Peru

Ausangate Traverse

In Cusco, der Hauptstadt der Inkas, deponiere ich rund vier Kilo Gepäck im Guesthouse. Für den Ausflug in die Gegend des Ausangate möchte ich möglichst leicht unterwegs sein. Auf diese Ausfahrt freue ich mich schon lange. Drei Stunden Busfahrt und drei Tage Bikepacking vom Feinstein. Das Leckerbissen sieht übrigens so aus: auf den ersten 30 Kilometern sind 1´500 Höhenmeter zu erklimmen, grösstenteils auf Wanderpfaden.
In Tinke verpflege ich mich, kaufe noch etwas Brot und Früchte ein und breche frohen Mutes auf. Es geht streng bergauf. Schon nach wenigen Kilometern ziehen wie üblich die nachmittaglichen Gewitterwolken auf, pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk. Bei einem der letzten Häuser fälle ich die Entscheidung: Zelt aufstellen. 
In dieser abgeschiedenen Gegend sollen Velofahrer und Wanderer regelmässig bestohlen werden, so etwa ein Tourenfahrer. Eigenartig, weil die Erfahrung zeigt, dass in dichten Siedlungsräumen die Kriminalität am grössten ist. Handelt es sich bloss um Kinderstreiche oder sind es die Berggeister, die Rache an die westlichen Touristen nehmen, die zu Tausenden tagtäglich Macchu Picchu in Beschlag nehmen?
 Ich gehe auf Nummer sicher und will deshalb, solange noch Häuser in Sichtweite sind, mein Zelt bei Einheimischen aufstellen. Alejandro, 32 Jahre alt, Vater von fünf Kindern, Alpaca-Züchter und Bergführer, meint, dass er auch Zimmer vermiete. Für einen Obolus von 10 Soles (3 Franken) wird mir ein Bett hergerichtet und ich kann beruhigt den Hagelsturm vorbeiziehen lassen. Ich bin bereits auf fast 4’300 Meter über Meer.
Während Alejandro später in die Stadt fährt, begleite ich seine Frau und die Tochter Viky, wie sie ihre Alpacas und Schafe eintreiben und spiele mit den Kindern Fussball.
Der jüngste Sohn führt mir stolz vor, wie er ein ausgedientes Laufrad mit einem Stück Draht lenkt. Ein Spiel, das ich oft in Afrika beobachtet habe. Ich kann die Faszination der Kinder für rollende Laufraeder sehr gut verstehen. 
Ich bin mir nicht sicher, ob die Familie bereits zur Ethnie der Q´eros gehört. Die Frauen tragen hier jedenfalls ihre traditionelle, bunte Kopfbedeckung und das Kleinkind auf dem Rücken, eingewickelt in farbige Tücher. Die entlegenen Dörfer der Q´eros liegen auf über 4´400 Meter in der schneebedeckten Vilcanota-Gebirgskette. Ich werde später einem solchen Weiler begegnen.
Die Menschen leben in ganz schlichten Lehmhütten in einfachsten Verhältnissen. Die Q´eros führen ihre Herkunft auf die ersten Inka zurück und waren die einzigen, die sich vor der Invasion der Spanier retten und ihre Traditionen bewahren konnten. Sie gelten als lebendige Zeugen einer vergangenen Inka-Kultur. Verehrt werden die Mutter Erde – Pachamama – und Berggeister, die Apu. Darunter der mächtige Apu Ausangate. Majestätisch ragt er im Hintergrund auf, während die Alpakas grasen und sich auf eine frostige Nacht vorbereiten. 
Der freundliche Alejandro lässt mir zum Morgenessen eine Omelette, Käse, Kartoffeln und einen Mate de coca zubereiten, will aber nichts dafür. Bei Sonnenschein fahre ich direkt dem Ausangate zu. Mit 6´384 Metern ist er der höchste Gipfel der Cordillera Vilcanota. Erstmals wurde er 1953 von einer Gruppe Bergsteigern, einschliesslich Heinrich Harrer, bezwungen.
