in den Provinzen Cabo Delgado und Nampula im Norden von Mozambique. Ein weiter Weg von über 3‘000 Kilometern. Und ausreichend Zeit, um vielleicht noch eine Spende für das Alphabetisierungszentrum zu tätigen ? Eine kleine Handreichung, ein Zeichen der Solidaritaet, die mich und den Menschen hier in Mosambik gluecklich macht !

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Himmlisches Lesotho

 

Lesotho, ausgesprochen Lee-suu-thuu: ein Land, auf das ich mich während meiner ganzen Reise besonders gefreut habe. The Kingdom of the Sky, die Schweiz Afrikas, ist ein Kleinod im südlichen Afrika. Eine Enklave, völlig umgeben von Südafrika. Dreiviertel so gross wie die Schweiz. Weltweit das einzige Land, das komplett auf über 1‘000 Meter über Meer liegt. 80 % der Fläche sogar auf über 1‘800 M.ü.M. Ein Land, das mich von Beginn weg in seinen Bann zieht. In das ich mich verliebe. Trotz der gnadenlosen, brutalen Steigungen und Gegensteigungen, Rampen, Hügel, Kletter- und Schiebepartien. In keinem anderen Land schiebe ich das Rad soviel wie hier in Lesotho. Die Durchschnittsgeschwindigkeiten bewegen sich zwischen 7 und 11 km/h. Oftmals ist nach 50 Kilometer bereits Feierabend. Radfahrerisch sind die Verhältnisse hart bis extrem. Aber was für Landschaften und freundliche Leute ! Das Gruessen scheinen die Basotho erfunden zu haben. Es ist noch nicht aller Tage Abend, doch soviel weiss ich jetzt schon: Lesotho ist ein heisser Favorit für mein Lieblingsland in Afrika.

Doch erstmals zurück nach Port Elizabeth, wo ich mich vom sympathischen Schweizer-Paar John und Anne verabschiede und in drei Tagen der Küste entlang nach East London fahre. Eine gemütliche flache Etappe, müsste man meinen. Trugschluss. Hügel nach Hügel. Etwas, das ich in Südafrika vermisse, sind flache Etappen zwischendurch. Immerhin kann ich auf Anraten eines Einheimischen in einem Gemeinde-Naturreservat wild zelten. Das letzte Flusspferd sei vor 8 Monaten gesichtet worden, von daher könne ich beruhigt am Fluss beim Picknick-Platz mein Zelt aufschlagen. Bei der Hinfahrt sehe ich drei Giraffen, Warzenschweine, eine Herde Zebras, Antilopen. Und spüre danach eine ganze Armada von Mücken. In East London besuche ich den Bruder einer in der Schweiz lebenden, indischstämmigen Südafrikanerin, Lynette, deren Hochzeit ich vor meiner Abreise fotografieren durfte. Ich mache mit Brad an einer Tankstelle ab. Das Velo packen wir in den VW Golf, holen seine Freundin Sid ab und fahren nach Hause. Brad und Sid sind hilfsbereit und verwöhnen mich drei Abende lang mit ihren Kochkünsten. Brad hat ein paar Monate lang in Basel gelebt und mag sich noch sehr genau an Ortschaften und Lokalitäten erinnern. Thanks a lot Brad and Sid, you are wonderful !

Mit dem Bus fahre ich bis nach Kokstad durch das ehemalige Homeland der Transkei. Die wirtschaftlich am schwächsten entwickelte Region in Südafrika. Keine Bäume, erodiertes Land, einfache Hütten. Trotz sonnigem Wetter strahlt die Gegend Trostlosigkeit aus. Die Apartheid ist abgeschafft, trotzdem werden solche Gegenden es schwer haben, sich wirtschaftlich zu entwickeln. In Matatielé, entdecke ich die Touristeninformation ganz zufällig. Es fehlt ihr offensichtlich an finanziellen Mitteln aber auch an Reisenden und Informationssuchenden. Die Auskunft ist dafür nach meinem Geschmack. Der Angestellte setzt mich mit Dorfchef von Mafubé in Verbindung. Er befindet sich zufälligerweise in der Stadt. Ich darf auf seinem von fünf Hunden gut überwachtem Grundstück zelten. Einer dieser Köter scheint an Gedächtnisschwund zu leiden, bellt bis tief in die Nacht mein Zelt an und markiert sein Revier ordentlich. Zu meiner Freude zieht der Dorfchef für das Abschiedsfoto seine traditionelle Kleidung mit Leopardenfell an.

Nach einem Pass betrete ich in Qachas Nek auf knapp 2‘000 M.ü.M. Lesotho. Und es geht gleich los: rassige Abfahrten und steile Rampen wechseln sich ab. Flache Abschnitte gibt es nicht. Dafür einen kräftigen Gegenwind. Die Beine haben Mühe, hier irgendeinem Rhythmus, einer Regelmässigkeit zu folgen. Die Landschaft ist in gelben und ockerfarbenen Tönen gehalten, erinnert mich an Tadjikistan. Früher als erwartet streiche ich die Segel, suche im Dorf White Hill den Dorfchef auf. Wir diskutieren lange. Ofihlile Sekake weist mich darauf hin, dass Strom erst vor zwei Jahren eingeführt wurde, die Strassen vor zehn Jahren noch ungeteert waren. Kleine, wichtige Fortschritte.

Die Basotho, die Einwohner Lesothos, sind ein einheitliches, stolzes Berg- und Reitervolk. Sie sprechen Sesotho. Der grosse König Moshoeshoe hat es im 19. Jahrhundert verstanden, Stämme und Sippen im Kampf gegen eindringende Zulus und Buren zu vereinen. Im ehemals englischen Protektorat sind, anders als in Südafrika, keine Nachwehen der Apartheid-Politik zu spüren. Eine afrikanische Eigenheit ist den Basotho ebenfalls eigen: die Lautsprecher sind stets auf Maximalstufe eingestellt. Man hoere und staune, aus Bars, Minibussen und Geschaeftslokalen ist oft House-Music zu hören, sodass manchmal schon fast ein bisschen Street Parade-Stimmung herrscht.

In Mohales Hoek komme ich im FTC – Farmer Training Centre, unter. Es gibt hier billige Unterkünfte, zweckmässige Zimmer, Eimerdusche. Nebenan lebt in einem Rondavel, einer Rundhütte, umgeben von Bergen, ein paar Schafen und einem Froschteich, die Peace Corps Volunteer Shawna. Nach Guineé-Conakry gerate ich hier in Lesotho wieder in die Peace Corps-Mühle, werde von einem Peace Corps zum anderen weitergereicht. Am folgenden Tag ist Independence Day in Lesotho. Ich verbringe den Tag mit Shawna und Jacqueline in einem Waisenhaus der amerikanischen „Trust for Africa“ Foundation, erhalte einen Crash-Kurs in Sesotho.

Ein Abstecher führt mich über den Gates of Paradise Pass auf 2‘001 Metern nach Malealea. Das Dorf bildet eine Einheit mit der einzigen Lodge, die auf Nachhaltigkeit, sanftem Tourismus und Pony-Trekkings setzt. Von Lonely Planet sogar zu den Top 10 World Wide Value Destinations auserkoren. Im Zeltplatz treffe ich auf eine Schar von angehenden südafrikanischen Fotografen, mit denen ich – dem Maluti Mountain Beer sei dank – einen nachhaltigen und feuchtfröhlichen Abend verbringe.

Lesotho ist nicht mit Rohstoffen gesegnet, eines der ärmeren Länder auf dieser Welt. Allerdings ist die Alphabetenrate mit rund 85 % sehr hoch. Diamanten, Schafswolle (Mohair), Arbeitskraft und Wasser sind die grössten Exportprodukte. Da viele Minen in Südafrika geschlossen haben, ist die Arbeitslosigkeit in der Vergangenheit gestiegen. Erfreulicherweise hat aber Lesotho in den letzten Jahren ein grossangelegtes Dammprojekt – das Lesotho Highlands Water Project – in Angriff genommen, um den Wasserbedarf Südafrikas zu stillen. Der Katse und Mohale Dam sind bereits gebaut, haben für einen Aufschwung gesorgt. Die Infrastruktur, namentlich die Strasse, die von der Hauptstadt Maseru Richtung Osten führt, ist im Zuge dieses Projektes grösstenteils asphaltiert worden. Die Transportzeiten haben sich drastisch verkürzt.

Kurz vor Maseru biege ich nach Westen ab. In der Nähe von Nazareth komme ich beim Peace Corps Volunteer Heather unter. Zum Glück rechtzeitig, denn sobald ich in der Rundhütte im Trockenen bin, fegt ein Hagelsturm über die Landschaft. Die Sommerstürme, begleitet von Blitzen und Donnern, sind berüchtigt, töten viele Schafhirten. Selbst in kleinen, abgelegenen Dörfern finden sich Shops, die von Chinesen betrieben werden. Aber auch Pakistani sind geschäftstüchtig und laufen den Einheimischen den Rang ab. In Nazareth grüsse ich einen auf Arabisch. Er rede nur „small, small English“. Als ich die zwei Packungen Biskuits und zwei Orangen bezahlen möchte, wehrt er ab, meint das sei ein „gift“, will partout kein Geld von mir annehmen.

Nach Nazareth fängt der Alpenchallenge so richtig an: auf den nächsten 140 Kilometern gilt es zahlreiche Pässe zu erklimmen: den Bushmens Pass (2‘268 M), danach den God-Help-Me-Pass (2‘318 M), gefolgt vom Blue Mountain Pass (2‘634 M) und dem Likalaneng-Pass (2‘620 M). Jeweils um die 500 bis 800 Höhenmeter.

In Marakabei stelle ich dann nach 73 Kilometern und wohl über 2‘000 Höhenmetern mein Zelt vor der Polizeistation auf. Dort bin ich vor Dieben sicher, wiege mich in Sicherheit. Weit gefehlt ! Als ich am Morgen Kaffee kochen möchte, merke ich, dass mein Viktualien-Sack (bestehend unter anderem aus einem guten Stück Biltong) fehlt. Ein Hund muss es sich aus der Apsis geschnappt haben. Nach dieser Lektion nehme ich den Cheche’s Pass auf 2‘545 M in Angriff. In Mantsonyane kehre ich bei einem Camper ein. Das Essen (Beefragout, Cabbage und Papa) schmeckt hervorragend.

Das Hauptgericht in Lesotho ist Papa – Maisporridge. Mais wird überall in kleinen Mühlen gemahlen. Der Maiskolben ist derart bedeutend, dass er auf vielen der Decken prangt, welche die Basotho gerne tragen. Diese blankets sind allgegenwärtig. 1860 wurde der König Moshoeshoe I mit einer solchen Decke durch englische Händler beschenkt. Seitdem haben sie die Decken wie ein Lauffeuer ausgebreitet, denn sie sind praktisch, schützen vor Regen, Wind und Kälte. Traditionell ist auch der konisch geformte Basotho-Hut, der mokorotlo, der aber leider nicht mehr so häufig angetroffen wird. Seine Form hat er angeblich einem Hügel namens Qiloane Hill entliehen.

Noch ein Pass, der Mokhoabong Pass auf 2‘880 M, dann ist Thaba Tseka erreicht. Von dort schaffe ich es nicht in einem Tag bis nach Linakaneng, etwa 65 Kilometer weit entfernt. Zu viele Hügel und Steigungen. Aber schlimmer: als die mühsam erklommenen Höhenmeter zum etlichen Male wieder auf einer Abfahrt dahinschmelzen, verdunkelt sich der Himmel schlagartig. Ohrenbetäubende Donner kündigen Unheil an. Blitze schlagen in unmittelbarer Nähe nieder. Auf einer Anhöhe trotzt ein Trupp von mutigen Burschen, eingekleidet in Fellen, dem herannahenden Sturm. Ich vermute, dass diese Jungs ihren Initiationskurs zum Mann-Werden absolvieren. Die Szenerie wirkt unheimlich, wie aus einem Film. Der Hagelsturm holt mich ein. Ich habe nicht einmal Zeit, die Regenjacke aus meiner Packtasche hervorzukramen. Der Wind fegt mich auf die Seite. Kein Baum, keine Böschung. Ich kann nur noch neben dem Velo niederkauern, die Hände über dem Kopf verschränkt und lasse Hagel und Regen über mich ergehen. Nach einigen Minuten legt sich der Wind etwas. Durchgenässt, mit mulmigem Gefühl fahre ich runter zum Fluss. Unzählige Schafhirten werden in Lesotho jährlich vom Blitz getroffen, mag ich mich erinnern, irgendwo gelesen zu haben. Nicht sehr beruhigend. Bei der Brücke ruft mich ein Hirte, der unter einem Felsvorsprung Zuflucht gesucht hat, herbei. Ich klettere die erdige Böschung rauf und kann endlich ausatmen.

In Linakeng kann ich zum Glück, völlig durchnässt, beim Personalhaus einer kleinen Klinik übernachten und meine Kleider einigermassen trocknen. Auf den Menoaneng Pass auf 3‘045 M. schiebe ich praktisch durchgehend das Velo, werde aber auf der Höhe mit eindrücklichen Lichtspielen auf den Bergketten belohnt. Nach einer kurzen Abfahrt komme ich auf ein Strassenarbeiter-Camp mit einfachen Wellblechhütten. Jakob, der Aufseher, reinigt eine, die er als Hühnerstall verwendet. Für mich ein Geschenk, in dieser kalten und windigen Nacht nicht im Zelt schlafen zu müssen.  Die nächste Nacht verbringe ich am Fusse des Kotisephola Passes (3‘240 M). Im Windschutz einer grossen Wellblechhütte, in der Schafe geschert werden. Auf wunderbar weichem Schafsdung. Erst beim Zubettgehen fällt mir der beissende Geruch des Naturprodukts auf.

Es geht nun runter zum berühmten Sani-Pass auf 2‘873 M. Die Prominenz verdankt der Pass nicht seiner Höhe, sondern den sehr steilen Serpentinen und dem äusserst schlechten Strassenzustand wegen. Ich verbringe einer Nacht bei Regen, Wind und Kälte im Zelt. Am nächsten Tag laufe ich dann mit einer Gruppe von Wanderern im Regen den Pass runter. Am Grenzübergang dann scheint die Sonne wieder.

Die Fahrt bis nach Durban bzw. Pinetown ist dann wieder alles andere als flach. Ich fahre entlang von Wäldern, zumeist Eukalyptus Plantagen. Der Höhepunkt dieser Fahrt ist folgende Szene: ich sehe, wie eine Frau aus einem Tannenwald mit einer Kiste auf dem Kopf rausläuft. Eine Kiste voller riesiger Steinpilze. Ich bin aus dem Häuschen. Eine zweite, dritte und vierte Frau gesellt sich hinzu. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. „Let’s do business!“, meine ich. 15 Rand wolle sie für eine Kiste. Ein lächerlicher Betrag von umgerechnet knapp 2 Schweizerfränkli. Ok, ich nehme mir zehn Stück für 10 Rand. Nach der Transaktion meint die Dame, ich solle nun verschwinden. Erst als ein Lieferwagen mit der Aufschrift „Bolé“ (bolet heisst auf französisch Steinpilz) anhält und die Frauen die Ware abliefern, begreife ich. In Dannybrook kann ich dann umsonst in einer leerstehenden Rundhütte schlafen. In Pinetown dann werde ich von Les Bowden, Inhaber eines Schreinerei, die massgefertigte Küchen herstellt, herzlich empfangen. Ich habe ihn in Namibia kennengelernt, als er mit Kollegen mit dem Töff unterwegs war. Thanks for your great hospitality, Les !

 

In einigen Tagen werde ich bereits in Mosambik sein. Es kann noch fuer das Alphabetisierungszentrum gespendet werden. Jede Spende zaehlt und es wird mich freuen, das gesammelte Geld persoenlich im Norden von Mosambik ueberreichen zu koennen. Vielen Dank fuer die Unterstutzung !

 

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Lekker pad

Nach zwei Ruhetagen in Hermanus mache ich mich wieder auf die Socken. Nach Gaansbai ist es bis zum südlichsten Punkt Afrikas nicht mehr weit, nur noch 80 Km. Die werden mir nicht in bester Erinnerung bleiben. Ein starker Wind bläst mir den ganzen Tag erbarmungslos ins Gesicht. Nach sechseinhalb Stunden, mit erstaunlich wenig Fluchen, dafür mit schmerzenden Kniesehnen, treffe ich zermürbt endlich in Struuisbai in einem tollen Backpacker ein. Dummerweise hat sich an diesem Tag der Sattel seitlich etwas verschoben, erst nach zwei Stunden Kampf merke ich, dass meine Knie asymmetrisch treten. Zu  spät. Die Behandlung Painkillers, Arnikasalbe und Eisbeutel bringt glücklicherweise bald Besserung. Die paar Kilometer bis zum Cape Agulhas am nächsten Tag sind dann noch ein Klacks. Viel gibt es dort allerdings nicht zu sehen. Der Indische Ozean unterscheidet sich, zumindest äusserlich, nicht vom westlichen Bruder.

Die berühmte Garden Route bis nach Port Elizabeth will ich vermeiden. Radfahrerisch sind Küstenstrassen nicht notwendig berauschend. Mit einem Cabrio und entsprechender Begleitung sicher toll zu fahren. Aber ich habe es auf die inneren Werte abgesehen: backroads, Pässe und Hügel. Eine Alternativroute für die Strecke “CT to PE” ist gefragt. Also fahre ich zunächst rauf nach Swellendam.  Unterwegs lenkt ein Schild mit der Aufschrift „Centuries old milkwood tree“ die Aufmerksamkeit von Langsamreisenden auf sich. Ich fahre die 5 Km dorthin. Da ohnehin bald Feierabend ist, frage ich die Farmer Robert und Marinda, ob ich dort zelten könne. Mit breitem Grinsen meint Robert „We make a plan!“. Der Plan ist nicht sehr kompliziert, durchschaubar. Das Gästezimmer ist frei, ich solle doch dort schlafen. Soviel habe ich nun gelernt: wer wirklich zelten möchte, sollte die Farmer lieber nicht um Erlaubnis bitten. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass man gezwungen wird, in einem warmen Zimmer, auf einem weichen Bett zu schlafen, nachdem man verköstigt und zu mindestens zwei Bier genötigt worden ist.

Die Farm von Robert ist von seinen Vorfahren 1768 gegründet worden, er leitet sie in sechster oder siebter Generation, so genau wisse er es nicht. Trotz seiner stattlichen Körperstatur lässt er sich es nicht nehmen, jeweils am Cape Argus Rennen teilzunehmen. Vor wenigen Tagen habe er sich angemeldet, nun müsse er wieder trainieren. Am nächsten Tag zeigt er mir noch das nationale Monument, das in seinem Garten steht. Ein  tausendjähriger Milkwood Tree. Danke Robert und Merinda !

Die Landschaft ist sehr grün, hügelig. Gelbe Rapsfelder kontrastieren zu den blauen Bergen im Hintergrund, die auf mich warten. Im Sommer ist es hier sehr heiss, die Landschaft ausgetrocknet, gelb. Die beste bewässerte Wüste, wie Robert meint. Nach Swellendamm geht es dann auf einen kurzen aber nicht weniger eindrücklichen Pass, den Tradouws Pass. Von dort komme ich dann auf die Route 62. In Anlehnung an die berühmte Route 66 in den USA wird die Strecke als die längste Weinstrasse der Welt angepriesen. Der Verkehr ist hier deutlich ärmer als auf der N2. Immer noch zuviel für mich. Nach 18 Kilometern zweige ich auf eine Schotterpiste ab. Nun bin ich, abgesehen von einem Gemsbok, alleine. Zwar beschwerlicher, aber sofort stellt sich ein Gefühl der Erleichterung ein. So macht Radfahren Spass.

Ich frage wieder einen Farmer, ob ich zelten könne. Diesmal klappt es. Vor einer Plantage von rosa blühenden Aprikosenbäumen, unter den wachsamen Augen von zwei weissen Labrador-Hunden, stelle ich mein Zelt auf. Nachdem ich die Hunde mit einer Portion Pasta bestochen habe, verdingen sie sich als Nachtwächter. Die Ehefrau des Farmers ist übrigens eine Schriftstellerin, hat den Roman „Padmaker“ – Strassenbauer – veröffentlicht, der von ihrer Kindheit als Tochter eines umherziehenden Strassenbauers handelt, die in den Camps der padmakers aufwächst.  Indem die Hauptfigur, nun erwachsen, auf den vom Vater erbauten Strassen nachreist, begreift sie dessen Worte „To know where you are going, you must first know where you are coming from“ besser.

Wohin ich – zumindest kurzfristig gesehen – hin will, weiss ich genau. Nämlich zum Rooibergpass. Aber dass es alles andere als eine Kaffeefahrt wird, weiss ich noch nicht. Die Anfahrt enthält bereits einige Anhöhen und einen kleinen Pass. Die Landschaft und die Einsamkeit der Little Karoo entschädigen aber allemal. In Calitzdorp  treffe ich wieder auf die R62, die ich aber flugs wieder verlasse. Und zwar durch das lauschige Groenfontein Tal. Ein lauschiges Tal entlang einem Staudamm, einem Bach mit meterhohem Schilf, vielen Schildkröten, Olivenplantagen und alten Farmhäusern.

Und nun zeigen sich auch erstmals die Swartberge. Am Fuss zahlreiche Straussenfarmen. Nach einer kalten und klaren Nacht mache ich mich auf, um auch diesen Pass zu erklimmen. Zu befahren wäre gelogen, denn anfänglich lässt es sich zwar auf dem losen Schotter gut fahren, er wird aber immer steiler und steiler, bis ich zu Fuss gleich schnell bin wie tretend.

Der eine Tagesetappe entfernte und als solcher auf der Karte bezeichnete Meiringspoort Pass ist zum Glück kein Pass, sondern eine angenehme Variante dessen, wie man einen Bergkette überschreitet. Durch eine eindrückliche Schlucht entlang von Hunderten Metern hohen Felswänden. Mittendrin ein kleiner Wasserfall, der besonders im südafrikanischen Sommer zur Abkühlung rege aufgesucht wird.

Ich fahre Richtung Osten, ein weiterer Leckerbissen steht mir bevor: die Baviaanskloof Mountains. Die sportliche Variante kann am Trans Baviaans Mountain Bike Rennen absolviert werden, der von Willowmore bis zur Küste nach Jeffreys Bay, dem Surferparadies, führt. 230 Kilometer und über 2‘500 Höhenmeter. Und der Start wird so gelegt, dass die Ankunft in der Nacht geschieht. Nach dem Nuwekloofpass fahre ich durch das Tal, immer wieder gilt es Furten möglichst mit Schwung zu überqueren.

