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Peru’s Great Divide

 
Endlich wieder auf dem Rad. Vorher gönne ich mir aber in Lima die beste Ceviche in town im Punto Azul. Die Wartezeit, bis man endlich an einen Tisch gesetzt wird, kann ich mit einem Pisco sour überbrücken. Raus aus Lima, rauf in die Berge auf der stark befahrenen Carretera Central. Von der Busstation Yerbateros raten mir alle dringlich ab, ein sehr unsicherer Ort. Ich nehme daher einen Minivan nach Chosica und von dort mit dem Bus nach San Mateo, einem kleinen Ort, in dem  Mineralwasser auf 3200 Metern abgefüllt wird. Nach einer Woche auf Meereshöhe spüre ich, wie der Sauerstoff knapp wird. Knoblauch und Koka-Blätter helfen mir, mich an die Höhe anzugewöhnen.
Ich will mich zunächst akklimatisieren, fahre deshalb am nächsten Tag nur 700 Höhenmeter und zelte bei der Plaza und der Schule des kleinen Dorfes Chocna. Ich hoffe, dass ich so einigermassen höhenfit bin für die nächsten Tage. Einzig mit dem freundlichen Gemeindearbeiter Maita komme ich ins Gespräch dieses 40-Seelen Dorfes. 
Ich fahre ein Stück auf der bei Tourenfahrern bekannten Peru’s Great Divide: Garant für einsame Schotterpisten, grandiose Berglandschaften und Höhenmeter bis zum Abwinken. Morgens ist es meist schön und klar. Am Vormittag ziehen dann Wolken auf, bis dann gegen ein oder zwei Uhr sich die ersten Regentropfen bemerkbar machen. Manchmal auch erst später. 
Ich komme relativ gut vorwärts und möchte gerne den Punta Ushuayca erklimmen. Am Morgen bleibt mir das Herz stehen. Ein Einheimischer auf einem Esel unterwegs treibt zwei Kühe und einen Stier vor sich her und befiehlt mir – zu meinem eigenen Schutz – “Bajate! El toro quiere cornear!”. Runter in die Böschung, der Stier ist nicht gut drauf. Sie überholen mich und als ich gemütlich vor mir herfahre, sehe ich plötzlich den Stier auf mich zurennen. Ich kann mich noch hinter einen Zaun retten. Puuh, Glück gehabt. 
Auf einer Höhe von 4´630 Metern, es ist erst ein Uhr, kommt dann in der Ferne ein Gewitter auf, ein Berggipfel in der Nähe wird innert kurzer Zeit eingeschneit.Soll ich noch weiter und es wagen, über die Passhöhe zu fahren? Blitze und das laute Donnern nimmt mir die Antwort rasch ab. Schnell stelle ich das Zelt auf. Und tatsächlich: etwa eine halbe Stunde später setzt Graupelregen und danach Schnee ein. Drei Stunden verbringe ich im Zelt, bis es endlich aufhört zu schneien. Ich muss immer wieder die Zeltwände von innen abklopfen, wenn das Zeltdach wegen des Schnees durchhängt. 
Ich krieche aus dem Zelt und das Schauspiel, das sich mir bietet, ist unbeschreiblich und gewaltig. Die Wolken haben sich teilweise verzogen, ich kann die umliegenden Berge, alle frisch verschneit, in der Abendsonne bewundern. Die Lichtstimmungen ändern schnell und ich kann mich nicht sattsehen. Imax hoch zwei.
Ich befinde mich ganz alleine inmitten dieser grandiosen Landschaft, fühle mich zufrieden, erfüllt und gleichzeitig ehrfürchtig. Ein besonderer Moment, unvergesslich. Die untergehende Sonne verfärbt den Himmel in Gelb-, Violett- und Blautöne.
Als die Sonne ganz untergegangen ist, mache ich mich rasch daran, einen Tee und eine Nudelsuppe zuzubereiten. Schnee zum Wasserschmelzen gibt es ja genug. Am nächsten Morgen ist der Himmel klar, dafür ist es umso eisiger mit etwa minus 7 Grad.
