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Namibia

Rooibos, Richtersveld und Regenbogen

Mittlerweile bin ich an der Südküste in der Ortschaft Hermanus angelangt. Mein Freund Ig hat mich von Franschhoek aus bis hier begleitet. Wir sind skeptisch, das Wetter sieht nicht verlockend aus. Auf dem Franschhoekpass holen uns Wolken und Nieselregen ein, verpassen uns eine Dusche. Leider keine Aussicht auf das Weingebiet. Sturmböen fegen uns auf der Abfahrt fast vom Sattel. Glücklicherweise reisst kurz später der Himmel etwas auf, ein majestätischer Regenbogen baut sich vor uns auf. ­Starker ­­­­­­­­­­Rückenwind und einige Sonnenstrahlen sorgen dafür, dass wir im Nu wieder trocken ­sind. Auf der Brücke über einen Stausee schieben wir das Velo, der Seitenwind ist zu heftig. Danach folgt eine Fahrt durch abgeschiedene Täler und Weinhügel, bis wir nach 90 Kilometern die Küste und Hermanus erblicken. Hermanus ist, wie oft angepriesen wird, die weltweit beste „land-based whale watching destination“. In diesen Monaten sind vom Land aus viele Wale zu sehen. Kurz vor 14 Uhr fängt es, wie vorhergesagt, an zu regnen. Perfektes Timing. Ig lädt mich im Restaurant Burgundy zu feinem Fisch ein. Er gibt mir die Schlüssel zu seinem gepflegten Strandhaus. „Bleib solange, wie Du willst“, bemerkt er, bevor er mit seinem „bakkie“, seinem Landcruiser, wieder zurück fährt.
Namibia liegt nun schon eine Ewigkeit hinter mir, und doch scheint es mir, als sei ich erst gestern in der Schweiz gestartet. Tatsächlich bin ich nun schon über ein Jahr lang unterwegs. Und habe immer noch keinen Elefanten gesichtet ! Nicht weiter schlimm, denn die zahlreichen Begegnungen mit den Menschen hier in Afrika sind mit das Schönste, was ich erlebt habe. Die Heimreise – per pedales – werde ich in ein paar Tagen antreten, wenn ich den südlichsten Punkt des afrikanischen Kontinents erreicht haben werde.


Doch zurück nach Namibia und Swakopmund. Dort kommen Wolfgang und ich in einem Backpacker unter, wo wir unsere Zelte im Garten aufstellen. Mitten in der Nacht will sich ein Besoffener Zugang zu Wolfgangs Zelt verschaffen, in der Absicht, seiner Liebsten ein Toastsandwich zu kredenzen. Wolfgang verjagt den Besoffski. Dieser ramponiert die Zeltstangen, nützt das Waschbecken in der Küche, um sich zu übergeben. Nächstentags stellt Wolfgang den Übeltäter – eine Gummilatsche hat er als corpus delicti behalten – und macht erfolgreich an Ort und Stelle seine Schadenersatzforderung geltend. Etwas unter Zeitdruck, nimmt sich Wolfgang ein Mietauto. Ich fahre bis Sesriem mit. Dort wird die nächste Episode seiner Zeltgeschichten geschrieben. Wir sind gerade am Kochen, als mit einem kräftigen Windstoss sein Zelt samt Heringen davonfliegt. Zum Glück nicht allzu weit weg, doch das Aussenzelt hat einen Riss abbekommen. Mein Zelt hält dem stürmischen Wind zwar wunderbar stand, dafür türmen sich drinnen die Sanddünen auf.


Die Sanddünen des Sossusvlei liegen innerhalb des eintrittspflichtigen Namib Naukluft Parks. Ausserhalb des Parks zu übernachten hat den Vorteil, dass auf dem Camping doppelt soviel bezahlt wird wie innerhalb und der Eintritt in den Park überdies erst eine Stunde später gewährt wird (erst um 6:45) und Touristen mit einem Minimum an  fotografischem Ehrgeiz garantiert das frühe Morgenlicht im 63 Kilometer entfernten Sossusvlei verpassen. Besten Dank an die Touristeninformation in Swakopmund ! Wolfgang verabschiedet sich, fährt zurück nach Swakopmund, ich wechsle Zeltplatz. Am nächsten Tag fahre ich mit Claudia und Marco, einem jungen Paar aus dem Tirol rein. In der Dunkelheit starten wir, vor uns steht bereits ein Konvoi von 4×4 und Touristenbussen ungeduldig Schlange. Marco stammt aus der gleichen Ortschaft wie Gerhard Berger, dem Ex-Formel Eins Fahrer. Er will ihm wohl alle Ehre erweisen, fährt trotz Geschwindigkeitsbegrenzung ­­­­­sehr beherzt und redbullmässig. Sein Ford Fiesta führt nach wenigen Kilometern bereits den Konvoi an. „To finish first, first you have to finish“, heisst es in Motorsport-Kreisen. Bei einer Flussdurchfahrt (ein Fluss meint in Namibia meist ein ausgetrocknetes Flussbett) halten sich ein paar Springböcke am Wegesrand auf. Hic et nunc ! Einer meint, uns seine Sprungkünste auf der Strasse vorführen zu müssen, nimmt in der letzten Sekunde einen Sprung und verfehlt um Zentimeter den stark abbremsenden Fiesta. Genau so wie der uns verfolgende Konvoi den Fiesta. Diesmal sind wir tatsächlich die ersten auf dem Dead-Vlei, einer ausgetrockneten Lehmsenke mit jahrhundertealten, abgestorbenen Kameldornbäumen, beliebtes Fotomotiv für Postkarten.