42 Kilometer führt die Strecke dann durch einen Park. Der interessanteste Teil, da sich gleich drei Pässe befinden. Es befinden sich dort aber auch noch 180 Büffel und 11 Nashörner. Grund genug, um mir den Eintritt zu verwehren. Fast einen ganzen Tag warte ich auf einem Mitfahrgelegenheit. Erst am nächsten Tag dann endlich ein Paar, das auf ihrem Landrover Platz hat. Unterwegs halten wir auf einem Blumenfeld zum Lunch an, ein kühles Bier, feine Sandwiches, Biltong, die wärmende Sonne. „Another shit day in Africa“, meint lachend Neal, Organisator des 40 Km langen Berglaufes des Vortages, an dem er selber mitgemacht hat. Und das er gleich gewonnen hat oder Zweiter geworden ist. Das will er uns nicht verraten.

Der einzige Camping-Platz vor Patensie ist geschlossen. Ich rufe den Besitzer Theo an. Kurz darauf kommt ein Junge, um mir aufzumachen. Später schaut dann Theo vorbei. Wechselgeld hat er nicht. Ich solle am nächsten Tag bei ihm zuhause zu einem Kaffee vorbeischauen. Ich könne dann dort bezahlen. Theo Ferreira heisse er. Ferreira heisst in diesem Tal jeder zweite. Und so lande ich beim falschen Ferreira. Einem begeisterten Mountainbiker, der Platz 20 im Trans Baviaan belegt hat. Ein Schweizer habe vor kurzem einen Bike-Park eröffnet, dort könne ich sicher zelten, meint er. Nach einem Telefonat hat er die Nummer von Didier, einem Walliser, ausfindig gemacht. Klar, ich solle vorbeikommen, meint Didier. Nachdem ich beim richtigen Ferreira dann meine Schuld beglichen habe, unterwegs in einem Second Hand Shop für 30 Rand (3 Euro) Ersatz für meine ausgeleierten Shorts gefunden habe, treffe ich im JBay Bike Park von Dider, Florbella  und der Tochter Ines ein. Sie haben eine Farm gekauft, letztes Jahr sind sie ausgewandert und bauen zur Zeit Lodges mit Ausblick auf das Meer und Jefferys Bay. Eröffnet werden die Lodges im Dezember. Mit Colombo, dem Dobermann, freunde ich mich schnell an. Dies hindert ihn aber nicht daran, während einer kurzen Abwesenheit meine gesamten Vorräte an Biltong, Brot, Keksen und Früchten aus einer Packtasche zu entwenden und zu verschlingen. Das Zelt wird übrigens nur zum Trocknen ausgepackt. Merci beaucoup pour votre hospitalité, Didier et Florbella !

Nicht, dass ich Heimweh hätte, aber Didier setzt mich mit John in Kontakt. Er ist Präsident des Schweizerclubs in Port Elizabeth. Dummerweise habe ich aber eine Zahl der Telefonnummer falsch aufgeschrieben. Zufälligerweise kennt der Besitzer des Bike-Shops, bei dem ich wegen eines grossen Veloservices vorbeifahre, John persönlich; seine Frau ist Eidgenössin. Und so kann ich doch noch John kontaktieren, der mich spontan zu sich nach Hause einlädt.  John und seine Ehefrau Anne, pensioniert, sind aus der Ostschweiz, sehr aufgestellt und unkompliziert, seit vier Jahren wieder in Südafrika zuhause, nachdem sie bereits in den 70-er und 80-er hier gelebt haben. John ist mit seiner „Betsy“, einem Mitsubishi Pick-Up, vor ein paar Jahren von der Schweiz nach Ghana gereist, wo er dann seinen bakkie verschifft hat. Der Zufall will es, dass ein schwedisches Paar, das ich in Senegal kennengelernt habe, ebenfalls John kennt und hier zu Besuch war. Ich bleibe fast eine Woche bei Ihnen, fühle mich wie zu Hause. Während ich auf Ersatzteile für das Velo warte, machen wir einen Ausflug in ein Tierpärkli, dem Addo Elephant National Park. Und tatsächlich: nach fast 400 Tagen kann ich  dann endlich meinen ersten Elefanten sehen. Hier oben ist er, der Knabe. Danke für die wunderbare Zeit, John und Anne !

Zu guter Letzt: Vielen Dank für die Spenden ! Die Probleme mit dem Spendenlink auf der rechten Seite sind nun gelöst, sodass nun weiterhin für das Bildungsprojekt im Norden Mosambiks gespendet werden kann.

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Rooibos, Richtersveld und Regenbogen

Mittlerweile bin ich an der Südküste in der Ortschaft Hermanus angelangt. Mein Freund Ig hat mich von Franschhoek aus bis hier begleitet. Wir sind skeptisch, das Wetter sieht nicht verlockend aus. Auf dem Franschhoekpass holen uns Wolken und Nieselregen ein, verpassen uns eine Dusche. Leider keine Aussicht auf das Weingebiet. Sturmböen fegen uns auf der Abfahrt fast vom Sattel. Glücklicherweise reisst kurz später der Himmel etwas auf, ein majestätischer Regenbogen baut sich vor uns auf. ­Starker ­­­­­­­­­­Rückenwind und einige Sonnenstrahlen sorgen dafür, dass wir im Nu wieder trocken ­sind. Auf der Brücke über einen Stausee schieben wir das Velo, der Seitenwind ist zu heftig. Danach folgt eine Fahrt durch abgeschiedene Täler und Weinhügel, bis wir nach 90 Kilometern die Küste und Hermanus erblicken. Hermanus ist, wie oft angepriesen wird, die weltweit beste „land-based whale watching destination“. In diesen Monaten sind vom Land aus viele Wale zu sehen. Kurz vor 14 Uhr fängt es, wie vorhergesagt, an zu regnen. Perfektes Timing. Ig lädt mich im Restaurant Burgundy zu feinem Fisch ein. Er gibt mir die Schlüssel zu seinem gepflegten Strandhaus. „Bleib solange, wie Du willst“, bemerkt er, bevor er mit seinem „bakkie“, seinem Landcruiser, wieder zurück fährt.
Namibia liegt nun schon eine Ewigkeit hinter mir, und doch scheint es mir, als sei ich erst gestern in der Schweiz gestartet. Tatsächlich bin ich nun schon über ein Jahr lang unterwegs. Und habe immer noch keinen Elefanten gesichtet ! Nicht weiter schlimm, denn die zahlreichen Begegnungen mit den Menschen hier in Afrika sind mit das Schönste, was ich erlebt habe. Die Heimreise – per pedales – werde ich in ein paar Tagen antreten, wenn ich den südlichsten Punkt des afrikanischen Kontinents erreicht haben werde.


Doch zurück nach Namibia und Swakopmund. Dort kommen Wolfgang und ich in einem Backpacker unter, wo wir unsere Zelte im Garten aufstellen. Mitten in der Nacht will sich ein Besoffener Zugang zu Wolfgangs Zelt verschaffen, in der Absicht, seiner Liebsten ein Toastsandwich zu kredenzen. Wolfgang verjagt den Besoffski. Dieser ramponiert die Zeltstangen, nützt das Waschbecken in der Küche, um sich zu übergeben. Nächstentags stellt Wolfgang den Übeltäter – eine Gummilatsche hat er als corpus delicti behalten – und macht erfolgreich an Ort und Stelle seine Schadenersatzforderung geltend. Etwas unter Zeitdruck, nimmt sich Wolfgang ein Mietauto. Ich fahre bis Sesriem mit. Dort wird die nächste Episode seiner Zeltgeschichten geschrieben. Wir sind gerade am Kochen, als mit einem kräftigen Windstoss sein Zelt samt Heringen davonfliegt. Zum Glück nicht allzu weit weg, doch das Aussenzelt hat einen Riss abbekommen. Mein Zelt hält dem stürmischen Wind zwar wunderbar stand, dafür türmen sich drinnen die Sanddünen auf.


Die Sanddünen des Sossusvlei liegen innerhalb des eintrittspflichtigen Namib Naukluft Parks. Ausserhalb des Parks zu übernachten hat den Vorteil, dass auf dem Camping doppelt soviel bezahlt wird wie innerhalb und der Eintritt in den Park überdies erst eine Stunde später gewährt wird (erst um 6:45) und Touristen mit einem Minimum an  fotografischem Ehrgeiz garantiert das frühe Morgenlicht im 63 Kilometer entfernten Sossusvlei verpassen. Besten Dank an die Touristeninformation in Swakopmund ! Wolfgang verabschiedet sich, fährt zurück nach Swakopmund, ich wechsle Zeltplatz. Am nächsten Tag fahre ich mit Claudia und Marco, einem jungen Paar aus dem Tirol rein. In der Dunkelheit starten wir, vor uns steht bereits ein Konvoi von 4×4 und Touristenbussen ungeduldig Schlange. Marco stammt aus der gleichen Ortschaft wie Gerhard Berger, dem Ex-Formel Eins Fahrer. Er will ihm wohl alle Ehre erweisen, fährt trotz Geschwindigkeitsbegrenzung ­­­­­sehr beherzt und redbullmässig. Sein Ford Fiesta führt nach wenigen Kilometern bereits den Konvoi an. „To finish first, first you have to finish“, heisst es in Motorsport-Kreisen. Bei einer Flussdurchfahrt (ein Fluss meint in Namibia meist ein ausgetrocknetes Flussbett) halten sich ein paar Springböcke am Wegesrand auf. Hic et nunc ! Einer meint, uns seine Sprungkünste auf der Strasse vorführen zu müssen, nimmt in der letzten Sekunde einen Sprung und verfehlt um Zentimeter den stark abbremsenden Fiesta. Genau so wie der uns verfolgende Konvoi den Fiesta. Diesmal sind wir tatsächlich die ersten auf dem Dead-Vlei, einer ausgetrockneten Lehmsenke mit jahrhundertealten, abgestorbenen Kameldornbäumen, beliebtes Fotomotiv für Postkarten.

Ich fahre Richtung Süden, nehme einen Umweg über die „Traumstrasse“ D707. Die Landschaft ist weitläufig, auf meiner Linken die Tirasberge, auf meiner Rechten grasbedeckte rote Dünen des Namib. Abgesehen von Zebraherden, Springböcken und Oryxantilopen völlige Abgeschiedenheit. Die wenigen Reisenden, denen ich begegne, halten häufig zu einem kurzen Schwatz an, schenken mir Brot, Früchte und Schokolade. Ausser Farmern lebt hier niemand, die Buschmänner wurden schon vor sehr langer Zeit vertrieben. Bei einem Farmer halte ich an, frage die Dame spasseshalber: „Do you have apple pie?“ No. „Do you have Coke?“ No. „Do you have water?“ Yes. Nur das wollte ich eigentlich hören. „And what the hell does an Alfa Romeo GT Junior 1300 here?“, frage ich sie weiter. Der gehöre ihrem Mann, vor 30 Jahren gekauft, wenn er vielleicht einmal mit „farmen“ aufhöre, werde er ihn instand setzen. Hätte ich nicht vor 10 Jahren einen Drahtesel gekauft, würde ich heute wohl ein solches Stück Blech, in das man viel Geld reinsteckt, bei Liebhabern „Kantenhauber“ genannt, mein Eigentum nennen. Der Drang nach Apfelkuchen ist übrigens eine Nachwirkung der einsam gelegenen Tankstelle Solitaire. Seit 20 Jahren bäckt der übergewichtige Noose mit Spitzbärtchen vorzüglichen Apfelkuchen. 150 bis 200 Kilogramm an Spitzentagen. Endlich dann wieder Teerstrasse. Ich fahre Richtung Osten. Darf bei der luxuriösen Lodge „Alte Kalköfen“ zelten, an der ehemaligen Haltestelle Simplon, benannt nach dem Herkunftsort der Ehefrau des Gründers dieser Kalköfen.

Unweit von Ketmannshoop möchte ich mir den Köcherbaumwald ansehen. Die Köcherbäume sind genau genommen Sukkulenten und Aloepflanzen. Der Name rührt von den San – den Buschmännern – her: die ausgehöhlte Rinde der Äste diente als Köcher für die Pfeile. Sie werden bis neun Meter hoch. Die grössten Exemplare im Quiver Tree Forest bei Ketmannshoop sind 200 bis 300 Jahre alt. Ich bleibe zwei Tage, um die Pflanzen jeweils ausgiebig bei Sonnenuntergang und -aufgang fotografieren zu können. Mein Kocher wird zur Untätigkeit verdammt. Auf dem Camping werde ich morgens von einem Paar aus Pretoria zum Frühstück eingeladen, abends dann von einem holländischen Paar zu „boykie“, einem traditionellen Essen der Buren. Viel Gemüse und Fleisch in einem Topf aus Gusseisen mit Füssen, das direkt aufs Feuer gestellt wird. Und drei Hülsen Windhoek Lager zum Runterspülen. Praktisch jedes Mal, wenn ich einen Campingplatz aufsuche, geht es so weiter. Stets sehr freundliche Südafrikaner, die mich zum Essen einladen, mir einen Sack voller Energieriegel schenken, ein Sandwich mit auf den Weg geben, Kaffee kochen. Es wären zu viele, um alle aufzuzählen. Deshalb an dieser Stelle ein Dankeschön an die ganze Verpflegungscrew ! Und wenn wir schon die Gastronomie streifen: Biltong und Drywoers sollen nicht unerwähnt bleiben. Trockenfleisch und Trockenwürste, leicht, extrem proteinhaltig, ideal für Radler.

Einen Steinwurf vom Köcherbaumwald befindet sich eine Landschaft aus riesigen Blocksteinen, Giant’s Playground genannt. Man könnte meinen, Asterix, Polyphem und Herkules hätten sich hier, noch in Kinderschuhen steckend, ein Stelldichein gegeben. Entweder hat mich sich in einer Viertelstunde sattgesehen, oder man knallt sich Sigur Ros‘ auf den Ipod, verirrt sich durch die bizarren Steinformationen und lässt der Phantasie zwei Stunden lang freien Lauf.

Zehn Kilometer vor dem Eingang zum Fish River Canyon überholt mich der Magirus Deutz von Karl-Heinz „Benemsi“. Benemsi, Sohn des Deutschen, ist eine Anspielung an die Romane von Karl May. Ich habe ihn in Swakopmund kennengelernt, jetzt kommt er wie gerufen. Denn die verschiedenen Aussichtspunkte runter zum zweitgrössten Canyon der Erde sind an einem einzigen Tag mit dem Velo nicht zu bewältigen. Ich zelte in der Nähe des Trucks. Das Quecksilber erreicht in der Nacht nun regelmässig den Gefrierpunkt. Am nächsten Tag machen wir am Parkeingang ab und fahren zusammen rein. Da er ebenfalls in den Richtersveld Park möchte, fahre ich noch ein paar Tage mit ihm mit.

Karl-Heinz, 64 Jahre alt, ist eine Legende. Er hat 45 Jahre Sahara-Erfahrung. Kennt die Sanddünen in Algerien, Libyen und Tunesien wie seine Westentasche, hat dort zahlreiche Touren geleitet. Auf diesem Trip ist er seit zwei Jahren unterwegs. 150‘000 Kilometer und 45‘000 Liter Diesel-Treibstoff. Von Libyen wollte er mit seinem 12 Tonnen leichten Truck eigentlich nach Island tuckern. Bis er merkte, dass Hunde dort erst nach einer halbjährigen Quarantäne Einlass gewährt wird. Keine Frage, sein treuester Begleiter, Kali, ein Sivas Kangal – ein türkischer Hirtenhund – kommt überall mit. Also bogen sie nach Osten ab, fuhren über Russland zum Baikalsee und zur Mongolei. Danach über Zentralasien, Iran, Türkei, Syrien runter nach Libanon. Wegen der Unruhen in Ägypten mussten sie nach Saudi-Arabien ausweichen. Im Oman wurden ihm wieder die Wege abgeschnitten: in Jemen fingen die Tumulte an. Also musste der „alemani musulmani“ ein drittes Mal nach Saudi-Arabien einreisen, um dann endlich mit der Fähre nach Ostafrika überzusetzen.

Während wir gemächlich durch die Wellblechpisten tuckern, wird Karl-Heinz gesprächig, erzählt Anekdote um Anekdote. Wie er vor 30 Jahren den letzten Tropfen Alkohol getrunken hat. Wie er als junger Bursche für drei Jahre nach Namibia und Südafrika ausgewandert ist. Er erzählt von seiner Stammkneipe in Windhoek. Wie die ganze Bande, mit der er sich dort verstammelte, in Untersuchungshaft kam, weil sie mit farbigen Frauen verkehrte. Intimverkehr mit einer Farbigen konnte aber nur einem einzigen nachgewiesen werden. Der kam für einen Monat in den Knast. Verkehrte Welt, während der Apartheidzeit war dies noch verboten. Oder wie er mit Kollegen Elefanten-Stosszähne fand, die sie untereinander aufteilten, er das beste Los zog, einen ganzen Zahn behalten durfte, dieser aber dann doch zu gross war, um ihn unerkannt ausser Landes zu schaffen. Und so liegt er immer noch irgendwo in Namibia begraben. Immer wieder kommt Benemsi ins Schwärmen, wenn er von seiner Fahrt über den „hohen Pamir“ in Tadjikistan erzählt.

Wir zelten an einem idyllischen Ort neben dem Oranjefluss, nehmen dann den kleinen Genzübergang bei Senderlingsdrift. Die namibischen Grenzbeamten nehmen Karl-Heinz zwei lybische Faustkeile ab. Diskutieren nuetzt nichts. Auf Steine sind die Beamten hier besonders scharf. Vor allem Edelsteine und Diamanten. Das ganze Gebiet, auch auf der südafrikanischen Seite, ist Diamantengebiet. Sperrgebiet. Die Landschaft ist umgestaltet, überall türmen sich Sand- und Erdhügel auf, die wohl nicht von Erdmännchen stammen. Bei Senderlingsdrift nehmen wir den Ponton über den Fluss. Gewichtsbegrenzung: Fünf Tonnen. Wie schwer denn der Truck sei, erkundigt sich der Fährmann pflichtbewusst. Mit Gepäck etwas mehr als vier Tonnen, antwortet Karl-Heinz.

Wir setzen über. Willkommen in Südafrika ! In der Regenbogen-Nation mit 11 offiziellen Sprachen. Dem am weitesten entwickelten Staat auf dem afrikanischen Kontinent. Spätestens seit der Fussball-WM 2010 sind die röhrenden Vuvuzuelas in aller Munde: Südafrika ist das Sprachrohr Afrikas, Mitglied der G-20, Heimat von Nelson Mandela, Symbolfigur Afrikas. Ein ganz anderes Afrika als West- oder Zentralafrika. 1487 umschiffte der Portugiese Bartolomez Dias das Kap der guten Hoffnung. 1652 liessen sich unter der Führung von Jan van Rieebeck die ersten niederländischen Siedler in der Absicht nieder, hier eine Versorgungsstation für die Schiffe der Niederländischen Ostindien-Kompagnie auf dem Weg nach Asien zu begründen. Von dort wurden Indonesier als Sklaven hergebracht, deren Blut noch heute in vielen Farbigen fliesst. Seit 1994 ist die Apartheid abgeschafft, doch noch immer besteht ein Wohlstandsgefälle.


Ich fahre noch ein Stück mit Karl-Heinz. Er will in den Richtersveld National Park, eine wilde, trockene Gebirgswüste, in der sich viele Sukkulenten finden. Ein anderer Radfahrer, Adrian aus der Schweiz, der viele abgelegene Routen in Afrika getestet hat, beschreibt die Situation knackig: „Die Pisten sind so schlecht (Sand, Steine, Wellblech, steil), dass man immer auf die Strasse starren muss. Eher ein dauernder Kampf als Geniessen der schönen Landschaft.“ Ich glaube ihm gerne, der Gegenbeweis wird mir eh nicht gelingen. Ob das Verkehrsmittel nun 12 Kilogramm oder 12 Tonnen wiegt: miserable Piste bleibt miserable Piste. Die per GPS geplante Rundfahrt von 120 Kilometer schaffen wir immerhin ansatzweise. Nach dem ersten Pass und 28 Kilometer müssen wir wieder umkehren. Die Fahrt ist dessen ungeachtet eindrücklich, wir werden mit einer tollen Gebirgslandschaft belohnt. Karl-Heinz lenkt sein 1000-Sterne-Hotel Zentimeter um Zentimeter über sehr steile und steinige Abschnitte. Mit der Ausrede, dass ich draussen fotografieren wolle, verdufte ich aus der Fahrerkabine und schaue mir den Balanceakt aus sicherer Entfernung an.

In Springbok teilen sich dann wieder unsere Wege. Als ich losfahren möchte, zieht ein Gewitter auf. Denn ganzen Tag stürmt, regnet und hagelt es. Es ist, wie alle hier immer versichern, einer der kältesten Winter seit Jahrzehnten. Die „greatest flower show on earth“ hier im Namakwa-Land hält deshalb nur zögerlich Einzug. Die legendären Wildblumen, die hier im jeweils im südafrikanischen Frühling in riesigen Feldern blühen, sorgen für die touristische Hochsaison in dieser Gegend. Immerhin kann ich hier und da die ersten farbigen Blumenteppiche bewundern.

Auf der Hauptachse N7 fahre ich bis Vanrhynsdorp, schaffe dank des Nordwindes und trotz einigen Hügeln 150 Kilometer an einem Tag. Danach verlasse ich die N7. Auf der Suche nach attraktiveren Nebenstrassen und Pässen werde ich bald fündig. Der Vanrhynspass ist mit sieben Kilometern nicht lang, hat aber zeitweise gnadenlose Steigungen von 16 %, die mich zum Schieben zwingen. In Niewoudtville angekommen, fängt es wieder an zu regnen bzw. ich fahre dort in den Regen rein. Zelten wäre heute ein Akt der Selbstpeinigung, ich gönne mir daher den Luxus eines Zimmers, inklusive Kochecke und Heizdecke. Nach 58 Nächten im Zelt bin ich echt froh, wieder einmal in einem Bett schlafen zu können. Am nächsten Tag ist es noch frisch, aber die Sonne scheint erfreulicherweise wieder hervor.

