Ecuador

Auf Projektbesuch in Peru

 
Der Bus von Cuenca kommt puenktlich um drei Uhr in Huaquillas, der Grenzstadt auf der ecuadorianischen Seite, an. Wenige Hundert Meter und ich waere in Peru. Jedoch ist der Grenzposten vor einigen Jahren ausgelagert und ausgebaut worden. Und so muss ich rund 8 Kilometer zurückfahren zum offiziellen Grenzuebergang, über eine Stunde warten, bis ich endlich nach Aguas Verdes einreisen kann und mich mit Jose von Prominnats treffen kann. Prominnats ist ein Programm von Ifejant, einer Partnerorganisation von EcoSolidar und steht für  Programa de microfinanzas de los ninos, ninas y adolescentes trabajadores. 
 
Der Grenzort kommt mir vor ein bunter Ameisenhaufen: sehr umtriebig, geschaeftig, dreckig. Kein Ort um sich wohlzufuehlen. Viele sind hier auf der Durchreise, die Hotels ueberteuert und laut. Es ist ja keine Feriendestination. Immerhin gibt es auf der peruanischen Seite ein Casino – Glueckspiele sind in Ecuador verboten. Auf den Strassen wimmelt es nur so von Menschen, die zwischen Ecuador und Peru pendeln. Geldwechsler soweit das Auge reicht. Auf dreiraedrigen Fahrraedern (triciclos) oder Motocargera werden meterhoch Waren gestapelt und hin und her transportiert. Gerade viele Waren sind wegen der Steuern in Ecuador einiges teuerer als in Peru – Autofelgen kosten das Dreifache.
Fliegende Strassenhändler überall. Verkauft werden Kuchen, Fruchtsäfte, Maiskolben, Socken, Naturheilprodukte. Einer bietet sogar frische Ziegenmilch an und läuft mit seinen zwei Ziegen umher. Abends werden Kleidersstände abgebaut und die Garküchen machen sich dann breit, währenddem der Dreck des Tages von Gemeindeangestellten aufgesammelt werden. Vor einigen Jahren verlief hier die Panamericana und man mag sich gar nicht vorstellen, um wieviel lauter, stickiger und enger das Leben hier gewesen sein muss, als Kolonnen von Trucks, Bussen und Fahrzeugen tagsüber und nachts vorbeizogen, ganz zu schweigen von den langwierigen Zoll- und Grenzformalitäten. Der Grenzübertritt Huaquillas – Aguas Verdes ist der grösste im Norden Perus.
Ich kann den von Prominnats unterstützten vierzehnjaehrigen Ruben begleiten. Nachmittags, ausser Sonntag, geht er zur Schule. Am Morgen arbeitet er. Mit einer einfachen Schubkarre verdingt er sich und transportiert allerlei Waren zischen den beiden Laendern: Bananen, Weinkartons und Whisky. Obwohl Kinderarbeit offiziel verboten ist, macht es keinen Sinn, über die Realitaet hinwegzusehen. Prominnats und Ecosolidar wollen daher die Kinder in ihren Rechten stärken, sie unterstützen und begleiten, damit sie nicht ganz unter die Räder kommen. Wenn sie schon arbeiten, sollen sie zumindest mit einem Teil des Ersparten in ihre Zukunft investieren können. Gespräche mit den Eltern, der Schule und der Gemeinde sind daher notwendig und wichtig.  
An guten Tagen könne er bis zu 15 Dollar einnehmen, an weniger guten nicht mal die Hälfte. Am Wochenende, wenn am meisten los, laufen die Geschäfte gut, meint er. Mit Hilfe von Prominnats hat er sich eine “carreta” fuer rund 200 peruanische Soles (rund 60 Dollar) anschaffen können. Vorher habe er sich jeweils fuer drei Soles pro Tag eine borgen müssen. Noch drei Jahre muss er zur Schule, bis er die Sekundarstufe beendet hat. Danach möchte er, wie viele andere, Polizist werden. Dazu muss er einen Vorbereitungskurs belegen, fünf Monate lang, 100 Dollar pro Monat, die Eintrittsprüfungen schlagen mit 150 Dollar  zu Buche. Er gibt sein verdientes Geld der Mutter ab, die einen Teil anspart, damit er sich später seinen Traum erfuellen kann. Der Vater kann als Nachtwächter einer Crevettenzucht die Familie nicht alleine ernähren. Die Mutter betreibt im Aussenbezirk von Aguas Verdes einen kleinen Lebensmittelladen. 
Am nächsten Tag besuche ich Elder, einem 14-jährigen Burschen aus einem Armenviertel.  Die sechsköpfige Familie lebt sehr einfach. Elder ist der jüngste von vier Kindern, er wirkt für sein Alter reif, gefasst und fühlt sich von meinem Besuch geehrt. Der Vater transportiert Waren mit einer “tricicla”, die Mutter ist Hausfrau. Die Wände der Behausung sind aus Backsteinen, Bambusrohren und Karton, das Dach aus Wellblech. Die Einrichtung verdient den Namen armselig: eine alte Sofagruppe, ein paar Stühle, Tisch, ein Gestell mit Röhrenbildschirm, kitschiger Dekoration und ein paar Habseligkeiten. In der Küche laufen Hühner, Küken und eine Ente umher. Hier schält er die Knoblauchzehen, nachdem er morgens um 6.30 seine Ware an Stammkunden abgeliefert hat.  Um Mittag nimmt er sich für einen Sol eine Moto und geht danach zur Schule. Ab und zu spielt er draussen schon gerne Fussball und er hat eine Freundin, mit der er sich dann und wann trifft. Auch er möchte gerne später Polizist werden und wird auf dieses Ziel hin sparen. 
 
