Herbstzeit in Kirgistan

Meinen letzten Reisebericht habe in Jangi Talap am Fusse des auf 3000 Metern liegenden Bergsees Song Köl geschrieben. Wegen Regenfällen blieb ich dort etwas ‘hängen’. Ein anderer Radler kam dort runter und berichtete davon, dass es in der Nacht geschneit habe und zeigt mir Fotos.

Da es wieder stark regnet (und am Song Köl schneit) sehe ich davon ab, den Moldo Pass in Angriff zu nehmen. Es geht also in einem Tag Richtung Westen durch ein sehr weites Tal bis nach Naryn. Unterwegs lässt sich eine Herde von baktrischen Kamelen, auf Deutsch Trampeltier, durch meine Anwesenheit nicht aus der Ruhe bringen. Endlich kann ich sie von der Nähe begutachten.

In der Abenddämmerung erreiche ich das auf 2’050 Metern gelegene Naryn, eine Stadt an der Seidenstrasse mit rund 41’000 Einwohnern. Von hier führt eine Strasse über den Torugart-Pass nach China. Heute die wichtigste Verbindungsstrasse zum grossen Nachbarn. Die Stadt ist mit rund 14 Kilometern extrem langgezogen. Ein wirkliches Zentrum ist nicht auszumachen. Trotzdem finde ich dank GPS ein nettes Guesthouse. Es ist bereits dunkel.

Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, in den Städten die lokalen Museen zu besuchen und das Kulturprogramm etwas zu pflegen. Sonntags sind diese aber häufig leider geschlossen. Die Besitzerin meiner Unterkunft ist zufälligerweise die Museumsdirektorin und als sie mein Skizzenbuch sieht, lässt sie das Museum an diesem Sonntag eigens für mich öffnen.

Die nächsten Tage soll es schön bleiben. Also nichts wie los Richtung Tien Shan Gebirge. Wobei ich mich im Grunde genommen schon in dieser Grosslandschaft befinde, die vereinfacht gesagt von der Kysilkum-Wüste und dem Ferghana-Tal im Westen, dem Karakorum, dem Tarim-Becken mit der Taklamakan-Wüste im Südwesten und der Dschungarei begrenzt wird. Fast 2’500 Kilometer lang.

Der Tien Shan ist in mehrere, langestreckte Gebirgszüge mit Höhen bis über 7’000 Meter unterteilt, zwischen denen ausgedehnte Hochebenen bestehen. Das 198’000 Quadratkilometer umfassende Kirgistan befindet sich fast vollständig im Tien Shan. Mit rund 6 Millionen Einwohnern ist das Land eher dünn besiedelt. Der höchste Punkt des Landes ist der Khan Tengri mit 7’010 Metern an der Grenze Kasachstan, China und Kirgistan. Vom Khan Tengri aus führt der südliche Inyltschek-Gletscher, der weltweit grösste Gletscher ausserhalb der Polarregionen sage und schreibe 60 km westwärts.

Aus Schweizer, ja sogar aus Baselbieter (und genau genommen auch aus Schwarzbubenländerischer) Sicht ist der Khan Tengri, der nördlichste Siebentausender, bemerkenswert. Die Drittbesteigung erfolgte nämlich unter anderem durch Lorenz Saladin aus Nuglar-St. Pantaleon, einen Steinwurf von meiner Heimatgemeinde Liestal entfernt. Und endete leider tödlich für ihn beim Abstieg. Die (leider auch) jung verstorbene Annemarie Schwarzenbach hat die Fotos Saladins aufbereitet, recherchiert und ein Buch über seine Expedition geschrieben (https://www.sac-cas.ch/de/die-alpen/einfacher-bursche-und-reiche-tochter-18162/). Zurück zur Gegenwart. Während es im Sommer hier sehr grün ist, zeigt sich die Landschaft nun in warmen Herbstfarben. Die Farben Ocker, Gelb und Olivgrün dominieren die Landschaft. Im Kontrast dazu der blaue Himmel und die schneebedeckten Berge im Hintergrund. Die meisten touristischen Jurtcamps haben ihre Zelte jedoch bereits abgebrochen.

Bei einem Yurtcamp stehen die Jurten zwar noch, aber es ist alles verschlossen. Ich zelte nebenan, habe  eine grüne Wiese, fliessendes Wasser, Tisch und Bank und meine Ruhe. Bis ein weisser Lada vorbeifährt. Die zwei Herren sehen aus wie Förster oder Jäger. Wer sie sind und was sie dort machen, weiss ich nicht. Sicherheitshalber frage ich den stämmigen und sympathischen Adam und seinen Freund Karim, ob es in Ordnung sei, hier zu zelten. Sicher doch. Ich könne auch in einer Jurte schlafen. Ohne Teppiche ist es dort aber nicht gemütlich und ich ziehe mein Zelt vor. Sie beschenken mich mit Gemüse,  begutachten detailliert meine Ausrüstung und überzeugen sich davon, dass ich nicht kalt haben werde in der Nacht.