Ich freue mich auf eine einsame Piste, die „Moedverloor“ , was auf Afrikaans- der Sprache der von den Holländern stammenden Buren – soviel heisst wie „Hoffnung verloren“. Trotz teils noch etwas aufgeweichter Piste verliere ich den Mut nicht und bin hoffnungsvoll. Und erst später werde ich darüber aufgeklärt, dass viele der Büsche in dieser Heidelandschaft Rooibos sind. In der Farm Bloemfontain frage ich, ob ich mein Zelt aufstellen könne, da mir die umliegende Landschaft eine Spur zu sumpfig und nass ist. Ich bekomme bestätigt, dass die Farmer in Südafrika als sehr gastfreundlich gelten. Ich solle doch reinkommen, draussen sei es zu kalt, meinen Susanne und Koos. Während mich Susanne verköstigt und reichlich Rooibos-Tee einschenkt, nimmt sich Koos am nächsten Tag Zeit, um mir seine Farm zu zeigen und mir viel über Rooibos, seine Farm und seine Töfftouren mit seinem Sohn zu erzählen. Das Gebiet zwischen Nieuwodtville und Citrusdal ist weltweit das einzige Anbaugebiet für Rooibos. Danke Susanne und Koos !

Es folgen weitere Pässe: der Pakhuis-Pass am Fusse der Cederberge. Kurz davor sind Felszeichnungen von Buschmännern zu bewundern. Das Gebiet ist ein Eldorado für Kletterer. Nach Clanwilliam folgt der Middelsbergpass, der in ein fruchtbares Tal führt. Der Gydopass führt runter nach Ceres, von dort geht es auf den Bainskloofpass, ernannt nach dem Ingenieur Thomas Bain, der eine Vielzahl von Strassen und Pässen in Südafrika gebaut hat. Die riesigen Früchte- und Gemüseplantagen nördlich von Ceres versorgen halb Europa, die Fruchtsäfte der Marke „Ceres“ halb Afrika.

Durch das Weingebiet komme ich schliesslich in Stellenbosch an, einem bekannten Weingebiet. Eichenalleen säumen die alten Gebäude aus dem 17. Jahrhundert. Hier empfängt mich Meiring, der Sohn von Ig, den ich in Namibia auf dem Campingplatz von Purros kennengelernt habe. Ig ist 62, seine drei Söhne sind wie er Bauingenieur, seine Tochter Architektin. Ig und seine Söhne sind, wie viele Südafrikaner, velobegeistert, sehr sportlich. Am Cape Argus Race, dem 110-Kilometer Klassiker rund um die Cape Halbinsel hat er 19 Mal teilgenommen. Mit rund 35‘000 Teilnehmern ist es die grösste Radveranstaltung. Südafrika ist ein Mekka für Mountainbiker. Die Bike-Shops sind mit den neuesten und teuersten Carbonräder ausgestattet. Noch heute setzt sich Ig viermal die Woche, jeweils um 5 Uhr morgens, mit Stirnlampe, für zwei Stunden aufs Rad, bevor er zur Arbeit geht. Wir erkunden mit dem Rad die Weinberge, probieren gute Weine aus.

In Cape Town besuche ich Shirley und Theo, auch sie habe ich im gleichen Camping in Namibia kennengelernt. Sie haben damals Wolfgang und mich zum Nachtessen eingeladen. Seit 12 Jahren wohnen sie in Kapstadt, vorher in Johannesburg. Kapstadt ist mit Abstand einer der attraktivsten Städte weltweit. Europäische Städte haben zwar viele alte Kulturbauten, die meisten können aber im Vergleich zu Kapstadt zusammenpacken. Raumplaner sollten sich das mal ansehen. Kapstadt ist aus einem Guss, sauber, gepflegt, praktisch keine Werbeplakate sind zu sehen, wenig Zäune, farblich treten alle Gebäude einheitlich auf. Alte Autos gibt es nicht, dafür reichlich Karrossen der deutschen Autobauer. Kapstadt liegt wunderbar eingebettet zwischen Ozean und Tafelberg. Reben, Eichenalleen, Strände, Klippen, Pärke. Freilich sind auch die einfachen Hüttenbehausungen zu sehen, insbesondere im Stadtteil Kyaletsha. Theo führt mich um die Kaptstadt-Halbinsel und mit Kollegen sogar eine kleine Segeltour in der Bucht. Ig, Cecile, Theo und Shirley, vielen vielen Dank für eure wunderbare Gastfreundschaft !

Mein Dank an die fleissigen Leser- und Leserinnen, die sich die Zeit genommen haben, nicht nur Bilder anzuschauen, sondern den ganzen Artikel fertig zu lesen ! Die verbliebene Aufmerksamkeit sei auf die Spendenanzeige rechts gelenkt. Was ich der Schweiz verdanke ist, dass sie mir eine gute Bildung ermöglicht hat. Das ist nicht selbstverständlich. Nur mit guter  Schulbildung vermag man aus der Armut zu treten. In rund 2 Monaten werde ich in Mosambik sein. Ich sammle Geld für ein Alphabetisierungszentrum im Norden des Landes, das vor allem Frauen zugute kommt. Rund 90% der Frauen in den ländlichen Teilen der Provinz Cabo Delgado können weder lesen noch schreiben. Vom wirtschaftlichen Aufschwung im Süden des Landes ist dort wenig zu verspüren. Vielen Dank für Eure Unterstützung und euren Beitrag!

Some words on English: It’s a long time ago that I haven’t updated my blog. Meanwhile, I am already one year on the road, but haven’t spotted any elephants. Who cares ? The most interesting part of travelling is to meet people, hear their stories, share good moments. Let’s go back to Swakopmund. Wolfgang and I left that very german-like town. As he was short on time, he rented a car to get to Sesriem. Inside the Namib Naukluft Park, the famous dunes of Sossusvlei are the main attraction. I went twice. The first time, we were only allowed to enter the gate one hour after those who camped inside the park. The second time, I got a lift from an austrian couple and we were the first to be in Dead Vlei, still in the shadow of the huge dunes. At the price of almost crashing with a springbok on the road. From Sesriem, I cycled southwards, taking scenic gravel roads through remote areas and wide spaces. Wonderful wild camping spots, with herds of zebras and oryx. Nearby Ketmannshoop, the Quiver Tree Forest is a must for photographers. The Quiver Trees are aloe plants, called « Kokerboom » because Bushmen used the branches to make quivers for their arrows. Some kilometres before the gate to the Fish River Canyon, I met Karl-Heinz, an 64-year old German, who’s travelling with a 12 tons light Magirus Deutz, both protected by his turkish dog Kali. Almost two years on the road, Karl-Heinz did an incredible trip so far, through countries like Siberia, Mongolia, Central Asia and Saudi-Arabia. Together, we visited the park and later on also the Richtersveld Park in South Africa. In the so called Namakwa-Land in the northwestern part of South Africa, the winter was one oft the coldest since ages. Rain, storms and even hail obliged me to stop. As soon as the weather cleared up, I headed for several passes, saw rock paintings from bushmen, some fields of wildflowers and enjoyed much cycling, far away from the busy N7. The South Africans I met along the road were very friendly and hospitable. In Bellville, I was hosted by Ig and Cecilia, which I met in a campsite in Namibia. The same campsite were I made acquaintance with Theo and Shirley, whom I visited in Cape Town and who hosted me for two days. All were incredibly friendly and helpful and I enjoyed much to stay with all of them. Ig, very fit on the bike, rode from Franschhoek to Hermanus, where I could stay in his beachhouse. Thanks a lot !

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Himbas, Hereros, Hochstimmung

Über drei Wochen sind nun vergangen, seit Radlerkumpane Wolfgang und ich von Windhoek aufgebrochen sind. Mittlerweile sind wir, müsste man meinen, an der Nordsee angelangt. Trotz Südkurs. Das deutsche koloniale Erbe ist in Swakopmund deutlich erkennbar: in Apotheken und der Touristeninformation, in der haufenweise Hochglanz-Prospekte und Führer aufliegen,  wird Deutsch gesprochen; in der Treffpunkt-Bäckerei wird währschaftes Bauernbrot gebacken und feine Schwarzwälder-Torte angepriesen. Und in der Hansa-Brauerei Bier nach deutschem Reinheitsgebot gebraut. Der kalte Benguela-Strom sorgt für nordeuropäisch kühle Temperaturen und reichlich Nebel. Ich geniesse die Tage hier in Swakopmund, vor allem sagt mir das reichliche Angebot an Essen zu. Ich muss meine Batterien zunächst wieder aufladen.

Nun, Kinshasa und Zentralafrika liegen nun schon eine Weile zurück. Namibia ist ein ganz anderes Afrika als ich es bisher erlebt habe. Keine Garküchen am Strassenrand, keine Frauen, die Wasser auf dem Kopf tragen, keine Bretterbuden-Kioske. Keiner ruft mir jetzt „Toubab“, „Jovo“, „Oyibo“, „Mundele“ oder „Le Blanc, le Blanc“ mehr zu. Viele Weisse gibt es hier in Namibia, dem ehemaligen Deutsch-Südwestafrika, das erst seit 1990 unabhängig ist und lange von Südafrika verwaltet worden ist. Nach Marokko und Senegal das erste Land, in dem ich ohne Visum einreisen kann. Was für eine Wohltat ! Namibia setzt voll auf die Karte Tourismus, mittlerweile der zweitwichtigste Wirtschaftsfaktor. Die Devisenbringer will man nicht mit unnötigem Formalismus verärgern. Die sollen ihre Knete für Übernachtungen in teuren Lodges, Game Safaris und Mietautos ausgeben. Über 80‘000 Deutsche besuchen das Land jährlich, Tendenz steigend.

Die Luft in Namibia ist staubtrocken, kein tropisches, feucht-klebriges Wetter mehr. Keine Mücken, keine lästigen stechenden Biester. Trotz warmen Temperaturen weht ein kühler Wind in Windhoek, als ich ankomme. Nachts wird es recht kalt, teils sinken die Temperaturen bis auf drei, vier Grad runter. Als erstes kaufe ich mir in Windhoek eine Faserpelzjacke und warme Socken. An das Linksfahren mit Rechtsvortritt gewöhne ich mich schnell, nachdem ich beim Überqueren der Strasse fast angefahren worden bin. In Namibia macht das Radfahren einfach Spass: lange Distanzen auf Schotterpisten, praktisch ausschliesslich wild zelten und tagsüber Wild beobachten. Die Kehrseite: man muss Vorräte bunkern und viel Wasser transportieren. Bis zu 20 Liter. Und das auf teils üblen Pisten.

Wolfgang, Textildesigner aus Osnabrück, 62 Jahre jung, habe ich vor zwei Jahren in Norwegen beim Radeln kennengelernt. Wer ihn besser kennenlernen möchte, möge diesen gut geschriebenen Zeitungsartikel lesen. Wir haben uns sofort gut verstanden, sind über eine Woche zusammen gefahren, unter anderem auf den teils noch schneebedeckten Rallarvegen auf dem Hochplateau Hardanganervidda. In diesen Tagen schieben wir das Rad nicht durch den Schnee, sondern durch Sandpisten. Von Windhoek fahren wir zunächst mit dem Bus rauf in den Norden nach Oshakati, von der grössten Volksgruppe, den Ovambos, besiedelt. Im gleissenden Morgenlicht erscheint der helle Sand wie Schnee. Der Eindruck wird durch Wollmützen und Daunenjacken tragende Namibier noch verstärkt.  Den Türken das Ü, den Ovambos das O: alle Ortschaften fangen mit diesem Buchstaben an: Ondangwa, Oshakati, Okahao, Opuwo, Orupembe.

 

Von luxuriösen Lodges nehmen wir Abstand. Ebenso machen wir um den Etosha Nationalpark einen grossen Bogen. Lieber klopfen wir ab und zu bei Einheimischen an, um bei Ihnen unser Zelt aufzustellen. Zwei Tage rollen wir auf feinem Asphalt bis nach Opuwo. Danach ist schon Schluss mit der „tared road“. Stattdessen Schotter, Wellblech, Sand und Feinstaub.  Opuwo ist übrigens eine äusserst interessante Stadt. Hier sieht man Himba-Frauen in traditioneller Aufmachung – braun angemalt, mit Lederschürzen und viel Schmuck – neben Herero-Damen in aufwendigen, selbstgenähten Trachten in wilhelminischen Stil. Junge Frauen in Jeans und pechschwarze Nama-Frauen tumeln sich ebenso auf dem Markt. Fast schon Karnevalsstimmung.

 

Wir machen einen Abstecher in die Namib Wüste. Für die 380 Kilometer von Opuwo nach Westen bis nach Orupembe, danach südöstlich nach Purros und Sesfontain benötigen wir über eine Woche. Die Landschaft ist sehr abwechslungsreich, es ist einfach herrlich hier zu Radeln und wild zu zelten. Trotz der schlechten Strassenbedingungen, die Wolfgang einige Male zu Boden zwingt. Die Durschnittsgeschwindigkeiten bewegen sich leicht über 10 km/h, sinken sogar auf 8 km/h ! Nur sehr wenige Touristen wagen sich in diese abgelegene Gegend im Kaokoveld. Kakaofeld könnte man fast meinen, wenn man die mit rotbrauner Farbe eingefetteten Himba-Frauen sieht. Die Paste besteht aus Fett, Kräutern und eisenhaltigem Gesteinspulver und dient als Schutz vor Hitze und Kälte.

 

Nach Orupembe fängt die Wüste Namib so richtig an, die als älteste der Welt gilt. Als wir unsere Wasservorräte gefüllt haben, bemerke ich, dass wir an diesem Tag allerhöchstens zwei Fahrzeuge sehen werden. Kurze Zeit später fährt uns ein Motorradfahrer entgegen. Er winkt mir zu, will vorbeifahren. Eine BMW, Lederjacke, zerrissene Jeans, lange Haare. Der Anblick kommt mir bekannt vor. Geistesgegenwärtig rufe ich sofort: „Michael, warte !“ Ich laufe zu ihm zurück, der Fahrer nimmt den Helm ab. Tatsächlich: ausgerechnet hier in der Namib-Wüste (wo denn sonst ?) treffen wir Michael Martin, den berühmten Wüstenfotografen und einer der besten deutschsprachigen Vortragsreferenten, an. Seine Diavorträge „Die Wüsten Afrikas“, „Die Wüsten der Erde“ und „Michael Martin – 30 Jahre Abenteuer“ waren für mich ein Hochgenuss an kalten Winterabenden. Vor wenigen Wochen war er noch in den Eiswüsten von Sibirien unterwegs, bald wird er nach Grönland reisen. Davor zieht er aber noch einige Runden in der Mongolei. Und er ist nicht alleine unterwegs. Im Schlepptau hat er das ARTE-TV Team, die eine Doku-Serie über ihn dreht. Und prompt wollen sie die Begegnung mit einem seiner 2‘000 Facebook-Freunde auf Leinwand, bzw. Speicherkarte bannen. Wir stellen die Szene nach. Zum Glück habe ich ja mittlerweile etwas Erfahrung vor der Kamera sammeln können.

Das geschenkte Bier abends mitten in der Einsamkeit und der Stille der Wüste unter einem imposanten Sternenhimmel schmeckt herrlich. Am Morgen dann dringen Nebelschwaden praktisch bis an unsere Zelte vor. Dem kalten Benguela-Strom sei Dank. Auf der ganzen Strecke beobachten wir übrigens viele Tiere: Strausse, Oryx-Antilopen, Springböcke, Zebras, Kudus und sogar eine Herde von Giraffen rennt mir vor meiner Nase über die Strasse.

Am nächsten Tag erreichen wir, abgekämpft, die kleine Ortschaft Purros. Hier gönnen wir uns einen Ruhetag auf dem Campingplatz, an dem sich eine Gruppe von 18 Fahrzeugen aus Südafrika eingefunden hat. Wolfgang und ich müssen wohl etwas mitgenommen aussehen. Jedenfalls werden wir reichlich mit Bier, Cola, Orangen, Äpfeln, Billtong (getrocknetem Fleisch), Brot, einem halben Kilo Carpaccio-Fleisch und einer 2-Kilogramm-Kudu-Kochwurst (die uns dann irgendwann einmal aus den Ohren wächst) beschenkt. Das individuell reisende Paar Theo und Shirley aus Südafrika lädt uns sogar zu einem Nachtessen mit „juicy“ Bratwürsten ein. Und mich nach Cape Town . Dass uns noch das härteste Stück bevorsteht, ahnen wir nicht. Rund 8 Kilometer lang müssen wir die Räder durch roten Sand schieben. Danach grober Schotter. Endlich kommen wir dann in Sesfontain an.

Von hier geht es, immer noch auf Schotterpiste, nach Palmwag und danach zu den Felszeichnungen von Twyfelfontain. In Uis gönnen wir uns eine Nacht auf dem Campingplatz. Wir sind ganz alleine dort. Doch die Ruhe ist bald vorbei, als eine Gruppe von lauten KTM-Töffs mit vier Begleitfahrzeugen sich auf dem ganzen Campingplatz breit macht.

Nächstentags werden wir von einem freundlichen Paar in Ruhestand, Besitzer eines Guesthouses, zu Kaffee eingeladen. Wir starten spät, um 11 Uhr. Doch der starke Rückenwind schiebt uns Richtung Küste. Die ersten 77 Kilometer fahren wir mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von sagenhaften 26 km/h. Danach wechselt der Wind innert weniger Minuten abrupt und bläst uns nun frech ins Gesicht. Bis nach Hentjes Bay schaffen wir es nicht. In der Nacht dreht dann der Wind wieder ab, bis zur Küste fliegen wir wieder. Die über 70 Kilometer gegen den Wind bis Swakopmund sind anstrengend. Wolfgang ist von der ganzen Schufterei der letzten Wochen auf diesen schlechten Pisten  gezeichnet, hat einige Kilos abgenommen. Das Zelt ist ihm am Morgen beim Zusammenpacken davongeflogen, er musste hinterher rennen. Er hat dann irgendwo seine Sonnenbrille verloren, hat sich den Rücken verrenkt, als er das auf den Boden gefallene Rad aufheben wollte. Und auch ich bin langsam ausgelutscht.

Wunden lecken in Swakopmund ist angesagt. In zwei Wochen fliegt Wolfgang zurück. Die Schufterei bis zu den Sanddünen von Sossusvlei will er sich nicht mehr antun, zumal die Zeit auch knapp wird, sodass er nun motorisiert dorthin fahren wird. Danke für die tollen Radeltage, Wolfgang !

 

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Gang nach Canossa

Den Aufmerksamen wird nicht entgangen sein, dass ich in den letzten zwei, drei Wochen wohl mit Siebenmeilen-Pneus unterwegs gewesen sein muss, der Kilometerzähler hingegen etwas schlapp gemacht hat.

Nun, in Yaoundé reift ein Bauchgefühl zu einem Beschluss, der sich übrigens durch die späteren Ereignisse als goldrichtig herausstellen wird: ich werde zügig durch Zentralafrika, einschliesslich Demokratische Republik Kongo, ex-Zaire, reisen  und nicht die ganze Strecke radfahren, und etwa Angola auslassen. In Kinshasa, so mein Plan, werde ich in einen Flieger steigen. Von hier gibt es bessere Verbindungen als von der Hauptstadt Brazzaville am anderen Ufer des Kongo-Flusses. Das Velo ist leicht und platzsparend und kann bei Bedarf in ein Buschtaxi, auf einem Truck oder sogar im Flugzeug mitgenommen werden.

 

Wieso ? Die Zeit rennt mir etwas davon, der schwarze Kontinent hat radfahrerisch noch Einiges zu bieten, vor allem im südlichen und östlichen Teil. Und vor allem: ein guter Freund wird mich Mitte Juni in Namibia besuchen – mit dem Rad. Ich bin nicht traurig darüber, in der tropischen Klimazone kürzer zu treten. Und dass ich das Schild „Vous franchissez l’Equateur“ nicht mit meinem Stahlross davor abfotografieren kann, sondern nur für einen Sekundenbruchteil aus dem Buschtaxi erspähe, na ja, ich werde darüber hinwegkommen. Eine Gelegenheit wird sich noch bieten l

Wie sich Radfahren in den Tropen anfühlt ?  Absolviert eine Trainingseinheit auf einem Hometrainer oder ein Spinningrad. Aber nicht im klimatisierten Fitnessstudio, sondern  im Tropenhaus, an einem Hitzetag und bei direkter Sonneneinstrahlung. Bevor man überhaupt auf dem Foltergerät Platz genommen hat, alleine vom blossen Rumstehen, sich am Kopf Kratzen und sich über die Sinnhaftigkeit des Vorhabens Gedanken zu machen, kullern die Schweisstropfen schon munter hinunter. Sobald man nun aber den Puls um einige Schläge erhöht, und anfängt zu treten, sind Trikot und Hose pitschnass. Und es ist nicht schwierig zu erraten, wann sie bei einer Luftfeuchtigkeit um die 90 Prozent wieder trocken sein werden. Um die ganze Angelegenheit noch reizvoller zu gestalten, sind vorher Mücken und Insekten bestochen worden, damit sie Hetzjagd auf Weisse mit einer leckeren weil seltenen Blutgruppe machen und allen Insektenschutzmitteln Lügen strafen. Meine Beine jucken ordentlich, sind aufgekratzt, die Schürfungen heilen in diesem Klima nur schlecht.

 

Doch zurück nach Zentralafrika, zum Gastgeber der letzten CAN – Coupe Afrique des Nations: Gabun. Landschaftlich gesehen einmalig.  Das Land auf Höhe des Äquators besteht zu zwei Dritteln aus Regenwald. Dichter tropischer Wald mit einer reichhaltigen Flora und Fauna. Eine kleine Kostprobe der Tierwelt gibt es, wie schon in Kamerun, kostenlos am Strassenrand zu bestaunen. Immerhin hat der 2009 verstorbene Diktator Omar Bongo 11 % des Landes unter Naturschutz gestellt. Übrigens: Er war (und wird es auch hoffentlich bleiben) der am längste herrschende Staatschef in Afrika: 42 Jahre lang regierte er das Land.

Nur gerade 1.5 Millionen Einwohner hat Gabun. Mit 5 Einwohnern pro Quadratkilometer einer der am dünnsten besiedelten Staaten Afrikas. Aber dank Erdöl, Rohstoffe und Tropenhölzer einer der reichsten, das Las Vegas von Zentralafrika. Von überall kommen sie her, um hier Arbeit zu suchen: aus Mauretanien, Senegal, dem Tschad, Mali, Burkina Faso, Kamerun, Congo. Ladenbesitzer sind zumeist Malier, Mauretanier oder – wie in ganz Afrika wie es scheint – Libanesen.  Alle lästern sie über die Gabuner, die nicht im Ruf stehen, ausgesprochene „Büezer“ zu sein. „Des fainéants“ bekommt man oft zu hören. Hand- und Schwerarbeit überlassen sie lieber den afrikanischen Ausländern. Lebensmittel müssen importiert werden, die Landwirtschaft wird stark vernachlässigt. Immerhin, sie verstehen sich im Organisieren von Sportveranstaltungen.