Ich fahre Richtung Süden, nehme einen Umweg über die „Traumstrasse“ D707. Die Landschaft ist weitläufig, auf meiner Linken die Tirasberge, auf meiner Rechten grasbedeckte rote Dünen des Namib. Abgesehen von Zebraherden, Springböcken und Oryxantilopen völlige Abgeschiedenheit. Die wenigen Reisenden, denen ich begegne, halten häufig zu einem kurzen Schwatz an, schenken mir Brot, Früchte und Schokolade. Ausser Farmern lebt hier niemand, die Buschmänner wurden schon vor sehr langer Zeit vertrieben. Bei einem Farmer halte ich an, frage die Dame spasseshalber: „Do you have apple pie?“ No. „Do you have Coke?“ No. „Do you have water?“ Yes. Nur das wollte ich eigentlich hören. „And what the hell does an Alfa Romeo GT Junior 1300 here?“, frage ich sie weiter. Der gehöre ihrem Mann, vor 30 Jahren gekauft, wenn er vielleicht einmal mit „farmen“ aufhöre, werde er ihn instand setzen. Hätte ich nicht vor 10 Jahren einen Drahtesel gekauft, würde ich heute wohl ein solches Stück Blech, in das man viel Geld reinsteckt, bei Liebhabern „Kantenhauber“ genannt, mein Eigentum nennen. Der Drang nach Apfelkuchen ist übrigens eine Nachwirkung der einsam gelegenen Tankstelle Solitaire. Seit 20 Jahren bäckt der übergewichtige Noose mit Spitzbärtchen vorzüglichen Apfelkuchen. 150 bis 200 Kilogramm an Spitzentagen. Endlich dann wieder Teerstrasse. Ich fahre Richtung Osten. Darf bei der luxuriösen Lodge „Alte Kalköfen“ zelten, an der ehemaligen Haltestelle Simplon, benannt nach dem Herkunftsort der Ehefrau des Gründers dieser Kalköfen.

Unweit von Ketmannshoop möchte ich mir den Köcherbaumwald ansehen. Die Köcherbäume sind genau genommen Sukkulenten und Aloepflanzen. Der Name rührt von den San – den Buschmännern – her: die ausgehöhlte Rinde der Äste diente als Köcher für die Pfeile. Sie werden bis neun Meter hoch. Die grössten Exemplare im Quiver Tree Forest bei Ketmannshoop sind 200 bis 300 Jahre alt. Ich bleibe zwei Tage, um die Pflanzen jeweils ausgiebig bei Sonnenuntergang und -aufgang fotografieren zu können. Mein Kocher wird zur Untätigkeit verdammt. Auf dem Camping werde ich morgens von einem Paar aus Pretoria zum Frühstück eingeladen, abends dann von einem holländischen Paar zu „boykie“, einem traditionellen Essen der Buren. Viel Gemüse und Fleisch in einem Topf aus Gusseisen mit Füssen, das direkt aufs Feuer gestellt wird. Und drei Hülsen Windhoek Lager zum Runterspülen. Praktisch jedes Mal, wenn ich einen Campingplatz aufsuche, geht es so weiter. Stets sehr freundliche Südafrikaner, die mich zum Essen einladen, mir einen Sack voller Energieriegel schenken, ein Sandwich mit auf den Weg geben, Kaffee kochen. Es wären zu viele, um alle aufzuzählen. Deshalb an dieser Stelle ein Dankeschön an die ganze Verpflegungscrew ! Und wenn wir schon die Gastronomie streifen: Biltong und Drywoers sollen nicht unerwähnt bleiben. Trockenfleisch und Trockenwürste, leicht, extrem proteinhaltig, ideal für Radler.