Nach einigen Kilometern gelange ich nach Upis, wo sich Thermalbäder befinden und heisse Quellen blubbern und Schwefelgeruch ausbreiten – und eben auch ein Velofahrer bestohlen wurde – Link. Jetzt fängt die Trekkingroute an und für mich “hike a bike”. Ich bin wortwörtlich erleichtert, einige Kilos Material in Cusco deponiert zu haben. Fahren ist nicht mehr möglich, immerhin muss ich das Stahlross nicht tragen, sondern kann es noch stossen und schieben. Zu meiner Linken türmt sich das vergletscherte Felsmassiv auf. Der Anblick entschädigt für die Strapazen. 
Auf dem ersten Pass, dem Abro Arapu auf 4´800 Metern, geniesse ich die Aussicht. Ein Bergführer mit seinen drei Pferden kommt mir entgegen. Er komme grad vom Rainbow Mountain, ein bei Touristen beliebtes Ausflugsziel, das von Cusco aus in einem Tag absolviert wird.
Es ist Mittag und Wolken ziehen wie bestellt auf. Ich fahre einem Alpaka-Trampelpfad runter, bin unschlüssig, ob ich das Zelt aufstellen soll. Ich wage es, trekke runter bis zur Laguna Pucacocha, wo ich zu allem Übel einen Fluss furten muss. Mittlerweile bin ich geübt darin – Island sei Dank. Das Rad dient als Stütze für meine Arme und wird vorsichtig nach vorne bewegt, während ich meine Füsse von Stein zu Stein balanciere. 
Mit Erleichterung mache ich am Himmel blaue Flecken aus. Die dunklen Wolken verziehen sich und ich kann den zweiten Pass, den Abro Apuchata (4´900 Meter) in Angriff nehmen. 
Wieder geht es ständig rauf, mit viel Kraft zerre ich das Rad über das unwegsame Gelände. In dieser Höhe ist Hektik fehl am Platz. Ich führe die Bewegungen in Zeitlupe aus, damit mir die Puste nicht ausgeht.
Es geht vorbei an Alpaka-Herden, die ruhig vor türkisfarbenen Lagunen grasen und ihre neugierig-vorsichtigen Blicke auf mich richten. Endlich erreiche ich ausgelaugt und müde nach fünf Uhr die Passhöhe.
Da es um sechs bereits dunkel wird, suche ich rasch einen Zeltplatz oberhalb der Höhe in einer Senke. Seit sieben Uhr morgens war ich unterwegs, habe nur kurze Essens-Pausen eingelegt, und bin dabei nur 23 Kilometer vorwärts gekommen. Ich stimme damit überhaupt kein Klagelied an. Im Gegenteil: inmitten dieser grandiosen Berglandschaft empfinde ich diese Mischung aus Anstrengung, meditativ-kontemplativem Vorwärtskommen und Einsamkeit als beruhigend und erfüllend. 
Die Nacht überstehe ich gut, trotz des gelegentlichen Krachens der Gletschermassen, das mich ab und zu erschaudern lässt. Wiederum ist der Himmel am Morgen klar. Die ersten Sonnenstrahlen beleuchten den Gletscher und ich geniesse meinen morgendlichen Kaffee und bin voller Freude auf die Aussicht – auf das Bergmassiv und die bevorstehende Abfahrt. 
Steil geht es runter zur Laguna Ausangatecocha. Sicherheitshalber wechsle ich vorher die Bremsbeläge aus. Alpakas fliehen vor mir. Vor der Kulisse aus Fels, Eis und Schnee geben sie schon fast ein kitschiges Bild ab. 
Der Weg führt mich nun zunächst durch ein Sumpfgebiet, danach entlang von Furchen, das von Lama- und Alpakaherden stammen. Die Berge im Hintergrund nehmen rötliche Farben an. 
Ich komme an einer Q´ero Siedlung (?) vorbei und begebe mich hinunter ins Tal, wo ich nach einigen Kilometern zur “Hauptstrasse” gelange. 
 
Auf dieser flachen Schotterpiste geht es nun mehrheitlich leicht bergab, entlang von Felsschluchten, Terrassenfeldern und verschlafenen Siedlungen.
Vor Pitumarca holt mich dann der Regen ein. Ich entscheide, noch bis zum Cusco-Puno Highway zu radeln, wo ich dann in einem Minivan rasch eine Mitfahrgelegenheit nach Cusco finde.