 

Vor wenigen Wochen fand die Rundfahrt „La Tropicale Amissa Bongo“ statt, geehrt durch die Anwesenheit des „blaireau“ Bernard Hinault. Der junge niederländische Arzt in spe Tom, selber begeisterter Rennvelofahrer, darf den Tourarzt assistieren und dicht hinter dem Peloton die Rundfahrt verfolgen. In seiner Freizeit steigt Tom selber viel aufs Rennrad. Und er hat als Amateur selber an einigen Frühjahrsklassikern teilgenommen: Mailand-San Remo, Golden Amstel Race, Paris-Roubaix. Er absolviert gerade ein Praktikum am Hôpital Schweitzer in Lambaréné, lebt auf dem Campus des Spitals, zusammen mit anderen jungen Ärzten und Biologen, die am Forschungslabor ein Kraut gegen die Malaria tropica züchten. Ich kann drei Tage bei Tom bleiben, das Museum von Albert Schweitzer, das alte, frisch renovierte Urwaldspital besuchen und ein bisschen am Leben im Campus teilhaben.

 

Der Friedensnobel-Preisträger Albert Schweitzer hat 1913 das berühmte Urwaldspital am Fluss Ougouée gegründet. Aus dem Oberelsass in der Nähe von Colmar stammend, promovierte er in Theologie, Philosophie und Medizin, war Professor und begnadeter Organist. Er hat eine Ethik des „Respect de la vie“, Ehrfurcht vor dem Leben vertreten. Prägend ist sein Satz: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“, der sich auch in der alten Hausordnung des Spitals niederschlägt. Der Einsatz von Insektenschutzmitteln war verpönt und es wird nahegelegt, die armen Kreaturen lieber von Hand hinaus zu befördern. Bereits 1914, als der Erste Weltkrieg ausbrach, wurden er und seine Ehefrau als Deutsche von den Franzosen unter Hausarrest gestellt. Einige Jahre später, als das Elsass zu Frankreich angeschlossen wurde, erhielt er die französische Nationalität.

Eine sympathische Begegnung habe ich in Bifoun, einem  700-Seelendorf. Respektive Strassenkreuzung. Nach Westen geht es nach Libreville, südlich liegt Lambaréné. Ich komme in der Dämmerung an, suche einen Platz zum Schlafen. Der Japaner Seko spricht mich an. Er ist ein JICA-Volunteer. Die Japanese International Cooperation Agency ist das Pendant zu den amerikanischen Peace Corps. Zwei Jahre bleibt er hier, mit Schwerpunkt Landwirtschaft. Ich darf bei ihm schlafen, er lädt mich zu einem Teller Bush-Meat ein, bereitet mir ein tolles Morgenessen, zeigt mir seinen Gemüsegarten. Ich bekomme wohl mehr von der japanischen Gastfreundschaft als von der gabunischen Landwirtschaft mit. Thanks Seko !

Der Reichtum von Gabun schlägt sich übrigens in den Preisen nieder. Ein Halbliter-Wasserbeutel kostet hier das Doppelte als in Kamerun. Die Lebensmittelpreise sind um rund 30 % teurer. Dafür ist das Essen gut, leckere Pouletspiesschen und Fisch. Mit Servietten und auf Alupapiere. Das will etwas heissen.

 

Indem ich ab und zu auf den „öffentlichen Verkehr“ umsteige, bekomme ich noch andere Facetten zu Gesicht: etwa zu sechst eingepfercht in einem Toyota Corolla durch staubige und holprige Pisten zu rasen. Oder in einem Iveco-Truck viereinhalb Stunden für eine Strecke von 55 Kilometern auszuharren – wohlverstanden irgendwo zwischen Brazzaville und Pointe Noire, den beiden wichtigsten Städten im Congo. Die Holztransporter, die grumiers, die im Halbstundentakt an mir vorbeiziehen, wirbeln mächtig Staub auf. Die Chauffeure stammen allesamt aus Malaysia. Seit Guinea habe ich keine so staubigen Pisten mehr gesehen.

Die Republik Kongo, auch Kongo-Brazzaville genannt, nicht zu verwechseln mit dem grossen Bruder, der Demokratischen Republik Kongo, ex-Zaire. Dazu später. Soviel vorweg: das Demokratisch ist reiner Euphemismus. An der Grenze Gabun – Congo treffe ich wieder das österreichische Paar Hanspeter und Sabine an. Ich werde sie bis Brazzaville noch einige Male antreffen, da ich ja nun meine Reisegeschwindigkeit angepasst habe.

Die Piste von der Grenze bis nach Dolisie ist genau nach meinem Geschmack: nicht allzu gute Piste, staubig, viele kleine Dörfer, in denen ich bei den Chefs de village übernachte. Freundliche Leute, die mir kiloweise Orangen schenken. Und der Hammer: die Leute fragen zwar auch hier nach einem cadeau, aber oft nach einer Zeitschrift, etwas zum Lesen. Worauf mein Exemplar der „Jeune Afrique“ flugs den Besitzer wechselt. Die Stadt Dolisie ist eine angenehme Überraschung, sauber, aufgeräumt. Die grosse zweistöckige Markthalle, von einem italienischen Architekten entworfen, schafft Ordnung und Übersicht im Marktgeschehen. Jedenfalls ist es nicht schwierig, das Bush-Meat auszumachen, inklusive Affen. Die „marmites“ der Mamans sind ebenfalls für Überraschungen gut. Während der Trockenzeit sind die „chauve-souris“, Fledermäuse eine Delikatesse.

In der Hauptstadt Brazzaville ruhe ich mich bei der Couchsurferin Chantal, einer Französischlehrerin, in ihrem geschmackvoll eingerichteten Haus, aus, bevor ich dann, nach einer unruhigen Nacht und leichtem Durchfall, den Weg nach Kinshasa antrete. Ich ahne es irgendwie, es wird ein Gang nach Canossa. Die Fähre nach Kinshasa habe ich schnell ausfindig gemacht. Ein heilloses Durcheinander herrscht auf dieser. Viele Polio-Kranke. Was sie auf ihren Dreirädern zu transportieren vermögen, ist zollfrei.  Kongolesen kriegen sich in die Haare. Einige, die sich auf die Fähre geschlichen haben, werden von Sicherheitsleuten unsanft hinausbefördert. Trotz allem bin ich einigermassen guter Dinge, halte ein nettes Schwätzchen mit einem Angestellten.

Kinshasa. Wir legen an. Das Durcheinander scheint nun grösser zu sein, weil alle gleichzeitig aufs Land wollen. Ich habe Mühe, mein Velo um und über Kanister, Säcke und Waren zu tragen. Werde angerempelt, Langfinger versuchen an meinen Hosentaschen Hand anzulegen. Ich bin endlich draussen, laufe die Rampe hinauf. Werde dort von Polizisten freundlich empfangen, Passkontrolle. Das Tor wird geöffnet, ich darf sogleich in ein Büro rein. Dort inspiziert ein übergewichtiger Polizist mein Visum, das ich in Kamerun für 200 Dollar erstanden habe. Es sei ungültig, weil es nicht im Wohnsitzstaat ausgestellt worden sei. Schwachsinn, alle meine zehn Visas habe ich irgendwo in Afrika erhalten. Aber mit einer solchen Tour habe ich fest gerechnet, die Korruption ist berüchtigt hier im Kongo. Ich bleibe ruhig, nehme es mit Humor. Habe schon mal ein, zwei 10-Dollarscheine parat. Gebe ihm zu verstehen, dass ich bereit bin, ihm diese zu schenken. Nichts. Der Typ füllt ein Formular aus, auf dem ich das Wort „Refoulement“  lesen kann.  Mittlerweile ist auch Jean, der Chauffeur von Richard, meinem Kontakt in Kinshasa, eingetroffen. Er kann mir aber auch nicht weiterhelfen.  Nun werde ich von drei Polizisten bestimmt wieder hinausbefördert, ich solle auf die Fähre, die in Kürze nach Brazzaville fährt, zurück. Es erscheint Luigi, ein Angestellter der italienischen Botschaft. Richard hat ihn benachrichtigt. „Il va rester ici !“, befiehlt er den Kongolesen. Konsularischer Schutz nennt sich das. Aber die Typen lassen nicht los, ich muss auf die Fähre, das Chaos ist jetzt noch grösser als vorhin. Eingepfercht in einem kleinen Raum harre ich eine halbe Stunde aus, hungrig, dummerweise macht sich der Durchfall bemerkbar. Mein Pass ist immer noch in der Gewalt des Polizisten, der mich nach Brazza begleiten wird. Ich bin zwar stinksauer, aber ruhig. Das Theater wird in Brazzaville weitergehen, wie soll ich dort mit einem  verfallenen Visum rein? Endlich werde ich gerufen, darf wieder durch das Chaos raus. Mein Visum ist annulliert, ich kriege, Luigi sei dank, nach 5 Stunden endlich ein 7-Tages-Transitvisum, für sagenhafte 310 Dollar, verhandelt wird nicht. Benvenuto al Congo !

Immerhin, ich bin heilfroh, auf Richard und Nelly zählen zu können, Freunde von Pierluigi, dem Direktor von Helvetas Burkina Faso. Beide sind hier im Kongo, wie auch rund 37‘000 weitere, bei den Vereinten Nationen tätig. Die eigentliche Verwaltung des Kongo. Und der starken Präsenz der UN sei Dank: die Preise hier in Kinshasa sind ungeheuerlich hoch. Hotelzimmer ab 100 Dollar. Ich komme bei Freunden von Richard und Nelly im Präsidentenviertel Gombe in einer luxuriösen Wohnung mit Swimming-Pool unter, mit ihren drei kleinen Kindern haben sie in ihrer Wohnung keinen Platz mehr. Als Italiener stellt Richard noch gleichentags seine Kochkünste unter Beweis. Beiden winde ich einen Kranz, sie haben sich fürsorglich um mich gekümmert und mir sehr geholfen. Merci beaucoup !

Am Sonntag dann endlich der Abflug. Das Taxi erscheint pünktlich um 7 Uhr morgens. Die 30 Kilometer bis zum Flughafen auf ausserordentlich schlechter Strasse. Vorbei an dichtbesiedelten Gebieten, am Stade des Martyrs und am völlig heruntergekommenen Stade Tata Raphaël vorbei. Dort wo 1974 der legendäre Boxkampf zwischen Muhammed Ali und George Foreman, the Rumble in the Jungle, in die Annalen einging. Der Flughafen, notabene für die zweitgrösste Stadt Afrikas mit mehr als 10 Millionen Einwohnern, ein Relikt aus den Sechzigerjahren, als „Kin la Belle“ kaum einen Zehntel der heutigen Grösse zählte. Lächerlich klein, unzeitgemäss und veraltet. 50 Dollar bezahlt jeder Passagier, Go-Pass, es bleibt schleierhaft, wozu diese Gebühr entrichtet wird. Jeder in Uniform will geschmiert werden. 200 Dollar soll ich für den Transport des Velos bezahlen. Ich bleibe standhaft, bin langsam geladen: das Velo ist ein Sportgerät und die South African transportiert diese kostenlos, ich bezahle gar nichts. Nach ein paar Telefonaten geben sie mir Recht. Ich bin froh, als der Check-In vorbei ist, trinke mit einem jungen Belgier, der bei Médecins sans frontières arbeitet, darauf ein Mützig-Bier.

In Johannesburg dann, halb so gross wie Kinshasa, ist der riesige, topmoderne und grosszügig angelegte Flughafen mit nur jedem erdenklichen Shop und Lounges der absolut krasse Gegensatz. Morgen geht es weiter nach Namibia. Mal schauen, ob ich dort endlich einen Elefanten in der Wildnis sehe, und nicht nur auf Bierflaschen oder Geldnoten.

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Auf und ab in Kamerun


Mittlerweile bin ich bereits im Congo, doch zunächst einmal zurück nach Nigeria, um mit der hinkenden Berichterstattung einigermassen Schritt zu halten. In Calabar nehmen meine Reisegefährten Sarah und Rob und ich die Fähre nach Kamerun nehmen. Wir erfahren, was es heisst, in Afrika mit einem Boot unterwegs zu sein. Die Fähre legt erst am Samstag-Morgen um 6 Uhr los, doch alle Passagiere übernachten auf der Fähre. Entsprechend  herrscht daher am Freitag Abend Hochbetrieb. Wo am Vortag noch alles leergefegt war, sieht jetzt wie ein Ameisenhaufen aus. Mamans mit ihren „marmites“, ihren grossen Kochtöpfen, haben sich eingefunden. An Kiosken stapeln sich Süssgetränke, Biskuits und die im englischsprachigen Raum weitverbreiteten Toastbrote. Am Brot erkennt man hier in Afrika, wer früher das Sagen hatte. Aus Bars dröhnt laute Musik. Einige Stromgeneratoren tragen dazu bei, den Lärmpegel zu erhöhen. Geldwechsler sind ebenfalls zur Hand. Praktisch. Man erscheint einfach und der Rest ergibt sich von alleine.


Lastwagen werden entladen, die Fähre mit Kisten und Kartons vollbepackt. Mein Velo verschwindet irgendwo zwischen meterhohen Stapeln von Cargoware. Wir richten uns auf einer Sitzbank ein. Sarah schläft auf der Bank, Rob darunter, ich auf dem Gang. Beengte Verhältnisse, man hat hier aber keine Berührungsängste. Zum Glück kühlt eine riesige Klimaanlage den Raum nieder. Um 4 Uhr werden wir dann von den nigerianischen Grenzbeamten wachgerüttelt. Die Ausreiseformalitäten sind zu erledigen, alle haben das Schiff zu verlassen. Schlaftrunken warten wir vor dem kleinen Büro. Anstehen scheint nicht die Stärke der nigerianisch-kamerunischen Passagiere zu sein. Immer wieder gibt es „sneaker“, die sich irgendwo hineinschleichen. Es folgen hitzige Grundsatzdiskussionen über elementare Verhaltensregeln. Nach knapp einer Stunde sind wir endlich an der Reihe. Danach müssen sich alle Passagiere in einer Reihe aufstellen und vor dem Bootssteg nochmals eine geschlagene Stunde warten. Die einzigen drei Weisse, irgendwo mittendrin, werden aufgerufen und dürfen als erste aufs Schiff. Womit wir uns vermutlich keine Freunde schaffen.


Wir legen am Nachmittag um 16 Uhr im Militärareal von Tiko an. Der Mount Cameroon, ein 4‘090 Meter hoher, aktiver  Vulkan, der höchste Berg Westafrikas, baut sich majestätisch im Hintergrund auf. Wir verlassen mit einem Taxi das Sperrgebiet, beobachten, wie Militärs eine Zivilperson mit einem Stock verprügeln. Die nahegelegene Stadt Limbé mit den schwarzen Lava-Stränden gefällt uns sehr gut. Die Stimmung ist entspannt, der gegrillte Fisch vorzüglich. Es ist das Zentrum der anglophonen Bevölkerung Kameruns, umgeben von Bananen-, Palmöl- und Kautschukplantagen. Die Plantagen gehören praktisch ausschliesslich der CDC, Cameroon Development Corporation, dem zweitgrössten Arbeitgeber nach dem Staat.

Kamerun ist ein Scharnier zwischen West- und Zentralafrika. Kulturell und landschaftlich sehr abwechslungsreich. Als Afrika in Miniatur wird Kamerun gerne gerühmt: von den Sahellandschaften am Tschad-See ganz im Norden, bis hin zu den dampfenden Regenwäldern im Kongo-Becken,  Lebensraum von Pygmäen.

Die Regenzeit hält zwar nur zögerlich Einzug, am Fusse des Vulkanes befindet sich aber Debunscha, auf Platz Zwei der regenreichsten Orte der Welt liegend. Trotzdem wollen Rob und ich den Mount Cameroon besteigen und unser Glück versuchen. Die ersten  1‘000 Höhenmeter erklimme ich mit dem Velo. Das Klima in Buéa, früher Hauptstadt der deutschen Kolonie, ist etwas erträglicher als auf Meereshöhe, abends muss ich sogar erstmals seit Monaten die Windjacke anziehen.

Begleitet von unserem Guide Daniel und drei Trägern, machen wir auf die Socken. Wir wandern zuerst durch Bananen-Plantagen, Yamsfelder, vorbei an Jack-Fruchtbäumen, die von den Deutschen von Südamerika nach Afrika importiert wurden. Der glitschige Pfad steigt stetig an, durch dichten Wald und meterhohe Farnhaine. Grassavanne löst den Wald ab und wir sind bald im ersten Camp in „Mann’s Spring“ auf rund 2‘400 Meter über Meer. Angenehm kühle Temperaturen von 20 bis 10 Grad herrschen hier. Wir kochen unsere Spaghetti und grillieren zwei Fische. Die Sauce reichern wir mit leckeren Pilzen an, welche die Träger gesammelt haben.


Am nächsten Tag laufen Rob, Daniel und ich los. Sarah bleibt im Camp, um ihre Knie zu schonen. Normalerweise wird die direkte Route von Buéa zum Gipfel gewählt, der sogenannte Guinness-Trek.  Von Mann’s Spring hingegen zieht sich der Weg dahin, zunächst vorbei an einigen Kratern, die am Vulkanausbruch von 1999 entstanden sind.  Der Weg ist nicht allzu steil, aber langgezogen, führt stundenlang durch steinige und kantige Lavafelder, auf denen ich mit meinen Sandalen gut aufpassen muss. Daniel mit seinen Plastiksandalen und die Träger mit ihren Flip-Flops vollbringen hier hingegen wahre Kunststücke.


Fünf Stunden benötigen wir bis zum Gipfel. Da wir den gleichen Weg wieder zurück laufen müssen, legen wir nur wenige und sehr kurze Pausen ein. Die letzte Stunde vor dem Gipfel wird rutschiger. Zudem macht sich nun auch die Höhe etwas bemerkbar und ein starker Gegenwind bläst uns ins Gesicht. Erleichtert erreichen wir dann um zwölf Uhr den Gipfel. Wir haben Glück mit dem Wetter, es ist zwar bewölkt aber es fällt kein Regentropfen.

Der Abstieg ist danach ein Zuckerschlecken. Dennoch merken wir gegen den späten Nachmittag die Müdigkeit, immerhin sind wir insgesamt neuneinhalb Stunden zügig marschiert. Erschöpft treffen wir in Mann’s Spring ein. Nach dem Essen verziehen wir uns sofort in unsere Schlafsäcke und schlafen wie Murmeltiere. Am nächsten Morgen verabschieden wir uns. Rob und Sarah trekken Richtung Süden zur Küste, während ich nach Buéa zurück wandere. Rob und Sarah, Mediziner, fliegen kurz darauf nach London, werden zwei Monate lang Frankreich mit dem Rad bereisen und danach ihre Arbeit in Südafrika aufnehmen, wo ich sie dann hoffentlich in ein paar Monaten wiedersehen werde. In einem Radeltag bin ich dann in Douala, wo mich Guillaume, ein Couchsurfer erwartet.


Douala ist die wirtschaftliche Metropole von Kamerun, dem Hafen sei dank. Eine eher unattraktive Stadt mit vielen Expats. Das Leben hier ist vergleichsweise sehr teuer. Nachtschwärmer kommen aber auf ihre Kosten. Douala sei die nachtaktivste Stadt von ganz Westafrika, heisst es. Ich kann mich aber nicht dafür begeistern, mein Budget mit alkoholischen Getränken zu strapazieren und bin erleichtert, dass mich Pfarrer Jean-Pierre aufnimmt. Der Kontakt ist mir von Hubert aus Le Caylar in Frankreich vermittelt worden, der mich vor einigen Monaten ebenfalls beherbergt hat. Er bringt mich in der Procure des Missions Catholiques unter, eine Oase in dieser Stadt, Terrasse mit Aussicht auf den Mont Cameroon und Swimming-Pool. Und die Pfarrer der Eglise de Saint-Esprit von Omnisport tun alles, damit ich mein Visum für die RDC  – Demokratische Republik Kongo – rasch erhalte. Ein Taxi steht mir den ganzen Tag zur Verfügung, der Lingala-sprechende Père Chatelin aus Brazzaville begleitet mich. Gleichentags erhalte ich mein Visum – mit 180 Schweizerfranken das bis anhin teuerste.


Schneller als erwartet kann ich also aus Douala rausfahren Richtung Hauptstadt Yaoundé. Die Strecke führt durch Regenwald, steigt ständig an. Am Strassenrand wird frisch gefangenes Wild – Bushmeat angepriesen: Warane, Porc-épic, Wildkatzen, Biche. Lastwagen, die mächtige Tropenhölzer transportieren, sogenannte „grumiers“ fahren mir entgegen. Die Holzindustrie ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in ganz Zentralafrika. Auf der häufigsten Banknote der zentralafrikanischen Währungsunion, der 1‘000 CFA-Note, sind schwere Baumaschinen abgebildet, die Hölzer abtransportieren. Beunruhigend ist die Tatsache, dass sich in den letzten 15 Jahren die Holzproduktion in Kamerun verdreifacht hat. Die Schweiz trägt übrigens fleissig zu dieser Situation bei: was die Holzimporte für die Schweiz anbelangt, liegt Kamerun an zweiter Stelle.


Yaoundé, die „ville aux sept collines“, liegt auf rund 800 Metern über Meer, das Klima ist etwas kühler. Die Orientierung fällt nicht leicht in dieser Stadt. Die Stadt liegt eingebettet inmitten unzähliger Hügel. Velofahrer gibt es bei all diesen Steigungen ganz wenige. Als ich aber nach einem anstrengenden 100 Kilometer und 1000 Höhenmeter-Ritt, bei einer Luftfeuchtigkeit nahe an 100-Prozent, endlich an  den Brasseries de Cameroun vorbeifahre, dem Nationalstolz der Kameruner, zischt ein Rennvelofahrer im „Française des Jeux“-Trikot an mir vorbei. Apollinaire, ein Sprinter, der 2003 am Giro d’Italia teilgenommen hat, und immer noch mit jenem mittlerweile in die Jahre gekommenen und arg strapazierten Alu-Rad unterwegs ist. „Un veteran“, nennt ihn Yves Ngué Ngock, der Sieger der Tour du Cameroun und 16. an der Tour du Gabon – La Tropicale Amissa Bongo – den ich ebenfalls zufällig antreffe, als ich nach einer Woche Yaoundé verlasse.  Apollinaire begleitet mich ins Zentrum. Dort holt mich dann Ernestine ab. Eigentlich hätte ich bei einem anderen Couchsurfer weilen müssen. Dieser verweist mich aber am Tag meiner Ankunft per SMS an Ernestine.


