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Auf Projektbesuch in Peru

 
Der Bus von Cuenca kommt puenktlich um drei Uhr in Huaquillas, der Grenzstadt auf der ecuadorianischen Seite, an. Wenige Hundert Meter und ich waere in Peru. Jedoch ist der Grenzposten vor einigen Jahren ausgelagert und ausgebaut worden. Und so muss ich rund 8 Kilometer zurückfahren zum offiziellen Grenzuebergang, über eine Stunde warten, bis ich endlich nach Aguas Verdes einreisen kann und mich mit Jose von Prominnats treffen kann. Prominnats ist ein Programm von Ifejant, einer Partnerorganisation von EcoSolidar und steht für  Programa de microfinanzas de los ninos, ninas y adolescentes trabajadores. 
 
Der Grenzort kommt mir vor ein bunter Ameisenhaufen: sehr umtriebig, geschaeftig, dreckig. Kein Ort um sich wohlzufuehlen. Viele sind hier auf der Durchreise, die Hotels ueberteuert und laut. Es ist ja keine Feriendestination. Immerhin gibt es auf der peruanischen Seite ein Casino – Glueckspiele sind in Ecuador verboten. Auf den Strassen wimmelt es nur so von Menschen, die zwischen Ecuador und Peru pendeln. Geldwechsler soweit das Auge reicht. Auf dreiraedrigen Fahrraedern (triciclos) oder Motocargera werden meterhoch Waren gestapelt und hin und her transportiert. Gerade viele Waren sind wegen der Steuern in Ecuador einiges teuerer als in Peru – Autofelgen kosten das Dreifache.
Fliegende Strassenhändler überall. Verkauft werden Kuchen, Fruchtsäfte, Maiskolben, Socken, Naturheilprodukte. Einer bietet sogar frische Ziegenmilch an und läuft mit seinen zwei Ziegen umher. Abends werden Kleidersstände abgebaut und die Garküchen machen sich dann breit, währenddem der Dreck des Tages von Gemeindeangestellten aufgesammelt werden. Vor einigen Jahren verlief hier die Panamericana und man mag sich gar nicht vorstellen, um wieviel lauter, stickiger und enger das Leben hier gewesen sein muss, als Kolonnen von Trucks, Bussen und Fahrzeugen tagsüber und nachts vorbeizogen, ganz zu schweigen von den langwierigen Zoll- und Grenzformalitäten. Der Grenzübertritt Huaquillas – Aguas Verdes ist der grösste im Norden Perus.
Ich kann den von Prominnats unterstützten vierzehnjaehrigen Ruben begleiten. Nachmittags, ausser Sonntag, geht er zur Schule. Am Morgen arbeitet er. Mit einer einfachen Schubkarre verdingt er sich und transportiert allerlei Waren zischen den beiden Laendern: Bananen, Weinkartons und Whisky. Obwohl Kinderarbeit offiziel verboten ist, macht es keinen Sinn, über die Realitaet hinwegzusehen. Prominnats und Ecosolidar wollen daher die Kinder in ihren Rechten stärken, sie unterstützen und begleiten, damit sie nicht ganz unter die Räder kommen. Wenn sie schon arbeiten, sollen sie zumindest mit einem Teil des Ersparten in ihre Zukunft investieren können. Gespräche mit den Eltern, der Schule und der Gemeinde sind daher notwendig und wichtig.  
An guten Tagen könne er bis zu 15 Dollar einnehmen, an weniger guten nicht mal die Hälfte. Am Wochenende, wenn am meisten los, laufen die Geschäfte gut, meint er. Mit Hilfe von Prominnats hat er sich eine “carreta” fuer rund 200 peruanische Soles (rund 60 Dollar) anschaffen können. Vorher habe er sich jeweils fuer drei Soles pro Tag eine borgen müssen. Noch drei Jahre muss er zur Schule, bis er die Sekundarstufe beendet hat. Danach möchte er, wie viele andere, Polizist werden. Dazu muss er einen Vorbereitungskurs belegen, fünf Monate lang, 100 Dollar pro Monat, die Eintrittsprüfungen schlagen mit 150 Dollar  zu Buche. Er gibt sein verdientes Geld der Mutter ab, die einen Teil anspart, damit er sich später seinen Traum erfuellen kann. Der Vater kann als Nachtwächter einer Crevettenzucht die Familie nicht alleine ernähren. Die Mutter betreibt im Aussenbezirk von Aguas Verdes einen kleinen Lebensmittelladen. 
Am nächsten Tag besuche ich Elder, einem 14-jährigen Burschen aus einem Armenviertel.  Die sechsköpfige Familie lebt sehr einfach. Elder ist der jüngste von vier Kindern, er wirkt für sein Alter reif, gefasst und fühlt sich von meinem Besuch geehrt. Der Vater transportiert Waren mit einer “tricicla”, die Mutter ist Hausfrau. Die Wände der Behausung sind aus Backsteinen, Bambusrohren und Karton, das Dach aus Wellblech. Die Einrichtung verdient den Namen armselig: eine alte Sofagruppe, ein paar Stühle, Tisch, ein Gestell mit Röhrenbildschirm, kitschiger Dekoration und ein paar Habseligkeiten. In der Küche laufen Hühner, Küken und eine Ente umher. Hier schält er die Knoblauchzehen, nachdem er morgens um 6.30 seine Ware an Stammkunden abgeliefert hat.  Um Mittag nimmt er sich für einen Sol eine Moto und geht danach zur Schule. Ab und zu spielt er draussen schon gerne Fussball und er hat eine Freundin, mit der er sich dann und wann trifft. Auch er möchte gerne später Polizist werden und wird auf dieses Ziel hin sparen. 
 
