• Ruwenzori - Uganda

Umbruch in Ägypten

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Nach der Gastfreundlichkeit der Sudanesen und der Abgeschiedenheit in der nubischen Wüste erfordert Ägypten eine Umstellung. Die Lebensader Ägyptens, das Nildelta, ist dicht besiedelt. Einen ersten Eindruck vom Land erhalten mein Radlerkollege Sekiji und ich, als wir mit der Fähre anlegen und über 600 Passagiere der Fähre gleichzeitig den Zoll passieren wollen. Gedränge, Gestubse. Träger mit riesigen Gepäckstücken auf dem Kopf tragend meinen, Vortritt zu haben. Beamte schreien Leute an, drangsalieren mit Schlagstöcken. Die Passagiere von hinten schubsen, von allen Seiten versuchen sich Leute einzuschleichen. Keine Spur von Disziplin. Chaos pur. Der Höhepunkt ist, als in einem engen Gang ein kleines Röntgengerät darauf wartet, sämtliches Gepäck zu durchleuchten. Sekiji und ich haben kaum Platz mit unseren beladenen Rädern, müssen alle Packtaschen auf das Fliessband legen. Trotz der klaustrophobischen Verhältnisse drängeln sich die Träger, die pro Gepäckstück entlöhnt zu werden scheinen, unerbittlich vor. Vor allem die in schwarzen Tschadors gehüllten übergewichtigen Mütter meinen, Vortritt zu geniessen. Es wird mir zu bunt. Mit gespielter Theatralik und einer Prise Humor fange ich an zu fauchen, zu fluchen, herum zu kommandieren, mich mit Ellbogen nach vorne zu kämpfen und mir jeglichen ungewollten Körperkontakt zu verbieten. Die Beamten scheint mein Gebaren zu amüsieren. Es nützt. Schon bald sind wir endlich draussen und können die wenigen Kilometer nach Assuan in Angriff nehmen.
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Der unorganisierte, undisziplinierte und chaotische erste Eindruck verfestigt sich übrigens im Strassenverkehr. Nicht, dass ich mich auf Überlandfahrten bedroht fühle. Aber in den Städten habe ich noch nie so viele, ich kann es nicht anders beschreiben, dumme Verkehrsteilnehmer gesehen. Ägypten hat sich den Ruf des gefährlichsten Verkehrs in Afrika reichlich verdient. Etwa die Hälfte der Fahrzeuge fährt nachts bewusst ohne Licht ! Die Strassenbeleuchtung sei ja ausreichend, um den Weg zu sehen. Wenn ein lebensmüder Fussgänger die Strasse überqueren möchte, wird auf das Gaspedal gedrückt und kurz aufgeblendet.
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Auch zu Fuss ist die Mobilität nicht immer einfach. In Assuan gleicht es einem Spiessrutenlauf, durch den Souk zu laufen. Ich gerate hier in die Haare mit einem Händler, der Sekiji beim Vorbeilaufen mit einem rüden und sehr lauten “Ni hao!” anschreit. Seit der “Revolution” vor zwei Jahren und dem Sturz Mubaraks bleiben die Touristen aus. Die Tourismusindustrie leidet seither sehr stark, steckt in einer tiefen Krise. Die Händler sind richtiggehend verzweifelt, stürzen sich dementsprechend auf die wenigen Reisenden.
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Nun, was mir vorher nicht bewusst war: der Tourismus in Ägypten konzentriert sich stark auf die pharaonischen Sehenswürdigkeiten und die Badeorte Hurghada und Sharm El Sheich. Seit den Unruhen durch islamische Fundamentalisten in den Neunziger Jahren ist das individuelle Reisen im Land eingeschränkt. Gefahren wird oftmals im Konvoi oder begleitet durch Polizeieskorten.
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Nichtsdestotrotz. Der organisierte Besuch des 250 Kilometer südlich von Assuan liegende Tempel von Abu Simbel lohnt sich allemal. Zahlreiche Cars, Busse und Minibusse starten gemeinsam um vier Uhr morgens, eskortiert durch die Polizei. Eindrücklich ist die Tatsache, dass der gesamte Berghügel, indem sich der Tempel findet, Stein um Stein abgetragen wurde, um 200 Meter verschoben und 65 Meter höher verlegt wurde.