Einen Steinwurf vom Köcherbaumwald befindet sich eine Landschaft aus riesigen Blocksteinen, Giant’s Playground genannt. Man könnte meinen, Asterix, Polyphem und Herkules hätten sich hier, noch in Kinderschuhen steckend, ein Stelldichein gegeben. Entweder hat mich sich in einer Viertelstunde sattgesehen, oder man knallt sich Sigur Ros‘ auf den Ipod, verirrt sich durch die bizarren Steinformationen und lässt der Phantasie zwei Stunden lang freien Lauf.

Zehn Kilometer vor dem Eingang zum Fish River Canyon überholt mich der Magirus Deutz von Karl-Heinz „Benemsi“. Benemsi, Sohn des Deutschen, ist eine Anspielung an die Romane von Karl May. Ich habe ihn in Swakopmund kennengelernt, jetzt kommt er wie gerufen. Denn die verschiedenen Aussichtspunkte runter zum zweitgrössten Canyon der Erde sind an einem einzigen Tag mit dem Velo nicht zu bewältigen. Ich zelte in der Nähe des Trucks. Das Quecksilber erreicht in der Nacht nun regelmässig den Gefrierpunkt. Am nächsten Tag machen wir am Parkeingang ab und fahren zusammen rein. Da er ebenfalls in den Richtersveld Park möchte, fahre ich noch ein paar Tage mit ihm mit.

Karl-Heinz, 64 Jahre alt, ist eine Legende. Er hat 45 Jahre Sahara-Erfahrung. Kennt die Sanddünen in Algerien, Libyen und Tunesien wie seine Westentasche, hat dort zahlreiche Touren geleitet. Auf diesem Trip ist er seit zwei Jahren unterwegs. 150‘000 Kilometer und 45‘000 Liter Diesel-Treibstoff. Von Libyen wollte er mit seinem 12 Tonnen leichten Truck eigentlich nach Island tuckern. Bis er merkte, dass Hunde dort erst nach einer halbjährigen Quarantäne Einlass gewährt wird. Keine Frage, sein treuester Begleiter, Kali, ein Sivas Kangal – ein türkischer Hirtenhund – kommt überall mit. Also bogen sie nach Osten ab, fuhren über Russland zum Baikalsee und zur Mongolei. Danach über Zentralasien, Iran, Türkei, Syrien runter nach Libanon. Wegen der Unruhen in Ägypten mussten sie nach Saudi-Arabien ausweichen. Im Oman wurden ihm wieder die Wege abgeschnitten: in Jemen fingen die Tumulte an. Also musste der „alemani musulmani“ ein drittes Mal nach Saudi-Arabien einreisen, um dann endlich mit der Fähre nach Ostafrika überzusetzen.

Während wir gemächlich durch die Wellblechpisten tuckern, wird Karl-Heinz gesprächig, erzählt Anekdote um Anekdote. Wie er vor 30 Jahren den letzten Tropfen Alkohol getrunken hat. Wie er als junger Bursche für drei Jahre nach Namibia und Südafrika ausgewandert ist. Er erzählt von seiner Stammkneipe in Windhoek. Wie die ganze Bande, mit der er sich dort verstammelte, in Untersuchungshaft kam, weil sie mit farbigen Frauen verkehrte. Intimverkehr mit einer Farbigen konnte aber nur einem einzigen nachgewiesen werden. Der kam für einen Monat in den Knast. Verkehrte Welt, während der Apartheidzeit war dies noch verboten. Oder wie er mit Kollegen Elefanten-Stosszähne fand, die sie untereinander aufteilten, er das beste Los zog, einen ganzen Zahn behalten durfte, dieser aber dann doch zu gross war, um ihn unerkannt ausser Landes zu schaffen. Und so liegt er immer noch irgendwo in Namibia begraben. Immer wieder kommt Benemsi ins Schwärmen, wenn er von seiner Fahrt über den „hohen Pamir“ in Tadjikistan erzählt.

Wir zelten an einem idyllischen Ort neben dem Oranjefluss, nehmen dann den kleinen Genzübergang bei Senderlingsdrift. Die namibischen Grenzbeamten nehmen Karl-Heinz zwei lybische Faustkeile ab. Diskutieren nuetzt nichts. Auf Steine sind die Beamten hier besonders scharf. Vor allem Edelsteine und Diamanten. Das ganze Gebiet, auch auf der südafrikanischen Seite, ist Diamantengebiet. Sperrgebiet. Die Landschaft ist umgestaltet, überall türmen sich Sand- und Erdhügel auf, die wohl nicht von Erdmännchen stammen. Bei Senderlingsdrift nehmen wir den Ponton über den Fluss. Gewichtsbegrenzung: Fünf Tonnen. Wie schwer denn der Truck sei, erkundigt sich der Fährmann pflichtbewusst. Mit Gepäck etwas mehr als vier Tonnen, antwortet Karl-Heinz.