Ernestine ist sehr gastfreundlich, sie begleitet mich zu den Botschaften von Gabun und Kongo-Brazzaville, ist geduldig. Leute aufzunehmen tut der gelernten Sozialarbeiterin gut, vor einem Jahr hat sie ihre zehnjährige Tochter verloren. Sie lebt in einem Vorort von Yaoundé, in Mimboman, einem der zahlreichen Hügel. Vom Rond-Point in Mimboman geht es nochmals einen Kilometer auf einer Piste zu ihrer einfachen Bleibe, die sie mit einer überfrechen Maus teilt. Nach einem Regenfall verwandelt sich die Strasse in eine Schlammpiste. Fliessendes Wasser gibt es keines, Regenwasser wird daher gesammelt.

Ich treffe in Yaoundé übrigens wieder das österreichische Paar Sabine und Hans-Peter an, die ich in Bamako kennengelernt habe. Sie sind mit Motorrädern auf Afrikaumrundung unterwegs. In den nächsten sechs Tagen bekomme ich Etienne, den anderen Couchsurfer, nicht zu Gesicht. Und auch nicht das Fresspaket, das mir Mélanie an seine Adresse geschickt hat. Vor über zwei Wochen ist es bereits  in Douala eingetroffen. Etienne beteuert mir täglich, dass er in seinem Postfach noch nichts erhalten habe. Die Post hier in Kamerun sei halt unzuverlässig und langsam.

Ich habe ein komisches Gefühl, traue der Sache nicht ganz. Ernestine und ich begeben uns zur „Poste de colis“. Die anfänglich wenig auskunftsfreudige Dame wird mit der Zeit immer hilfsbereiter. Ein Paket aus der Schweiz sei nicht angekommen. Aber unter drei Kilo könne es als „lettre recommandée“ eingehen. Sie telefoniert einer Kollegin. Ja, ist eingegangen. Vor über zwei Wochen. Bei der Post in Nlongkak. Die Post funktioniert wunderbar in Kamerun !  Mit dem Taxi begleitet uns ein Postbeamter dorthin. Er klärt ab: ja, das Paket sei dort, Etienne sei schriftlich benachrichtigt worden. Ich telefoniere ihm: „Etienne, ich bin bei der Post in Nlongkak, das Paket ist hier, komm bitte sofort her!“ Nach wenigen Minuten trifft er tatsächlich ein, holt das Paket ab. Angeblich sei er nicht benachrichtigt worden. Was soll’s, Ende gut, alles gut.

 

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Snap me, Nollywood !

Benin City, Nigeria. Einige Kilometer von der Stadt entfernt, am Rande eines Dorfes, umgeben von üppigem Wald, Bananen- und Palmenplantagen. Es ist kurz vor Mittag, heiss und feucht. Der zu gross geschnittene Soldatenanzug  mit dem „Anarchy“-Abzeichen am Arm beisst am ganzen, verschwitzten Körper. „ Mark it“, schreit Direktor Lancelot O. Imasuen. „Sound“, antwortet BBC, der Junge mit dem Clap-Board. „Rollin“ ist von irgendwo weiter entfernt in reinem  indischen Akzent zu vernehmen. „Aaaktschion“. Einige Momente Stille. Ich führe eine Gruppe von afrikanischen Soldaten an, die zwei riesige Elfenbeinzähne tragen. Wir verlassen einen Palast, ich halte vor Captain Rupert und einem anderen englischen Soldaten an, die sich kurz unterhalten.  „Hoist the flag !“, befiehlt mir danach Roupert. „Yes, Sir“ antworte ich. „God save the Queen!“ schreit der andere Soldat. „God save the Queen !“ antworte ich. „Cuuuut“ meldet sich nun wieder Lancelot.

Rückblick. Republik Benin, Cotonou. Meine Freundin Mélanie besucht mich, die zwei Wochen vergehen wie im Flug. Käse, Biskuits und Biberli sind schnell verputzt. An dieser Stelle ein grosses Dankeschön an alle, die am Fresspaket mitgewirkt haben. Wir kommen bei den Soeurs de la Providence unter. Die Zimmer sind peinlich sauber gehalten, alles funktioniert einwandfrei, nichts ist kaputt. Unüblich in dieser Preiskategorie. Am dritten Tag vermag uns während der Nacht ein Gewitter nicht zu wecken. Um 5 Uhr entdeckt aber Mélanie beim Toilettengang, dass unser Zimmer unter Wasser steht. Es bleibt ein Rätsel, woher das Wasser eingetreten ist. Vielleicht Vodoo-Kräfte ?  Jedenfalls verbringen wir die nächsten zwei Stunden zusammen mit Soeur Christiane, den Boden trocken zu kriegen.

Wir beschränken uns auf kleine Ausflüge in Cotonou: zum Strand, zu den Marchés Dantokpa und Saint Michel, und zum Pfahldorf Ganvié. Eine Stadt ganz auf Wasser. Wir sind dank des Reiseführeres „Petit Futé“ vorgewarnt. Etwas zu touristisch. Immerhin sind die Preise für den Ausflug mit der Piroge fix, mühsame Verhandlungen entfallen. Na ja, nicht ganz, denn der Guide ist obligatorisch und dessen Sold ist frei verhandelbar.  Nachdem ich mich vergewissert habe, dass die Tour eineinhalb Stunden dauert, vereinbaren wir  5‘000 CFA, westafrikanische Francs, umgerechnet zehn Schweizerfranken – ein stolzer Preis. Nach exakt 34 Minuten meint der etwas wortkarge „Guide“, die Tour sei beendet, lädt uns in einem Souvenirshop ab und haut sich für eine halbe Stunde aufs Ohr, bevor wir wieder mit der Piroge zurückfahren. Andere müssen für die gleiche Summe wesentlich mehr arbeiten. Etwa der Schneider, bei dem wir uns aus den bunten Wax-Tüchern ein Kleid, Hemd und Hose nähen lassen.

In Cotonou ist das Fortbewegungsmittel Nummer eins das „Zem“, abgekürzt für Zemidjan, Motorräder chinesischer Herkunft, auf denen ohne weiteres vier Leute Platz haben, notfalls sogar 6. Die Fahrer sind an den gelben Hemden zu erkennen. Um die 40‘000 sollen alleine in Cotonou rumkurven.  Die Fahrt ist manchmal haarsträubend, überholt wird von allen Richtungen. Erstaunlicherweise passieren aber wenig Unfälle. Abgesehen von den Zem-Fahrten sind wir aber ziemlich bewegungsfaul. Den Körper an das tropische Klima anzugewöhnen, ist für mich schon Anstrengung genug. Anfangs habe ich Hitzewallungen und Schweissausbrüche, mit der Zeit geht es dann etwas besser.  Vorzugsweise suchen wir den Ventilator im Zimmer auf, das wir aber  bei den praktisch täglichen Stromunterbrüchen fluchtartig verlassen, um danach die vor dem Balkon vorbeiziehenden Zem’s zu zählen. Wenn es ruhig ist, sind es 60 Stück pro Minute, ansonsten gut  90 !.  Während der Ostertage dann ziehen Prozessionen von weissgekleideten Menschen, tanzend und Musik spielend an uns vorbei, um uns 5 Uhr morgens aus dem Schlaf zu entreissen.

Nach zwei Wochen ist es dann wieder Zeit, um schweren Herzens von Mélanie Abschied zu nehmen. Merci beaucoup Mélanie ! Passend dazu fängt es am nächsten Tag an zu regnen. Die Regenzeit hält langsam Einzug. Die Regenschauer kommen so plötzlich wie sie wieder verschwinden. Nach nur 6 Kilometern muss ich mich beim Institut Français in Schutz bringen und kann erst nach eineinhalb Stunden meine Fahrt wieder aufnehmen. Regenklamotten bringen nichts, nur Schutz unter einem Vordach oder einer Strohhütte und warten, bis sich der Schauer verzogen hat. Von Cotonou sind es rund 50 Kilometer bis nach Porto Novo, der Hauptstadt von Bénin, danach rund 100 Kilometer wieder Richtung Norden nach Kétou.  Von hier will ich nach Nigeria einreisen. Rob und Sarah, ein englisches Paar, berichten in ihrem Blog von ihren nicht gerade ermunternden Erfahrungen mit den nigerianischen Grenzbeamten.

Marie-Josée, der Besitzer der Auberge in Abomey, hat mir von diesem Paar berichtet, da sie ebenfalls mit Fahrrädern unterwegs waren, die sie in Benin gekauft haben, um sie vor der Einreise in Nigeria wieder zu verkaufen. Ich hatte mir deren Namen notiert, deren Blog ausfindig gemacht und wollte sie später kontaktieren, um aktuelle Informationen aus  erster Hand zu erhalten. Eine Couchsurferin aus Ibadan in Nigeria, die ich um eine Übernachtungsmöglichkeit anfrage,  kommt mir aber zuvor. Rob und Sarah befänden sich gerade bei ihr. Was für ein Zufall !

Eines ist sicher, Nigeria hat einen schlechten Ruf. Schon beim Namen winken die meisten ab. „Ist es nicht zu gefährlich, durch Nigeria zu reisen?“, werde ich oft gefragt. Korruption, schikanierende Polizisten und mörderischer Verkehr. Im Norden Nigerias sorgt die Extremistenorganisation Boko Haram mit Bombenattentaten für negative Schlagzeilen. Im Niger-Delta hingegen gab es zahlreiche Entführungen von Mitarbeitern von Erdölgesellschaften. Beide Regionen liegen nicht auf meiner Reise-Route. Nigeria, Afrikas China, Westafrikas mächtigster und reichster Staat mit 150 Millionen Einwohnern, wird von Touristen wie die Pest gemieden. Dementsprechend habe auch ich gemischte Gefühle, mache mich auf alles gefasst. Zu meiner Beruhigung habe ich ein „multiple entry“-Visa für Benin ausstellen lassen. Im Notfall kann ich immer noch umkehren. Ich bin gespannt, ob die Nigerianer wirklich so böse sind.

Als ich in Kétou starten möchte, regnet es. Ich verschiebe die Einreise nach Nigeria auf den nächsten Tag, denn mein Tagesziel, die 110 Kilometer entfernte Stadt Abeokuta, scheint durch die zeitraubenden Formalitäten an der Grenze und die zahlreichen Checkpoints , zu weit weg. Am nächsten Tag bin ich pünktlich um 9 Uhr und nach 30 Kilometern an der Grenze Benin – Nigeria. Bretterbuden an beiden Strassenrändern, der erste Eindruck eines der reichsten westafrikanischen Staaten ist eher schäbig. Geldwechsler warten darauf, dass ich meine restlichen westafrikanischen CFA in Naira wechsle, bevor  ich mich zum Schlagbaum begebe.  In der Strohhütte nebenan heisst es, ich solle mich zum Immigration Office begeben, das  irgendwo im Innern dieser Siedlung versteckt liegt. Ich werde dorthin geführt, folge einem Nissan auf der holprigen Piste. Das Büro befindet sich am Stadtrand am Rande eines üppigen Waldes. Der Angestellte empfängt mich. Ein nackter Saal, ein kleiner Holztisch, zwei Stühle, ein Standventilator, ein Fernseher, der irgendwelche nationale Nachrichten sendet. Ich fülle ein Formular aus. Er verlangt umgerechnet 5 Franken als Gebühr, um meinen Pass zu kopieren. Da er bemerkt hat, dass mein italienischer Pass weder Visum noch Austritts-Stempel von Benin aufweist, er aber meine Erklärung, wonach ich zwei Nationalitäten und zwei Pässe habe, ohne weiteres akzeptiert, händige ich ihm meine restlichen CFA aus. Am Schluss meint er: „Do you have a gift for me ?“ „For sure, wait a minute, please“. Ich gehe zum Velo, hole eine Packung Schweizer Rahmtäfeli, halte sie ihm hin. Natürlich nicht die ganze Packung, es seien nämlich spezielle Täfeli, aber er dürfe sich immerhin eine Handvoll der Süssigkeiten schnappen, präzisiere ich. Er schaut mich mit grossen Augen an, nimmt sich ein paar Bonbons und bedankt sich brav.

Nach einigen Kilometern folgen dann weitere Formalitäten, vier Blockhütten. Gelbfieberkarte, Gesundheitsdienst, Immigration Officer, Security State Service. Die Beamten sind nicht unfreundlich, aber langatmig, zeitraubend. Das Thermometer steigt, heute ist ein Hitzetag, kein Regentag.

Um 12 Uhr habe ich 40 Kilometer auf dem Tacho. Endlich geht es – vermeintlich – los. Aber schon nach einigen Kilometer der erste Checkpoint: Militär. Nach einem Kilometer wieder Security Service, danach Immigration, gefolgt von Police, später wiederum vom Militär. Und klar, jeder will den Pass sehen. Fünf Kilometer fahren und das Spiel fängt von vorne an. Eine Pause kann ich mir nicht gönnen, ich will unbedingt am Abend Abeokuta erreichen, Geburtsort des exzentrischen Musikers Fela Kuti, dem King des Afrobeat. Um 17 Uhr retten mich zwei Power Riegel, eine Isostar-Tablette und eine Orange, die ich innert Sekunden verschlinge. Ich verliere keine Zeit, nehme den Endspurt in Angriff. Heute war ein langer Tag. Endlich, um 18 Uhr dann Abeokuta in Sichtweite. Ich fahre durch Vororte, der Verkehr wird dichter, lärmiger. Um 18.30 dann nehme ich kurzentschlossen ein Taxi, packe mein Velo und meine Siebensachen in den Kofferraum und lasse mich vor dem Hotel Frontline chauffieren. Ich habe keine Lust, in der Dunkelheit müde in einer Grossstadt herumzuirren. Um 19 Uhr ist es bereits dunkel, die Abenddämmerung  dauert hier nur wenige Minuten, der Wechsel von Tag zu Nacht ist abrupt. Nebenan kaufe ich noch schnell eine Ananas ein, den ganzen Tag schon habe ich Lust darauf. Ich koche im Zimmer, während im Fernsehen das Fussballspiel Chelsea gegen Real Madrid läuft. Und diesmal kann der ivorianische Spieler Drogba zur Freude der Afrikaner ein Goal gegen die Spanier schiessen.

Am nächsten Tag geht es früh los, mit nüchternem Magen. Unterwegs werde ich, wie in West-Afrika üblich, in irgendeinem Bretterbudenstand einen Milchkaffee und eine Omelette schon finden. Weit gefehlt. Ibadan ist die nächste Station, eine riesige Stadt, über 6 Millionen Einwohner. In den 60er Jahren war Ibadan die grösste Stadt Westafrikas. Ich frage nach dem Weg, doch das Pidgin English der Nigerianer, das „anglais cassé“, ist schwer verständlich. „How far“ heisst etwa „How are you“. Gerade als mir durch den Kopf geht, dass Nigeria entgegen allen Befürchtungen bis anhin gar nicht so schlimm war, winkt mir am Strassenrand ein Herr in Hemd und Hose aus den bunten Wax-Tüchern zu. Ich bin mir gewohnt, dass Leute mich oft anhalten wollen, um mit mir zu reden. Ich winke ihm zu, lächle und mache einen Bogen um ihn, besser gesagt, ich versuche es. Er reisst mich an meinem Hemd, ich falle zu Boden, schlage mein linkes Knie auf,  der Mercedes hinten mir kann gerade noch ausweichen. Erst jetzt bemerke ich, dass der Typ eine Knarre mit sich führt. Er entschuldigt sich sofort, meint aber, er sei vom SSS, „Security State Service“. Toll, woher soll ich das wissen, jedenfalls sieht man das seinem Pyjama-Anzug nicht an. Ich werde gegenüber in den Komplex des SSS abgeführt. Offenbar bin ich von weitem erspäht worden. Und wieder darf ich das doofe Formular ausfüllen, das ich bereits an der Grenze ausgefüllt habe. Die gutgekleideten jungen Beamten scheinen unterbeschäftigt zu sein. Man entschuldigt sich für den Vorfall, will sogar eine Krankenschwester für die Prellung am Knie herbeiholen. Nach einer Stunde werde ich mit vor Wut und Hunger knurrendem Magen wieder entlassen. Sicherheitshalber frage ich nochmals nach der kürzeren Route nach Ibadan. Ich sei auf der richtigen Strasse, alles geradeaus, sichern mir die Sicherheitsbeamten zu.

Nach 35 Kilometer ein Regenschauer, ich bringe mich, wie alle anderen auch,  bei einer Tankstelle in Schutz, fange an zu reden. „Du willst nach Ibadan? Wieso fährst Du dann einen solchen Umweg ?“ Danke SSS. Glücklicherweise kann ich von dort eine Abkürzung zum Lagos-Highway nehmen. Als ich um 14 Uhr auf diese stark befahrene Autobahn treffe, noch schätzungsweise 50 bis 70 Kilometer von Ibadan entfernt, treffe ich die einzige vernünftige Entscheidung:  Autostopp. Ich lasse mich von einem Kleinbus in die Stadt reinfahren. Der Highway ist in miserablem Zustand, voller Schlaglöcher. Auf dem Mittelstreifen finden sich ausrangierte, ausgebrannte Lastwagenwracks. Die bulligen amerikanischen Mack Trucks sind hier die Könige der Strasse,  müssen viel einstecken, meistens fahren sie links, wo die Strasse noch ein bisschen besser ist, überholt werden sie rechts. 95 % der Exporteinnahmen von Nigeria stammen vom Erdöl. Trotz des Reichtums am schwarzen Gold ist aber die Infrastruktur unterentwickelt. Die NEPA, National Electricity Power Authorithy, liefert nur unregelmässig Strom, Power Cuts sind an der Tagesordnung, Stromgeneratoren weitverbreitet.

Wir fahren nach Ibadan rein, ein Meer von zweistöckigen Häusern mit rostbraunen Wellblechdächern. Es ist nicht leicht, sich in dieser riesigen Stadt zu orientieren. Ich bestehe bestimmt darauf, dass mich der Fahrer wie vereinbart zum Mokola Roundabout führt. Ich habe keine Lust, im dichten Verkehr der Grosstadt noch Extrarunden zu drehen. Ich lasse meine neu erstandene SIM-Karte registrieren, inklusive Fingerabdrücke und Foto. Danach mache ich mich auf die Suche nach der Bleibe von Bimbo, die ich über  Couchsurfing kennen gelernt habe. Ich bin heilfroh, in dieser Riesenstadt einen Kontakt zu haben. Erst noch in einem ruhigen Residenzquartier. Dank Bimbo und ihren Freunden erlebe ich ein Nigeria, wie ich es sonst nie zu Gesicht bekommen hätte.


Bimbo unterrichtet Phonetik am Department of Theatre Arts der UI, wie die University of Ibadan, die älteste im Land, genannt wird. Der Universitätscampus ist riesig, über 2 Kilometer lang, mit eigenem Zoo. Die Gebäude architektonisch reizvoll, mehrheitlich durch den britischen Architekten Maxwell Fry entworfen, der auch mit Le Corbusier zusammengearbeitet hat.  Zufällig findet gerade an diesem Wochenende die“ 38th Initation Ceremony“  der Association of Theatre Arts Students statt. Die Feuertaufe der neuen Theater-Studenten, ein alter Brauch. Vor dem Theatersaal wird ein grosses Feuer entfacht, die weissgekleideten Studenten treten ein und im brütend heissen Saal verausgaben sie sich zwei Stunden lang. Mir genügt bereits eine halbe Stunde Rumstehen, um danach schweissgebadet draussen etwas Abkühlung zu suchen.

Nigeria ist ein faszinierendes Land. Das Land kann durch die zwei Flüsse Niger und Benue, die ein Y formen, grob in drei kulturelle Zonen eingeteilt werden: im Südwesten leben die Yoruba, im Südosten die Igbo und im Norden die Hausa. Der Norden ist islamisch geprägt, der Süden christlich-animistisch. In der Realität sind die Ethnien und Sprachen einiges komplexer. Über 500 verschiedene Sprachen werden in diesem riesigen Land gesprochen. Nigeria ist im Unterschied zu den meisten westafrikanischen Ländern weiter entwickelt. Es gibt viele Tankstellen, keine Holzstände am Strassenrand, in denen in Einliter-Glasflaschen Benzin „en détail“ verkauft wird. Banken gibt es im Überfluss, das Unternehmertum ist hier ausgeprägt. Im westafrikanischen Vergleich sind die Leute eher gut gebildet. Der einzige afrikanische Literatur-Nobelpreisträger stammt übrigens aus Nigeria: Wole Soyinka. Die Leute sind hier stets auf Trab, umtriebig, temperamentvoller und lauter als anderswo. Es ist keine Seltenheit, dass sich Leute wegen Lappalien, etwa bei Unstimmigkeiten über den Preis für eine Fahrt im Sammeltaxi,  in die Haare geraten und sich lauthals anschreien. „I snap you !“, „ What, you want to snap me ?“, „Yes, I snap you!“. Und so geht es minutenlang weiter. Zum Glück werden sie aber meist nicht handgreiflich und trennen sich sogar mit einem Lächeln. „Sometimes, they go crazy“, heisst es von den Nigerianern. Diebe und Räuber müssen sich hier auf Lynchjustiz einstellen.  Es sind hier vermehrt Menschen mit längerem Haarwuchs zu sehen, insbesondere Frauen tragen hier langes Haar anstelle der kurzgeschorenen Frisur. Die  Abfallbeseitigung scheint zu funktionieren. Erstmals habe ich Hemmungen, meinen Abfall einfach am Strassenrand zu deponieren. Angebote wie Eheberatung und Gewaltprävention zeigen, dass das Land auf einer anderen Stufe ist als die angrenzenden. Und sogar Big Brother hat im Fernsehen Einzug gehalten.

Nun, ich spiele mit dem Gedanken, von Ibadan aus ein Stück mit dem Bus zu fahren, um ohne Umtriebe schnell aus dem  dichtbesiedelten Gebiet rauszukommen. Die Nachbarin von Bimbo, eine Französin, die eine Doktorarbeit über die Filmszene in Nigeria schreibt, nimmt mir dann die Entscheidung ab. Ein bekannter Filmregisseur benötige „Oyibos“, Weisse, als Schauspieler und Statisten für einen historischen Film über die Invasion und Plünderung der Stadt Benin City 1879 durch die Engländer. Transport, Kost und Logis in einem guten Hotel bezahlt. Dazu ein Bündel Geldnoten für fünf Drehtage, für das der Durchschnittsnigerianer wohl sicher zwei bis vier Monate hart schuften muss. Von Ibadan nehme ich also einen Kleinbus nach Benin City. Kurz vor der Abreise steigt ein Priester ein, um eine kurze Predigt zu halten und unserer Reisegesellschaft Gottes Segen zu wünschen und  das „Message & Prayer Bulletin“ zu verteilen. In Anbetracht der schlechten Strassen und der halsbrecherischen Fahrweise ist sein Einsatz durchaus berechtigt. Die Nigerianer sind tief religiös und gläubig. Es gibt zahlreiche Kirchen: die Anglican, die Methodist, die Native Baptist, die Presbyterian, die Reedemed Church.  Jeder gehört irgendeiner Kirche an.