Elder hat vor Jahren angefangen, einen Handel mit Knoblauch aufzuziehen. Er kauft einen 50 Kilogramm Sack von Knoblauch, der Preis variiert je nach Saison von $ 80 bis 140. Er schält danach in mühsamer Handarbeit die Knoblauchzehen und verkauft sie im Detailhandel und in der Gastronomie weiter mit einer fast doppelten Marge. Montag ist der mit Abstand umsatzstärkste Tag, weil nach dem konsumfreudigen Wochenende der Bedarf an Knoblauch am grössten ist. 
Mit dem Bus fahre ich von Tumbes nach Lima in 23 Stunden in einem modernen Bus mit Liegebetten. “Lima la horrible” weist ein heisses Wüstenklima auf, dass allerdings durch den kalten Humboldtstrom abgekühlt wird. Dieser sorgt im Winter (d.h. im Mai bis Oktober) auch durch die Wasserkondensation dafür, dass oft ein Küstennebel herrscht, der die ganze Stadt umhüllen kann. Nachdem ich mich im Geschäftsquartier San Isidro in einer Jugendherberge einquartiert habe, treffe ich mich anderntags bereits mit Julio Ancajima von Prominnats-Ifejant, der Partnerorganisation von EcoSolidar, im Distrikt Villa Maria del Triunfo und im Quartier Nuova Esperanza. Grösser könnte der Gegensatz der Quartiere nicht sein.
Hier befindet sich ein grosses Armenviertel von Lima. Die teils bunten einfachen Häuser sind dicht an den Hängen der kargen, staubigen Hügel gebaut. Die ruppige, staubige Strasse wird von Mototaxis und Kleinbussen angefahren. In einem der “Asentamientos humanos”, eines der Wohnviertel mit Namen wie Heroe del Senepa, Chacon, Maya und 8 de ottubre, liegt die von Prominnats geführte Casita de Cultura. Ein Hort, eine Schule, ein Versammlungsraum, ein Zufluchtsort, ein Lichtblick für die Kinder.
Neun Kinder aus den umliegenden Vierteln haben sich ebenfalls eingefunden. Nach einer Vorstellungsrunde klären sie mich über die verschiedenen Tätigkeiten auf, wie etwa Tanzen, Volleyball, Filme, Spiele, Handwerk, Zeichnen, Fussball oder Hütedienst auf. Die Kinder haben sich selber zu organisieren, und wählen für jede Tätigkeit eine Verantwortlichen. Die Kinder geben bereitwillig Auskunft. So erzählt uns der zehnjärige Raimundo, wie sie in der Pasteleria, einer Backstube, Kuchen und Muffins backen, die Zutaten einkaufen, ausrechnen, wie viel Gewinn sie erwirtschaften und diesen dann – nach demokratischer Abstimmung – sinnvoll eingesetzt wird. 
Die Kinder lernen neben den handwerklichen Fertigkeiten noch weitere Qualitäten. Sie üben sich darin, Verantwortung zu übernehmen, alle miteinzubeziehen, Entscheide zu diskutieren und zu fällen, diese umzusetzen, einzuhalten und sich gegenseitig zu kontrollieren. Und offenbar macht es Ihnen Spass und sie blühen teilweise richtig auf. Die Casa de Cultura wurde vor rund zehn Jahren von freiwilligen Kanadiern gegründet und fortlaufend verbessert. Im Zuge der Zeit wurde sie als Schule anerkannt und ist dieses Jahr baulich abgeschlossen worden und heute in einem guten Zustand.
Wir ziehen eine Runde durch die Wohnviertel, besuchen das Haus (bestehend aus einem grossen Zimmer) der Familie von Raimond. Obschon Raimond auch zu Hause mitarbeiten muss, nimmt er seine Pflichten aus dem Programm Prominnats sehr ernst. Dies freut den Vater, der die Familie mit Maurerarbeiten über die Runden bringt, sehr. 
Alle zwei Wochen müssen sie Wasser kaufen und ihren Tank von 1´100 Liter befüllen, das von einem Tanklastwagen transportiert wird. 45 Sol kostet eine Füllung (rund 15 CHF). Für eine sechsköpfige Familie ergibt dies ein Wasserverbrauch von 13 Litern pro Person und Tag. Einiges weniger als die 300 Liter in der Schweiz. 
Wir unternehmen einen Ausflug “ins Grüne”, verlassen das Armenviertel und kommen in ein staubiges Gebiet, wo man mühsam versucht, Kaktusfeigen und Kürbisse anzupflanzen. Im Hintergrund sehen wir die riesige Zementfabrik. Edgar, 11 Jahre alt, bekundet eher Mühe damit, Anweisungen zu befolgen. Dafür ist er ein Organisationstalent, möchte, dass sich alle in irgendeiner Form beteiligen. Für unseren Ausflug hat er eine Decke mitgenommen, um die mitgenommen Früchte, Brote, Fruchttsäfte und Süssigkeiten auszubreiten und er macht sich daran, alles gerecht zu verteilen und reicht mir als Gast jeweils als Erster das Essen.
Rosita und Sheyla, 12 und 11 Jahre alt, erzählen mir von den Problemen: kein Zugang zu Wasser, die Abfallentsorgung, eine schlechte Gesundheitsversorgung und die “pandilleros”, Diebe und Räuber. Nach dem gemeinsamen Lunch spielen die Kinder mit einem Ball, rennen umher und es rührt mich zu sehen, wie unbekümmert und froh sie sind. Sie sind hier aufgewachsen und kennen keine andere Umgebung, erhalten durch ihre Tätigkeit in der Casa de Cultura Wertschätzung und einen würdevollen Umgang. Zudem haben sie eine sinnvolle Beschäftigung und kommen nicht in Versuchung, in die Kriminalität abzurutschen.  Wir haben die Zeit längst überschritten und laufen wieder zurück, schweren Herzens verabschieden wir uns. Sie fragen mich, wann ich wiederkomme. Ich bin sehr gerührt und beeindruckt von der Begegnung mit diesen Kindern.
Andertangs begleitet mich Julio Angajima von Ifejant in das nördlich gelegene Quartier Puente Piedras. Dort besuchen wir die Schüler der Schule Jose Antonio Encinas, die am Nachmittag in der Backstube Muffins herstellen. Das Quartier ist etwas gepflegter als dasjenige von Villa Maria del Triunfo, doch die Menschen wohnen hier auch in sehr einfachen Behausungen, an steilen Hügeln am Rande der Stadt. 
Für mich waren es sehr spannende, aufwühlende und ergreifende Momente, die ich hier in Peru mit diesen Kindern erleben durfte. Ich bin beeindruckt von deren Willen, Motivation und Begeisterung. Ich werde daher gerne EcoSolidar mit einem Betrag unterstützen. Und es würde mich sehr freuen, wenn noch weitere sich ebenfalls solidarisch zeigen und zumindest für ein paar wenige Kinder ein Lichtblick ermöglicht wird, um vielleicht eines Tages aus dieser Armut ausbrechen zu koennen.
 
  • Mit 40 Franken ermöglichst Du einem arbeitenden Kind, während eines Jahres den regelmässigen Besuch eines Kurses, in dem es über seine Rechte aufgeklärt wird und einen geschützten Rahmen für seine Anliegen findet.
  • Mit 70 Franken unterstützt Du die Weiterbildung einer freiwilligen Person, die lokal arbeitende Kinder betreut und unterstützt.
  • Mit 100 Franken ermöglichst Du einen Workshop, in dem sich arbeitende Kinder aus einem Armenviertel austauschen und organisieren können. 

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Ganz herzlichen Dank fuer deine Spende !

