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Guinea-Bissau

Nimm zwei

Wenn schon, dann gleich beide: Guinea-Bissau und Guinea. Letzterer wird zur Unterscheidung oft auch Guinea-Conakry genannt.  Mein Alternativprogramm zu Mopti, Djenné, Pays Dogon und Co. in Mali, um die ich aufgrund der derzeitigen Sicherheitslage einen Bogen mache.  In Westafrika haben die Guineas touristisch nicht die Nase vorne, obschon die Länder landschaftlich sehr viel zu bieten haben – das Bijagos Archipel vor Bissau zum Beispiel – und die Menschen sehr gastfreundlich sind. So habe ich in Guinea kein einziges „Donne moi un cadeau“ vernommen.

Das Visum für Guinea-Bissau bekomme ich am 20. Januar, einem Feiertag. Dem Tag der Ermordung von Amilcar Lopes Cabral. Auf portugiesisch meint der freundliche, umtriebige Konsul, ich hätte Glück gehabt, er habe eine Verabredung, ansonsten wäre er nicht am Arbeiten gewesen. Innert 15 Minuten habe ich mein Visum.

Amilcar Cabral leitete als Gründer des PAIGC (Partido Africano da Independência da Guinea e Cabo Verde) den Unabhängigkeitskrieg gegen Portugal. An seinem Geburtsort Bafata werde ich später vorbeifahren. Erst 1973 ist Guinea-Bissau unabhängig geworden. Seither will es aber mit dem kleinen Land, das rund zehn Prozent kleiner als die Schweiz ist, nicht richtig bergauf gehen. Es gab Militärputschs, Präsidenten werden ermordet, 1999 tobte in Bissau ein Bürgerkrieg. Das Land ist stark unterentwickelt, liegt nur auf Platz 164 von 169 des Human Development Index. Die Leute leben sehr einfach, sind Selbstversorger. Ein Stromnetz gibt es nicht. Einzig der Anbau von Cashew-Nuss-Bäumen vermag ein geringes Einkommen zu generieren. Immerhin liegt Guinea-Bissau weltweit auf Platz 6 der Cashew-Nuss-Exporteure.

Der Präsident ist erst vor wenigen Wochen verstorben, dennoch ist die Lage ruhig in Bissau, wo ich bei Lieve, einer Belgierin unterkomme. Lieve lebt seit mehr als 20 Jahren mehrheitlich in Afrika: in Niger, Botswana und die letzten Jahre in Guinea-Bissau. Sie kann mir entsprechend viel über das Land berichten. Ich habe doppelt Glück: der nigerianische Konsul ist über meine Veloreise sehr angetan und stellt mir prompt  ein 6-Monats Visum aus, aber erst am Montag. Und der Weekend-Trip von Lieve fällt ins Wasser, sodass ich über das Wochenende in ihrer kleinen Wohnung inmitten eines belebten Wohnquartiers bleiben darf. Moito obrigado, Lieve ! Ein einziger Wasserhahn bedient während einigen Stunden am Tag einen Hof, zu dem mehrere Familien Zugang haben. Fliessendes Wasser ist hier keine Selbstverständlichkeit. Nachts versinkt die Stadt Bissau in Finsternis, einzig durch Kerzen, wenigen Stromgeneratoren und Scheinwerfern von Autos und Motorräder notdürftig beleuchtet. Von einer Lichtverschmutzung ist man hier noch Lichtjahre entfernt !

Ausserorts herrscht auf den Strassen erstaunlich wenig Verkehr, mehr Velofahrer als Fahrzeuge. Kein Wunder:  wer kann sich hier schon ein Auto leisten ?  Entsprechend wenig, haben die Polizeikontrollen zu tun. Meistens eine Gruppe stark übergewichtiger Frauen, denen die hellblauen Hemden auf Brusthöhe zu platzen drohen. Ich werde aber meistens zum Essen eingeladen und kann mir eine gute Portion Reis und Fisch aus der grossen Schale rauslöffeln.