 

Ich bin gespannt auf den Filmdreh. Um die zehn Weisse, zumeist Expats aus Abuja und Lagos, treffen dann tatsächlich ein. Stefan, der Österreicher, Paul aus Litauen und ich kommen wegen unserer Englisch-Akzente für Sprechrollen nicht in Frage. Die Engländer und Kanadier, junge Missionare aus Jos, haben Vorrang. So auch Rob, der Couschsurfer, der auch in Benin City eingetroffen ist. Pflichtbewusst treffen die Weissen früh am Filmset auf. Bis endlich gedreht werden kann, vergehen meist Stunden. Meistens wird erst nach 10 Uhr, wenn die Sonne bereits weit oben steht, gedreht.

Lancelot O. Imasuen ist einer der Begründer der Nollywood-Filmszene. Mittlerweile die drittgrösste Filmindustrie nach Hollywood und Bollywood. Was die Quantität der Filme anbelangt, ist sie sogar die grösste. Über 200 Filme werden pro Monat gedreht, die Qualität ist nicht sehr erhaben. Alle für ein englischsprechendes afrikanisches Publikum bestimmt. Die Stories sind leicht zu überschauen, die Dialoge nicht zu kompliziert. Alles low-budget Filme. Bei diesem historischen Film ist aber etwas mehr Geld vorhanden. Zwei Inder aus der Bollywood-Szene, Dev Agarwal, Kameramann für die teure RED-Kamera und Atirek Kaushal, Soundtechniker, hat Lancelot für die Dreharbeiten einfliegen lassen. Dev meint diplomatisch, dass die Nigerianer Fortschritte machen, während Kaushal kritisiert, dass am Set undiszipliniert vorgegangen werde: kein Briefing, kein Tagesprogramm, keiner weiss, welche Szenen wann gedreht werden. Kostüme und das Team trudeln nach 9 Uhr morgens ein, wenn das beste Licht schon vorbei ist. Man verliert viel Zeit mit dem Begrüssungsritual. Zudem sind alle ständig am „snapen“. „I snap you“, alle möchten mit uns Weissen abfotografiert werden. Um 10 Uhr heisst, man solle sich umziehen, obschon man schlussendlich erst um 15 Uhr drankommt. Während einer Filmszene, als Soldat Stefan verletzt im Busch liegt, schreit die Besitzerin des angrenzenden Maisfeldes, in dem sich das Filmteam breitgemacht hat, drauflos.

Historische Inkongruenzen spielen keine Rolle. Dass wir englische Soldaten in schwarzen Converse-Turnschuhen rumlaufen und „Anarchy“ und „Psychobilly“ Abzeichen am Arm tragen, zird keinen Zuschauer stören. In den Anzügen, Einheitsgrösse, komme ich mir eher wie ein Soldat aus der Slapstick-Komödie „Top Secret“ oder einer Verfilmung eines Cartoons vor. Ich komme gleich bei der ersten Szene als „Flag-Man“ zum Einsatz, später führe ich eine Gruppe afrikanischer Soldaten an, auf dem Kopf Holzkisten transportierend, durch Bananenplantagen und durch einen dichten Wald. Wo wir dann von muskulösen Kriegern hinterhältig überfallen und erwürgt werden. Ich bin gespannt auf das Resultat. Ein anderer historischer Film von Lancelotm Adesuwa, sieht vielversprechend aus.

Ich fahre mit dem Busch-Taxi nach Calabar im Südosten von Nigeria weiter. Abfahrtszeiten gibt es hier in Afrika nicht. Gefahren wird, wenn das Fahrzeug voll ist. Ich staune nicht schlecht, 15 Passagiere mit viel Gepäck haben in dem Kleinbus Platz. Unter den Sitzen stapeln sich Säcke mit Maniok und Zwiebeln, Koffer und Taschen. Das Velo wird ganz einfach hinten an der Heckklappe befestigt. Diesmal fährt ein Priester mit uns mit, nach 5 Minuten hält er uns eine Predigt. Eine ganze Stunde lang. Endlich dann der erste Halt, mein Platz am Fenster ist gut ausgewählt. Schon rennen fliegende Händler vorbei, verkaufen Sachets mit kaltem Wasser, afrikanische Chips (frittierte Koch-Bananen), groundnuts, Soya-Sticks (Brochettes), Melonen und Ananas-Schnitze. Verpflegung muss auf einer Busreise nicht mitgenommen werden, ein paar Naira genügen.

Calabar ist eine Überraschung: die bis anhin sauberste Stadt in ganz Afrika. Gepflegte grüne Rasen, überhaupt kein Abfall auf den Strassen, sehr ordentlich und sauber. Sogar für europäische Verhältnisse vorbildlich. Und das beste Essen in ganz Nigeria soll es hier geben. Rob und Sarah treffen einen Tag später ein. Zusammen besuchen wir die alte gut erhaltene Gouverneurs-Residenz, anschliessend trinken wir ein Bier im Biergarten nebenan. Und die besten Soya-Stände -Fleisch-Brochettes- im ganzen Land soll es hier geben, die lassen wir uns natürlich nicht entgehen. Am Freitag Abend dann begeben wir uns zur Fähre, die nach Kamerun übersetzt. Nigeria war die Reise wert !

Nachtrag: der Nollywood-Film ist mittlerweile auf Youtube zu sehen…

https://youtu.be/oy_ZRLzIOGc?t=42m18s
https://youtu.be/oy_ZRLzIOGc?t=1h21m34s
https://youtu.be/oy_ZRLzIOGc?t=1h33m54s

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Vorhang auf für die Tour du Faso !

Endlich Zeit und Raum für eine erneute Berichterstattung, diesmal aus Burkina Faso und Benin, in denen ich meine persönliche burkinisch-beninische Rundfahrt  absolviert habe. Und an der ich mich während den letzten Wochen ein klein bisschen wie ein Tour-Star vorgekommen bin.

Burkina Faso. Bis 1984, als Thomas Sankara das Land in Burkina Faso – das Land der Aufrichtigen – taufen liess, hiess das Land Obervolta. Zwar eines der ärmsten Länder der Welt – ein Binnenland praktisch ohne Rohstoffe – dafür weist es einen unglaublichen Reichtum an Sprachen auf. Über 60 einheimische Sprachen werden in diesem Land gesprochen; praktisch alle paar Tage wechsle ich Sprachgebiet. Teilweise werden in benachbarten Dörfern, die einen Steinwurf entfernt sind, ganz unterschiedliche Sprachen gesprochen. Im Unterschied dazu herrscht in der Schweiz geradezu eine Sprachenarmut.

Das flache Land – zumeist Savannenlandschaft – weist im ersten Augenblick aus Sicht des Reisenden nicht allzu viele Sehenswürdigkeiten auf. Und dennoch ist es bei Touristen sehr beliebt: die Leute sind gastfreundlich, warmherzig. Trotz Armut sprüht das Land einen gewissen Optimismus aus und ist stolz auf sein Filmfestival FESPACO (Festival Panafricain du Cinéma). Wohl Afrikas wichtigster Filmevent, von internationalem Rang. Kein Wunder haben die Burkiner in Sachen Film in Westafrika die Nase vorne. Und worauf sie noch stolzer sind: auf die Tour du Faso, die grösste Radsportveranstaltung in Afrika. Seit über 25 Jahren wird sie mittlerweile abgehalten, für afrikanische Verhältnisse erstaunlich gut organisiert. Der Staat lässt sich diese Traditionsveranstaltung mehr als eine halbe Million Euro kosten. Das Velo ist sowohl im Volk wie auch als Sport gut verankert. Im Vergleich zu anderen Ländern ist die Dichte an Fahrrädern einiges grösser. Nicht zuletzt, weil ein Velo einiges erschwinglicher ist als ein Auto.

In Burkina Faso fahre ich zunächst im Südwesten durch eine Tafellandschaft aus Sandstein. Malerische Pisten, umzäunt von langgezogenen Baumalleen, wohl noch unter den Franzosen gepflanzt. In Banfora komme ich bei Mark und Caroline, einem englisch-burkinischem Paar, unter. Der Kontakt ist mir durch Missionare im Senegal vermittelt worden. Da Telefonieren in Afrika zwar billig ist – in jedem Land kaufe ich mir eine SIM-Karte – das Roaming aber selten funktioniert, kann ich Mark  und Caroline erst in Burkina Faso kontaktieren. Nichtsdestotrotz empfangen sie mich abends, einige Stunden später, sehr herzlich, mit offenen Armen, bereiten mir köstliche Spaghetti an Bolognese-Sauce zu. Mark weiss, was Radler mögen. Er selber hat vor über 20 Jahren auch Velotouren unternommen. Unter anderem auch in der Schweiz. Der Sustenpass ist ihm dabei in guter Erinnerung geblieben, musste er doch erschöpft auf der Passhöhe zelten. Jetzt lernt er die Sprache des Volkes der Peul, auch Fulbe genannt – Rinderzüchter und erkennbar an den Tätowierungen im Gesicht – um ihnen hier die Bibel näherbringen zu können. Glückerfüllt verlasse ich Mark und Caroline am nächsten Morgen. Anité !

In Bobo-Dioulasso gönne ich mir dann vier Ruhetage. Bobo ist mit 350‘000 Einwohnern Burkina’s zweitgrösste Stadt. Das Leben hier spielt sich gemächlicher und relaxter ab als in der Hauptstadt  Ouagadougou, im Volksmund Ouga genannt. Dank guter Gesellschaft in der zentral gelegenen Auberge „Le Cocotier“ – Achim, ein deutscher globetrottender Beamter und Jeremie, ein in Toulouse lebender Engländer und Buchhändler, geniesse ich die Zeit, schaue mir die alte Moschee und das alte Handwerkerviertel an. Und kann endlich wieder einmal ein Konzert, wiederum im Centre Culturel Français, geniessen. Diese französischen Kulturzentren in allen grossen Städten der frankophonen westafrikanischen Länder sind jeweils angenehme Rückzugsorte, um in einer lauschigen Atmosphäre ein kühles Bier – sei es eine Gazelle, ein Brakina oder eine  Béninoise – zu geniessen, Zeitungen zu lesen oder eben Konzerte, Theaterstücke oder Filme anzuhören bzw. anzuschauen.

Wieder unterwegs Richtung Ougadougou. Ich nehme einen wenig befahrenen Umweg südlich der Hauptachse, schlafe wieder in Dörfern bei den Chefs de village. Einmal in einem Maquis, für 1‘000 CFA bekomme ich ein betoniertes Zimmer. Keine zwei Minuten halte ich es dort drin aus, nicht wegen den Kakerlaken, sondern wegen der saunamässigen Hitze.  Wegen eines Regenschauers vor einigen Tagen ist die Luftfeuchtigkeit stark gestiegen. Ich bekomme einen Vorgeschmack auf das äquatoriale Klima. Das Zelt wird also draussen aufgestellt, dennoch fange ich beim Kochen wieder an zu Schwitzen.

Leider reicht die Zeit nicht, um in den Nazinga Game Park im Süden an der Grenze zu Ghana zu fahren, wo über 800 Elefanten leben und es praktisch ausgeschlossen sein soll, nicht auf einen solchen Riesen zu stossen. Hier darf man ganz offiziell die 35 Kilometer bis zum Camp mit dem Velo befahren. Macht nichts, dafür gibt es zahlreiche Begegnungen mit Velofahrerinnen. Und dem Radler Jeremie, 36 Jahre alt, den ich kurz nach Léo treffe. Das kleine klapprige Damenrad will nicht recht zu seiner hünenhaften Statur passen.  Jeden Tag fährt der Religionslehrer die 20 Kilometer von Yallé nach Léo, und zurück. Für 1000 CFA, umgerechnet zwei Franken. Nicht wie manche andere sieht er in mir zuerst den weissen Reichen, sondern „quelqu’un qui souffre beaucoup sur le vélo“. Wir fahren die letzten 15 Kilometer zu seinem Dorf, wo gerade eine vorösterliche Prozession abgehalten wird. Wir gesellen uns dazu, er hält anschliessend das Kreuz und führt es in die einfache Kirche aus Lehm. Die Dorfgemeinde ist sehr geehrt und erfreut über den spontanen Besuch. Noch nie hat ein Weisser an dieser Prozession teilgenommen. Die Kirchvertreter und ich üben uns anschliessend in der „causerie“ und plaudern über die Unterschiede zwischen Europa und Afrika. Ich stelle dann mein Zelt auf vor dem Haus von Jeremie, seiner Ehefrau Helena und den Kindern Isidor, Wilfried, Pascaline und Raoul. Wir melden dies pflichtbewusst beim „conseiller de la commune“  an. Dieser sitzt auf einer Bank, in sich zusammengesunken, breitbeinig, spielt mit einer Steinschleuder und ist nicht fähig, aufzustehen und mir anständig die Hand zu reichen. Und macht keinen Hehl aus seiner Geringschätzung für Leute, die sich noch nicht einmal ein Moped leisten können oder “qui s’emmèrdent sur le vélo“. Am nächsten Morgen schenkt mir Jeremie ein kleines fluoreszierendes Plastik-Kreuz, Made in Italy, mehr habe er nicht, er schenke es mir aber von Herzen, meint er.

In Ougadougou werde ich von Pierluigi, Direktor von Helvetas Burkina Faso, fürstlich bzw. wie ein Tourstar empfangen. Er organisiert mir ein Zimmer in einem von einer italienischen Mamma, Giuliana, und ihrem Sohn Andrea, geführten Bed+Breakfast. Und ein Treffen mit den „étalons“, den Fahrern der burkinischen Rad-Mannschaft. Diese sind soeben siegreich aus der Tour de CEDEAO zurückgekehrt, die von Lagos über Cotonou und Lomé nach Abidjan führt. Da die Burkiner offenbar besser in die Pedale treten als einen Ball treten können,  an der Coupe d’Afrique des Nations alle Spiele verloren haben und früh ausgeschieden sind, hat der Sportminister das unverbrauchte Budget umverteilt und der Radmannschaft neue Karbonräder gespendet.

Pierluigi nimmt die Gelegenheit beim Schopf und nutzt meine Anwesenheit, um eine Kurz-Reportage über ein Projekt im Osten Burkina’s drehen zu lassen. Südlich von Fada N’Gourma erwartet mich dann schon die Gemeinde Nagre. Am nächsten Morgen in der Früh erscheint dann das Kamerateam und das Helvetas-Team. Die Dreharbeiten, um die erfolgreich realisierten Projekte „Pistes rurales“ zu veranschaulichen, können beginnen. Diese „pistes rurales“, ländliche Pisten, binden die weit auseinander liegenden Gemeinden durch eine erosionsresistente Piste, die mit Steinen und Laterit aus der Umgebung gebaut wurden. Anstatt eines Bulldozer wird hier beim Bau Hand angelegt. Die lokale Bevölkerung ist mitbeteiligt, verdient und lernt etwas dazu. Die Gemeinden lernen sich untereinander besser kennen, die Zufahrtswege zum regionalen Markt wird stark verbessert. Mit dem verdienten Geld kann man sich zum Beispiel ein Velo kaufen. Das Rad schliesst sich. Die ganze Wirtschaft wird etwas angekurbelt. Zudem ist beim Bau der Projekte kein einziger Baum gefällt worden. Die Piste schlängelt sich um die Savannenlandschaft und die stämmigen Baobabs. Insgesamt also ein vorbildliches Projekt !

 

Der Harmattan-Wind bläst übrigens die ganze Zeit, von Nordosten her kommend, Staub und Sand. Einen blauen Himmel wie bei uns habe ich schon seit Monaten nicht mehr gesehen. Es fühlt sich an, als hielte mir jemand stets einen heissen Fön vor die Nase und ein anderer von hinten mit einer Schnur zöge. Die Durchschnittsgeschwindigkeiten sind nicht sonderlich hoch. Eine Hassliebe dieser Harmattan. Immerhin lässt das Lüftchen den Schweiss verdunsten. Während zweier Stunden muss ich mich aber jeweils während der Mittagshitze im Schatten flüchten, die Temperaturen sind um die 40 Grad.

Das Leben versüssen mir dafür die Früchte: Papayas, Orangen, Avocados und vor allem Mangos. Einfach göttlich. Weniger göttlich ist es allerdings, diese Frucht zu verspeisen. „There is no sexy way to eat Mangos“, meint ein Peace Corps Volunteer.  Um klebrige Hände kommt man nicht darum herum.  Die Leute sind insbesondere in Burkina sehr freundlich, winken mir oft zu, ich werde freundlich begrüsst und in Dörfern aufgenommen. Dennoch wecken afrikanische Sonderheiten auch Ärger, Kopfschütteln und Unverständnis in mir. Zum Beispiel etwa das chronisch fehlende Wechselgeld. „Y a pas de monnaie“  heisst es fast reflexartig. Man muss sich nicht wundern, wenn man auf  wird.  Und man muss sich nicht wundern, wenn man eine 500 CFA Cola mit einer 2‘000 CFA-Note bezahlt, nur 1‘000 CFA zurückbekommt und die Bedienung im „Maquis“  die Zauberworte von sich gibt, danach absitzt und ungeniert anfängt zu essen.

Verpflegungsstände gibt es an Strassenkreuzungen, an den „péages“, Stationen für Mautgebühren. In Burkina sind diese zwar leer, den fliegenden Händlerinnen bieten sie aber eine Verkaufsmöglichkeit: meist gekühltes Wasser in den Sachets, wie sie hier in Westafrika überall zu kaufen gibt. Das Angebot ist jeweils sehr lokal gefärbt, von Ort zu Ort verschieden: mal gibt es – herrlich – getrocknete Mangos und Cashewnüsse, dann nur noch getrocknetes Hammelfleisch, später nur Zitronen und selten Buschratte, plötzlich nur noch „gâteaus“. Dann Mangos zum Abwinken. Man nimmt – nicht immer – was man bekommt.

Den Frauen in Westafrika –und wohl in ganz Afrika wird am 8. März ein grosser Kranz, in Burkina ein Zahnkranz, gewunden. Beziehungsweise man nutzt die Gelegenheit, um die Garderobe aufzufrischen. Denn ein guter Teil der Bevölkerung trägt Kleider aus dem eigens für diesen Anlass hergestellten Tuch mit entsprechendem Logo, der überall mit Reden und Ständen gefeiert wird. Die Frauen haben hier eine schwere Last zu tragen: Kinder hinten eingepackt in Tücher und auf dem Kopf balancieren sie entweder 20 bis 30 Liter Wasser, Holz oder Töpfe oder Küchenmaterial. Und im Schatten liegende, vor sich hindösende Männer. Sicher ein etwas klischeehaftes Bild, das ich hier abliefere, aber halt aus dem Blickwinkel des Velofahrers oft zu beobachten.

Immerhin scheint es mir, ist die Emanzipation in Burkina ein klein wenig weiter fortgeschritten als in den Nachbarländern. Denn nirgendswo sieht man so viele Frauen auf Velos, zwar immer noch beladen mitsamt Nachwuchs im Rücken. Aber sicher weniger anstrengend als kilometerweit mit riesigen Schalen auf dem Kopf herumbalancierend herumzulaufen. In Benin hingegen sind teils die Brunnen mit zwei Meter hohen Wasserhähnen versehen, die wie Duschhähne aussehen. Clever: damit die Frauen, ohne die Schale vom Kopf zu nehmen, diese mit Wasser befüllen können !

Nur zwei Tagesetappen von Ngare entfernt stehen dann in der Region Atakora, nun bereits im Norden von Benin, die nächsten Projektbesuche an. Während drei Tagen absolvieren die Helvetas-Crew, Mitarbeiter der lokalen Nichtregierungsorganisation ERAD und ich etliche Besuche von Projekten, schütteln zahlreichen Maires, Chefs de Villages und Schuldirektoren die Hand, bedanken und erklären uns mit Hilfe von Megafonen, tauchen in die Menge von im Chor singenden Schulkindern. Jeweils begleitet von zwei Fernsehteams, lokalen Radios und einem Fotografen. Der Empfang, der unserer Delegation bereitet wird, ist überwältigend, berührend. Ein paar Mal kriege ich Gänsehaut. Musikanten, Volkstänze, Schulbands, Hunderte von Kinder, die „Monsieur Morissìo“ im Chor begrüssen .

Und natürlich kann ich dann auch endlich am 19. März – im Namen aller Spenderinnen und Spender – dem Maire der Gemeinde Matéri den Check im Betrage von CHF 7‘422.— überreichen. Mindestens CHF 6‘000.— wären nötig gewesen, um den baufälligen, mit Abfall gefüllten Wasserschacht in einen Brunnen mit Fusspumpe zu renovieren. Herzlichen Dank an alle Spender und die ganze Helvetas-Belegschaft, die mich in Benin freundlich empfangen hat ! Und weil die Projektbesuche aufschlussreich waren, werde ich im Menü “Helvetas” noch separat darüber berichten.

Weiter geht es. Richtung Süden. In den nächsten Tagen darf ich dann Bekanntschaft mit dem subäquatorialen Klima machen. Lange verdrängt, aber unvermeidlich bei einer Afrikadurchquerung. Innert ein, zwei Tagen steigt die Luftfeuchtigkeit drastisch an. Von der Savannenlandschaft geht es in eine grüne, dichtbewachsene Vegetation. Vom heissen Fön in den Dampfkochtopf. Ich leide in den ersten Tagen und werde mich noch an das feucht-heisse Klima gewöhnen müssen. Ich erinnere mich an die Worte von Ben, dem australischen Radler, der mir in der Westsahara begegnet ist: „Everything is just sticky“. Alles klebt, die Kleider sind feucht . Jegliche Tätigkeit – ausser unter einem Ventilator zu liegen  – öffnet die Schweissporen. Der von Süden wehende Wind zwingt mich zu meinem Ärger noch stärker in die Pedale zu treten. Mit der Folge, dass ich dann vollends durchnässt bin und bei der nächsten Gelegenheit fast zwei Liter kühles Wasser auf einmal runterschlucke.