 

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Ruta de los Volcanes

Nach den Festlichkeiten der Mama Negra in Latacunga und einem Ruhetag nehme ich den Bus rauf zum Vulkankrater Quilatoa. War ich beim Cotopaxi noch auf der Cordillera Central, befinde ich mich jetzt in der Cordillera Occidental, auf der anderen Seite des Hochtales. Ich kann grad noch ein paar Bilder schiessen, bevor der Himmel sich schliesst und Nebel aufzieht. Und dieses winterliche Wetter wird am nächsten Tag so bleiben, sodass ich mich nicht motivieren kann, weiterzuziehen.
Nach zwei Übernachtungen suche ich dann aber doch das Weite. 8 Grad kalt, es kommt mir vor wie an einem Morgen im Spätherbst. Warm angezogen rase ich bis nach Zumbahua runter, wo ich mich noch verpflege. Erstaunlich, dass hier an den Marktständen in dieser Höhe auf rund 3´500 Metern so viele tropische Früchte verkauft werden. Frauen frittieren hier Fisch und Empanadas, die Hunde warten schon sehnsüchtig darauf, die Reste verschlingen zu können.
Die asphaltierte Strasse, die an dieser Ortschaft vorbei führt, geht direkt runter zur Costa, dem westlichen Küstenbereich, wo sich die Fruchtplantagen befinden. Und auf dieser Strasse werden sie in die Sierra, die zentrale Andenregion transportiert. Es wird ein angenehmer Radeltag, an dem ich auch so etwas wie einen Rhytmus finde. Nach Zumbahua zunächst eine gleichmässige Steigung von 8 Kilometern. Danach verlasse ich den Asphalt und biege auf eine gute Piste ab und steige noch bis auf 4´100 Metern rauf. 
Wie der Elefant und die Giraffe zum afrikanischen Busch gehören, kann man sich die Anden nicht ohne Andenkamele vorstellen. Diesen begegne ich hier immer wieder. Es gibt ja vier Arten derer: Lamas, Guanakos, Alpakas und Vikunjas. Ich muss mich präzisieren, ansonsten reissen mir Biologen den Kopf ab. Die Lamas bilden mit den Vikunjas die Gattungsgruppe der Neuweltkamele. Jedenfalls sind die Lamas, die ich sehe, die vom Guanako abstammende Haustierform.
Ebenfalls sind in dieser Gegend viele “chozas” zu sehen. Einfache Behausungen aus Lehm mit Strohdächern. Oftmals sind es leerstehende Schutzhütten für Hirten – und vom Regen oder der Dämmerung fliehende Radler. 
Die Sonne will nicht recht rauskommen. Im Gegenteil. Ich bin so hoch, dass oft Nebelschwaden vorbeiziehen und die Landschaft in ein geheimnisvolles Kleid einhüllen.
Auf der letzte Passhöhe, bevor es runter zur Kleinststadt Angamarca geht, erzählt mir ein Chauffeur, dass es dort “los italianos” gebe. Ich komme bereits um 15 Uhr an, es findet zufällig grad der Wochenmarkt statt. Ansonsten wirkt die bei näherer Betrachtung gar nicht so hässliche Ortschaft sehr verschlafen.
Ich finde ein einfaches Hospedaje mit Küche, jedoch kein Wifi. Zum Glück, denn so habe ich Zeit, herumzuspazieren und mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Ein Leichtes im Vergleich zur anonymen Grosstadt. Etwa mit der 82-jährigen Teresa und deren Nachbarin. Sie ist geistig sehr fit und erzählt mir, dass sie einen Sohn habe aber nie verheiratet war, weil der Partner sie für eine andere verlassen habe. Immerhin hat sie heute sieben Enkelkinder. Sie redet immer wieder gut über die Italiener, die hier Freiwilligenarbeit verrichten. Und über den ehemaligen italienischen Pfarrer. Aber ich soll nicht alleine in das Gebiet des Paramo reisen, dort sei einmal eine gringa verstorben. 
“Los italianos” sind nicht in der Pfarrei, sondern unterwegs und kommen erst um Mitternacht an. Auf dem Dorfplatz vergnüge ich mich mit den Menschen. Ein Mikrokosmos, mit Protagonisten wie aus einer Erzählung: Dorfpolizist, Dorftrottel,  Besoffener, Schönling, Mechaniker, Jüngling, das gutgelaunte Mädchen, der Greise, die Marktfrau, der Sonderling. Jeder kennt jeden. Alle wissen über alle irgendeine Geschichte zu erzählen.
Am nächsten Morgen ist es wechselhaft. Soll ich es wagen, hoch in die Berge zu reisen ? Ich bin unschlüssig, suche die Pfarrei auf, wo ich den jungen Giacomo aus Vicenza und Erika aus Brescia kennenlerne. Giacomo bereitet mir echten italienischen Kaffee zu und wir plaudern lange. Er sei einmal mit dem Velo von Vicenza nach Holland geradelt und habe in Basel Halt gemacht. Er sei in Südamerika am Reisen gewesen und ist jetzt hier seit Februar hängengeblieben und hat sich verpflichtet, zwei Jahre lang mitzuhelfen. Es klopfen immer wieder Einheimische an: eine benötigt Saatgut, der andere braucht Unterstützung beim Bau eines Daches. Um zehn Uhr breche ich auf und mein langes Tagewerk beginnt. 
Zunächst eine Abfahrt runter auf 2´800 Metern, dann rund 1´000 Höhenmeter rauf. Drei Stunden später gönne ich mir ein kurzes Mittagessen und es geht weiter. Der einzige motorisierte Verkehr, ein Kleinlastwagen, begegnet mir, als ich bereits ganz oben bin. Tja, zu spät. Ich bin jetzt schon oben.
Hier oben leben die Menschen in einfachen chozas, völlig abgeschieden. Und ist Angamarca bereits eine andere Welt im Vergleich zu einer Stadt im Hochtal, stellt das harte Leben in den abgeschiedenen Weilern nochmals eine andere Lebensform dar: harsch, karg, fordernd. Ich mag nicht daran denken, falls hier mal ein medizinischer Notfall eintreten sollte. Alleine vier Stunden Fussmarsch sind es bis Angamarca. Und wo gehen die Kinder zur Schule? Geniessen sie überhaupt eine Schulbildung, die diesen Namen verdient? Wahrlich kein Zuckerschlecken, als Kind hier aufzuwachsen. 
Ich komme mir vor, als sässe ich in einem Flugzeug und würde auf die Wolkenfelder runterblicken, so hoch bin ich hier im Paramo. Immer wieder Nebelschwaden, eine Abfahrt, dann wieder eine Steigung, ein kleiner Wasserfall, rosa Blumen. Ich begegne immer wieder Kindern, die Schafe oder Kühe hüten, begleitet von Lamas und Hunden. Kinder haben hier keine andere Wahl als mitzuhelfen. 
Es wird ein langer Tag. Noch 10 Kilometer bis Simiatug, es ist fünf Uhr. Ich frage mehrmals nach, ob ich auf dem richtigen Weg bin. “Si, es todo bajada”, alles Abfahrt, heisst es. Das sollte man nicht allzu wörtlich nehmen, denn es verstecken sich noch 400 Höhenmeter in dieser Abfahrt. 
Das Landschafts-und Wolkenspektakel in der Dämmerung mit Blick runter zur Costa ist zwar wundervoll. Doch es steht mir noch ein holpriger Abstieg bevor und, als es bereits dunkel ist, noch ein drei Kilometer langer Anstieg, begleitet von einer Schar von bellenden Hunden, die sich nur durch das grelle Licht der Stirnlampe in Schach halten lassen. Auf die letzten Höhenmeter hätte ich gerne verzichtet. 
Endlich in Simiatug angekommen, quartiere mich im einzigen Hospedaje für 8 Dollar ein, sauber und mit warmem Wasser. Obschon Samstag ist, scheint nicht viel zu laufen. Eine Handvoll Jungs spielt im Parque vor der kleinen Kirche in der Kälte Volleyball, das hier beliebt zu sein scheint. In einer Kneipe ist eine Tochter daran, ihren sturzbesoffenen Vater, der das Reisgericht auf den Boden verschüttet hat und mit dem Kopf auf dem Tisch eingeschlafen ist, nach Hause zu zerren. Als er endlich nach draussen befördert worden ist, kann ich endlich meine Bestellung aufgeben. Da ausser weissem Reis nicht mehr viel übrig ist, bereitet mir die Köchin eine Tortilla aus Eiern, Peperoni und Zwiebeln. Im Restaurante de pasajeros um die Ecke gönne ich mir anschliessend noch eine Suppe aus Maniok. Der Besitzer erkennt mich, er hat mich oben gesehen und mir dort bestätigt, dass alles “bajada” sei. Ich muss grinsen.
Ich bin am nächsten Morgen enttäuscht, da es wieder bewölkt ist, trotz des klaren Nachthimmels. Doch es klart dann ploetzlich auf. Ich nehme mir daher eine Camionetta nach Yuruk-Uksha. Vielleicht kann ich so noch einen Blick auf den Chimborazo erheischen?
Von dort fahre ich dann nach Pachancho, einer Wild-West-Siedlung bestehend aus etwa 15 Häusern und  – welch eine Überraschung – einer kleinen Käserei mit rezentem Käse. Für 2.5 $ nehme ich mir einen kleinen, vorzüglich schmeckenden Laib mit. 
Esfolgt ein Anstieg und oben angekommen erblicke ich endlich den Chimborazo, mit 6’627 Metern der höchste Vulkan Ecuadors, leider etwas verdeckt. Im Hintergrund türmen sich bedrohliche Gewitterwolken auf. Die Landschaft hier ist sehr karg, die Vegetation besteht aus Grasbüscheln, Horstgräsern, Flechten und Kräutern. 
 Das Lichtspektaktel ist zwar sehr pittoresk, im Vordergrund noch Sonnenschein, dann sogar eine Herde Vikunjas (oder doch Alpakas ?).
 