Wir setzen über. Willkommen in Südafrika ! In der Regenbogen-Nation mit 11 offiziellen Sprachen. Dem am weitesten entwickelten Staat auf dem afrikanischen Kontinent. Spätestens seit der Fussball-WM 2010 sind die röhrenden Vuvuzuelas in aller Munde: Südafrika ist das Sprachrohr Afrikas, Mitglied der G-20, Heimat von Nelson Mandela, Symbolfigur Afrikas. Ein ganz anderes Afrika als West- oder Zentralafrika. 1487 umschiffte der Portugiese Bartolomez Dias das Kap der guten Hoffnung. 1652 liessen sich unter der Führung von Jan van Rieebeck die ersten niederländischen Siedler in der Absicht nieder, hier eine Versorgungsstation für die Schiffe der Niederländischen Ostindien-Kompagnie auf dem Weg nach Asien zu begründen. Von dort wurden Indonesier als Sklaven hergebracht, deren Blut noch heute in vielen Farbigen fliesst. Seit 1994 ist die Apartheid abgeschafft, doch noch immer besteht ein Wohlstandsgefälle.


Ich fahre noch ein Stück mit Karl-Heinz. Er will in den Richtersveld National Park, eine wilde, trockene Gebirgswüste, in der sich viele Sukkulenten finden. Ein anderer Radfahrer, Adrian aus der Schweiz, der viele abgelegene Routen in Afrika getestet hat, beschreibt die Situation knackig: „Die Pisten sind so schlecht (Sand, Steine, Wellblech, steil), dass man immer auf die Strasse starren muss. Eher ein dauernder Kampf als Geniessen der schönen Landschaft.“ Ich glaube ihm gerne, der Gegenbeweis wird mir eh nicht gelingen. Ob das Verkehrsmittel nun 12 Kilogramm oder 12 Tonnen wiegt: miserable Piste bleibt miserable Piste. Die per GPS geplante Rundfahrt von 120 Kilometer schaffen wir immerhin ansatzweise. Nach dem ersten Pass und 28 Kilometer müssen wir wieder umkehren. Die Fahrt ist dessen ungeachtet eindrücklich, wir werden mit einer tollen Gebirgslandschaft belohnt. Karl-Heinz lenkt sein 1000-Sterne-Hotel Zentimeter um Zentimeter über sehr steile und steinige Abschnitte. Mit der Ausrede, dass ich draussen fotografieren wolle, verdufte ich aus der Fahrerkabine und schaue mir den Balanceakt aus sicherer Entfernung an.

In Springbok teilen sich dann wieder unsere Wege. Als ich losfahren möchte, zieht ein Gewitter auf. Denn ganzen Tag stürmt, regnet und hagelt es. Es ist, wie alle hier immer versichern, einer der kältesten Winter seit Jahrzehnten. Die „greatest flower show on earth“ hier im Namakwa-Land hält deshalb nur zögerlich Einzug. Die legendären Wildblumen, die hier im jeweils im südafrikanischen Frühling in riesigen Feldern blühen, sorgen für die touristische Hochsaison in dieser Gegend. Immerhin kann ich hier und da die ersten farbigen Blumenteppiche bewundern.

Auf der Hauptachse N7 fahre ich bis Vanrhynsdorp, schaffe dank des Nordwindes und trotz einigen Hügeln 150 Kilometer an einem Tag. Danach verlasse ich die N7. Auf der Suche nach attraktiveren Nebenstrassen und Pässen werde ich bald fündig. Der Vanrhynspass ist mit sieben Kilometern nicht lang, hat aber zeitweise gnadenlose Steigungen von 16 %, die mich zum Schieben zwingen. In Niewoudtville angekommen, fängt es wieder an zu regnen bzw. ich fahre dort in den Regen rein. Zelten wäre heute ein Akt der Selbstpeinigung, ich gönne mir daher den Luxus eines Zimmers, inklusive Kochecke und Heizdecke. Nach 58 Nächten im Zelt bin ich echt froh, wieder einmal in einem Bett schlafen zu können. Am nächsten Tag ist es noch frisch, aber die Sonne scheint erfreulicherweise wieder hervor.