 
Zwei Stunden später, in strömendem Regen, bin ich wieder an der Plaza de Arma, umgeben von hochpreisigen Restaurants, McDonald’s, Starbucks, Wechselstuben, Reisebüros und Frauen, die den müden Inka-Trail-Wanderern Massagen anbieten. Fazit: ein kleines, aber äusserst eindrückliches Nutshell-Abenteuer! Man soll aufhören, wenn es am Schönsten ist. Deshalb werde ich nun bald Peru verlassen. Vorher werde ich aber noch ein von Eco-Solidar unterstütztes Projekt besuchen. Ich bin gespannt darauf! 
 
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Peru’s Great Divide

 
Endlich wieder auf dem Rad. Vorher gönne ich mir aber in Lima die beste Ceviche in town im Punto Azul. Die Wartezeit, bis man endlich an einen Tisch gesetzt wird, kann ich mit einem Pisco sour überbrücken. Raus aus Lima, rauf in die Berge auf der stark befahrenen Carretera Central. Von der Busstation Yerbateros raten mir alle dringlich ab, ein sehr unsicherer Ort. Ich nehme daher einen Minivan nach Chosica und von dort mit dem Bus nach San Mateo, einem kleinen Ort, in dem  Mineralwasser auf 3200 Metern abgefüllt wird. Nach einer Woche auf Meereshöhe spüre ich, wie der Sauerstoff knapp wird. Knoblauch und Koka-Blätter helfen mir, mich an die Höhe anzugewöhnen.
Ich will mich zunächst akklimatisieren, fahre deshalb am nächsten Tag nur 700 Höhenmeter und zelte bei der Plaza und der Schule des kleinen Dorfes Chocna. Ich hoffe, dass ich so einigermassen höhenfit bin für die nächsten Tage. Einzig mit dem freundlichen Gemeindearbeiter Maita komme ich ins Gespräch dieses 40-Seelen Dorfes. 
Ich fahre ein Stück auf der bei Tourenfahrern bekannten Peru’s Great Divide: Garant für einsame Schotterpisten, grandiose Berglandschaften und Höhenmeter bis zum Abwinken. Morgens ist es meist schön und klar. Am Vormittag ziehen dann Wolken auf, bis dann gegen ein oder zwei Uhr sich die ersten Regentropfen bemerkbar machen. Manchmal auch erst später. 
Ich komme relativ gut vorwärts und möchte gerne den Punta Ushuayca erklimmen. Am Morgen bleibt mir das Herz stehen. Ein Einheimischer auf einem Esel unterwegs treibt zwei Kühe und einen Stier vor sich her und befiehlt mir – zu meinem eigenen Schutz – “Bajate! El toro quiere cornear!”. Runter in die Böschung, der Stier ist nicht gut drauf. Sie überholen mich und als ich gemütlich vor mir herfahre, sehe ich plötzlich den Stier auf mich zurennen. Ich kann mich noch hinter einen Zaun retten. Puuh, Glück gehabt. 
Auf einer Höhe von 4´630 Metern, es ist erst ein Uhr, kommt dann in der Ferne ein Gewitter auf, ein Berggipfel in der Nähe wird innert kurzer Zeit eingeschneit.Soll ich noch weiter und es wagen, über die Passhöhe zu fahren? Blitze und das laute Donnern nimmt mir die Antwort rasch ab. Schnell stelle ich das Zelt auf. Und tatsächlich: etwa eine halbe Stunde später setzt Graupelregen und danach Schnee ein. Drei Stunden verbringe ich im Zelt, bis es endlich aufhört zu schneien. Ich muss immer wieder die Zeltwände von innen abklopfen, wenn das Zeltdach wegen des Schnees durchhängt. 
Ich krieche aus dem Zelt und das Schauspiel, das sich mir bietet, ist unbeschreiblich und gewaltig. Die Wolken haben sich teilweise verzogen, ich kann die umliegenden Berge, alle frisch verschneit, in der Abendsonne bewundern. Die Lichtstimmungen ändern schnell und ich kann mich nicht sattsehen. Imax hoch zwei.
Ich befinde mich ganz alleine inmitten dieser grandiosen Landschaft, fühle mich zufrieden, erfüllt und gleichzeitig ehrfürchtig. Ein besonderer Moment, unvergesslich. Die untergehende Sonne verfärbt den Himmel in Gelb-, Violett- und Blautöne.