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Den Ägyptern wird nachgesagt, dass sie stolz seien. Stolz, Ägypter zu sein. Dass sie auf die Hochkultur ihrer pharaonischen Vorfahren stolz sind, bezweifle ich. Die Schaufenster der Telekommunikations-Firmen sind blitzblank und sauber, während die Vitrinen, welche die Gräber im Tal der Könige schützen, die Handabdrücke einiger Tausend Besucher präsentieren. Obwohl Fotografieren und Blitzen in den meisten Gräbern untersagt ist, wird jeder Wächter gegen ein kleines Bakschisch gerne über das Verbot hinwegsehen. Und beim Bau des gigantischen Nasser Staudammes war geplant, den ganzen Tempel von Ramses II in Abu Simbel und viele weitere nubische Kulturstätten einfach zu überfluten, ohne sich um deren Rettung zu kümmern. Nur dank der UNESCO und der Hilfe von zahlreichen Wissenschaftlern und Staaten konnten die wichtigsten gerettet werden. Einige erst, nachdem sie schon überflutet wurden.
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Sekiji und ich fahren von Assuan dem Nil entlang nach Luxor. Unterwegs halten uns ein paar Tempel auf. So der dem Krokodil-Gott Sobek gewidmete Tempel in Kom Mombo, wo auch mumifizierte Krokodile bestaunt werden können. Besonders beeindruckend ist der gigantische Tempel von Horus in Edfu.
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Die Fahrt ist nicht unangenehm. Anders als in touristischen Orten, wo man ständig von Verkäufern, Rikscha-Fahrern und Guides zuweilen aufs Ärgste drangsaliert wird, werden wir unterwegs sogar zum Tee eingeladen. In guter Erinnerung bleiben wird mir die Begegnung mit einem Schuldirektor und der Lehrerschaft, die mich äusserst freundlich empfangen. Doch ich muss den vor mir liegenden Sekij wieder einholen und kann leider nicht allzu lange bleiben.
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In Erinnerung bleibt mir auch die Begegnung mit einem Jugendlichen. Ich bin daran, eine dieser Wasserspender zu fotografieren, aus denen man gekühltes Wasser trinken kann. Grossartig und toll, dass man sie überall an öffentlichen Stellen findet, denke ich mir. Dieser Junge fragt mich, wozu ich dies abfotografiere. Ich wolle doch dem Westen nur ein schlechtes Bild vermitteln, die Armut zeigen. Der Typ legt nun richtig los. Hört mir schon gar nicht zu. Er ist sichtlich angespannt und hasserfüllt. Er hasse Amerika und Israel und er hasse mich. So, so, Bürschen. Nun bin ich an der Reihe, mittlerweile haben wir eine stattliche Zuhörerschaft. Ich bin sehr ruhig aber laut. Ich frage ihn, ob er denn wirklich glaube, dass er ein guter Muslim sei, wenn er einem völlig Unbekannten, dessen Herkunft er noch nicht einmal wissen möchte, ins Gesicht sagt, er hasse ihn. Er solle sich einfach schämen. Menschen wie er seien eine Schande für sein Land und nicht der Wasserspender vor der Moschee.
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Das Gebiet entlang des Niles zwischen Kairo und Luxor ist unterentwickelt, überbevölkert. Die Armut und Unzufriedenheit hat in den Neunziger Jahren zu Aufständen von islamischen Extremisten geführt. Trauriger Höhepunkt dieser Auseinandersetzungen war 1997, als 68 ­Menschen in Luxor im Tempel von Hatschepsut getötet wurden. Jedem Schweizer wird sich noch an das Ereignis gut erinnern können, denn 36 davon waren Schweizer.
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Luxor ist an Denkmälern sehr reich. Die Stadt ist ein Anziehungspunkt für Touristen, sehr gepflegt und angenehm, wenn man von den lästigen Rikscha-Fahrern einmal abseht, die einem nach dem zehnten “Nein, Danke” und nach einer halben Stunde immer noch hartnäckig verfolgen. Einzigartig ist das Tal der Könige, in dem 64 Gräber gefunden wurden. Der bekannteste unter ihnen dasjenige des Tutenkhamun. Armer Pharao ! Mit 19 Jahren verstorben, wurde er mit unglaublich vielen Schätzen begraben. Die liegen nun alle im Museum in Kairo. Einzig die zerbrechliche und transportunfähige Mummie ist splitternackt ohne jeglichen Schmuck ganz alleine im Grabe geblieben.
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Absolut eindrücklich in Luxor ist eine Heissluftballon-Fahrt. Die werden im Backpacker, wo wir unterkommen, günstig angeboten, für rund 40 US-Dollar. Keine Frage, da machen wir mit! Die Fahrt ist einfach sensationell. Vor allem, weil unser Pilot talentiert ist und über die Tempel schwebt. Was wir erst im Nachhinein erfahren ist, dass vor wenigen Wochen der schwerste Unfall in der Geschichte des Heisluftballons hier in Luxor passiert ist und 19 Menschen getötet wurden.