Aber ich muss jetzt Gas geben, wenn es mich hier oben auf 4´300 Meter erwischt, wird es ungemütlich. Endlich erreiche ich die Kreuzung mit der Asphaltstrasse, in der Ferne ist frisch gefallener Schnee zu sehen. Ich warte bibernd am Strassenrand und halte den nächsten Bus nach Riobamba an. Dort angekommen fahre ich gleich nach Cuenca weiter, wo ich sechs Stunden später um zehn Uhr nachts, muede vom Geballer der nonstop laufenden Actionfilme, ankomme. 
 
Die nächsten Kilometer werde ich erst wieder in Peru radeln. Zunächst freue ich mich aber, ein Projekt von Ecosolidar im Zusammenhang mit Kinderarbeit in Aguas Verdes gleich nach der Grenze zu besuchen. Ecuador ist ein sehr vielfältiges Land – die Küstenregion, la Sierrra, der Amazonas und die Galapagos-Inseln, von dem ich nur einen Bruchteil gesehen habe. 
 
Doch schon jetzt steht fest, dass ich mit Ecuador tolle und intensive Radelerlebnisse verbinden werde und zumindest einen kleinen Einblick in das Hinterland erhalten habe. Los empedrados – die Kopfsteinpflaster – und die kläffenden Hunde werde ich allerdings nicht vermissen. 
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Cotopaxi y Mama Negra

Busfahren in Ecuador ist noch einfacher als in Afrika, wo man frühmorgens auftaucht und dann das tut, was die Afrikaner sehr gut können und wofür ich sie bewundere: warten. Warten, bis der Bus doppelt und dreifacht belegt ist. Und hoffen, dass dies am gleichen Tag passieren wird. In Otavala fahre ich um 8 zum Busbahnhof. Alle 20 Minuten fährt ein Bus nach Quito, 5 Minuten später sitze ich im Bus, einen Kaffee in der Hand und “geniesse” Mad Max auf spanisch. 
 