Ich freue mich auf eine einsame Piste, die „Moedverloor“ , was auf Afrikaans- der Sprache der von den Holländern stammenden Buren – soviel heisst wie „Hoffnung verloren“. Trotz teils noch etwas aufgeweichter Piste verliere ich den Mut nicht und bin hoffnungsvoll. Und erst später werde ich darüber aufgeklärt, dass viele der Büsche in dieser Heidelandschaft Rooibos sind. In der Farm Bloemfontain frage ich, ob ich mein Zelt aufstellen könne, da mir die umliegende Landschaft eine Spur zu sumpfig und nass ist. Ich bekomme bestätigt, dass die Farmer in Südafrika als sehr gastfreundlich gelten. Ich solle doch reinkommen, draussen sei es zu kalt, meinen Susanne und Koos. Während mich Susanne verköstigt und reichlich Rooibos-Tee einschenkt, nimmt sich Koos am nächsten Tag Zeit, um mir seine Farm zu zeigen und mir viel über Rooibos, seine Farm und seine Töfftouren mit seinem Sohn zu erzählen. Das Gebiet zwischen Nieuwodtville und Citrusdal ist weltweit das einzige Anbaugebiet für Rooibos. Danke Susanne und Koos !

Es folgen weitere Pässe: der Pakhuis-Pass am Fusse der Cederberge. Kurz davor sind Felszeichnungen von Buschmännern zu bewundern. Das Gebiet ist ein Eldorado für Kletterer. Nach Clanwilliam folgt der Middelsbergpass, der in ein fruchtbares Tal führt. Der Gydopass führt runter nach Ceres, von dort geht es auf den Bainskloofpass, ernannt nach dem Ingenieur Thomas Bain, der eine Vielzahl von Strassen und Pässen in Südafrika gebaut hat. Die riesigen Früchte- und Gemüseplantagen nördlich von Ceres versorgen halb Europa, die Fruchtsäfte der Marke „Ceres“ halb Afrika.

Durch das Weingebiet komme ich schliesslich in Stellenbosch an, einem bekannten Weingebiet. Eichenalleen säumen die alten Gebäude aus dem 17. Jahrhundert. Hier empfängt mich Meiring, der Sohn von Ig, den ich in Namibia auf dem Campingplatz von Purros kennengelernt habe. Ig ist 62, seine drei Söhne sind wie er Bauingenieur, seine Tochter Architektin. Ig und seine Söhne sind, wie viele Südafrikaner, velobegeistert, sehr sportlich. Am Cape Argus Race, dem 110-Kilometer Klassiker rund um die Cape Halbinsel hat er 19 Mal teilgenommen. Mit rund 35‘000 Teilnehmern ist es die grösste Radveranstaltung. Südafrika ist ein Mekka für Mountainbiker. Die Bike-Shops sind mit den neuesten und teuersten Carbonräder ausgestattet. Noch heute setzt sich Ig viermal die Woche, jeweils um 5 Uhr morgens, mit Stirnlampe, für zwei Stunden aufs Rad, bevor er zur Arbeit geht. Wir erkunden mit dem Rad die Weinberge, probieren gute Weine aus.

In Cape Town besuche ich Shirley und Theo, auch sie habe ich im gleichen Camping in Namibia kennengelernt. Sie haben damals Wolfgang und mich zum Nachtessen eingeladen. Seit 12 Jahren wohnen sie in Kapstadt, vorher in Johannesburg. Kapstadt ist mit Abstand einer der attraktivsten Städte weltweit. Europäische Städte haben zwar viele alte Kulturbauten, die meisten können aber im Vergleich zu Kapstadt zusammenpacken. Raumplaner sollten sich das mal ansehen. Kapstadt ist aus einem Guss, sauber, gepflegt, praktisch keine Werbeplakate sind zu sehen, wenig Zäune, farblich treten alle Gebäude einheitlich auf. Alte Autos gibt es nicht, dafür reichlich Karrossen der deutschen Autobauer. Kapstadt liegt wunderbar eingebettet zwischen Ozean und Tafelberg. Reben, Eichenalleen, Strände, Klippen, Pärke. Freilich sind auch die einfachen Hüttenbehausungen zu sehen, insbesondere im Stadtteil Kyaletsha. Theo führt mich um die Kaptstadt-Halbinsel und mit Kollegen sogar eine kleine Segeltour in der Bucht. Ig, Cecile, Theo und Shirley, vielen vielen Dank für eure wunderbare Gastfreundschaft !

Mein Dank an die fleissigen Leser- und Leserinnen, die sich die Zeit genommen haben, nicht nur Bilder anzuschauen, sondern den ganzen Artikel fertig zu lesen ! Die verbliebene Aufmerksamkeit sei auf die Spendenanzeige rechts gelenkt. Was ich der Schweiz verdanke ist, dass sie mir eine gute Bildung ermöglicht hat. Das ist nicht selbstverständlich. Nur mit guter  Schulbildung vermag man aus der Armut zu treten. In rund 2 Monaten werde ich in Mosambik sein. Ich sammle Geld für ein Alphabetisierungszentrum im Norden des Landes, das vor allem Frauen zugute kommt. Rund 90% der Frauen in den ländlichen Teilen der Provinz Cabo Delgado können weder lesen noch schreiben. Vom wirtschaftlichen Aufschwung im Süden des Landes ist dort wenig zu verspüren. Vielen Dank für Eure Unterstützung und euren Beitrag!