Elder hat vor Jahren angefangen, einen Handel mit Knoblauch aufzuziehen. Er kauft einen 50 Kilogramm Sack von Knoblauch, der Preis variiert je nach Saison von $ 80 bis 140. Er schält danach in mühsamer Handarbeit die Knoblauchzehen und verkauft sie im Detailhandel und in der Gastronomie weiter mit einer fast doppelten Marge. Montag ist der mit Abstand umsatzstärkste Tag, weil nach dem konsumfreudigen Wochenende der Bedarf an Knoblauch am grössten ist. 
Seit fast einem Jahr wird er von Prominats begleitet und hat so einen würdigeren Rahmen erhalten. Es geht nicht darum, Kinderarbeit zu verherrlichen, sondern die Augen nicht vor der Realität zu verschliessen und die Eigeninitative von Kindern zu fördern, damit sie selber ihre Zukunft mitgestalten können. Werden die Einnahmen sinnvoll eingesetzt – ein Teil für den Lebensbedarf der Familie, der Rest für Ersparnisse im Hinblick auf eine spätere Ausbildung – ist den Kindern mehr geholfen, als sie einfach auf die Strasse zu schicken, wo sie häufig in der Antriebslosigkeit und Kleinkriminalität enden.
Mit dem Bus fahre ich von Tumbes nach Lima in 23 Stunden in einem modernen Bus mit Liegebetten. “Lima la horrible” weist ein heisses Wüstenklima auf, dass allerdings durch den kalten Humboldtstrom abgekühlt wird. Dieser sorgt im Winter (d.h. im Mai bis Oktober) auch durch die Wasserkondensation dafür, dass oft ein Küstennebel herrscht, der die ganze Stadt umhüllen kann. Nachdem ich mich im Geschäftsquartier San Isidro in einer Jugendherberge einquartiert habe, treffe ich mich anderntags bereits mit Julio Ancajima von Prominnats-Ifejant, der Partnerorganisation von EcoSolidar, im Distrikt Villa Maria del Triunfo und im Quartier Nuova Esperanza. Grösser könnte der Gegensatz der Quartiere nicht sein.
Hier befindet sich ein grosses Armenviertel von Lima. Die teils bunten einfachen Häuser sind dicht an den Hängen der kargen, staubigen Hügel gebaut. Die ruppige, staubige Strasse wird von Mototaxis und Kleinbussen angefahren. In einem der “Asentamientos humanos”, eines der Wohnviertel mit Namen wie Heroe del Senepa, Chacon, Maya und 8 de ottubre, liegt die von Prominnats geführte Casita de Cultura. Ein Hort, eine Schule, ein Versammlungsraum, ein Zufluchtsort, ein Lichtblick für die Kinder.
Neun Kinder aus den umliegenden Vierteln haben sich ebenfalls eingefunden. Nach einer Vorstellungsrunde klären sie mich über die verschiedenen Tätigkeiten auf, wie etwa Tanzen, Volleyball, Filme, Spiele, Handwerk, Zeichnen, Fussball oder Hütedienst auf. Die Kinder haben sich selber zu organisieren, und wählen für jede Tätigkeit eine Verantwortlichen. Die Kinder geben bereitwillig Auskunft. So erzählt uns der zehnjärige Raimundo, wie sie in der Pasteleria, einer Backstube, Kuchen und Muffins backen, die Zutaten einkaufen, ausrechnen, wie viel Gewinn sie erwirtschaften und diesen dann – nach demokratischer Abstimmung – sinnvoll eingesetzt wird. 
Die Kinder lernen neben den handwerklichen Fertigkeiten noch weitere Qualitäten. Sie üben sich darin, Verantwortung zu übernehmen, alle miteinzubeziehen, Entscheide zu diskutieren und zu fällen, diese umzusetzen, einzuhalten und sich gegenseitig zu kontrollieren. Und offenbar macht es Ihnen Spass und sie blühen teilweise richtig auf. Die Casa de Cultura wurde vor rund zehn Jahren von freiwilligen Kanadiern gegründet und fortlaufend verbessert. Im Zuge der Zeit wurde sie als Schule anerkannt und ist dieses Jahr baulich abgeschlossen worden und heute in einem guten Zustand.