In Quito angekommen, fahre ich die 18 Kilometer zum Guesthouse und bin einmal mehr dankbar, dass ich mit dem GPS navigieren kann. Ich hole das Paket ab und fahre gleich los nach Tumbaco. Dort suche ich die Casa del Ciclista von Santiago Lara auf. Es gibt einige dieser Unterkünfte für Radler. Meistens sind es velobegeisterte Einheimische mit einem grossen Grundstück. Dasjenige von Santiago gibt es bereits seit 17 Jahren und es sind bereits tausende Radreisende hier vorbeigekommen. Santiago ist eine Legende in Ecuador. 
Um drei Uhr fängt es an zu stürmen, blitzen und donnern und innerhalb von 40 Minuten schüttet es aus Kübeln und alle Zelte sind komplett  unter Wasser.  Auch diejenigen von Clement und Aurelien, die zwei jungen Franzosen, die ich an der Lagune Chiriacu angetroffen habe. Sie tun mir leid. Ihr Pässe können gerettet werden, nicht jedoch das Kindle. Abends zeigt sich dann der Himmel wieder von der charmanten Seite.
Am nächsten Morgen fahre ich los, folge teils der Trans Ecuador Route. Ich treffe eine Gruppe von Damen auf Mountain Bikes, für mich ein erfreuliches Zeichen der Emanzipation. Ich folge Ihnen eine Weile, lasse sie dann aber ziehen, weil ich bergab auf den ecuadorianischen Paves nicht so schnell bin.
Ich nehme eine Alternativroute, die sich eher als Backpacking anfühlt und weniger als Bikepacking. Ich entferne mich von der Route gemaess GPS und lande prompt beim Eingang eines Schwimmbades. Da ich nicht zurueck moechte, suche ich mir selber einen eigenen Weg. 
Zunächst einem lauschigen Weg entlang einem Bach, dann über eine Brücke.
Irgendwann ist dann Schluss. Ich muss die hinteren Taschen abnehmen und das Velo einen steilen Pfad hinaufschieben. Derweil schlagen die Mücken wieder zu. Saubiester.
Der 79-jährige Sergio erbarmt sich meiner, zerschlägt zunächst noch eine Melone für seine Kuh und hilft mir. Ich schenke ihm eine Mandarine und wir plaudern eine Weile. Sein ältester Sohn wollte in Italien beruflich Fuss fassen, doch sprachlich ging es nicht. Und so lebt er seit 20 Jahren in Madrid. Die Töchter studieren in Quito. Während er erzählt, drescht er Weizen und vescheucht immer wieder die herannahenden Hühner. Sergio strahlt Gutmütigkeit und Zufriedenheit aus. Er mag seine Tiere, das merkt man ihm an. Beim Abschied umarmt er mich, sichtlich erfreut über den unerwarteten Kurzbesuch.  
Doch schon bald werde ich wieder von Scharen von bellenden Hunden gejagt. Es wimmelt nur so von diesen Kötern. Es ist heiss, auf meiner Haut bilden sich Blasen. Und wieder muss ich zu einem Bach runterlaufen und auf der anderen Seite wieder das Velo stossen. Kilometer fresse ich so nicht. Als ich in der kleinen Ortschaft Pintag am frühen Nachmittag ankomme, ist der Himmel bereits grau. Ich beschliesse, im einzigen Hostal, dem Vista Hermosa, zu übernachten und bin froh über diese Entscheidung, denn bald danach setzt starker Regen ein. Keine Frage, die Trockenzeit ist bald rum. Als der Regen aufhört, ziehe ich eine Runde im Ort, wo die Menschen daran sind, die Häuser mit Farbe aufzufrischen und einen Lastwagen bunt zu dekorieren. Morgen fangen die Feierlichkeiten zu Ehren der Virgen del Rosario und San Geronimo an.  
Am nächsten Morgen regnet es. Kein Cotopaxi. Ich checke um 9 Uhr aus und plane vage, mit dem Bus nach Machachi fahren zu können, um dann anderntags – gutes Wetter vorausgesetzt – auf den Nationalpark Cotopaxi zu fahren. Doch die Virgen und San Geronimo machen mir einen Strich durch die Rechnung. Am Vortag war Pintag noch eine verschlafene Kleinstadt, heute sind die Gassen überfüllt. Um 10 Uhr fängt eine Art Karnevalsumzug an. Eine dieser Überraschungen, die ich auf Reisen liebe.
Buntbekleidete Menschen überall, Blaskapellen sind am Proben, fantasievoll dekorierte Wagen, tanzende, singende und Gitarren spielende Einwohner, traditionell gekleidet in Trachten,  Strassenhändler, die Ballone, Hüte und Zuckerwatte anpreisen. Die paar Regentropfen können mir nun egal sein. 
Ich schaue dem Treiben und dem Umzug belustigt zu, begebe mich zum Parque, wo dann sogar ein paar Sonnenstrahlen durchdrücken.
Die tanzenden Formationen werden von Herren begleitet, die den Zuchauern selbstgebrautes Maisbier aus Kübeln reichen. Ein häufiges Motiv der vorausfahrenden dekorierten Wagen sind übrigens Kondore und Kolibris. Auf beide scheinen die Ecuadorianer stolz zu sein. Während erstere eine Spannweite von über drei Metern erreichen können, beherrschen die zweiteren den Seit- und Rückwärtsflug mit ihren 40 bis 50 Schlägen pro Sekunde. 
Wunderbar, dass ich das hier erleben darf. Ich esse eine Ceviche a la trucha, mit Forelle aus einer naheliegenden Lagune. Es herrscht eine ausgelassene, fröhliche Stimmung. Nächste Woche soll es eine Parade mit Pferden, Reitern und vaqueros – Cowboys – geben und anschliessend die Toros del Pueblo, ein Stiertreiben in der Arena, in der angetrunkene Hobby-Toreros ihren Mut unter Beweis stellen können.
Ich komme dann mit Ricardo, einem Quiteño, ins Gespräch, da er mein Velo begutachtet. Er fährt selber MTB und ist ein guter Freund von Santiago Lara, Mister ‘Casa de Ciclista’ aus Tumbaco. Er ist mit Kind und Kegel, Schwager und Schwiegermutter aus Texas unterwegs und er bietet mir an, mit seinem Pick-Up bis zur Laguna de Secas mitzufahren. Toll! Unterwegs kehren wir noch ein und ich komme in den Genuss von traditionellem Essen, begleitet von einem Glas warmen Morocho (Maisgetraenk), das wohl das Herz eines Vegetariers hätte höher schlagen lassen.
Dort zelte ich und hoffe, dass das Wetter auftut, um den Fuss des 5´897 Meter hohen Cotopaxi, dem zweithöchsten Berg in Ecuador nach dem Chimborazo, in Angriff nehmen zu können. 
Tatsächlich, die Sonne scheint am nächsten Tag. Nichts wie los. Zunächst runter nach Pintag und dann die Abzweigung nehmen. Doch Ernüchterung macht sich breit. Erstens bin ich wieder einmal auf einer “empedrada”, dem ecuadorianischen Kopfsteinpflaster. Ich mag Schotter- und Erdpisten, mit Sand kann ich umgehen, mit Wellblech arrangiere ich mich.  Diese Pavés sind aber eine einzige Tortur und Frustgaranten, egal ob rauf, runter oder flach. Ätzend. Und wenn ich 1’000 Höhenmeter fahren muss, möchte ich nicht mit einer langen Abfahrt beginnen. Ich schlucke die bittere Pille und begebe mich zum Tiefpunkt dieses Abschnitts.
In der letzten Ortschaft lädt mich die Wirtin des einzigen Grills zu einem Glas “chicha” ein, selbstgebrautes Maisgetränk. Während ich die grillierten Eingeweide dankend ablehne, pinkelt ein Strassenköter an mein Vorderrad. Die Hunde hier geben sich wirklich alle Mühe, sich bei mir verhasst zu machen. 
Ich werde jetzt einen Tag lang keiner Menschenseele begegnen. Die Piste steigt und steigt. Der Himmel wird derweil grauer und grauer. Fängt es bald an zu regnen? Im Hintergrund zieht der Himmel zu. Es donnert bereits.
Ohne GPS wäre ich längst verloren und haette mich verfahren. Zur Abwechslung fahre ich durch tropischen Höhenwald. Der Boden ist teils aufgeweicht vom Regen.
Plötzlich befinde ich mich an einem Hang. Doch, ich bin richtig. Aber müssen diese Schiebepartien sein ? Ich befinde mich immer noch in der Höhenstufe der Tierra Fria, dem Hauptsiedlungsraum der Anden von 2´000 bis 3´500 Metern. Ich bin nun auf 3´300 Metern und plötzlich schaut mich ein Stier aus rund Hundert Metern Entfernung grimmig an. Zum Glück kann ich durch ein Gatter. Doch der Stier wandert weiter oben durch den Zaun, das löchrig ist wie Schweizer Käse. Verdammt, weiter vorne dann eine Gruppe von weiteren sechs Stieren. Ich habe keine Lust, die Corrida Pintag´s von nächster Woche vorzuziehen. Doch zum Glück wenden sie sich ab. Dafür erschrecke ich, als mich eine Andenmöwe im Sinkflug anschreit. Ich bin auf 3´500 Meter, der Himmel ist duester und die vereinzelten Tropfen verdichten sich zu Regen. 
Die leerstehende Schutzhütte in der Ferne ist ein Geschenk des Himmels. Ich bin im Trockenen. Da es um vier Uhr immer noch regnet, mache ich mich daran, das Zimmer “wohnlich” zu “gestalten und säubere es mit Hilfe einer zusammengepressten PET-Flasche, einem Backenknochen und einem Zweig eines Busches: Schaufel, Schaber und Besen. Räucherstäbli, eigens für solche Fälle mitgebracht, verdecken den erdigen Mistgeruch.
Nebel zieht dann abends auf, es ist 6 Grad kalt. Ich bin froh, nicht draussen in der Nasskälte zelten zu müssen, ein Dach ueber dem Kopf zu haben und geniesse meinen Eintopf.
In der Nacht wache ich auf und sehe den Sternenhimmel. Perfekt. Um 6.30 bin ich schon auf dem Velo und es wird ein “dia muy chevere”. Grosses Kino. Die Sonne im Rücken, den Cotopaxi in voller Pracht vor mir, flach ansteigende, gut zu befahrende Schotter- und Erdpisten. Und das auf dem komfortablen RAW mit Pinion-Getriebe mit Keilriemen, das butterweich schaltet. Genussradeln pur.
Ich bin in meinem Element, im Hoch, kann mich nicht sattsehen, hab’ ein Bilderbuch vor mir, einer der höchsten aktiven Vulkane. Ich steige bis auf 3´871 Metern gemäss meinem GPS. Und vor lauter Cotopaxi vergisst man gerne den gegenueber liegenden Vulkan Ruminahui (4’721 M), einem erloschenen Vulkan.
Am Schluss noch ein Abstecher zur Laguna de Limpiopungu, danach steht mir die wohlverdiente Abfahrt bevor. Zunächst auf der Hauptstrasse, 10 Meter breit und planiert – Touristen sei Dank. Und danach wartet ein enger Singletrail durch einen dichten Nadelwald auf mich. Grossartig. 
Ich fahre bis nach Latacunga. Und irgendwie scheinen mir die Feierlichkeiten in den Schoss zu fallen. Am Abend findet ein sehr lebhafter, karnevalsähnlicher Umzug zu Ehren der Virgen Maria de la Merced statt, der Mama Negra, der Schutzpatronin des Cotopaxi seit dem Vulkanausbruch 1742.
Den einzelnen Formationen gehen Männer voraus, die auf dem Rücken ein Gestell tragen, bunt dekoriert mit ganzen Schweinen (!), Meerschweinchen, Gemüse und Alkoholflaschen. Da die ganze Pracht rund 70 kg schwer wiegt, folgt ein Mann mit einem Tisch, damit der erste sich ab und zu ausruhen kann, nachdem er sich wild gedreht hat. Es folgen in Trachten gekleidete tanzende Männer und Frauen, Blasmusiker, Trommeln. Die Mama Negra mit schwarzer Maske reitet auf einem Pferd. Es werden immer wieder selbstgebraute Mixturen an die Zuschauer verabreicht. Dann gibt es noch weiss maskierte Gestalten, “Los Huacos”, die eine Art Reinigungsritual vollziehen. Sie schnappen sich ein Opfer, umkreisen es tanzend, schlagen mit einem Geweih oder Stock und einem Kräuterbündel auf dieses und geben ihm irgendein Gebräu zu trinken. Die Utensilien erinnern mich irgendwie an diejenigen zur Reinigung meiner Unterkunft auf dem Weg zum Cotopaxi! 
 Was für ein Tag: am Morgen noch einsam in der Weite Richtung Cotopaxi unterwegs und abends mitten im Umzug zu Ehren dessen Schutzpatronin. “Chevere, chevere”, wie die Ecuadorianer zu sagen pflegen.
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Start in Ecuador