Some words on English: It’s a long time ago that I haven’t updated my blog. Meanwhile, I am already one year on the road, but haven’t spotted any elephants. Who cares ? The most interesting part of travelling is to meet people, hear their stories, share good moments. Let’s go back to Swakopmund. Wolfgang and I left that very german-like town. As he was short on time, he rented a car to get to Sesriem. Inside the Namib Naukluft Park, the famous dunes of Sossusvlei are the main attraction. I went twice. The first time, we were only allowed to enter the gate one hour after those who camped inside the park. The second time, I got a lift from an austrian couple and we were the first to be in Dead Vlei, still in the shadow of the huge dunes. At the price of almost crashing with a springbok on the road. From Sesriem, I cycled southwards, taking scenic gravel roads through remote areas and wide spaces. Wonderful wild camping spots, with herds of zebras and oryx. Nearby Ketmannshoop, the Quiver Tree Forest is a must for photographers. The Quiver Trees are aloe plants, called « Kokerboom » because Bushmen used the branches to make quivers for their arrows. Some kilometres before the gate to the Fish River Canyon, I met Karl-Heinz, an 64-year old German, who’s travelling with a 12 tons light Magirus Deutz, both protected by his turkish dog Kali. Almost two years on the road, Karl-Heinz did an incredible trip so far, through countries like Siberia, Mongolia, Central Asia and Saudi-Arabia. Together, we visited the park and later on also the Richtersveld Park in South Africa. In the so called Namakwa-Land in the northwestern part of South Africa, the winter was one oft the coldest since ages. Rain, storms and even hail obliged me to stop. As soon as the weather cleared up, I headed for several passes, saw rock paintings from bushmen, some fields of wildflowers and enjoyed much cycling, far away from the busy N7. The South Africans I met along the road were very friendly and hospitable. In Bellville, I was hosted by Ig and Cecilia, which I met in a campsite in Namibia. The same campsite were I made acquaintance with Theo and Shirley, whom I visited in Cape Town and who hosted me for two days. All were incredibly friendly and helpful and I enjoyed much to stay with all of them. Ig, very fit on the bike, rode from Franschhoek to Hermanus, where I could stay in his beachhouse. Thanks a lot !

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Himbas, Hereros, Hochstimmung

Über drei Wochen sind nun vergangen, seit Radlerkumpane Wolfgang und ich von Windhoek aufgebrochen sind. Mittlerweile sind wir, müsste man meinen, an der Nordsee angelangt. Trotz Südkurs. Das deutsche koloniale Erbe ist in Swakopmund deutlich erkennbar: in Apotheken und der Touristeninformation, in der haufenweise Hochglanz-Prospekte und Führer aufliegen,  wird Deutsch gesprochen; in der Treffpunkt-Bäckerei wird währschaftes Bauernbrot gebacken und feine Schwarzwälder-Torte angepriesen. Und in der Hansa-Brauerei Bier nach deutschem Reinheitsgebot gebraut. Der kalte Benguela-Strom sorgt für nordeuropäisch kühle Temperaturen und reichlich Nebel. Ich geniesse die Tage hier in Swakopmund, vor allem sagt mir das reichliche Angebot an Essen zu. Ich muss meine Batterien zunächst wieder aufladen.

Nun, Kinshasa und Zentralafrika liegen nun schon eine Weile zurück. Namibia ist ein ganz anderes Afrika als ich es bisher erlebt habe. Keine Garküchen am Strassenrand, keine Frauen, die Wasser auf dem Kopf tragen, keine Bretterbuden-Kioske. Keiner ruft mir jetzt „Toubab“, „Jovo“, „Oyibo“, „Mundele“ oder „Le Blanc, le Blanc“ mehr zu. Viele Weisse gibt es hier in Namibia, dem ehemaligen Deutsch-Südwestafrika, das erst seit 1990 unabhängig ist und lange von Südafrika verwaltet worden ist. Nach Marokko und Senegal das erste Land, in dem ich ohne Visum einreisen kann. Was für eine Wohltat ! Namibia setzt voll auf die Karte Tourismus, mittlerweile der zweitwichtigste Wirtschaftsfaktor. Die Devisenbringer will man nicht mit unnötigem Formalismus verärgern. Die sollen ihre Knete für Übernachtungen in teuren Lodges, Game Safaris und Mietautos ausgeben. Über 80‘000 Deutsche besuchen das Land jährlich, Tendenz steigend.