In Abomey schaue ich mir die UNESCO-gechützten Paläste des Dan-Homeys Königreiches an. Endlich in Cotonou angekommen. 30 Kilometer vorher in Porto Novo, der Hauptstadt von Benin. Grosstadtverkehr. Ein Teppich von Zem – Zemidjans. Taxi-Töffahrer mit gelben Hemden als Ersatz für öffentlichen Transport. Ich treffe mich Daniel, Direktor von Helvetas Benin, er lädt mich zu sich nach Hause zu einem feinen Essen ein. Ich habe ihn kurz im Norden in Natitingou getroffen. Abends fahren wir zusammen zum Flughafen. Er und seine Ehefrau steigen in den Flieger, mit dem meine Freundin Mélanie – zusammen mit einem 20 Kilogramm schweren Fress- und Ersatzteilekoffer – mit etwas Verzögerung aus Paris ankommt. Frohe Ostern !

Die richtige Tour du Faso führt über 10 Etappen und 1‘298 Kilometer und endet am letzten Oktobesonntag auf der Avenue de l’Indépendence in Ougadougou. 2011 war ein deutsches Team, begleitet von einer TV-Produktionsfirma, dabei. Diesen Sommer soll im Kino ein Dokumentarfilm erscheinen. Dann heisst es: Vorhang auf !

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Nimm zwei

Wenn schon, dann gleich beide: Guinea-Bissau und Guinea. Letzterer wird zur Unterscheidung oft auch Guinea-Conakry genannt.  Mein Alternativprogramm zu Mopti, Djenné, Pays Dogon und Co. in Mali, um die ich aufgrund der derzeitigen Sicherheitslage einen Bogen mache.  In Westafrika haben die Guineas touristisch nicht die Nase vorne, obschon die Länder landschaftlich sehr viel zu bieten haben – das Bijagos Archipel vor Bissau zum Beispiel – und die Menschen sehr gastfreundlich sind. So habe ich in Guinea kein einziges „Donne moi un cadeau“ vernommen.

Das Visum für Guinea-Bissau bekomme ich am 20. Januar, einem Feiertag. Dem Tag der Ermordung von Amilcar Lopes Cabral. Auf portugiesisch meint der freundliche, umtriebige Konsul, ich hätte Glück gehabt, er habe eine Verabredung, ansonsten wäre er nicht am Arbeiten gewesen. Innert 15 Minuten habe ich mein Visum.

Amilcar Cabral leitete als Gründer des PAIGC (Partido Africano da Independência da Guinea e Cabo Verde) den Unabhängigkeitskrieg gegen Portugal. An seinem Geburtsort Bafata werde ich später vorbeifahren. Erst 1973 ist Guinea-Bissau unabhängig geworden. Seither will es aber mit dem kleinen Land, das rund zehn Prozent kleiner als die Schweiz ist, nicht richtig bergauf gehen. Es gab Militärputschs, Präsidenten werden ermordet, 1999 tobte in Bissau ein Bürgerkrieg. Das Land ist stark unterentwickelt, liegt nur auf Platz 164 von 169 des Human Development Index. Die Leute leben sehr einfach, sind Selbstversorger. Ein Stromnetz gibt es nicht. Einzig der Anbau von Cashew-Nuss-Bäumen vermag ein geringes Einkommen zu generieren. Immerhin liegt Guinea-Bissau weltweit auf Platz 6 der Cashew-Nuss-Exporteure.

Der Präsident ist erst vor wenigen Wochen verstorben, dennoch ist die Lage ruhig in Bissau, wo ich bei Lieve, einer Belgierin unterkomme. Lieve lebt seit mehr als 20 Jahren mehrheitlich in Afrika: in Niger, Botswana und die letzten Jahre in Guinea-Bissau. Sie kann mir entsprechend viel über das Land berichten. Ich habe doppelt Glück: der nigerianische Konsul ist über meine Veloreise sehr angetan und stellt mir prompt  ein 6-Monats Visum aus, aber erst am Montag. Und der Weekend-Trip von Lieve fällt ins Wasser, sodass ich über das Wochenende in ihrer kleinen Wohnung inmitten eines belebten Wohnquartiers bleiben darf. Moito obrigado, Lieve ! Ein einziger Wasserhahn bedient während einigen Stunden am Tag einen Hof, zu dem mehrere Familien Zugang haben. Fliessendes Wasser ist hier keine Selbstverständlichkeit. Nachts versinkt die Stadt Bissau in Finsternis, einzig durch Kerzen, wenigen Stromgeneratoren und Scheinwerfern von Autos und Motorräder notdürftig beleuchtet. Von einer Lichtverschmutzung ist man hier noch Lichtjahre entfernt !

Ausserorts herrscht auf den Strassen erstaunlich wenig Verkehr, mehr Velofahrer als Fahrzeuge. Kein Wunder:  wer kann sich hier schon ein Auto leisten ?  Entsprechend wenig, haben die Polizeikontrollen zu tun. Meistens eine Gruppe stark übergewichtiger Frauen, denen die hellblauen Hemden auf Brusthöhe zu platzen drohen. Ich werde aber meistens zum Essen eingeladen und kann mir eine gute Portion Reis und Fisch aus der grossen Schale rauslöffeln.

Meterhohe Termitenhügel säumen den Wegesrand. Als ich einige inmitten eines Dorfes bewundere, kommt der 24-jährige Nico auf mich zu und bietet mir die grünen Früchte der Rognier-Palme an. Die wollen aber zunächst auf den 20 Meter hohen Palmen gepflückt beziehungsweise abgehauen werden. Kein Problem. Ein Schulkind wird hergeholt. Mit einem Ring aus Bambusholz presst er sich mit nackten Füssen gegen den Stamm und in wenigen Augenblicken ist er bereits oben. Ratsch, ratsch, mit der Machete haut er drei Stauden ab. Die Nüsse werden dann am Ansatz mit der Machete abgehauen. Drei Öffnungen zeigen sich nun. Der Daumen wird nun kräftig hineingedrückt und hin und her bewegt, dabei wird gleichzeitig die glitschige Masse ausgelutscht. Herrlich erfrischend !

Da das wilde Zelten teils schwierig ist,  gehe ich auf Konfrontation und frage in kleinen Dörfern jeweils den Chef de village, ob ich im Dorf übernachten könne. Das hat  Vorteil, das man in Sicherheit ist, sich waschen und  kochen kann. Einziger Nachteil: man kann nicht in der Nase herumbohren, ohne dass es mindestens 20 neugierige Augen registrieren. Glücklicherweise verziehen sich aber meist alle diskret, sobald ich zu essen anfange. Im Gegenzug überreiche ich den Leuten kleine Geschenke: Seife, Maggi-Kochwürfel, eine Zwiebel, Knoblauch, Kekse, eine 1‘000 CFA-Note. Am Tag muss ich jeweils zwei- bis dreimal Wasser filtern. Da erfreulicherweise sehr viele Dörfer einen Brunnen oder eine Wasserpumpe haben, muss ich nie mehr als 5 Liter Wasser schleppen.

Die Einreise nach Guinea verläuft ohne Probleme. Grenzbeamte verfolgen gerade die Fussball-Nationalmannschaft im Fernseher. In diesen Wochen wird die Coupe des Nations d’Afrique, die CAN, abgehalten. Entsprechend schnell werde ich abgefertigt.

In Guinea fangen dann die richtig schlechten Pisten an: staubig, holprig, sandig. Und bereits nach einem Tag fresse ich derart viel Staub, dass ich eine Woche lang keine Stimme mehr habe. Das Laubwerk in unmittelbarer Nähe der Strasse ist braun bepudert. Immerhin wird das Strassennetz langsam ein bisschen modernisiert. Wird auch Zeit, weil praktisch der ganze Waren- und Personentransport auf der Strasse beziehungsweise auf diesen Pisten stattfindet. Guinea wäre eigentlich reich: es hat die drittgrössten Vorkommen an Bauxit (Aluminiumerz).  Ab Koundara ist die Strasse Richtung Süden für 70 Kilometer asphaltiert, den Chinesen sei Dank. Danach fangen die Hügel des Fouta Djalon und die schlechten Pisten an.

In Koundara begebe ich mich sicherheitshalber ins Spital, um einen Malariatest zu machen, denn ich habe leicht Fieber und Gliederschmerzen. Entwarnung. Ein halber Ruhetag, ein Hotelzimmer, Pain Killers und schon geht es am nächsten Tag weiter.

Das Fouta Djalon ist ein wald- und wasserreiches, hügeliges Gebiet. Die Flüsse Gambia und Senegal sowie grössere Zuflüsse des Niger entspringen in dieser Gegend. In Labé gibt es, wie in den meisten Teilen des Landes kein Strom, ausser in wenigen Hotels, dafür leckere Baguette. Sehenswert ist hier der Gemüsemarkt. Die Temperaturen sind hier nun merklich kühler, am Morgen fällt die Temperatur bis auf 15 Grad. In Dalaba, der Schweiz Guineas, wo die südafrikanische Sängerin Miriam Makeba einige Jahre im Exil lebte, bin ich dann bereits auf 1‘200 Metern über Meer.

Bewohnt wird die Gegend von den Fula, Viehzüchter, sehr gastfreundliche Leute. Mir fällt auf, dass diejenigen im gesetzteren Alter schöne handgestickte Hüte tragen. Bereits auf meiner Tibet-Reise habe ich auf Anraten eines guten Freundes jeweils ein Exemplar der landestypischen Kopfbedeckung als Souvenir erstanden. Nach einigem Herumfragen stellt sich heraus, dass ich in Dara, wo die Hüte hergestellt werden, durchfahren werde.

Tatsächlich: hier sind sie, die Hutmacher des Fouta Djalon. Ein Zehnergruppe von Herren, die unter einem grossen Baum neben einer Moschee den ganzen Tag Hüte sticken. Jeder hat sein eigenes Muster. Ich kaufe gleich zwei Stück. Zu meiner Freude wollen alle abfotografiert werden.  Aliou, der freundliche Herr ganz rechts auf dem Bild, meint, er kenne einen Weissen hier. Er wohne im nächsten Dorf. Er ruft Joel, einen amerikanischen Peace Corps Volunteer an. Und so werde ich praktisch eine ganze Woche lang von einem Volunteer zum nächsten durchgereicht. Und erfahre eine Menge über die Peace Corps: 1961 im Zuge des kalten Krieges auf Initiative von Kennedy ins Leben gerufen, um das Verständnis zwischen Amerikanern und anderen Völkern zu fördern. Die grösstenteils jungen Volunteers bleiben zwei Jahre im Land, leben teils in einfachen Dörfern in Strohhütten ohne Strom und fliessendes Wasser, wo sie sich integrieren und die jeweilige Sprache lernen. Jessie, Lane und Caroline haben erst vor wenigen Tagen ihren Dienst angefangen. Ich bin aber beeindruckt, wie manche von Ihnen voller Überzeugung, Stolz und Hingabe ihre Aufgabe angehen. Thanks a lot for your hospitality !

An das Finale der CAN denke ich gar nicht, als ich wieder in einem Dorf übernachte. In der Schule nebenan hat sich der männliche Teil der Dorfgemeinschaft versammelt, um vor dem einzigen, mit Stromgenerator betriebenen Fernseher gebannt das Spiel Côte d’Ivoire gegen Sambia zu verfolgen. Auch wenn ich kein grosser Fussballfan bin – ehrlich gesagt gar keiner – , wird mir aber der Abend lange in Erinnerung bleiben. Zu meinem Leidwesen geht das Spiel in die Verlängerung. Zeitweise nicke ich ein. Immerhin bekomme ich mit, dass der ivorianische Spieler Drogba ein Penalty verhaut. Im Penalty-Schiessen gewinnt Sambia. Wäre für Präsident Outtara zuviel des Guten gewesen, hätte die Elfenbeinküste den Pokal nach Hause geholt.

In kleinen Dörfern fallen mir überdimensionierte gekachelte Moscheen auf. Eigenartig, weil viele Schulen vom PAM (Programme Alimentaire Mondiale) und von der EU finanziert werden und es dringendere Infrastrukturprobleme zu lösen gäbe. Kurz vor Siguiri lässt mich aber ein Schild zu Ehren des Colonel Gaddafi selig vermuten, dass die Gebetshäuser vermutlich durch ausländische Geldgeber finanziert werden.

Nach dem Fouta Djalon bläst mir der Harmattan, der heisse Wüstenwind aus der Sahara, mit voller Wucht ins Gesicht und ich komme in Siguiri an, als es bereits dunkel ist. Unangenehm, weil in der Dunkelheit die Orientierung schwierig ist. Aus Siguiri stammte im Mittelalter das Gold und auch heute wird noch Gold abgebaut. In manchen Dörfern sieben Jugendliche den ganzen Tag lang mit Hilfe einer Kalebasse Gold und schaffen es auf 1 bis 2 Gramm Gold pro Woche. Gerade genug um zu Überleben.

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Toubab geniesst Teranga

Bevor ich mich in den nächsten Tagen in Guinea-Bissau auf Portugiesisch zu verständigen versuche, wird es Zeit, um wieder Bericht über meine Reise zu erstatten. Also zurück nach Dakar, wo ich zehn Tage verbringe.

Dakar ist die Hauptstadt Senegals, eine rasch wachsende Grossstadt auf der Cap Vert Halbinsel, dem westlichsten Punkt Afrikas, mit mehr als zwei Millionen Einwohnern und sogar einem Géant Casino mit anständigen Angebot an Käse. Der Versuchung, eine ganze Packung Roquefort mit einer Baguette aufs Mal zu verzehren, kann ich nicht widerstehen.  Ich kann bei Sacha, einem Genfer,  wohnen, der selber Velotouren in Westafrika und im südlichen Afrika unternommen hat und seit acht Jahren in einer Kunstgalerie arbeitet. Zwar hat er seine Wohnung nur noch für wenige Wochen, da er bald nach Bangkok ziehen wird. Dennoch hat er ein Zimmer für mich frei und so nutze ich die Gelegenheit, um mir eine längere Auszeit zu gönnen. Sacha ist unkompliziert, „easy-going“, ein Seelenverwandter und gibt mir gute Tipps für die Weiterreise. Jeredef Sacha !

Am Morgen trinken wir gleich beim Hauseingang jeweils Kaffee auf der Strasse bei einem der zahlreichen Nescafé-Stände: Verkäufer, die eine buntbemalte Tonne, seitlich mit zwei Rädern, oben mit gebogenem Vordach, einen Café au lait mit Schaum mit Hilfe von Kaffe- und Milchpulver zaubern, indem sie das Getränk x-mal von einem Becher in einen anderen schütten  Daneben ein Stand von 1.5 Quadratmetern Grösse, in dem Omelett-Zwiebeln-Sandwichs zubereitet werden, eingewickelt in „papier recupéré“,  Alt- und Zeitungspapier. Völlig normal hier. Auf einer Schadenanzeige einer Motorfahrzeugversicherung, einer Bankvollmacht oder einem seitenlangen gescheiten Elaborat irgendeiner NGO, aus dem man etwa Folgendes in Erfahrung bringen kann: The internal challenge in the Mandara Triangle comes from the Kenyan, Somali and Ethiopian governments‘ inability to adequately address situations that they are confronted with, in this case natural disasters such as drought and flooding. Interessant. Umwelt- geht in Dakar dem Datenschutz vor !

Am Rande vom Kermel-Markt, wo Gemüse, Früchte, Fleisch und Fisch angeboten werden, reihen sich die Maman’s, die in riesigen Töpfen das Morgen- und Mittagessen zubereiten. Thiéboudienne (Fisch mit Reis) ist das Nationalgericht, aber auch Maffé (Lammfleisch an schwerer Palmöl-Erdnusssauce) und Yassa (Fleisch oder Fisch an einer Zitronen-Zwiebelsauce) findet sich hier. Eine Radlerportion für etwa einen Franken. Toll sind hier im Senegal auch die zahlreichen kühlen und süssen Fruchtsäfte:  Bissap (Hibiskus-Sirup), aus Affenbrot oder Thiakry (eine Mischung aus Sauermilch, Couscous und Zucker). Grüne Orangen aus der Casamance, gut zum Pressen und Auslutschen, finden sich überall am Strassenrand. Wie auch Erdnüsse, und viel seltener, da die Saison längst vorbei ist, leckere Cashewnüsse. Insgesamt ist das Essen hier gar nicht so übel, vor allem, wenn es mit einer kühlen Flasche Gazelle-Bier runtergespült wird. Und wer vom Fisch genug hat oder einfach eine deftige Portion Eiweiss und Fett benötigt, der kann sich in einer Dibiterie verköstigen. Ein Fleischstand, in dem Hammelfleisch in groben Stücken grilliert wird, danach mit einem Beil mundgerecht verkleinert auf einem Stück Zementsack, im Idealfall auf Backpapier, mit einigen Scheiben rohen Zwiebeln angerichtet wird. Und beim Essen kann man genüsslich beobachten, wie Ziegen und Schafe, weiter im Süden dann auch Schweine,  in Abfallresten rumstochern.

Der Sandaga-Markt in Dakar ist chaotischer und staubiger. Hier finden sich auch die bunten Wax-Stoffe mit den bunten und lebhaften Mustern. Und Kleider, die in Europa in die Altkleidersammelstelle gegeben wurden. Hier kann ich meine Garderobe vervollständigen und kaufe ein langärmliges Hemd und Shorts. Unweit davon ist das Institut Français, eine kleine Oase inmitten dieser etwas hektischen Stadt.

In der Stadt tummeln sich Verkäufer von Handy-Guthabenkarten, Kokosnüssen. Menschen, die einige wenige Artikel – Ledergürtel, Socken, Unterhosen, einige Jeans –  am Boden ausbreiten. Eindrücklich ist auch ein Spaziergang am Strand in Cambéréne, nördlich der Halbinsel. Hunderte, Tausende von Senegalesen jeden Alters, die hier spazieren, joggen, sich im Nationalsport – der „Lutte“  – versuchen, Fussball spielen, sich auf irgendeine Art und Weise körperlich ertüchtigen. Eine friedliche, gelöste Atmosphäre. Trotz der in wenigen Wochen bevorstehenden Präsidentenwahlen.

Obschon der greise Maître Wade die Verfassung dahingehend ändern liess, wonach die Amtszeit des Präsidenten auf maximal zwei Mandate beschränkt ist, steht es ihm nicht danach, sich als erster danach zu halten und kandidiert prompt ein drittes Mal. Es wird gemunkelt, dass er seinen Freund Youssou N’Dour dazu bewogen haben soll, ebenfalls anzutreten, um den Gegenkandidaten Stimmen wegzunehmen.

 

Ein Pflichtbesuch ist bei der kaum einen Kilometer langen und UNESCO-geschützten Insel  île de Gorée angesagt,  früher ein Zentrum des Sklavenhandels. Heute steht das renovierte Sklavenhaus als Symbol für eine dunkle Epoche der Menschheit. Ich übernachte auf der Insel, um ­­­unbehelligt von den Tagestouristen die 1000-Seelen Ortschaft geniessen zu können, beim Sonnenaufgang auf die Festung zu laufen und den zahlreichen Strassenkünstlern, die bei ihren Ständen übernachten, bei der Morgentoilette zu stören.  Ein gemeinsamer Velo-Ausflug mit Sacha zum 40 Kilometer entfernten Lac Rose und durch den stickig-staubigen und anstrengenden Dakar-Verkehr bildet den Abschluss meines Dakar-Aufenthaltes. Der See, eigentlich Lac Retba genannt, hat seinen Namen wegen seiner rosa Färbung, verursacht durch hohen Salzgehalt und Bakterien. Am Ufer des Lac Rose war früher das Endziel der Rallye Paris-Dakar.

Am Montag breche ich dann endlich auf. Ein letztes Mal ein Nescafé mit einer Omelette-Baguette. Und sobald ich nach rund 30 Kilometern endlich dem Stadtverkehr entflohen bin und durch die ersten Dörfer radle, höre ich wieder die Kinder, wie sie mir auf Wolof „toubab, toubab“ zurufen. Der Weisse, der Weisse ! Wolof hat übrigens jeder von euch schon einmal gehört. Wer’s nicht glaubt, höre hier rein.

Das Mittagessen, Reis mit Fischbällchen, wartet bereits auf mich. Mohammed, ein Arbeitskollege von Sacha, empfängt mich freundlich, zeigt mir den Strand von Yenne, die Küste, wo er sich vor zwanzig Jahren wegen eines Erdrutsches eine offene Fraktur am Bein zugezogen hat. Seither macht er einen grossen Bogen darum. Um vier Uhr breche ich auf, abends treffe ich dann wieder Linda und Peter, ein holländisches Missionarspaar, die ich in der Zebra-Bar kennengelernt habe. Sie unterrichten in einer Schule für die in Senegal ansässigen Missionarskinder. Wegen einer Konferenz herrscht gerade Hochbetrieb, dennoch werde ich sehr wohlwollend aufgenommen, kann einige Kontakte knüpfen und mit vielen Leuten Schweizerdeutsch reden.  Und so geht es praktisch die ganze Woche weiter.  Die Senegalesen nennen es „Teranga“: man steht füreinander da, teilt gemeinsam. „Nous sommes ensembles“, heisst es immer wieder. Genuine Gastfreundschaft.

In Joal-Fadiout, dem Geburtsort von Lépolod Sédar Senghor, Schriftsteller und erster senegalesischer Präsident, interessiert mich die kleine Insel ganz aus Muscheln. Einige Baobabs und ein islamisch-christlich-gemischter Friedhof.  „Nous sommes ensemble“ geben mir die Leute zu verstehen. Auf der Insel Fadiout eine Moschee und eine Kirche. Mit Kirchturm. Und das in einem Land, in dem sich über 90 % der Bevölkerung zum Islam bekennen. Ob es bauliche Beschränkungen gibt, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.

Der Islam hat in Senegal eine ganz eigene Ausprägung und ist durch Brüderschaften gekennzeichnet.  Am weitesten verbreitet ist die Muridiyya Sufi-Bruderschaft, deren Mitglieder die Muriden, just in der Woche, als ich Dakar verlasse, anlässlich des Magal nach Touba pilgern. Der Gründer dieser Brüderschaft, der hoch verehrte Ahmadou Bamba Mbacké liegt dort begraben. Die Muriden  haben einen grossen Einfluss auf Wirtschaft und Politik und beherrschen beispielsweise das Transportwesen. Ein Zweig der Muriden sind die Baye Fall, eher eine Lebensform der Wolof als eine Religion. Deren Anhänger sind an den Rastas und den bunten Hosen erkennbar. Bei einem solchen Baye Fall kann ich im Dorf Samba Dia übernachten. Die Ethnie der Wolof stellt in Senegal die Mehrheit dar. Ihre Sprache, ebenfalls das Wolof, wird heute praktisch von allen Volksgruppen gesprochen. Mit der Zeit wird die Angelegenheit unübersichtlich. Da gibt es noch die Toucouleur, die Pulaar reden, und die Fulbe, die Serer, die Mandinké, in der Casamance die Diola.