Endlich geht es los ! Mein Flug mit Iberia bringt mich von Zuerich ueber Madrid nach Quito, wo ich puenktlich lande und das bestellte Taxi bereits auf mich wartet. Da der Velokarton nicht in das Taxi passt, entsorge ich halt gleich den Karton vor Ort und demontiere das Vorderrad, damit mein Stahlross hinten auf dem Sitz Platz hat. Der neue Flughafen von Quito liegt rund 36 km vom Zentrum entfernt und als wir um 19 Uhr im Hostal Revolucion eintreffen, ist es bereits dunkel. Quito, die Hauptstadt von Ecuador, ist nur 20 km vom Aequator entfernt und mit 2’850  Metern die hoechstgelegene Hauptstadt der Welt vor Sucre in Bolivien. Sie liegt in einem fuer die Anden typischen schmalen Laengstal. Auf- und durchatmen heisst es erst mal in dieser Hoehe. Ich werde mir ein paar Tage goennen, um mir die Stadt anzuschauen und mich zu akklimatisieren.

Meine Reise habe ich minutioes geplant. Allerdings ist mir eine kleine Unachtsamkeit passiert, die mich zu einer Planaenderung zwingen wird. Den Clip mit Korrektur fuer die Sportbrille habe ich zuhause vergessen. Und so darf meine Mutter fuer mich express mit DHL (das heisst langsam?) ein Paket aufgeben. Drei Tage soll es gehen. Und tatsaechlich: innerhalb von zwei Tagen trifft das Paket nach Etappen in Leipzig, Amsterdam und Panama bereits in Guayaquil in Ecuador an. Ich nutze die Zeit, um mir die aufgrund der Kolonialvergangenheit roemisch-katholische gepraegte Stadt anzuschauen, auf den Turm der Basilika raufzusteigen und durch die Gassen des historischen Zentrums zu schlendern. Was mir sehr gut gefaellt, ist die Vielfalt an mir noch unbekannten Fruechten: etwa die Baumtomate, Babaco (Bergpapaya), Chirimoya, Granadilla, Pitajaya (Drachenfrucht, schmeckt wie Kiwi) und noch viele weitere. Fruchtsaefte – Jugos – gibt es an jeder Ecke. Kein Wunder, das Klima in Ecuador begunstigt den Anbau von tropischen Fruechten, Kakao, Kaffee und vor allem von Bananen. Ecuador ist eines der wichtigsten Exportlaender, was Bananen anbelangt.  