Die Luft in Namibia ist staubtrocken, kein tropisches, feucht-klebriges Wetter mehr. Keine Mücken, keine lästigen stechenden Biester. Trotz warmen Temperaturen weht ein kühler Wind in Windhoek, als ich ankomme. Nachts wird es recht kalt, teils sinken die Temperaturen bis auf drei, vier Grad runter. Als erstes kaufe ich mir in Windhoek eine Faserpelzjacke und warme Socken. An das Linksfahren mit Rechtsvortritt gewöhne ich mich schnell, nachdem ich beim Überqueren der Strasse fast angefahren worden bin. In Namibia macht das Radfahren einfach Spass: lange Distanzen auf Schotterpisten, praktisch ausschliesslich wild zelten und tagsüber Wild beobachten. Die Kehrseite: man muss Vorräte bunkern und viel Wasser transportieren. Bis zu 20 Liter. Und das auf teils üblen Pisten.

Wolfgang, Textildesigner aus Osnabrück, 62 Jahre jung, habe ich vor zwei Jahren in Norwegen beim Radeln kennengelernt. Wer ihn besser kennenlernen möchte, möge diesen gut geschriebenen Zeitungsartikel lesen. Wir haben uns sofort gut verstanden, sind über eine Woche zusammen gefahren, unter anderem auf den teils noch schneebedeckten Rallarvegen auf dem Hochplateau Hardanganervidda. In diesen Tagen schieben wir das Rad nicht durch den Schnee, sondern durch Sandpisten. Von Windhoek fahren wir zunächst mit dem Bus rauf in den Norden nach Oshakati, von der grössten Volksgruppe, den Ovambos, besiedelt. Im gleissenden Morgenlicht erscheint der helle Sand wie Schnee. Der Eindruck wird durch Wollmützen und Daunenjacken tragende Namibier noch verstärkt.  Den Türken das Ü, den Ovambos das O: alle Ortschaften fangen mit diesem Buchstaben an: Ondangwa, Oshakati, Okahao, Opuwo, Orupembe.

 

Von luxuriösen Lodges nehmen wir Abstand. Ebenso machen wir um den Etosha Nationalpark einen grossen Bogen. Lieber klopfen wir ab und zu bei Einheimischen an, um bei Ihnen unser Zelt aufzustellen. Zwei Tage rollen wir auf feinem Asphalt bis nach Opuwo. Danach ist schon Schluss mit der „tared road“. Stattdessen Schotter, Wellblech, Sand und Feinstaub.  Opuwo ist übrigens eine äusserst interessante Stadt. Hier sieht man Himba-Frauen in traditioneller Aufmachung – braun angemalt, mit Lederschürzen und viel Schmuck – neben Herero-Damen in aufwendigen, selbstgenähten Trachten in wilhelminischen Stil. Junge Frauen in Jeans und pechschwarze Nama-Frauen tumeln sich ebenso auf dem Markt. Fast schon Karnevalsstimmung.

 

Wir machen einen Abstecher in die Namib Wüste. Für die 380 Kilometer von Opuwo nach Westen bis nach Orupembe, danach südöstlich nach Purros und Sesfontain benötigen wir über eine Woche. Die Landschaft ist sehr abwechslungsreich, es ist einfach herrlich hier zu Radeln und wild zu zelten. Trotz der schlechten Strassenbedingungen, die Wolfgang einige Male zu Boden zwingt. Die Durschnittsgeschwindigkeiten bewegen sich leicht über 10 km/h, sinken sogar auf 8 km/h ! Nur sehr wenige Touristen wagen sich in diese abgelegene Gegend im Kaokoveld. Kakaofeld könnte man fast meinen, wenn man die mit rotbrauner Farbe eingefetteten Himba-Frauen sieht. Die Paste besteht aus Fett, Kräutern und eisenhaltigem Gesteinspulver und dient als Schutz vor Hitze und Kälte.

