Himbas, Hereros, Hochstimmung

Über drei Wochen sind nun vergangen, seit Radlerkumpane Wolfgang und ich von Windhoek aufgebrochen sind. Mittlerweile sind wir, müsste man meinen, an der Nordsee angelangt. Trotz Südkurs. Das deutsche koloniale Erbe ist in Swakopmund deutlich erkennbar: in Apotheken und der Touristeninformation, in der haufenweise Hochglanz-Prospekte und Führer aufliegen,  wird Deutsch gesprochen; in der Treffpunkt-Bäckerei wird währschaftes Bauernbrot gebacken und feine Schwarzwälder-Torte angepriesen. Und in der Hansa-Brauerei Bier nach deutschem Reinheitsgebot gebraut. Der kalte Benguela-Strom sorgt für nordeuropäisch kühle Temperaturen und reichlich Nebel. Ich geniesse die Tage hier in Swakopmund, vor allem sagt mir das reichliche Angebot an Essen zu. Ich muss meine Batterien zunächst wieder aufladen.

Nun, Kinshasa und Zentralafrika liegen nun schon eine Weile zurück. Namibia ist ein ganz anderes Afrika als ich es bisher erlebt habe. Keine Garküchen am Strassenrand, keine Frauen, die Wasser auf dem Kopf tragen, keine Bretterbuden-Kioske. Keiner ruft mir jetzt „Toubab“, „Jovo“, „Oyibo“, „Mundele“ oder „Le Blanc, le Blanc“ mehr zu. Viele Weisse gibt es hier in Namibia, dem ehemaligen Deutsch-Südwestafrika, das erst seit 1990 unabhängig ist und lange von Südafrika verwaltet worden ist. Nach Marokko und Senegal das erste Land, in dem ich ohne Visum einreisen kann. Was für eine Wohltat ! Namibia setzt voll auf die Karte Tourismus, mittlerweile der zweitwichtigste Wirtschaftsfaktor. Die Devisenbringer will man nicht mit unnötigem Formalismus verärgern. Die sollen ihre Knete für Übernachtungen in teuren Lodges, Game Safaris und Mietautos ausgeben. Über 80‘000 Deutsche besuchen das Land jährlich, Tendenz steigend.

Die Luft in Namibia ist staubtrocken, kein tropisches, feucht-klebriges Wetter mehr. Keine Mücken, keine lästigen stechenden Biester. Trotz warmen Temperaturen weht ein kühler Wind in Windhoek, als ich ankomme. Nachts wird es recht kalt, teils sinken die Temperaturen bis auf drei, vier Grad runter. Als erstes kaufe ich mir in Windhoek eine Faserpelzjacke und warme Socken. An das Linksfahren mit Rechtsvortritt gewöhne ich mich schnell, nachdem ich beim Überqueren der Strasse fast angefahren worden bin. In Namibia macht das Radfahren einfach Spass: lange Distanzen auf Schotterpisten, praktisch ausschliesslich wild zelten und tagsüber Wild beobachten. Die Kehrseite: man muss Vorräte bunkern und viel Wasser transportieren. Bis zu 20 Liter. Und das auf teils üblen Pisten.

Wolfgang, Textildesigner aus Osnabrück, 62 Jahre jung, habe ich vor zwei Jahren in Norwegen beim Radeln kennengelernt. Wer ihn besser kennenlernen möchte, möge diesen gut geschriebenen Zeitungsartikel lesen. Wir haben uns sofort gut verstanden, sind über eine Woche zusammen gefahren, unter anderem auf den teils noch schneebedeckten Rallarvegen auf dem Hochplateau Hardanganervidda. In diesen Tagen schieben wir das Rad nicht durch den Schnee, sondern durch Sandpisten. Von Windhoek fahren wir zunächst mit dem Bus rauf in den Norden nach Oshakati, von der grössten Volksgruppe, den Ovambos, besiedelt. Im gleissenden Morgenlicht erscheint der helle Sand wie Schnee. Der Eindruck wird durch Wollmützen und Daunenjacken tragende Namibier noch verstärkt.  Den Türken das Ü, den Ovambos das O: alle Ortschaften fangen mit diesem Buchstaben an: Ondangwa, Oshakati, Okahao, Opuwo, Orupembe.

 

Von luxuriösen Lodges nehmen wir Abstand. Ebenso machen wir um den Etosha Nationalpark einen grossen Bogen. Lieber klopfen wir ab und zu bei Einheimischen an, um bei Ihnen unser Zelt aufzustellen. Zwei Tage rollen wir auf feinem Asphalt bis nach Opuwo. Danach ist schon Schluss mit der „tared road“. Stattdessen Schotter, Wellblech, Sand und Feinstaub.  Opuwo ist übrigens eine äusserst interessante Stadt. Hier sieht man Himba-Frauen in traditioneller Aufmachung – braun angemalt, mit Lederschürzen und viel Schmuck – neben Herero-Damen in aufwendigen, selbstgenähten Trachten in wilhelminischen Stil. Junge Frauen in Jeans und pechschwarze Nama-Frauen tumeln sich ebenso auf dem Markt. Fast schon Karnevalsstimmung.

 

Wir machen einen Abstecher in die Namib Wüste. Für die 380 Kilometer von Opuwo nach Westen bis nach Orupembe, danach südöstlich nach Purros und Sesfontain benötigen wir über eine Woche. Die Landschaft ist sehr abwechslungsreich, es ist einfach herrlich hier zu Radeln und wild zu zelten. Trotz der schlechten Strassenbedingungen, die Wolfgang einige Male zu Boden zwingt. Die Durschnittsgeschwindigkeiten bewegen sich leicht über 10 km/h, sinken sogar auf 8 km/h ! Nur sehr wenige Touristen wagen sich in diese abgelegene Gegend im Kaokoveld. Kakaofeld könnte man fast meinen, wenn man die mit rotbrauner Farbe eingefetteten Himba-Frauen sieht. Die Paste besteht aus Fett, Kräutern und eisenhaltigem Gesteinspulver und dient als Schutz vor Hitze und Kälte.