Als die Sonne ganz untergegangen ist, mache ich mich rasch daran, einen Tee und eine Nudelsuppe zuzubereiten. Schnee zum Wasserschmelzen gibt es ja genug. Am nächsten Morgen ist der Himmel klar, dafür ist es umso eisiger mit etwa minus 7 Grad.
Der schwierigste Moment ist, wenn ich aus dem warmen Schlafsack herauskriechen muss. Doch der Himmel ist klar, sobald die ersten Sonnenstrahlen scheinen, fühle ich, wie es wärmer wird.
 Ich geniesse es, durch die verschneite Landschaft zu radeln, noch die letzten 300 Höhenmeter bis zum Pass Ushuayca auf 4´930 Metern zu erklimmen.
Auf der anderen Seite scheint es nicht so stark geschneit zu haben. Die Berglandschaft ist auch hier überwältigend, es folgt eine Lagune und danach eine langgezogene Abfahrt. 
Von der kleinen Ortschaft Tanta folge ich dem Rio Cañete und dem Flusstal. Der Fluss ist eine Aneinanderreihung von kleinen türkisfarbenen Lagunen und Wasserfällen, sicherlich eines der Höhepunkte dieser Strecke.
Zwischen Tanta und Vilca wird derzeit eine Strasse gebaut, bis vor einigen Jahren war dies ein reiner Singletrack. Nur noch ein Kilometer, bis Vilca direkt angebunden ist. In wenigen Wochen wird der Singletrack ganz verschwunden sein, dafür sparen sich die Einwohner einen Umweg von 3 Stunden.
In Vilca angekommen, gönne ich mir eine “trucha”, eine Forelle. Im Hintergrund eine alte Steinbrücke aus Kolonialzeiten und ein Wasserfall. Es finden sich hier in der Gegend überall Fischzuchten.
Ich folge weiter dem Cañete Tal, komme vorbei an wunderbaren Lagunen, etwa die Lagune Huallhua. 
Huancaya ist ein kleines touristisches Dorf, von wo aus Wanderungen zu den Lagunen, Wasserfällen und Felszeichnungen unternommen werden. Es sind aber nur einheimische Touristen, denen ich hier begegne.
Es scheint im Dorf irgendeine Festlichkeit abgehalten zu werden, ein Jubiläum. Auf dem Sportplatz hat sich die übliche Blaskappelle eingefunden. Grillstände, Schaulustige und einige Persönlichkeiten in Anzug und Kravatte, die eine Weinflasche herumreichen, vervollständigen das Bild. 
Irgendwannn erreiche ich eine Asphaltsstrasse und steige nun wieder rauf von rund 3´000 auf 4´000. Eine enge, sehr kurenreiche, gleichmässig steigende Strasse, herrlich zum Befahren. Hohe, steile Felswände, die es dem GPS verunmöglichen, ein brauchbares Signal zu empfangen. Highlight ist dann ein enger Cañon.
Als es anfängt zu regnen, erreiche ich die winzige Ortschaft Tinco de Yauricocha. Während vier Frauen vor dem Dorfladen Socken stricken, macht ein Einheimischer auf die riesige Fussgänger-Hängebrücke aufmerksam.
Die 1948 erbaute Brücke diente dazu, das Erz der Minen über das Tal zu transportieren. Dieses wird heute auf dem Landweg transportiert und die Brücke ist nun für Fussgänger geöffnet.
Am nächsten Morgen lasse ich mir das Schauspiel nicht entgehen und steige rauf, um über die fast einen Kilometer lange Brücke zu laufen. Es ist übrigens die höchstgelegene Fussgängerbrücke. 
Ich breche hier meine Treterei ab, denn ich will mich nun Richtung Altiplano bewegen. In eineinhalben Tagen anstrengender Busfahrt fahre ich bis nach Cusco, der ehemaligen Inka-Hauptstadt.
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Auf Projektbesuch in Peru

 
Der Bus von Cuenca kommt puenktlich um drei Uhr in Huaquillas, der Grenzstadt auf der ecuadorianischen Seite, an. Wenige Hundert Meter und ich waere in Peru. Jedoch ist der Grenzposten vor einigen Jahren ausgelagert und ausgebaut worden. Und so muss ich rund 8 Kilometer zurückfahren zum offiziellen Grenzuebergang, über eine Stunde warten, bis ich endlich nach Aguas Verdes einreisen kann und mich mit Jose von Prominnats treffen kann. Prominnats ist ein Programm von Ifejant, einer Partnerorganisation von EcoSolidar und steht für  Programa de microfinanzas de los ninos, ninas y adolescentes trabajadores. 
