Auf Pilgerschaft in der tibetischen Weite

Der Abstecher zum Guge Kingdom ueber zwei 5’000-er Paesse und Sandpisten war, wie ich bereits vor laengerer Zeit berichtet habe, anstrengend aber lohnend. Das ist nur die halbe Miete: Die Fahrt vom Sutley Tal (ca. 3’800 m) rauf zum Highway 219 ist einiges muehsamer. Die wunderschoen erodierten Bergflanken hinterlassen Spuren in Form von Sand: das Material, aus dem die Piste besteht. Schieben, Stossen und Ziehen ist angesagt, zwischendurch eingenebelt vom aufgewirbelten Sand der Jeeps. Am ersten Tag schaffe ich gerade 20 Km, am zweiten immerhin schon 40. Die Zeltplaetze mit einer atemberaubenden Sicht auf die weisse Himalayakette im Hintergrund entschaedigen fuer die Strapazen. Am dritten Tag moechte ich den Highway 219 erreichen. Erst am spaeten Nachmittag sehe ich die Gebetsfahnen auf den dritten Pass des Tages, 5’170 Meter. Der Vollmond ist soeben aufgegangen und kontrastiert zum blaeulich-violett gefaerbten Himmel. Kaelte und Wind hindern mich nicht, das Mini-Stativ rauszunehmen und die Lichtstimmung einzufangen.

Moonlight Shadow

Ans Zelten ist zu dieser spaeten Stunde nicht mehr zu denken. Die 15 Kilometer Abfahrt und 700 Hoehenmeter bis Songsha schaffe ich locker, denke ich mir. Es dunkelt rasch ein und wie ein Gejagter fahre ich im Vollmondschein einsam auf der steinigen und holprigen Piste, darauf bedacht, nicht von der Fahrbahn zu geraten. Die Blicke runter in die endlose Weite sind furchteinfloessend. Von weitem sehe ich bereits die Lichter der Ortschaft, doch es ist noch ein weiter Weg. Endlich in der Talebene angekommen, gilt es einen Fluss zu ueberqueren. Das Gebell der Hunde am anderen Ufer spornt mich nicht unbedingt an. Um zehn Uhr abends erreiche ich muede Songsha, eine Militaerbasis mit einigen einfachen Gasthaeusern.

Es ist nicht mehr weit bis zum Berg Kailash, dem heiligsten Berg der Erde. Zuvor mache ich bei Moincer einen kleinen Abstecher zu den heiligen heissen Quellen in Tirthapuri. Ein kleiner Huegel ist geschmueckt mit lungta (Gebetsfahnen), Mani-Steinmauern und Stupas. Stupas (auf tibetisch Choerten) begegnet man im lamaistisch gepraegten Tibet ueberall. Als Symbole fuer den Geist Buddhas werden diese Monumente vereehrt und rituell umwandelt. Die Chinesen verstehen es uebrigens ausgezeichnet, die heiligen Orte der Tibeter zu verunstalten: mitten durch die heiligen Quellen sind Strommasten und ein Kanal (fuer ein Thermalbad) verlegt worden.

Von Moincer ist der Kailash eine Tagesetappe emtfernt. Bereits von weitem sehe ich rechterhand den suedlich des heiligen Manasarovar-Sees gelegenen Gurla Mandhata (7728 m). In der Abendsonne stehe ich schliesslich vor dem “Eisberg-Juwel”, von Bildern bestens bekannt. Ich bin ueberwaeltigt, ein grosses Etappenziel nach 242 Tagen und 13’776 Km erreicht zu haben. Ein Traum ist Wirklichkeit geworden: mit dem “Kanggari” aus eigener Kraft nach Tibet und zum Kailash zu radeln. Vor dem Start hatte ich zugegebenermassen ein mulmiges Gefuehl beim Gedanken, alleine durch Laender wie Serbien, Iran oder Tadjikistan zu reisen. Jetzt weiss ich, dass dort freundliche, hilfsbereite und gastfreundliche Leute leben.

Ich denke zurueck an meinen Start im Februar mit Ruth, an die schweisstreibenden Paesse, an die taeglichen herzerfrischenden Begegnungen mit Einheimischen und das verzerrte Bild, das wir in Europa leider von den Muslimen haben. Ich darf mich gluecklich waehnen, taeglich gegen Kaelte, Schnee, Regen, Hitze, Wind und Steigungen gekaempft zu haben. Andere kaempfen ums Ueberleben. Tausend Gruende haette man aufzaehlen koennen, welche gegen meine Reise sprechen. Einer alleine ist ausreichend, um aufzubrechen. Bis zum Sonnenuntergang bleibe ich am Strassenrand stehen und bewundere zufrieden die Suedseite des Kailash.