Wir ziehen eine Runde durch die Wohnviertel, besuchen das Haus (bestehend aus einem grossen Zimmer) der Familie von Raimond. Obschon Raimond auch zu Hause mitarbeiten muss, nimmt er seine Pflichten aus dem Programm Prominnats sehr ernst. Dies freut den Vater, der die Familie mit Maurerarbeiten über die Runden bringt, sehr. 
Alle zwei Wochen müssen sie Wasser kaufen und ihren Tank von 1´100 Liter befüllen, das von einem Tanklastwagen transportiert wird. 45 Sol kostet eine Füllung (rund 15 CHF). Für eine sechsköpfige Familie ergibt dies ein Wasserverbrauch von 13 Litern pro Person und Tag. Einiges weniger als die 300 Liter in der Schweiz. 
Wir unternehmen einen Ausflug “ins Grüne”, verlassen das Armenviertel und kommen in ein staubiges Gebiet, wo man mühsam versucht, Kaktusfeigen und Kürbisse anzupflanzen. Im Hintergrund sehen wir die riesige Zementfabrik. Edgar, 11 Jahre alt, bekundet eher Mühe damit, Anweisungen zu befolgen. Dafür ist er ein Organisationstalent, möchte, dass sich alle in irgendeiner Form beteiligen. Für unseren Ausflug hat er eine Decke mitgenommen, um die mitgenommen Früchte, Brote, Fruchttsäfte und Süssigkeiten auszubreiten und er macht sich daran, alles gerecht zu verteilen und reicht mir als Gast jeweils als Erster das Essen.
Rosita und Sheyla, 12 und 11 Jahre alt, erzählen mir von den Problemen: kein Zugang zu Wasser, die Abfallentsorgung, eine schlechte Gesundheitsversorgung und die “pandilleros”, Diebe und Räuber. Nach dem gemeinsamen Lunch spielen die Kinder mit einem Ball, rennen umher und es rührt mich zu sehen, wie unbekümmert und froh sie sind. Sie sind hier aufgewachsen und kennen keine andere Umgebung, erhalten durch ihre Tätigkeit in der Casa de Cultura Wertschätzung und einen würdevollen Umgang. Zudem haben sie eine sinnvolle Beschäftigung und kommen nicht in Versuchung, in die Kriminalität abzurutschen.  Wir haben die Zeit längst überschritten und laufen wieder zurück, schweren Herzens verabschieden wir uns. Sie fragen mich, wann ich wiederkomme. Ich bin sehr gerührt und beeindruckt von der Begegnung mit diesen Kindern.
Andertangs begleitet mich Julio Angajima von Ifejant in das nördlich gelegene Quartier Puente Piedras. Dort besuchen wir die Schüler der Schule Jose Antonio Encinas, die am Nachmittag in der Backstube Muffins herstellen. Das Quartier ist etwas gepflegter als dasjenige von Villa Maria del Triunfo, doch die Menschen wohnen hier auch in sehr einfachen Behausungen, an steilen Hügeln am Rande der Stadt. 
Für mich waren es sehr spannende, aufwühlende und ergreifende Momente, die ich hier in Peru mit diesen Kindern erleben durfte. Ich bin beeindruckt von deren Willen, Motivation und Begeisterung. Ich werde daher gerne EcoSolidar mit einem Betrag unterstützen. Und es würde mich sehr freuen, wenn noch weitere sich ebenfalls solidarisch zeigen und zumindest für ein paar wenige Kinder ein Lichtblick ermöglicht wird, um vielleicht eines Tages aus dieser Armut ausbrechen zu koennen.
 
  • Mit 40 Franken ermöglichst Du einem arbeitenden Kind, während eines Jahres den regelmässigen Besuch eines Kurses, in dem es über seine Rechte aufgeklärt wird und einen geschützten Rahmen für seine Anliegen findet.
  • Mit 70 Franken unterstützt Du die Weiterbildung einer freiwilligen Person, die lokal arbeitende Kinder betreut und unterstützt.
  • Mit 100 Franken ermöglichst Du einen Workshop, in dem sich arbeitende Kinder aus einem Armenviertel austauschen und organisieren können. 

Falls Du spenden moechtest, klick hier!

Ganz herzlichen Dank fuer deine Spende !

 

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  1. Pingback: Mit dem Velo auf Projektbesuch – EcoSolidar

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