 
Der Grenzort kommt mir vor ein bunter Ameisenhaufen: sehr umtriebig, geschaeftig, dreckig. Kein Ort um sich wohlzufuehlen. Viele sind hier auf der Durchreise, die Hotels ueberteuert und laut. Es ist ja keine Feriendestination. Immerhin gibt es auf der peruanischen Seite ein Casino – Glueckspiele sind in Ecuador verboten. Auf den Strassen wimmelt es nur so von Menschen, die zwischen Ecuador und Peru pendeln. Geldwechsler soweit das Auge reicht. Auf dreiraedrigen Fahrraedern (triciclos) oder Motocargera werden meterhoch Waren gestapelt und hin und her transportiert. Gerade viele Waren sind wegen der Steuern in Ecuador einiges teuerer als in Peru – Autofelgen kosten das Dreifache.
Fliegende Strassenhändler überall. Verkauft werden Kuchen, Fruchtsäfte, Maiskolben, Socken, Naturheilprodukte. Einer bietet sogar frische Ziegenmilch an und läuft mit seinen zwei Ziegen umher. Abends werden Kleidersstände abgebaut und die Garküchen machen sich dann breit, währenddem der Dreck des Tages von Gemeindeangestellten aufgesammelt werden. Vor einigen Jahren verlief hier die Panamericana und man mag sich gar nicht vorstellen, um wieviel lauter, stickiger und enger das Leben hier gewesen sein muss, als Kolonnen von Trucks, Bussen und Fahrzeugen tagsüber und nachts vorbeizogen, ganz zu schweigen von den langwierigen Zoll- und Grenzformalitäten. Der Grenzübertritt Huaquillas – Aguas Verdes ist der grösste im Norden Perus.
Ich kann den von Prominnats unterstützten vierzehnjaehrigen Ruben begleiten. Nachmittags, ausser Sonntag, geht er zur Schule. Am Morgen arbeitet er. Mit einer einfachen Schubkarre verdingt er sich und transportiert allerlei Waren zischen den beiden Laendern: Bananen, Weinkartons und Whisky. Obwohl Kinderarbeit offiziel verboten ist, macht es keinen Sinn, über die Realitaet hinwegzusehen. Prominnats und Ecosolidar wollen daher die Kinder in ihren Rechten stärken, sie unterstützen und begleiten, damit sie nicht ganz unter die Räder kommen. Wenn sie schon arbeiten, sollen sie zumindest mit einem Teil des Ersparten in ihre Zukunft investieren können. Gespräche mit den Eltern, der Schule und der Gemeinde sind daher notwendig und wichtig.  
An guten Tagen könne er bis zu 15 Dollar einnehmen, an weniger guten nicht mal die Hälfte. Am Wochenende, wenn am meisten los, laufen die Geschäfte gut, meint er. Mit Hilfe von Prominnats hat er sich eine “carreta” fuer rund 200 peruanische Soles (rund 60 Dollar) anschaffen können. Vorher habe er sich jeweils fuer drei Soles pro Tag eine borgen müssen. Noch drei Jahre muss er zur Schule, bis er die Sekundarstufe beendet hat. Danach möchte er, wie viele andere, Polizist werden. Dazu muss er einen Vorbereitungskurs belegen, fünf Monate lang, 100 Dollar pro Monat, die Eintrittsprüfungen schlagen mit 150 Dollar  zu Buche. Er gibt sein verdientes Geld der Mutter ab, die einen Teil anspart, damit er sich später seinen Traum erfuellen kann. Der Vater kann als Nachtwächter einer Crevettenzucht die Familie nicht alleine ernähren. Die Mutter betreibt im Aussenbezirk von Aguas Verdes einen kleinen Lebensmittelladen. 