Der schwierigste Moment ist, wenn ich aus dem warmen Schlafsack herauskriechen muss. Doch der Himmel ist klar, sobald die ersten Sonnenstrahlen scheinen, fühle ich, wie es wärmer wird.
 Ich geniesse es, durch die verschneite Landschaft zu radeln, noch die letzten 300 Höhenmeter bis zum Pass Ushuayca auf 4´930 Metern zu erklimmen.
Auf der anderen Seite scheint es nicht so stark geschneit zu haben. Die Berglandschaft ist auch hier überwältigend, es folgt eine Lagune und danach eine langgezogene Abfahrt. 
Von der kleinen Ortschaft Tanta folge ich dem Rio Cañete und dem Flusstal. Der Fluss ist eine Aneinanderreihung von kleinen türkisfarbenen Lagunen und Wasserfällen, sicherlich eines der Höhepunkte dieser Strecke.
Zwischen Tanta und Vilca wird derzeit eine Strasse gebaut, bis vor einigen Jahren war dies ein reiner Singletrack. Nur noch ein Kilometer, bis Vilca direkt angebunden ist. In wenigen Wochen wird der Singletrack ganz verschwunden sein, dafür sparen sich die Einwohner einen Umweg von 3 Stunden.
In Vilca angekommen, gönne ich mir eine “trucha”, eine Forelle. Im Hintergrund eine alte Steinbrücke aus Kolonialzeiten und ein Wasserfall. Es finden sich hier in der Gegend überall Fischzuchten.
Ich folge weiter dem Cañete Tal, komme vorbei an wunderbaren Lagunen, etwa die Lagune Huallhua. 
Huancaya ist ein kleines touristisches Dorf, von wo aus Wanderungen zu den Lagunen, Wasserfällen und Felszeichnungen unternommen werden. Es sind aber nur einheimische Touristen, denen ich hier begegne.
Es scheint im Dorf irgendeine Festlichkeit abgehalten zu werden, ein Jubiläum. Auf dem Sportplatz hat sich die übliche Blaskappelle eingefunden. Grillstände, Schaulustige und einige Persönlichkeiten in Anzug und Kravatte, die eine Weinflasche herumreichen, vervollständigen das Bild. 
Irgendwannn erreiche ich eine Asphaltsstrasse und steige nun wieder rauf von rund 3´000 auf 4´000. Eine enge, sehr kurenreiche, gleichmässig steigende Strasse, herrlich zum Befahren. Hohe, steile Felswände, die es dem GPS verunmöglichen, ein brauchbares Signal zu empfangen. Highlight ist dann ein enger Cañon.
Als es anfängt zu regnen, erreiche ich die winzige Ortschaft Tinco de Yauricocha. Während vier Frauen vor dem Dorfladen Socken stricken, macht ein Einheimischer auf die riesige Fussgänger-Hängebrücke aufmerksam.
Die 1948 erbaute Brücke diente dazu, das Erz der Minen über das Tal zu transportieren. Dieses wird heute auf dem Landweg transportiert und die Brücke ist nun für Fussgänger geöffnet.
Am nächsten Morgen lasse ich mir das Schauspiel nicht entgehen und steige rauf, um über die fast einen Kilometer lange Brücke zu laufen. Es ist übrigens die höchstgelegene Fussgängerbrücke. 
Ich breche hier meine Treterei ab, denn ich will mich nun Richtung Altiplano bewegen. In eineinhalben Tagen anstrengender Busfahrt fahre ich bis nach Cusco, der ehemaligen Inka-Hauptstadt.
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One Response

  1. Annamarie Montag

    Was für wunderschöne Bilder!was für unvergessliche Erlebnissee vorallem Deine Schilderung alleine mit Fahrad und Zelt im Schnee durch diese prächtige Bergwelt! Danke, dass Du uns da mitnimmst. Beim Erlebnis mit dem Stier war ich froh in meiner Küche zu sitzen.machs gute und herzliche Grüsse

    30/10/2017 at 09:30

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