Nach einer letzten Flussfurt treffe ich in Darchen, dem Ausgangspunkt fuer die Pilger-Umrundung des Kailash, auf tibetisch Kang Rinpoche ein. An die kleinen Ortschaften in Westtibet, in denen ueberall ein bisschen Abfall herumliegt und sich jede Hauswand als Zielscheibe fuer eine Pinkeleinheit eignet, habe ich mich bereits gewoehnt. Doch Darchen uebertrifft alles. Abfallberge und Kot ueberall. Der Ort scheint von einer Kolonie streunender Hunden belagert zu sein. Der vom Kailash fliessende Bach, von einer voellig unnuetzen Staumauer unterbrochen (wieder eine dieser chinesischen Glanzleistungen), ist mit Verpackungsmaterial uebersaet. Die chinesischen Betonbauten tun ihr Uebriges, um dem Dorf den verbliebenen Charme zu rauben. Schade, dass selbst die Tibeter diesem heiligen Ort nicht die gebuehrende Achtung entgegenbringen.

Om mani padme hum

Am naechsten Morgen breche ich mit einem randvollen Rucksack auf. Der Weg wird von Gebetsfahnen, Steinen mit eingravierten Mantras, Stupas und Red-Bull Buechsen gesaeumt. Die Umrundung des ganzjaehrig schneebedeckten Kailash (6’714 m) bedeutet fuer den tibetischen Glaeubigen eine Fahrt in das heilige Zentrum der Welt. Der Kailash gilt fuer Anhaenger des Buddhismus, Hindusmuis, Boen und Jain als einer der bedeutendsten spirituellen Orte. In seiner Naehe entspringen zudem vier grosse Fluesse des suedasiatischen Raumes (Indus, Brahmaputra, Sutley, Karnali).

Der 55 km lange aeussere Weg ueberwindet den anstrengenden 5’723 hohen Dolma La Pass. Mal folge ich einer Familie, die mit einem Schimmel unterwegs ist, mal einer Yakherde. Einmal werde ich von tibetischen Pilgern aus Chamdo begleitet. Beim Dolma La werfen sie farbige Papierzettel, mit dem Windpferd und den vier Tieren der Himmelsrichtungen bedruckt, in die Luft. Ich treffe auf Touristengrupen, auf besonders fromme Pilger, die den Kailash durch Niederwerfungen umrunden und fuer eine solche Prostrationsumrundung rund zwei Wochen benoetigen. Es begegnen mir wenige Boen, Anhaenger der vorbuddhistischen Glaubensrichtung, die den Berg im Gegenuhrzeigersinn umrunden.

Ich bin – wieder einmal – viel zu schwer unterwegs. Es finden sich Verpflegungszelte und an den zwei Uebernachtungsorten sogar Gasthaeuser. Die Chinesen sorgen dafuer, dass an der herrlichen Nordwand des Kailash, gegenueber einem einsam gelegenen Kloster ein neuer Betonkomplex gebaut wird. Schliesslich erwartet man viele Touristen fuer das Olympiajahr 2008. Der Kailash ist fuer die Chinesen nichts anderes als eine Touristenattraktion. Ein 40-jaehriger Japaner, zum vierten Mal am Kailash innert 12 Jahren, ist einfach “very sad”. Es habe sich in den letzten Jahren einiges geandert. Beim ersten Mal habe es ausser den beiden Kloestern keine einzige Verpflegungs- und Uebernachtungsmoeglichkeit gegeben. Aber die Nordwand des Kailash, die sei noch wie vor erhaben und wunderschoen.


Die Wahl der Qual

Nach der dreitaegigen Umrundung begebe ich mich zum nahe gelegenen heiligen See Manasarovar und besuche das Kloster Chiu. Die heissen Quellen hier lassen meine mueden Beine wieder zum Leben erwecken. Ich setzte meine Fahrt ostwaerts weiter. Es erwartet mich eine ueble Waschbrett-Piste. Ich kann zwischen der gewellten Schotterpiste des “Highway” und den sandigen Parallelrouten aussuchen. Fuer 60 km strample ich mich satte sieben Stunden ab. Jede Geschwindigkeit ueber 10 km/h bedeutet Rasen. Oefters ziehen gegen Mittag Wolken auf und die Temperaturen sinken gegen die Nullgradgrenze. Die Nachmittagswinde runden das Fahrvergnuegen ab.