Am nächsten Tag besuche ich Elder, einem 14-jährigen Burschen aus einem Armenviertel.  Die sechsköpfige Familie lebt sehr einfach. Elder ist der jüngste von vier Kindern, er wirkt für sein Alter reif, gefasst und fühlt sich von meinem Besuch geehrt. Der Vater transportiert Waren mit einer “tricicla”, die Mutter ist Hausfrau. Die Wände der Behausung sind aus Backsteinen, Bambusrohren und Karton, das Dach aus Wellblech. Die Einrichtung verdient den Namen armselig: eine alte Sofagruppe, ein paar Stühle, Tisch, ein Gestell mit Röhrenbildschirm, kitschiger Dekoration und ein paar Habseligkeiten. In der Küche laufen Hühner, Küken und eine Ente umher. Hier schält er die Knoblauchzehen, nachdem er morgens um 6.30 seine Ware an Stammkunden abgeliefert hat.  Um Mittag nimmt er sich für einen Sol eine Moto und geht danach zur Schule. Ab und zu spielt er draussen schon gerne Fussball und er hat eine Freundin, mit der er sich dann und wann trifft. Auch er möchte gerne später Polizist werden und wird auf dieses Ziel hin sparen. 
 
Elder hat vor Jahren angefangen, einen Handel mit Knoblauch aufzuziehen. Er kauft einen 50 Kilogramm Sack von Knoblauch, der Preis variiert je nach Saison von $ 80 bis 140. Er schält danach in mühsamer Handarbeit die Knoblauchzehen und verkauft sie im Detailhandel und in der Gastronomie weiter mit einer fast doppelten Marge. Montag ist der mit Abstand umsatzstärkste Tag, weil nach dem konsumfreudigen Wochenende der Bedarf an Knoblauch am grössten ist. 
Mit dem Bus fahre ich von Tumbes nach Lima in 23 Stunden in einem modernen Bus mit Liegebetten. “Lima la horrible” weist ein heisses Wüstenklima auf, dass allerdings durch den kalten Humboldtstrom abgekühlt wird. Dieser sorgt im Winter (d.h. im Mai bis Oktober) auch durch die Wasserkondensation dafür, dass oft ein Küstennebel herrscht, der die ganze Stadt umhüllen kann. Nachdem ich mich im Geschäftsquartier San Isidro in einer Jugendherberge einquartiert habe, treffe ich mich anderntags bereits mit Julio Ancajima von Prominnats-Ifejant, der Partnerorganisation von EcoSolidar, im Distrikt Villa Maria del Triunfo und im Quartier Nuova Esperanza. Grösser könnte der Gegensatz der Quartiere nicht sein.
Hier befindet sich ein grosses Armenviertel von Lima. Die teils bunten einfachen Häuser sind dicht an den Hängen der kargen, staubigen Hügel gebaut. Die ruppige, staubige Strasse wird von Mototaxis und Kleinbussen angefahren. In einem der “Asentamientos humanos”, eines der Wohnviertel mit Namen wie Heroe del Senepa, Chacon, Maya und 8 de ottubre, liegt die von Prominnats geführte Casita de Cultura. Ein Hort, eine Schule, ein Versammlungsraum, ein Zufluchtsort, ein Lichtblick für die Kinder.
Neun Kinder aus den umliegenden Vierteln haben sich ebenfalls eingefunden. Nach einer Vorstellungsrunde klären sie mich über die verschiedenen Tätigkeiten auf, wie etwa Tanzen, Volleyball, Filme, Spiele, Handwerk, Zeichnen, Fussball oder Hütedienst auf. Die Kinder haben sich selber zu organisieren, und wählen für jede Tätigkeit eine Verantwortlichen. Die Kinder geben bereitwillig Auskunft. So erzählt uns der zehnjärige Raimundo, wie sie in der Pasteleria, einer Backstube, Kuchen und Muffins backen, die Zutaten einkaufen, ausrechnen, wie viel Gewinn sie erwirtschaften und diesen dann – nach demokratischer Abstimmung – sinnvoll eingesetzt wird. 
Die Kinder lernen neben den handwerklichen Fertigkeiten noch weitere Qualitäten. Sie üben sich darin, Verantwortung zu übernehmen, alle miteinzubeziehen, Entscheide zu diskutieren und zu fällen, diese umzusetzen, einzuhalten und sich gegenseitig zu kontrollieren. Und offenbar macht es Ihnen Spass und sie blühen teilweise richtig auf. Die Casa de Cultura wurde vor rund zehn Jahren von freiwilligen Kanadiern gegründet und fortlaufend verbessert. Im Zuge der Zeit wurde sie als Schule anerkannt und ist dieses Jahr baulich abgeschlossen worden und heute in einem guten Zustand.