Die Nacht wird zwar kalt werden und das Wasser gefriert in den Trinkflaschen ein. Doch sobald sich die ersten Sonnenstrahlen zeigen, wird es wieder angenehm. Zum Radeln reichen mir tagsüber die kurzen Hosen aus.

Adam gibt mir am Vorabend zu verstehen, dass ich in der Ortschaft Oruk Tam nach seinem Bruder Kanat fragen und ihm das von uns dreien geschossene Foto geben soll. Gesagt, getan. Und so komme ich zur Mittagszeit zu einer warmen Mahlzeit. Der Bruder ist zwar nicht anwesend, aber seine Frau und die Töchter sind zu Hause und scheinen über meinen Besuch nicht überrascht zu sein. Ich bewege mich nun zwischen 2’300 und 2’700 Metern. Es geht auf und ab und ich sammle fleissig Höhenmeter. Die Landschaft erinnert zunächst an das Graubünden.

Mit zunehmender Höhe verschwinden die Birken und Tannen und ein karges, weites Hochgebirge verschafft sich Platz.

Riesige Herden von Schafen und Pferden sehen von weitem wie Ameisen aus. Der Fluss Naryn gibt die Richtung vor und sorgt für wunderbare Bilder.

Gegen Abend erreiche ich eine Anhöhe mit Blick auf den Fluss Bolgart.und den gleichnamigen Weiler.

Dort gibt es sogar Zimmer und ich kann dort schlafen. Nächstentags geht es dann ausgeruht weiter.

Bei meiner Durchschnittsgeschwindigkeit im tiefen zweistelligen Bereich sind die 65 Kilometer bis zur Passhöhe nur unter Zeitdruck zu schaffen, zumal die Tage recht kurz sind. Zudem ist es dort zum Zelten wohl nicht geeignet. ‘Prendre son temps est le meilleur moyen de n’en pas perdre’, lautete schon das Motto des Reiseschriftstellers Nicolas Bouvier. Vor allem möchte ich nochmals eine Nacht im Hochgebirge verbringen und die Abgeschiedenheit in dieser Höhe geniessen.

Nicht so hingegen ein junger britischer Radler. Er möchte unbedingt noch über den Pass. Wir furten über einen Fluss und er zieht dann eilig weiter, während ich an der Sonne ein Brot mit Erdnussbutter, Käse und eine Birne verspeise. Das Wetter scheint trotz einiger Wolken zu halten.

An einem windgeschützten Plätzchen auf 3’400 Metern finde ich ein ebenes Stück Gras, das gerade so Platz für mein Zelt hat. Die Aussicht: ganz grosses Kino.

Die Nacht ist mit minus sieben Grad erträglich. Kurz nach Sonnenaufgang wärmt die Sonne bereits das Zelt und ich freue mich, noch die restlichen 500 Höhenmeter bis zum Tossor Pass auf 3’896 Metern zu radeln, die letzten Meter dann eher das Velo schiebend.

Dass nun Wolken aufziehen und es merklich kälter wird, kann mir egal sein. Ich habe den Pass erreicht, esse meine tiefgekühlte Banane und runter gehts. Bin zufrieden, dass ich es um diese Jahreszeit noch über einen so hohen Pass geschafft habe.

Sagenhafte 2’200 Höhenmeter mit nur sehr wenigen Pedalteltritten bis runter zum Yssik-Kul See. Eine Downhill Abfahrt, die seinesgleichen sucht. Und die äusserst zahlreichen und schreckhaften Yaks suchen jeweils panikartig das Weite, wenn ich heranrausche und mich mit Interjektionen lauthals bemerkbar mache.

In Tossor kann ich endlich mein Zelt trocknen und ein Guesthouse suchen.Die Etappe bis Karakol wird nicht zu den schönsten gehören. Eine Überführungsetappe sozusagen, in der es darum geht, die 100 Kilometer möglichst rasch runterzuspulen.

Sie beinhaltet zudem eine ‘Pantalonade’, wie es im französischen Jargon heisst. Durch das wechselhafte Wetter bedingt ziehe ich mein ganzes Sortiment an Kleidern an und aus. Unterwegs fährt mir eine Radlerin aus Litauen entgegen, ein kurzer Schwatz und schon geht es weiter.

Am Morgen erheische ich noch einige Blicke zum Yssykköl. Die Besonderheit des grössten Gebirgssees nach dem Titicacasees in Südamerika liegt darin, dass er trotz seiner Höhe von über 1’600 Metern und Temperaturen von minus 20 Grad im Winter nie zugefriert.

Es ist Erntezeit und überall sieht man Berge von Äpfeln, Birnen und Kartoffelsäcken am Strassenrand aufgereiht. Alles in allem schlage ich mich gut durch bis Karakol, trotz des doch starken Verkehrs und einiger nähesuchende Vehikel. Ich werde oft vom Asphalt abgedrängt und fahre am Schluss auf der Piste nebenan.

Gegen Abend zeigt sich dann doch kurz die Sonne und sorgt für das klassische Dilemma. Eigentlich möchte ich raschmöglichst mein Tagesziel erreichen. Doch ich kann nicht anders als anzuhalten und bei diesen wunderbaren Lichtstimmungen ein paar Aufnahmen zu machen.  Vorzugsweise mit Ladas oder einem alten Gaz-Truck drauf. Es wirkt pittoresker.