In Horchu, wo die Umrundung fuer den heiligen See Manasarovar startet, stosse ich auf einen russischen Radfahrer. Er und sein Kollege haben sich in Urumqi Fahrraeder gekauft und sind auf den Xinjiang-Tibet-Highway gestartet. Seinen lieben Freund hat er in Ali zurueckgelassen, als dessen Rad zu kraenkeln begann. Immerhin war er so freundlich, ihm Gewicht abzunehmen, indem er das einzige Zelt mitgenommen hat. Kocher fuehren sie keinen mit, wozu auch. Seit drei Tagen sitzt Gregori, man hoere und staune, von Beruf Geo-Reisejournalist, in einem Truckstopp ausserhalb Horchu fest (und dabei das Dorfzentrum nicht entdeckt). Drei Speichen sind gebrochen, entsprechendes Werkzeug hat er natuerlich nicht dabei. Ein Stein faellt ihm vom Herzen, als er mich erblickt. Wir ersetzen die Speichen, doch die Felge ist total verbogen und streift den Rahmen. Also zentriere ich ihm waehrend einer Stunde die Felge. Auf Wunsch hin stelle ich ihm die Schaltung ein und spendiere ihm noch Kettenoel. Er schlaegt mir vor, ein paar Tage zusammen zu fahren. Wehret den Anfaengen! Ich bin ehrlich und mache ihm klar, dass ich ganz alleine weiterfahren moechte.

Ich komme in Paryang an, einer tibetische Siedlung mit wenigen Guesthouses und einigen mutigen Han-Chinesen, die hier ihr wirtschaftliches Glueck versuchen, indem sie westliche Jeep-Touristen mit ueberrissenen Preisen und unpraezisen, mittelalterlichen Waagen auszunehmen versuchen. Am naechsten Morgen nehme ich mein Morgenessen zu mir ein, doch der uebliche Appetit fehlt mir. Vielleicht liegt es am stechenden Husten, der mich seit einigen Tagen plagt. Ich schwitze, meine Beine zittern. Mein Koerper will sich offenbar heute nicht fortbewegen. Ich gehe zurueck ins Guesthouse und bleibe den ganzen Tag im Bett liegen.

Die Landschaft wird zunehmend sandiger und trockener. Die riesigen Sandduenen sind das Resultat der Himalayakette, welche die Regenmassen aus dem indischen Subkontinent abschirmt. Trotz Anstrengung und Langsamkeit ist die Fahrt durch das tibetische Hochplateau eindruecklich. In der Weite erblicke ich Gazellen, scheue rot-weisse Wildesel (Kiang) fliehen vor mir, Murmeltiere springen von Loch zu Loch.

Kurz vor dem Mayum La Pass (5’225 m) kann ich bei tibetischen Nomaden uebernachten. Ein anderes Mal schlage ich mein Zelt neben dem tibetischen aus dunkler Yakwolle auf und verbringe den Abend mit einer freundlichen Familie. Wir sitzen alle um den kleinen Ofen. Die Mutter feuert mit Yakdung. Anderes Brennmaterial existiert hier in der baumlosen Landschaft nicht. Die Familie fuehrt ein hartes, entbehrungsreiches Leben. Jeglicher Luxus, ausser derjenige der Zeit, fehlt hier. Die Tochter, welche zur Ziegenherde schaut, kommt erst nach Einbruch der Dunkelheit zurueck. Ich kaufe ihr die selbstgestrickten Wollsocken ab. Die Nahrung besteht hauptsaechlich aus Tsampa (Gerstenmehl und Yakbuttertee, die mit der Hand zu einem Brei geknetet werden). Yakfleisch, Kohl und Kartoffeln gibt es nur selten.

Vor New Zonghba, einer haesslichen chinesischen Retortensiedlung, werde ich von einem Schneesturm ueberrascht. In der Dunkelheit fahre ich mit der Stirnlampe weiter, die Lichter der Ortschaft zeigen mir die Richtung an. Der Pass Sing La (4925 m) fordert mich; ich kann wieder einen Durchfall beklagen. Ein Fuchs stattet mir in der verschneiten Nacht einen Besuch ab und schaut mir geradewegs in die Augen, als ich nach draussen blicke. Endlich erreiche ich die groessere Ortschaft Saga, wo ich die Kailash-Route suedoestlich Richtung Paiko-Tso See verlasse. Kurz nach Saga stosse ich auf Silvio Giroud aus Freiburg, den ich spaeter in Katmandu wieder treffen werde. Nochmals geniesse ich die Weite Westtibets, atemberaubende Blicke auf den Shishapangma (8’012 m) und die umliegenden Berge, bis ich den Friendship Highway (Lhasa-Katmandu) erreiche. Jetzt faengt der Urlaub an!

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