Natuerlich lasse ich es mir nicht nehmen, mich mit dem Teleferico, der Seilbahn, auf fast4’000 Meter befoerdern zu lassen und eine gigantische Sicht auf die Stadt und den Vulkan Cotopaxi zu bewundern. Anschliessend wandere ich mit einer spontan zusammengewuerfelten Gruppe von Touristen und zwei Einheimischen mit ihrem Hund auf den Vulkan Ricu Pichincha auf 4’627 Metern rauf. Es scheint ein Volkssport zu sein, hier raufzusteigen, egal ob mit Wanderschuhen und Helm oder in ganz einfachen Turnschlappen. Mit leichtem Kopfweh steigen wir wieder runter, eine junge Suedtirolerin geraet bei einer Kletterpartie in Panik und ich muss ihr gut zureden und sie beruhigen, damit sie den Abstieg schafft. 

Nun, das Paket mit dem Clip fuer die Sonnenbrille ist nun bereits in Guyaquil. Doch die Muehlen von DHL mahlen hier langsam, die Zollformalitaeten scheinen kompliziert zu sein. Nach zwei Tagen bemueht man sich, mich per Mail anzuschreiben und zu fragen, ob ich mit der Verzollung einverstanden sei. Was soll das fuer eine Frage? Habe ich eine Alternative? Ich muss die bittere Pille schlucken und zu den 139 CHF Transportkosten noch 71 US-Dollar berappen. Der US Dollar ist uebrigens seit einigen Jahren die offizielle Waehrung hier. Die Dinge wollen nicht recht vorangehen und so entscheide ich nach vier Tagen, Quito zu verlassen und nach Norden zu fahren, obschon ich nach Sueden fahren wollte. Nicht ohne meinen Unmut bei DHL Schweiz zu deponieren. Die Aussicht, noch drei, vier Tage in einer stickigen Grosstadt ausharren zu muessen, zwingt mich zu handeln. Abgesehen davon, dass im Backpacker einige Australier bis fruehmorgens feiern und jeweils besoffen um drei Uhr das ganze Haus aufwecken.

Ich sattle also mein neues Velo, ein RAW von MTB Cycletech, deren neues Flaggschiff und fahre zunaechst run d550 Hoehenmeter runter nach Tumbaco, wo die alte Eisenbahnlinie zu einem Veloweg ausgebaut wurde. Eine herrliche Strecke, um mich warmzufahren. Keine steilen Anstiege, sondern alles eher flach mit sanften Steigungen. Es ist am ersten Tag sehr heiss mit fast 35 Grad, die Sonnencreme ist irgendwo in einer Packtasche weit unten verstaut und so verbrenne ich mir leicht die Arme. Es braucht ein paar Tage Zeit, bis alle Handgriffe stimmen, jedes Objekt und Ausruestungsteil sein Plaetzchen in einer der Taschen auf dem Velo gefunden hat, ich eins werde mit meinem RAW.

Die ersten Kilometer in einem fremden Land, in einem mir unbekannten Kontinent und mit einem neuen Velo sind sehr aufregend. Sobald ich die ersten Kilometer aus Quito rausfahre, spuere ich, dass es die richtige Entscheidung war. Auf dem Velo fuehle ich mich befreit. Das Vorankommen, das Entdecken und mich Ueberraschen lassen, macht einfach Spass, treibt mich an. Als Ersatz fuer die Sonnenbrille habe ich uebrigens fuer 5 USD eine Schweisserbrille gefunden, die ich auf meine Brille aufsetzen kann. In Tumbaco esse ich Fisch, Ceviche, ein Gericht aus Garnelen gegart in Limettensaft, gewuerzt mit Chili und Koriander. Das Essen ist hier genial, reichhaltig, viele Maisarten, Gemuese. So laesst es sich gut leben als Radler. Und es ist hier auch dringend noetig, weil die Steigungen und der Streckenbelag brutal sein koennen.

Auf diesem Trip werde ich vor allem auf Pisten und Jeeptracks unterwegs sein, weg vom Asphalt und von der Panamericana. Es handelt sich in Ecuador um die Strecke TEMBR – Trans Ecuador Mountain Bike Route. Und schon bei einem ersten Canyon kommen Hochgefuehle auf und ich geniesse es, auf diesen verschlungenen und einsamen Wegen unterwegs zu sein. Na ja, nicht ganz einsam, weil bei einem Pause auf einer Wiese ich regelrecht von Insekten aufgefressen werde und danach alleine am rechten Bein 23 Stiche habe, die vor allem in der Nacht einen ueblen Juckreiz verursachen. Die ecuadorianischen Hunde, von denen es nur so wimmelt, habe ich schon nach einem Tag auf dem Kicker. Sie koennen recht aggressiv werden und es werden Geschichten von Tourenradlern kolportiert, die gebissen wurden. Vorsicht und lautes Schreien ist angesagt.

In einer kleinen Ortschaft, in Yaruqui, uebernachte ich in einem einfachen Hostal. Danach geht es bis nach El Quinche weiter, wo sonntags ein sehr belebter Markt stattfindet, in dem allerlei Waren angepriesen werden und das Zentrum rammelvoll ist. Ich spuele den Staub im Rachen mit dem frischen Saft einer Kokosnuss runter und fahre weiter bis nach Guayallabamba, wo ich mir ein leckeres Mittagessen goenne. Anstatt Brot wird hier Popcorn und geroesteter Mais gereicht. Jetzt folge ich der Panam – der Panamericana – fuer ein paar Kilometer. Zunaechst eine rasante Abfahrt und danach in der bruetenden Hitze ein schweisstreibender Anstieg, an einem Aussichtspunkt vorbei. Toll, schon auf den ersten Metern haelt ein Auto hinter mir an und reicht mir 8 Mandarinen, der Fahrer haelt den Daumen hoch und grinst mich an. Wie einfach doch Radler mit solch kleinen Gesten gluecklich zu stellen sind !

Ich nehme eine Seitenstrasse und mache Bekanntschaft mit dem beruechtigten ecuadorianischen Kopfsteinpflaster. Langgezogene, nie enden wollende holprige Steigungen. Selbst die Abfahrten auf diesem Belag sind muehsam. Da schon fuenf Uhr ist – um sechs dunkelt es ein – suche ich mir einen flaches Stueck Land ausser Sichtweite und schlage mein Zelt auf.

Am Morgen durchziehen Nebelschwaden die Taeler. Tagsueber wird es dann wieder recht warm. Die Strasse steigt an, ich komme in eine kleine Ortschaft, Malchinqui, wo ich meine Vorraete wieder aufstocken kann. Die einzige Bude, die offen hat, serviert nur Salchipapas, Fritten und Wuerste. Das erspare ich mir. Ich kaufe mir noch ein paar Snacks und Bananen und ziehe weiter.