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Von Luxor gibt es drei Routen, um nach Kairo zu gelangen. Entlang des Nils, entlang dem Roten Meer und die Western Desert Route, die mit 1’300 Km allerdings doppelt solange ist wie die beiden ersten. Zudem bläst um diese Jahreszeit der Wind Khamsin unerbittlich von Norden. ich verzichte gerne darauf, die Erfahrungen im Sudan zu wiederholen. Sekiji und ich trennen uns in Luxor. Er begleitet mich einige Kilometer ausgangs Luxor. Eine kurze Umarmung ohne viele Worte, aber Wehmut liegt in der Luft. Wir wissen beide, dass wir eine sehr tolle Zeit zusammen verbracht haben, die Fahrt durch den Sudan einer der Höhepunkte unserer Reise war. Sekiji versucht sich auf der Western Desert Route, doch nach einigen Tagen erkrankt er und kehrt um. Er will zuerst nach Europa und nach Ablauf der drei Monate des Schengen-Visums von Kairo her die Route erneut in Angriff nehmen. Inshallah !
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Ich fahre entlang des Niles. Besonders auf diesem Abschnitt bis nach Kairo gab es in den Neunziger Jahren Aufstände, das Reisen ist eingeschränkt. Von Qena bis nach Minya werde ich von Polizeiwagen eskortiert, die sich alle 20 bis 30 Kilometer abwechseln. Das Ganze ist etwas sonderbar. Die Städte, in denen ich übernachte – Qena, Sohag, Asyut, Minya und Beni Suef, sind nicht sonderlich attraktiv. Die meisten Hotels nehmen keine Ausländer auf.
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Dank der Unterstützung der freundlichen Polizei finden wir aber nach teils langem Suchen dann doch noch eine bezahlbare Unterkunft. Nur selten finde ich Leute, die ein bisschen Englisch sprechen. Doch die meisten sind erfreut, einen Ausländer zu sehen. Und nicht dass ein falscher Eindruck entsteht. Meinen Aufenthalt hier in diesem Land moechte ich nicht missen. Übrigens kennt praktisch jeder hier in Ägypten die Stadt Basel. Dank zweier ägyptischen Fussballspieler, die beim FC Basel ihre Brötchen verdienen.
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Die letzten Kilometer von Beni Suef nach Kairo schenke ich mir, steige in einen Zug ein. Ich habe keine Lust, in die Megalopolis von Kairo, die wohl grösste Stadt Afrikas, mit dem Velo rein zufahren. Ägypten hinterlässt bei mir einen gespaltenen Eindruck. Von einer Demokratisierung ist nicht viel zu spüren. Das von den – immerhin demokratisch gewählten – Muslimbrüdern angeführte Land ist daran, den Staat und die Verwaltung noch stärker islamisch zu prägen. Die Scharia ist bereits verfassungsrechtlich verankert worden. Die Freiheitsrechte der Minderheiten und der koptischen Christen werden stärker eingeschränkt.
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In Kairo komme ich bei drei jungen Studenten aus Italien, UK und US unter, die ich in Luxor kennengelernt habe. Sie besuchen drei Monate lang einen Arabisch-Intensivkurs. Ich kann bei Ihnen mein Velo unterstellen. Meine Velo-Reise durch Afrika ist bald zu Ende. Das ist mir bewusst.
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Doch ich möchte Afrika noch nicht so schnell verlassen, will auch Zeit haben, die letzten 20 Monate zu verdauen, Revue zu passieren, Zeit haben, um zu schreiben, zu lesen, meine Fotos zu sichten, für längere Zeit an einem Ort zu bleiben. Ein günstiger Flug bringt mich runter nach Johannesburg, zurück zu einem meiner Lieblingsländer, nach Lesotho, wo der Winter Einzug haelt. Fuer einmal darf ich nun frieren!

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One Response

  1. Sabine

    Danke für diesen Bericht – wie auch für alle anderen. Ich kann deine “Wehmut” und deinen Wunsch, noch in Afrika ein bisschen zur Ruhe und zum “Verdauen” zu kommen, nur zu gut verstehen! Das war einer der wichtigsten Gründe, warum wir nach unseren wunderschönen und intensiven West-Afrika-Erfahrungen jetzt hier in Cape Town erst einmal eine Pause einlegen wollen. (Ein anderer, wichtiger Grund ist, dass Cape Town und Südafrika wirklich faszininierend sind und wir dies intensiv(er) erleben wollen).
    Hab’ eine gute Zeit in Lesotho (auf das wir uns schon sehr freuen) und genieß’ deine Zeit in Afrika. Afrika ist anders – und in gewisser Weise unbeschreiblich.
    Hugs, Sabine & Hpe 🙂

    09/06/2013 at 19:56

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