Meterhohe Termitenhügel säumen den Wegesrand. Als ich einige inmitten eines Dorfes bewundere, kommt der 24-jährige Nico auf mich zu und bietet mir die grünen Früchte der Rognier-Palme an. Die wollen aber zunächst auf den 20 Meter hohen Palmen gepflückt beziehungsweise abgehauen werden. Kein Problem. Ein Schulkind wird hergeholt. Mit einem Ring aus Bambusholz presst er sich mit nackten Füssen gegen den Stamm und in wenigen Augenblicken ist er bereits oben. Ratsch, ratsch, mit der Machete haut er drei Stauden ab. Die Nüsse werden dann am Ansatz mit der Machete abgehauen. Drei Öffnungen zeigen sich nun. Der Daumen wird nun kräftig hineingedrückt und hin und her bewegt, dabei wird gleichzeitig die glitschige Masse ausgelutscht. Herrlich erfrischend !

Da das wilde Zelten teils schwierig ist,  gehe ich auf Konfrontation und frage in kleinen Dörfern jeweils den Chef de village, ob ich im Dorf übernachten könne. Das hat  Vorteil, das man in Sicherheit ist, sich waschen und  kochen kann. Einziger Nachteil: man kann nicht in der Nase herumbohren, ohne dass es mindestens 20 neugierige Augen registrieren. Glücklicherweise verziehen sich aber meist alle diskret, sobald ich zu essen anfange. Im Gegenzug überreiche ich den Leuten kleine Geschenke: Seife, Maggi-Kochwürfel, eine Zwiebel, Knoblauch, Kekse, eine 1‘000 CFA-Note. Am Tag muss ich jeweils zwei- bis dreimal Wasser filtern. Da erfreulicherweise sehr viele Dörfer einen Brunnen oder eine Wasserpumpe haben, muss ich nie mehr als 5 Liter Wasser schleppen.

Die Einreise nach Guinea verläuft ohne Probleme. Grenzbeamte verfolgen gerade die Fussball-Nationalmannschaft im Fernseher. In diesen Wochen wird die Coupe des Nations d’Afrique, die CAN, abgehalten. Entsprechend schnell werde ich abgefertigt.

In Guinea fangen dann die richtig schlechten Pisten an: staubig, holprig, sandig. Und bereits nach einem Tag fresse ich derart viel Staub, dass ich eine Woche lang keine Stimme mehr habe. Das Laubwerk in unmittelbarer Nähe der Strasse ist braun bepudert. Immerhin wird das Strassennetz langsam ein bisschen modernisiert. Wird auch Zeit, weil praktisch der ganze Waren- und Personentransport auf der Strasse beziehungsweise auf diesen Pisten stattfindet. Guinea wäre eigentlich reich: es hat die drittgrössten Vorkommen an Bauxit (Aluminiumerz).  Ab Koundara ist die Strasse Richtung Süden für 70 Kilometer asphaltiert, den Chinesen sei Dank. Danach fangen die Hügel des Fouta Djalon und die schlechten Pisten an.

In Koundara begebe ich mich sicherheitshalber ins Spital, um einen Malariatest zu machen, denn ich habe leicht Fieber und Gliederschmerzen. Entwarnung. Ein halber Ruhetag, ein Hotelzimmer, Pain Killers und schon geht es am nächsten Tag weiter.

Das Fouta Djalon ist ein wald- und wasserreiches, hügeliges Gebiet. Die Flüsse Gambia und Senegal sowie grössere Zuflüsse des Niger entspringen in dieser Gegend. In Labé gibt es, wie in den meisten Teilen des Landes kein Strom, ausser in wenigen Hotels, dafür leckere Baguette. Sehenswert ist hier der Gemüsemarkt. Die Temperaturen sind hier nun merklich kühler, am Morgen fällt die Temperatur bis auf 15 Grad. In Dalaba, der Schweiz Guineas, wo die südafrikanische Sängerin Miriam Makeba einige Jahre im Exil lebte, bin ich dann bereits auf 1‘200 Metern über Meer.