Nun faengt die Steigung auf einer mit Furchen durchzogenen Erdpiste richtig an. Im ersten Gang kaempfe ich mich Meter um Meter hoch. Das GPS zeigt mir noch 14 Km bis zum hoechsten Punkt, wo eine Lagune ist. Als ich das Hoehenprofil studiere, wird mir etwas bange. Rund 1’400 Hoehenmeter wollten heute erklommen werden. Doch die Landschaft entschaedigt fuer die Strapazen.

Endlich flacht die Strecke etwas ab und ich kann etwas entspannter radeln, die Landschaft geniessen.

Ich bin nun schon auf ueber 3’300 Meter und die Sicht auf das Tal ist beeindruckend. Vor mir liegt tropischer Hoehen- und Nebelwald, weiter unter Anbaugebiet. Ich stosse auf Einwohner des Dorfes Malchinqui, die hier an den steilen Bergwaenden Blaubeeren sammeln und mir natuerlich ein paar Handvoll reichen.

Die Menschen sind freundlich, zu Spaessen aufgelegt und scheinen den Ausflug in der Gruppe zu geniessen. Die Kinder sind neugierig. Ein kleiner Junge, Luis, wuenscht mir alles Gute fuer die Weiterfahrt: Senor, che le vaya todo bien!

Ich bin jetzt ganz einsam, die Strasse steigt wieder an. Grosse Steinbrocken saen die Strasse, sodass ich ab und zu das Velo stossen muss. Bald habe ich das Gefuehl, in einem Regenwald zu fahren. Ich verfahre mich, muss wieder zurueckfahren. Doch landschaftlich wird es immer reizvoller.

Auch die Pflanzenwelt ist ungewohnt. Botaniker haetten in Ecuador ihre helle Freude. Ecuador besitzt eine einzigartige Vielfalt an Pflanzen und Tieren. Und so kann ich es trotz fortgeschrittener Stunde nicht sein lassen, ueber die ungewohnten Formen und Farben zu staunen. Es ist nun schon drei Uhr, noch 5, 6 km. Doch die wollen erkaempft werden.

Es geht ein Stueck runter und wieder rauf. Gemaess GPS bin ich zwar immer noch richtig, doch ploetzlich befinde ich mich auf einer Weide und nicht mehr auf einem Pfad, die Rinder suchen das Weite. Das Einzige, was ich vor mir habe, ist ein riesiger Hang mit Furchen.

Mir bleibt nichts anderes uebrig, als zu Schieben, denn ans Fahren ist schon lange nicht mehr zu denken. Zum Glueck ist es sonnig, denn sobald Wolken aufziehen, wird es rasch kuehl mit Temperaturstuerzen von 10 bis 15 Grad. Mit dem normalen Tourenrad haette ich hier schon laengst kapitulieren muessen. Die naechste Herausforderung steht mir bevor: ein Zaun. Vier neugierige Pferde beobachten mich, wie ich den Zaun muehsam aufmache und vorsichtig das Velo hieve. Um vier wollte ich auf der Lagune sein, daraus wird nun nichts. Ich laufe weiter, Meter um Meter gewinne ich an Hoehe und bin schon auf ueber 3’600 Metern. Dummerweise lauft linkerhand ein Pfad mit dem Zaun zusammen und ich merke, dass ich wieder ueber den Zaun muss. Diesmal kann ich aber den Zaun nicht oeffnen, sondern muss das ganze Gepaeck entfernen und dann muehsam das Velo ueber den Zaun heben und dabei aufpassen, dass sich meine Oberschenkel nicht am Drahtzaun aufschuerfen. Ich koennte schreien vor Wut, doch es nuetzt nichts. Noch ein Kilometer, 500 Meter und dann faellt mir ein Stein vom Herzen, ich bin ploetzlich erleichtert, euphorisch und ich weiss, wieso ich mir das alles antue und sich das lohnt. Der Anblick der Lagune Chiriacu auf fast 3’750 ist wie Balsam auf die Seele.

Eine tolle Ueberraschung ist, das ich hier ein Zelt erblicke. Zwei franzoesische Brueder aus der Bretagne, Clement und Aurelien, sind ebenfalls mit dem Rad unterwegs. Sie haben sich vor zwei Monaten in Kolumbien fuer umgerechnet 300 Euro Mountainbikes gekauft und sind seither als Tourenradler unterwegs. Davor waren sie mehr als ein Jahr lang als Backpacker und mit einem Van unterwegs gewesen. Doch mit dem Rad unterwegs zu sein, sei fuer sie die schoenste Art zu reisen.

Bis nach Otavalo sind es zwar nur 15 km, doch es ist schon 5 Uhr und deshalb schlage ich mein Zelt neben dem der Gebrueder Trotel (sic!) auf. Es tut gut, sich mit Gleichgesinnten austauschen zu koennen und diesen einzigartigen Ort und die Abendstimmung geniessen zu koennen. Nach dem Nachtessen – Pasta mit Tomaten, Knoblauch, Erdnuessen und Rosinen – schluepfen wird in den warmen Schlafsack, denn die Temperatur betraegt gerade noch 3 Grad. Um acht Uhr sind wir schon im Zelt.

Am naechsten Morgen scheint die Sonne und wir lassen uns Zeit mit dem Zusammenpacken. Wir verabschieden uns und ich fahre zur groesseren der zwei Lagunen weiter.

Die Lagunas de Mojanda sind von Otavalo aus auf einer 15 km langen Kopfsteinpflasterstrasse zu erreichen, die eine durchgaengige Steigung von ca. 7 Grad hat. Selbst die Abfahrt hat es in sich und auch hier bin ich froh, dass ich mit Scheibenbremsen unterwegs bin.

Um Mittag erreiche ich dann endlich Otavalo, eine Kleinstadt bekannt fuer den bunten Markt und ein beliebtes Touristenziel. Die Stadt ist gepflegt mit einem reichhaltigen Angebot an Laeden, Hostals und Restaurants. Ich steuere zunaechst ein Restaurant an und verpflege mich. Danach geniesse ich eine heisse Dusche und bin ueber die ersten dreieinhalb Tage Radfahren ganz zufrieden. Ich bin langsam auf Betriebstemperatur und bereit fuer die weiteren Pisten entlang der Vulkanroute. Das Paket ist nun nach fast einer Woche in Ecuador doch noch dem Hostal Revolucion zugestellt worden und nach etlichen Reklamationen meinerseits erhalte ich sogar die Transportkosten wegen den Unanehmlichkeiten zurueck erstattet. Morgen gehe ich mit dem Bus nach Quito. Hasta pronto !

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