Wir ziehen eine Runde durch die Wohnviertel, besuchen das Haus (bestehend aus einem grossen Zimmer) der Familie von Raimond. Obschon Raimond auch zu Hause mitarbeiten muss, nimmt er seine Pflichten aus dem Programm Prominnats sehr ernst. Dies freut den Vater, der die Familie mit Maurerarbeiten über die Runden bringt, sehr. 
Alle zwei Wochen müssen sie Wasser kaufen und ihren Tank von 1´100 Liter befüllen, das von einem Tanklastwagen transportiert wird. 45 Sol kostet eine Füllung (rund 15 CHF). Für eine sechsköpfige Familie ergibt dies ein Wasserverbrauch von 13 Litern pro Person und Tag. Einiges weniger als die 300 Liter in der Schweiz. 
Wir unternehmen einen Ausflug “ins Grüne”, verlassen das Armenviertel und kommen in ein staubiges Gebiet, wo man mühsam versucht, Kaktusfeigen und Kürbisse anzupflanzen. Im Hintergrund sehen wir die riesige Zementfabrik. Edgar, 11 Jahre alt, bekundet eher Mühe damit, Anweisungen zu befolgen. Dafür ist er ein Organisationstalent, möchte, dass sich alle in irgendeiner Form beteiligen. Für unseren Ausflug hat er eine Decke mitgenommen, um die mitgenommen Früchte, Brote, Fruchttsäfte und Süssigkeiten auszubreiten und er macht sich daran, alles gerecht zu verteilen und reicht mir als Gast jeweils als Erster das Essen.
Rosita und Sheyla, 12 und 11 Jahre alt, erzählen mir von den Problemen: kein Zugang zu Wasser, die Abfallentsorgung, eine schlechte Gesundheitsversorgung und die “pandilleros”, Diebe und Räuber. Nach dem gemeinsamen Lunch spielen die Kinder mit einem Ball, rennen umher und es rührt mich zu sehen, wie unbekümmert und froh sie sind. Sie sind hier aufgewachsen und kennen keine andere Umgebung, erhalten durch ihre Tätigkeit in der Casa de Cultura Wertschätzung und einen würdevollen Umgang. Zudem haben sie eine sinnvolle Beschäftigung und kommen nicht in Versuchung, in die Kriminalität abzurutschen.  Wir haben die Zeit längst überschritten und laufen wieder zurück, schweren Herzens verabschieden wir uns. Sie fragen mich, wann ich wiederkomme. Ich bin sehr gerührt und beeindruckt von der Begegnung mit diesen Kindern.
Andertangs begleitet mich Julio Angajima von Ifejant in das nördlich gelegene Quartier Puente Piedras. Dort besuchen wir die Schüler der Schule Jose Antonio Encinas, die am Nachmittag in der Backstube Muffins herstellen. Das Quartier ist etwas gepflegter als dasjenige von Villa Maria del Triunfo, doch die Menschen wohnen hier auch in sehr einfachen Behausungen, an steilen Hügeln am Rande der Stadt. 
Für mich waren es sehr spannende, aufwühlende und ergreifende Momente, die ich hier in Peru mit diesen Kindern erleben durfte. Ich bin beeindruckt von deren Willen, Motivation und Begeisterung. Ich werde daher gerne EcoSolidar mit einem Betrag unterstützen. Und es würde mich sehr freuen, wenn noch weitere sich ebenfalls solidarisch zeigen und zumindest für ein paar wenige Kinder ein Lichtblick ermöglicht wird, um vielleicht eines Tages aus dieser Armut ausbrechen zu koennen.
 
  • Mit 40 Franken ermöglichst Du einem arbeitenden Kind, während eines Jahres den regelmässigen Besuch eines Kurses, in dem es über seine Rechte aufgeklärt wird und einen geschützten Rahmen für seine Anliegen findet.
  • Mit 70 Franken unterstützt Du die Weiterbildung einer freiwilligen Person, die lokal arbeitende Kinder betreut und unterstützt.
  • Mit 100 Franken ermöglichst Du einen Workshop, in dem sich arbeitende Kinder aus einem Armenviertel austauschen und organisieren können. 

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