Bewohnt wird die Gegend von den Fula, Viehzüchter, sehr gastfreundliche Leute. Mir fällt auf, dass diejenigen im gesetzteren Alter schöne handgestickte Hüte tragen. Bereits auf meiner Tibet-Reise habe ich auf Anraten eines guten Freundes jeweils ein Exemplar der landestypischen Kopfbedeckung als Souvenir erstanden. Nach einigem Herumfragen stellt sich heraus, dass ich in Dara, wo die Hüte hergestellt werden, durchfahren werde.

Tatsächlich: hier sind sie, die Hutmacher des Fouta Djalon. Ein Zehnergruppe von Herren, die unter einem grossen Baum neben einer Moschee den ganzen Tag Hüte sticken. Jeder hat sein eigenes Muster. Ich kaufe gleich zwei Stück. Zu meiner Freude wollen alle abfotografiert werden.  Aliou, der freundliche Herr ganz rechts auf dem Bild, meint, er kenne einen Weissen hier. Er wohne im nächsten Dorf. Er ruft Joel, einen amerikanischen Peace Corps Volunteer an. Und so werde ich praktisch eine ganze Woche lang von einem Volunteer zum nächsten durchgereicht. Und erfahre eine Menge über die Peace Corps: 1961 im Zuge des kalten Krieges auf Initiative von Kennedy ins Leben gerufen, um das Verständnis zwischen Amerikanern und anderen Völkern zu fördern. Die grösstenteils jungen Volunteers bleiben zwei Jahre im Land, leben teils in einfachen Dörfern in Strohhütten ohne Strom und fliessendes Wasser, wo sie sich integrieren und die jeweilige Sprache lernen. Jessie, Lane und Caroline haben erst vor wenigen Tagen ihren Dienst angefangen. Ich bin aber beeindruckt, wie manche von Ihnen voller Überzeugung, Stolz und Hingabe ihre Aufgabe angehen. Thanks a lot for your hospitality !

An das Finale der CAN denke ich gar nicht, als ich wieder in einem Dorf übernachte. In der Schule nebenan hat sich der männliche Teil der Dorfgemeinschaft versammelt, um vor dem einzigen, mit Stromgenerator betriebenen Fernseher gebannt das Spiel Côte d’Ivoire gegen Sambia zu verfolgen. Auch wenn ich kein grosser Fussballfan bin – ehrlich gesagt gar keiner – , wird mir aber der Abend lange in Erinnerung bleiben. Zu meinem Leidwesen geht das Spiel in die Verlängerung. Zeitweise nicke ich ein. Immerhin bekomme ich mit, dass der ivorianische Spieler Drogba ein Penalty verhaut. Im Penalty-Schiessen gewinnt Sambia. Wäre für Präsident Outtara zuviel des Guten gewesen, hätte die Elfenbeinküste den Pokal nach Hause geholt.

In kleinen Dörfern fallen mir überdimensionierte gekachelte Moscheen auf. Eigenartig, weil viele Schulen vom PAM (Programme Alimentaire Mondiale) und von der EU finanziert werden und es dringendere Infrastrukturprobleme zu lösen gäbe. Kurz vor Siguiri lässt mich aber ein Schild zu Ehren des Colonel Gaddafi selig vermuten, dass die Gebetshäuser vermutlich durch ausländische Geldgeber finanziert werden.

Nach dem Fouta Djalon bläst mir der Harmattan, der heisse Wüstenwind aus der Sahara, mit voller Wucht ins Gesicht und ich komme in Siguiri an, als es bereits dunkel ist. Unangenehm, weil in der Dunkelheit die Orientierung schwierig ist. Aus Siguiri stammte im Mittelalter das Gold und auch heute wird noch Gold abgebaut. In manchen Dörfern sieben Jugendliche den ganzen Tag lang mit Hilfe einer Kalebasse Gold und schaffen es auf 1 bis 2 Gramm Gold pro Woche. Gerade genug um zu Überleben.

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