 

Nach Orupembe fängt die Wüste Namib so richtig an, die als älteste der Welt gilt. Als wir unsere Wasservorräte gefüllt haben, bemerke ich, dass wir an diesem Tag allerhöchstens zwei Fahrzeuge sehen werden. Kurze Zeit später fährt uns ein Motorradfahrer entgegen. Er winkt mir zu, will vorbeifahren. Eine BMW, Lederjacke, zerrissene Jeans, lange Haare. Der Anblick kommt mir bekannt vor. Geistesgegenwärtig rufe ich sofort: „Michael, warte !“ Ich laufe zu ihm zurück, der Fahrer nimmt den Helm ab. Tatsächlich: ausgerechnet hier in der Namib-Wüste (wo denn sonst ?) treffen wir Michael Martin, den berühmten Wüstenfotografen und einer der besten deutschsprachigen Vortragsreferenten, an. Seine Diavorträge „Die Wüsten Afrikas“, „Die Wüsten der Erde“ und „Michael Martin – 30 Jahre Abenteuer“ waren für mich ein Hochgenuss an kalten Winterabenden. Vor wenigen Wochen war er noch in den Eiswüsten von Sibirien unterwegs, bald wird er nach Grönland reisen. Davor zieht er aber noch einige Runden in der Mongolei. Und er ist nicht alleine unterwegs. Im Schlepptau hat er das ARTE-TV Team, die eine Doku-Serie über ihn dreht. Und prompt wollen sie die Begegnung mit einem seiner 2‘000 Facebook-Freunde auf Leinwand, bzw. Speicherkarte bannen. Wir stellen die Szene nach. Zum Glück habe ich ja mittlerweile etwas Erfahrung vor der Kamera sammeln können.

Das geschenkte Bier abends mitten in der Einsamkeit und der Stille der Wüste unter einem imposanten Sternenhimmel schmeckt herrlich. Am Morgen dann dringen Nebelschwaden praktisch bis an unsere Zelte vor. Dem kalten Benguela-Strom sei Dank. Auf der ganzen Strecke beobachten wir übrigens viele Tiere: Strausse, Oryx-Antilopen, Springböcke, Zebras, Kudus und sogar eine Herde von Giraffen rennt mir vor meiner Nase über die Strasse.

Am nächsten Tag erreichen wir, abgekämpft, die kleine Ortschaft Purros. Hier gönnen wir uns einen Ruhetag auf dem Campingplatz, an dem sich eine Gruppe von 18 Fahrzeugen aus Südafrika eingefunden hat. Wolfgang und ich müssen wohl etwas mitgenommen aussehen. Jedenfalls werden wir reichlich mit Bier, Cola, Orangen, Äpfeln, Billtong (getrocknetem Fleisch), Brot, einem halben Kilo Carpaccio-Fleisch und einer 2-Kilogramm-Kudu-Kochwurst (die uns dann irgendwann einmal aus den Ohren wächst) beschenkt. Das individuell reisende Paar Theo und Shirley aus Südafrika lädt uns sogar zu einem Nachtessen mit „juicy“ Bratwürsten ein. Und mich nach Cape Town . Dass uns noch das härteste Stück bevorsteht, ahnen wir nicht. Rund 8 Kilometer lang müssen wir die Räder durch roten Sand schieben. Danach grober Schotter. Endlich kommen wir dann in Sesfontain an.

Von hier geht es, immer noch auf Schotterpiste, nach Palmwag und danach zu den Felszeichnungen von Twyfelfontain. In Uis gönnen wir uns eine Nacht auf dem Campingplatz. Wir sind ganz alleine dort. Doch die Ruhe ist bald vorbei, als eine Gruppe von lauten KTM-Töffs mit vier Begleitfahrzeugen sich auf dem ganzen Campingplatz breit macht.

Nächstentags werden wir von einem freundlichen Paar in Ruhestand, Besitzer eines Guesthouses, zu Kaffee eingeladen. Wir starten spät, um 11 Uhr. Doch der starke Rückenwind schiebt uns Richtung Küste. Die ersten 77 Kilometer fahren wir mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von sagenhaften 26 km/h. Danach wechselt der Wind innert weniger Minuten abrupt und bläst uns nun frech ins Gesicht. Bis nach Hentjes Bay schaffen wir es nicht. In der Nacht dreht dann der Wind wieder ab, bis zur Küste fliegen wir wieder. Die über 70 Kilometer gegen den Wind bis Swakopmund sind anstrengend. Wolfgang ist von der ganzen Schufterei der letzten Wochen auf diesen schlechten Pisten  gezeichnet, hat einige Kilos abgenommen. Das Zelt ist ihm am Morgen beim Zusammenpacken davongeflogen, er musste hinterher rennen. Er hat dann irgendwo seine Sonnenbrille verloren, hat sich den Rücken verrenkt, als er das auf den Boden gefallene Rad aufheben wollte. Und auch ich bin langsam ausgelutscht.

Wunden lecken in Swakopmund ist angesagt. In zwei Wochen fliegt Wolfgang zurück. Die Schufterei bis zu den Sanddünen von Sossusvlei will er sich nicht mehr antun, zumal die Zeit auch knapp wird, sodass er nun motorisiert dorthin fahren wird. Danke für die tollen Radeltage, Wolfgang !

 

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