Unterwegs ist es mir nicht langweilig. Grosse Plakate mit einer lachenden Kleinfamilie und der Aufschrift „espacer les naissances“ ermahnen an das heikle Thema der Familienplanung. Buschfeuer werden gelöscht. Aasgeier kreisen um einen toten Esel. Ein Senegalese hält an, verscheucht die Vögel  und sammelt die Erde, auf denen sie soeben rumgetrampelt sind. Wozu er das tue, frage ich ihn. Mit der Hilfe eines Marabouts verhelfe die Erde zu einem Zauber: so soll bei einem Totschlag der Täter für die Polizei unsichtbar sein. Oder die Erde soll, ausgestreut vor einem Laden, dazu verhelfen, möglichst viele Kunden anzulocken. Auch diese animistischen Züge gehören zum senegalesischen Islam.

Ich fahre zum Siné-Saloum-Delta, fahre durch beeindruckende Palmen- und Baobabwälder, am angeblich grössten Baobab Senegals mit einem Umfang von 32 Metern vorbei. Früher wurden im Baobab die Gebeine der Geschichtenerzähler, der Griots aufbewahrt. Heute hausen Fledermäuse darin, ab und zu gestört durch neugierige Touristen. Mit einer „courrier“-Piroge setze ich auf die kleine Insel Djirnda über. Es ist heiss, die Fahrt dauert zweieinhalb Stunden, entlang an Mangrovenwälder. Ein Paradies für einheimische Tiere und Zugvögel.

Auf der Insel Djirnda steigen keine Touristen ab, ich bin der einzige Weisse und falle entsprechend auf. Dennoch sind die Senegalesen nie aufdringlich. Die Insel liegt inmitten von Mangrovenwäldern, in einiger Entfernung liegt der Friedhof idyllisch inmitten einer Gruppe Baobabs. Ich werde auf der Anlegestelle vom jungen Bijaram empfangen, der Bruder des Senegalesen Madumaj, den ich kurz vor der Abreise kennengelernt habe. „Mach dir keine Sorgen, ich ruf meine Mutter an, du kannst bei ihr schlafen.“  Ein Zimmer ist für mich liebevoll hergerichtet worden, Nachtessen wird mir zubereitet. Vorher will aber die Tradition, dass wir beim Dorfchef vorsprechen, der über meinen Besuch sehr erfreut ist. Sie geben mit zu verstehen, dass ich zu ihnen gehöre. Ich bin beeindruckt. Die Dorfjugend hat sich derweil eingefunden, um den Nachwuchs der Kämpfer des Nationalsports „Lutte“ anzufeuern.

Nach dem Morgenessen begleitet mich die ganze Familie zur „embarcadère“ und verabschiedet mich, als sei ich ein Verwandter. Die Reise geht weiter, zunächst mit der Piroge, danach wieder mit dem Drahtesel. An der senegalisch-gambischen Grenze treffe ich auf ein sehr sympathisches deutsches Radlerpaar, Julianne und Moritz. Wir setzen mit der Fähre auf Banjul, der Hauptstadt von Gambia, über. Ich trenne mich aber sogleich von Ihnen, da ich bei einer Couchsurferin, bzw. deren Kollegin Sue, eine Engländerin im Ruhestand, im Touristenzentrum Kololi drei Nächte bleiben darf. Thanks Sue ! In Gambia, dem kleinsten Staat  Afrikas, wird Englisch gesprochen. Nice, nice ! The Gambia ist langgezogen, 10 bis 50 Kilometer breit und ganz umschlossen von Senegal.

Ich fahre in den südlichen Teil von Senegal, in die Casamance rein. Bis zum Fischerdorf Kafountine.  Dort sind die zahlreichen Öfen, in denen Fische geräuchert werden, am dicken Rauch leicht auszumachen. Schon nach wenigen Minuten brennt der Rauch unerbittlich in den Augen und ich muss in eine „épicerie“ flüchten, um mir Papiertücher zu kaufen. Ich frage mich, wie die Menschen, die allermeisten stammen aus Guinea-Conakry, ihre Arbeit tagtäglich in diesem Qualm ohne jeglichen Schutz zu verrichten imstande sind. Ich laufe fast drei Stunden durch die unwirkliche Szenerie aus Rauch und Licht.

Von Kafountine nehme ich ein Grand Taxi, um schnellstmöglich nach Ziguinchor zu gelangen. Die hundert Kilometer sind durch Militärpräsenz hinreichend gesichert. Allerdings gibt es sporadisch nördlich dieser Strecke im Landesinnern einzelne Schusswechsel zwischen Rebellen und Militär. In Ziguinchor richte ich mich im Camping Casamance ein, der von einem französisch-senegalischen Paar geführt wird. Eine Zweitagestour mit wenig Gepäck führt mich in die Basse Casamance, bereits sehr grün und dichtbewachsen. Zu den Baobabs gesellen sich nun eindrückliche riesige Kapokbäume. Unterwegs besuche ich eine Krokodilfarm. Verschwitzt komme ich in Elinkine an und schaffe es gerade noch auf die Piroge, die zur einsamen Insel von Karabane fährt. Unterwegs verschnupfe ich mich wohl und verordne mir daher zwei Tage Genesung im Camping, auf dem eine familiäre Stimmung herrscht.

Im Camping haben sich Guy und Isabelle mit ihren zwei Zwillingspaaren und ihrem Truck eingerichtet. Das belgische Paar hat jahrelang im Kongo gelebt und muss nun den Papierkram erledigen, um auf den Grimaldi-Frachter nach Angola mitgenommen werden zu können. Cees und Marjan aus den Niederlanden hingegen, mit einem 16-Tönner unterwegs (der pro Liter gerade drei Kilometer schafft…), sind ebenfalls schon seit einiger Zeit hier auf dem Camping. Cees hat fünf Jahre im Sudan gelebt und vertreibt sich die Zeit damit, eine Baumhütte zu konstruieren.

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Sahara, Sahel und Senegal

Mittlerweile befinde ich mich im Senegal, wo ich das Gefühl habe, so richtig in Afrika angekommen zu sein, obschon ich ja bereits seit über zweieinhalb Monaten auf afrikanischem Boden rolle. Aber zunächst einmal zurück zur Westsahara.

Nach drei Ruhetagen in dem von Spaniern gegründeten Dakhla, vormals Villa Cisneros genannt, setze ich meine Reise durch die Westsahara, Richtung Süden, fort. Dakhla liegt auf einer Landzunge, ich muss daher 40 Kilometer wieder zurückradeln. Mir ist zwar bewusst, dass ich etwas Gegenwind haben werde, aber dass ich dreieinhalb Stunden für 40 Kilometer brauche, hätte ich nicht gedacht. Und das auf flacher Strecke ! Nachher wird es zwar etwas besser, aber Geschwindigkeiten von 11 bis 15 km/h sind mental nicht gerade erbauend, immerhin sorgen Sand und Wind für ein Dauerpeeling. Und so benötige ich für die 350 Kilometer bis zur Grenze vier Tage.

Ich schlafe bei einer Tankstelle, bei einem „Service de desenseblement“ und sogar bei der Marine Royale. Die kleinen Blockhütten des Militärs, die sich überall entlang der Küste finden, sind alles andere als königlich, sie sehen eher wie erbärmliche Fischerhütten aus. Dafür sind die beiden jungen Rachid und Hassan sehr gastfreundlich. Ich darf neben Ihnen zelten. Beziehungsweise in ihrer selbstkonstruierten, gemütlichen Strandhütte schlafen. Genial ! Den ganzen Tag kämpfe ich schon gegen den Wind, es ist recht heiss, und mir geht die längste Zeit durch den Kopf, dass es an einem solchen Tag sicher entspannendere Freizeit-Aktivitäten gäbe als durch die Westsahara zu radeln. Etwa am Strand liegen, die Kühle des Atlantiks geniessen und Riesenmuscheln sammeln. Das Angebot der zwei jungen Burschen kommt daher wie gerufen. Ohne mit der Wimper zu zucken springe ich rein ins herrlich kühle Nass ! Unterdessen bringt mir Hassan eine Kanne Tee. Ich trockne mich ab, geniesse das süsse Getränk, kühle mein Brausepulver-Getränk in einem Kübel Meerwasser. Die Anstrengung ist vergessen, ich geniesse den einsamen Strand. Das sind die tollen Überraschungen, die man nur auf dem Velo erlebt, denke ich mir. Wir kochen zusammen, verbringen einen lustigen Abend, und um 21 Uhr verziehe ich mich in die Hütte und schlafe bald ein.

Um 1 Uhr nachts klopft es an meiner Hütte. Die beiden Jungs sind auf Patrouille, um die Küste vor illegalen Einwanderern zu kontrollieren. „Ist alles in Ordnung“, rufe ich Ihnen zu. Sie lassen aber nicht locker, ich solle die Türe aufmachen. „Maurizio, nous excusons le dérangement“. Zähneknirschend mache ich auf. In der Dunkelheit, in Uniform und mit Gewehren sehen sie nicht mehr ganz so freundlich aus wie Stunden zuvor. Ich solle die Stirnlampe ausmachen, befehlen sie mir, sie wollen nicht auffallen. „La tente, la tente?“, fragt Rachid ungeduldig. Ich solle es mitnehmen und mit Ihnen zum Strand laufen. „Hey, was soll der Quatsch?“, gebe ich Ihnen zu verstehen. Mir wird etwas bange: wollen die zwei mich jetzt etwa überfallen ? Ich weigere mich und will eine Erklärung. Wegen ihrer mangelhaften Französisch-Kenntnisse brauche ich eine Weile, bis ich ihr Ansinnen durchschaut habe: jetzt seien sie auf Patrouille und nicht mehr als Zivilpersonen unterwegs, sie müssten sich an das Reglement halten. Ich dürfe daher nicht so nahe bei Ihnen schlafen, da es sich um einen militärischen Posten handle. Gleichwohl könne ich in der Strandhütte schlafen, nur müsse ich zunächst das Zelt aufstellen, für den Fall dass Ihr Vorgesetzter vorbeikomme. In diesem Fall müssten wir ihm dann vorgaukeln, dass ich nachts aufgewacht sei und die beiden darum ersucht hätte, in der Strandhütte schlafen zu können, da es draussen – mindestens 20 Grad warm – zu kalt sei. Bravo ! Das hättet ihr mir doch gleich sagen können ! Immerhin haben die beiden keine bösen Absichten und nehmen einzig ihren Job ernst. Um nicht noch einmal gestört zu werden, stelle ich also mein Zelt mitten in der Nacht auf und zügle meine Siebensachen.

Die Ausreise aus Marokko gestaltet sich problemlos. Vier Kilometer Niemandsland liegen zwischen Marokko und Mauretanien. Dem Strassenzustand nach zu urteilen, haben die beiden Staaten kein Wirtschaftsabkommen geschlossen. Eine üble, holprige Sandpiste, die man besser nicht verlässt, denn das Gebiet ist stark vermint. Im Schritttempo kämpfen sich Lastwagen über die miserable Piste mit dem Übernamen „Kandahar“. Ausgebrannte Autos, Wracks, entsorgte Elektronik-Geräte. Allerlei Leute, die auf diesem herren- und staatenlosen Abschnitt krumme Geschäfte drehen und Nummernschilder wechseln.

In Mauretanien fahre ich nach Nouadhibou rein. Die zweitgrösste Stadt Mauretaniens ist ein kleiner Schock. Das Stadtbild wird von Abfallbergen geprägt, in denen Ziegen nach etwas Fressbarem rumstochern. Überall Sand, was nicht weiter verwundert, denn ich bin ja noch in der Sahara. Die ganze Aufmachung der Läden und Geschäfte ist einiges schäbiger als in Marokko. Ein Steinwurf vom Zentrum entfernt fangen bereits die Bidonvilles an.

Mauretanien ist eines der ärmsten Länder der Welt und geniesst, nicht zuletzt wegen Entführungen in entlegenen Gebieten durch die AQM (Al Qaida im Maghreb) und organisierten Banditen, nicht den besten Ruf. In Mauretanien herrscht immer noch eine moderne Form der Sklaverei. Die Bevölkerung ist stark hierarchisch gegliedert: die Elite wird durch die weissen Mauren, den Bidhan gebildet, während die dunkelhäutigen Haratin oftmals Sklaven als Vorfahren haben. Man bekommt das im Land zu spüren, die Leute sind zurückhaltender als in Marokko.

Von Nouadhibou aus fährt der berüchtigte Eisenerzzug ins Landesinnere nach Zouérat. Er ist mit rund zwei Kilometern, 200 Waggons und bis zu vier Lokomotiven einer der längsten und schwersten Züge der Welt. Der Sahara-Sand ist dabei das grösste Hindernis. Entsandungstrupps sind alle Hundert Kilometer stationiert. Der Verschleiss von Geleisen und der Züge ist sechsmal grösser als unter normalen Umständen. Eine Fahrt auf diesem Zug – gratis in einem der Eisenerzzwaggons – muss ein einmaliges und anstrengendes Erlebnis sein und schüttelt alle Knochen richtig durch. Ich verzichte auf die Rüttelparty und fahre zur Hauptstadt weiter.

Auf der Strecke Nouadhibou – Nouakschott passiert man alle 50 bis 80 Kilometer einen Checkpoint der Gendarmerie Nationale. Ich händige jeweils die „fiche de renseignements“ mit meinen persönlichen Daten aus. Die Bevölkerung ist alarmiert und informiert umgehend die Gendarmerie über die Anwesenheit unbekannter Personen, einschliesslich Velofahrern. Beeindruckend. „Bei Kilometer 42 hast Du Tee getrunken, nicht wahr? An der Tankstelle bei Kilometer 67 hast Du eine Cola gekauft ?“ Solche Bemerkungen der Gendarmes sind nichts Aussergewöhnliches. Auch tagsüber sind mobile Einheiten auf Patrouille. Oft halten sie an und erkundigen sich nach meinem Wohlbefinden. Sicherheitshalber zelte ich jeweils bei den Postes de Gendarmerie. Eine andere Wahl habe ich eh nicht, da sie mich am späten Nachmittag bzw. abends nicht mehr weiterfahren lassen.

Die Hauptstadt Nouakchott ist der Inbegriff einer unkontrolliert wachsenden Stadt mit mangelhafter Infrastruktur. 1959 ist die Stadt im Zuge der Unabhängigkeit hastig für 30‘000 Einwohner geplant worden. Heute wohnen bzw. hausen hier mehr als eine Million Menschen, darunter sehr viele landflüchtige Nomaden.

Immerhin gibt es hier eine tolle Herberge, in der man auf viele andere „Overlander“ trifft. So auch auf die zwei Italiener Fabrizio und Paolo, Cousins aus den Abruzzen, ebenfalls mit dem Rad unterwegs. Es sind die ersten „richtigen“ italienischen Tourenfahrer, die ich in den letzten Jahren angetroffen habe. Und auch die ersten mir bekannten Tourenfahrer, die täglich mindestens eine Packung Zigaretten qualmen. Aber auch der Dokumentarfilmer Tommaso Cotronei, der eine Reportage über den Eisenerzzug drehen wird und Ivo, ein anderer 55-jähriger Italiener, haben sich in der Auberge Menata eingefunden. Eine richtige italian connection. Und da Tommaso ein fettes Stück Parmesan mitgenommen hat, nutzen wir die Gelegenheit und kochen feine Pasta.

Nouakchott scheint, obschon nicht sonderlich attraktiv, meine Stadt zu sein: überall sind Mauris zu sehen: Mauritel, Mauriart, Mauritrac, Maurigraph, Maurilab, Mauripressing, Mauricenter. Unglaublich, in welchem Zustand gewisse klapprige und völlig verrostete Autos, die jeden Moment auseinanderfallen zu drohen, hier noch ihren Dienst verrichten. Sehenswert in Nouakchott ist immerhin der Port de Pêche, ein Strandhafen, in dem auf einer Länge von über einen Kilometer die farbigen Fischerboote, die Pirogen, aneinandergereiht werden und nachmittags vom Fischfang zurückkehren. Über Rollen werden die Boote von Hand an Land gezogen. Der Fischfang wird auf Eselskarren verladen und zur Verkaufshalle gebracht. Dieser soll, zumindest für die Einheimischen, in den letzten Jahren zurückgegangen sein. Mauretanien hat vor Jahren der EU ein unbeschränktes Fischfangrecht eingeräumt – für jährlich rund 62 Millionen Euro. Der Fischfang bildet heute die wichtigste Einnahmequelle von Mauretanien.

Von Nouackchott fahren Fabrizio, Paolo und ich zusammen los. Von der Sahara geht es fliessend in die Landschaft der Dornsavanne des Sahel über. Wir übernachten im berüchtigten Grenzort Rosso.“ Ein Ameisenhaufen, aber von denen die stechen“, laut einem professionellen französischen Autoschieber. Wir fahren danach einem Damm entlang bis nach Diama. Eine tolle Etappe, entlang des Senegalflusses und von Sumpfgebieten, eine Brutstätte für viele Zugvögel. Wir befinden uns im Nationalpark Diawling. Und kurz vor der Grenze zu Senegal werden wir zur Kasse gebeten, da wir schliesslich durch den Park gefahren sind. Wenige Minuten vorher weiss ich das noch nicht, als ich für ein Landschaftsfoto anhalte. Ein Toyota Pick-Up hält brüsk vor mir an, ein Gendarm springt raus und ruft mir laut und aggressiv zu, was mir denn einfalle. Es sei strengstens verboten hier zu fotografieren. Er müsse die Kamera beschlagnahmen, ich müsse mitkommen auf das Kommissariat und das käme mir teuer zu stehen. Openair-Theater ohne Zuschauer bzw. Zeugen. Ich brauche einige Momente, bis ich realisiere, dass er seine Rolle gut spielt und muss mir schon fast das Lachen verkneifen. „50 Euro“ wolle er, dann könne ich gehen. Ich bleibe ruhig, entschuldige mich höflich für meinen Faux-pas, meine nur, dass ich weit und breit kein Gebäude, schon gar kein militärisches sehe, das Fotografierverbot daher alles andere als offensichtlich sei, wir schliesslich in einem Nationalpark seien, wo rudelweise Warzenschweine über den Weg laufen und viele Vögel beobachtet werden können. Mindestens drei Mal sei mir ein Rudel Warzenschweine über den Weg gelaufen. Und erst recht die Flamingos. Ob er auch welche gesehen habe, das seien ganz tolle Tiere. Und übrigens habe ich den ganzen Tag kein einziges Schild mit Fotografierverbot gesehen. Kurz: ich labere ihn voll. „30 Euro und ich könne gehen“. Nein, ich offeriere ihm eine halbe Packung Biskuits und bleibe standhaft, bis er von seinem Einschüchterungsversuch loslässt und davonfährt. Schade um den guten Ruf der zahlreichen Gendarmes, die sich stets um meine Sicherheit gekümmert haben.

Senegal ist dann eine angenehme Abwechslung: die Leute sind sehr freundlich und höflich. Die Dörfer sind gepflegter. Der Abfall wird nicht mehr neben den Häusern sondern auf der gegenüberliegenden Strassenseite entsorgt. Wir bleiben einige Tage in St. Louis, dem “Venedig Afrikas”. Genau genommen unweit der Hydrobase, wo in den 30-Jahren die Aéropostale Halt machte. St. Louis ist 1658 von den Franzosen gegründet worden und steht heute unter UNESCO-Schutz. Ich verbringe zwei Tage mit den Brüdern Daouda und Mukhtar, die dem Verein „Espoir des enfants de la rue de St. Louis“ vorstehen. Sie kümmern sich um bettelnde Strassenkinder, um die „talibés“, die hier in städtischen Gebieten sehr häufig zu sehen sind. Die talibés laufen in zerrissenen, dreckigen Kleidern, barfuss, mit Betteleimern umher. Sie sind Opfer einer alten senegalesischen Tradition: jede Familie hat einen Sohn einem „Marabout“, einem Koranlehrer anzuvertrauen, der die Verantwortung übernimmt und ihn den Koran beibringt. Der Marabout hat das Recht, die Kinder für sich arbeiten zu lassen und sie auf die Strasse zum Betteln zu schicken. Bringen sie den geforderten Betrag nicht „heim“, werden sie häufig misshandelt. Heutzutage werden Kinder ganz einfach zum Marabout geschickt, weil die Eltern sie nicht mehr ernähren können. Der Marabout muss sich aber um derart viele Kinder kümmern, dass eine Fürsorge schlicht nicht mehr möglich ist. Der Staat stellt immerhin Häuser, Daara, zur Verfügung.

Daouda und Mukhtar versuchen, erste Hilfe zu leisten, Wunden zu versorgen, die Kinder zu unterrichten und ihnen soweit möglich, Essen und Kleider zu beschaffen. Sie beherbergen auch Ausländer, die während Tagen oder Wochen in den verschiedenen Häuser der Marabouts helfen. Freiwillige Helfer sind bei Ihnen stets willkommen.

Weihnachten verbringen wir einige Kilometer weiter südlich, im Nationalpark Langue de Barbarie. Hier befindet sich ein Campement, die Zebra-Bar. Ein beschaulicher, ruhiger Ort inmitten von Palmen und Akazien, von einem Schweizer Paar vor 15 Jahren gegründet. Man trifft hier auf andere ganz normale Leute, wie etwa die pensionierten Ron und Linda aus England, die mit ihrem Morris Minor, Jahrgang 1953, nach Südafrika unterwegs sind.

Oder Chris und Sue, ebenfalls Engländer, und gleichfalls auf dem Weg nach Südafrika. Sie haben ihren Heissluftballon mitgenommen und fliegen diesen in jedem Land, das sie bereisen. Mit oder ohne behördliche Bewilligung. Entweder landen sie auf den Boden oder im Gefängnis. Beides haben sie schon zur Genüge erlebt.

Silvester werde ich in Dakar verbringen. Bei einem sehr gastfreundlichen Auslandschweizer, Sacha, der ebenfalls viele Velotouren unternommen hat und hier in einer Kunstgalerie arbeitet.

An dieser Stelle sei noch erwähnt, dass aufgrund der Sicherheitslage in Mali – es gab unweit des Pays du Dogon Entführungen Ende November – Helvetas und ich beschlossen haben, den Projektbesuch und die Spenden auf Benin zu verlegen. Ich hoffe, dass dies im Sinne der zahlreichen Spenderinnen und Spender ist, die jedenfalls noch persönlich von Helvetas kontaktiert werden. Ich hoffe auf Euer Verständnis. So, und spätestens jetzt ist Zeit, den Champagner kühlzustellen, um auf ein zufriedenes und erfülltes Jahr 2012 anstossen zu können. Bis bald, Maurizio.

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