Ein glücklicher Zufall ist, das ich am Samstag Abend in Karakol ankomme und sonntags jeweils der berühmte Viehmarkt stattfindet. Einziger Wermutstropfen: er fängt schon in der Nacht an. Also rasch einchecken, duschen, essen und schlafen gehen.

Von ganz Kirgistan reisen die Tiertransporte hier bereits am Samstag Abend an, um sich einen guten Platz im Bazaar-Gelände zu ergattern.

Ich laufe um 5 Uhr los, es ist still, dunkel, null Verkehr.  An einer Kreuzung biegt ein Lada ab. Zu dieser Zeit fährt man noch nicht zum Bäcker sondern einzig zum Bazaar. Ich kann mitfahren und erspare mir 30 Minuten Gehzeit.

Es herrscht ein regelrechtes Gedränge. Autos und Kleinlaster verrichten Millimeterarbeit, um durchzukommen. Zunächst passiere ich die Fraktion der Fettschwanzschafe.

Es folgen die Pferde und danach die Rinder und Kühe. Bei den Pferden halte ich gebührenden Abstand. Bei den Kühen ist dies nicht möglich. Ich komme mir vor wie an einem Openair.

Bei Sonnenaufgang herrscht so etwas wie Festivalstimmung. Als hätte man die Nacht durchgezecht. Viele sind vom weiten Weg und vom Ausharren müde. Bei Tageslicht und im Gedränge ist man dann plötzlich wieder hellwach, trägt aber eine gewisse Müdigkeit mit sich.

Ich bahne mir den Weg durch die Menschenmenge und das Vieh. Wenn man Pech hat, entleert dieses gerade seinen Darm.

Es ist ein gesellschaftliches Erlebnis, eine jahrhundertealte Tradition. Die Tiere werden penibel genau begutachtet. Es wird verhandelt, gescherzt, Geldscheine werden gezählt. Man läuft umher schaut sich die Tiere an. Eine prächtige Kuh kostet dabei rund ‘doksan besch’, diese Zahl höre ich am häufigsten. Will heissen 85’000 Som, also etwa rund 850 Franken. 

Zwischendurch suche ich die Esstände auf, trinke einen Kaffee und Mantis. Dort sind ein paar Gäste über dem Tisch eingeschlafen. Das Ereignis dauert bis etwa 10 Uhr, dann fängt sich die Masse an zu lichten und die ersten Mercedes-Transporter mit den neu erstandenen Tieren starten ihren Motor und produzieren eine Wolke von Abgasen. Nicht allen Tieren passt das.

Waren die Tiere während der Schau ruhig, herrscht nun plötzlich Aufregung. Es wird um die Wette gewiehert, geblökt und gemuht.  Gewissen Pferden merkt man, dass ihnen auf dem neuen Transporter unwohl ist.

Karakol hat rund 69’000 Einwohner und macht einen aufgeräumten Eindruck. Die Strassen sind grosszügig angelegt, grösstenteils neu asphaltiert, ebenso die Gehsteige. Die Stadt ist Ausgangspunkt für Trekkingtouren in die umliegenden Berge. Möglicherweise stammt der Wohlstand von der nicht allzu weit liegenden Goldmine Kumtor.

Karakol nennt auch auch ein kleines Ortsmuseum ihr Eigen, auf das ich mich besonders freue. Es beherbergt nämlich eine Dauerausstellung mit Original-Fotografien der Genferin und Reiseschriftstellerin Ella Maillart, die 1932 Zentralasien bereiste. Und damit schliesst sich sozusagen der Kreis zu Lorenz Saladin. 1939 fuhr Maillart zusammen mit Annemarie Schwarzenbach in einem Ford von Genf nach Kabul. Kirgistan und die Schweiz.  Die Entwicklungsorganisation Helvetas ist hier schon seit Jahrzehnten präsent. Neuerdings fördert die Schweiz hier den Wintertourismus.

Die Dauerausstellung ist von ausgezeichneter Qualität. Ich bin begeistert und kann mich an diesen alten Fotos kaum sattsehen. Die Museumsdirektorin vertraut mit dann an, dass sie im Besitz der alten Kamera von Maillart sei und ich darf diese dann auch in die Hand nehmen.

Die zwei Ruhetage in Karakol gehen rasch vorbei. Ich komme kaum zur Ruhe, mache meine ganze Wäsche, reinige mein Rad, erstelle ein Backup meiner Bilder, kaufe Esswaren ein, plane die Weiterfahrt.

Ach ja. Und man kann nicht Karakol verlassen, ohne Ashlan Fu probiert zu haben. Eine kalte würzig-scharfe Suppe mit Glasnudeln, Laghman, Gemüse und Fleisch. Sie ist derart populär, dass es sogar eine ‘Ashlan-Fu alley’ hier gibt. Das Gericht wurde von Dunganen, chinesischen Muslimen, Ende des vorletzten Jahrhunderts importiert, als sie in Karakol Zuflucht fanden.

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