 

Nach Orupembe fängt die Wüste Namib so richtig an, die als älteste der Welt gilt. Als wir unsere Wasservorräte gefüllt haben, bemerke ich, dass wir an diesem Tag allerhöchstens zwei Fahrzeuge sehen werden. Kurze Zeit später fährt uns ein Motorradfahrer entgegen. Er winkt mir zu, will vorbeifahren. Eine BMW, Lederjacke, zerrissene Jeans, lange Haare. Der Anblick kommt mir bekannt vor. Geistesgegenwärtig rufe ich sofort: „Michael, warte !“ Ich laufe zu ihm zurück, der Fahrer nimmt den Helm ab. Tatsächlich: ausgerechnet hier in der Namib-Wüste (wo denn sonst ?) treffen wir Michael Martin, den berühmten Wüstenfotografen und einer der besten deutschsprachigen Vortragsreferenten, an. Seine Diavorträge „Die Wüsten Afrikas“, „Die Wüsten der Erde“ und „Michael Martin – 30 Jahre Abenteuer“ waren für mich ein Hochgenuss an kalten Winterabenden. Vor wenigen Wochen war er noch in den Eiswüsten von Sibirien unterwegs, bald wird er nach Grönland reisen. Davor zieht er aber noch einige Runden in der Mongolei. Und er ist nicht alleine unterwegs. Im Schlepptau hat er das ARTE-TV Team, die eine Doku-Serie über ihn dreht. Und prompt wollen sie die Begegnung mit einem seiner 2‘000 Facebook-Freunde auf Leinwand, bzw. Speicherkarte bannen. Wir stellen die Szene nach. Zum Glück habe ich ja mittlerweile etwas Erfahrung vor der Kamera sammeln können.

Das geschenkte Bier abends mitten in der Einsamkeit und der Stille der Wüste unter einem imposanten Sternenhimmel schmeckt herrlich. Am Morgen dann dringen Nebelschwaden praktisch bis an unsere Zelte vor. Dem kalten Benguela-Strom sei Dank. Auf der ganzen Strecke beobachten wir übrigens viele Tiere: Strausse, Oryx-Antilopen, Springböcke, Zebras, Kudus und sogar eine Herde von Giraffen rennt mir vor meiner Nase über die Strasse.

Am nächsten Tag erreichen wir, abgekämpft, die kleine Ortschaft Purros. Hier gönnen wir uns einen Ruhetag auf dem Campingplatz, an dem sich eine Gruppe von 18 Fahrzeugen aus Südafrika eingefunden hat. Wolfgang und ich müssen wohl etwas mitgenommen aussehen. Jedenfalls werden wir reichlich mit Bier, Cola, Orangen, Äpfeln, Billtong (getrocknetem Fleisch), Brot, einem halben Kilo Carpaccio-Fleisch und einer 2-Kilogramm-Kudu-Kochwurst (die uns dann irgendwann einmal aus den Ohren wächst) beschenkt. Das individuell reisende Paar Theo und Shirley aus Südafrika lädt uns sogar zu einem Nachtessen mit „juicy“ Bratwürsten ein. Und mich nach Cape Town . Dass uns noch das härteste Stück bevorsteht, ahnen wir nicht. Rund 8 Kilometer lang müssen wir die Räder durch roten Sand schieben. Danach grober Schotter. Endlich kommen wir dann in Sesfontain an.

Von hier geht es, immer noch auf Schotterpiste, nach Palmwag und danach zu den Felszeichnungen von Twyfelfontain. In Uis gönnen wir uns eine Nacht auf dem Campingplatz. Wir sind ganz alleine dort. Doch die Ruhe ist bald vorbei, als eine Gruppe von lauten KTM-Töffs mit vier Begleitfahrzeugen sich auf dem ganzen Campingplatz breit macht.

Nächstentags werden wir von einem freundlichen Paar in Ruhestand, Besitzer eines Guesthouses, zu Kaffee eingeladen. Wir starten spät, um 11 Uhr. Doch der starke Rückenwind schiebt uns Richtung Küste. Die ersten 77 Kilometer fahren wir mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von sagenhaften 26 km/h. Danach wechselt der Wind innert weniger Minuten abrupt und bläst uns nun frech ins Gesicht. Bis nach Hentjes Bay schaffen wir es nicht. In der Nacht dreht dann der Wind wieder ab, bis zur Küste fliegen wir wieder. Die über 70 Kilometer gegen den Wind bis Swakopmund sind anstrengend. Wolfgang ist von der ganzen Schufterei der letzten Wochen auf diesen schlechten Pisten  gezeichnet, hat einige Kilos abgenommen. Das Zelt ist ihm am Morgen beim Zusammenpacken davongeflogen, er musste hinterher rennen. Er hat dann irgendwo seine Sonnenbrille verloren, hat sich den Rücken verrenkt, als er das auf den Boden gefallene Rad aufheben wollte. Und auch ich bin langsam ausgelutscht.

Wunden lecken in Swakopmund ist angesagt. In zwei Wochen fliegt Wolfgang zurück. Die Schufterei bis zu den Sanddünen von Sossusvlei will er sich nicht mehr antun, zumal die Zeit auch knapp wird, sodass er nun motorisiert dorthin fahren wird. Danke für die tollen Radeltage, Wolfgang !

 

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