Auf dem Xinjiang-Tibet Highway

Es scheint schon fast zur Gewohnheit geworden zu sein, dass ich mir in Grossstaedten Magenprobleme einfange. Und so muss ich in Kashgar wieder einmal einen heftigen Durchfall mit Antibiotika behandeln. Die fuenf Tage verfliegen im Nu und wir zehn Radler im Chini Bagh Hotel haben alle Haende voll zu tun. Ich unterziehe meinen Drahtesel einer Rosskur und kann rund sieben Kilo “abspecken”, um so leicht wie moeglich unterwegs zu sein. Am 5. September starten wir alle gemeinsam, die meisten Richtung Tibet, wobei die zwei belgisch-hollaendischen Radlerpaare einen Bus nehmen, um sich den Weg am Rand der Taklamakan-Wueste zu ersparen.

Ich starte mit Stephane aus dem Welschland, der sich sein Velo nach Bishkek hat schicken lassen und vom Backpacker zum Tourenfahrer “aufgestiegen” ist. Dank gutem Asphalt spulen wir in den ersten zweieinhalb Tagen ueber 240 Kilometer ab. Die staubige und diesige Luft sorgt fuer eine vernebelte Stimmung auf den langen Pappelalleen. Die Truckfahrer, die konstant auf die ohrenbetaeubende Hupe druecken, nerven. Wir ueberholen zahlreiche Eselskarren und geniessen die Fahrt durch kleinere und groessere Ortschaften mit lebhaftem Markttreiben.

Nach Yecheng biegt eine Nebenstrasse in den Xinjiang-Tibet-Highway, der G 219, ein. Wer in diese Strasse einbiegt, hat nur ein Ziel: Tibet. Der Xinjiang-Tibet-Highway ist eine der haertesten Radstrecken. Er streift die Taklamakan-Wueste, fuehrt durch das Kunlun-Shan-Gebirge und das Aksai Chin-Plateau mit Paessen ueber 5’000 Metern, passiert die Hauptstadt von Westtibet, Ali, um den heiligen Berg Kailash (Kang Rinpoche) und den heiligen See Manasarovar zu erreichen und schliesslich auf den Friendship Highway (Lhasa-Katmandu) zu stossen. Von Kashgar bis Lhasa erwarten dem unermuedlichen Tourenfahrer 2’884 Kilometer, zumeist auf Wellblechpisten, Schotter und Sand, begleitet von heftigen Nachmittagswinden und kalten Naechten.

Es gilt vorsichtig zu sein, denn in Yecheng ist die bei Radlern gefuerchtete P.S.B (Police Security Bureau) anwesend, die Velofahrer davon abzuhalten versucht, auf die G 219 abzubiegen. Fuer Reisen durch das von China annektierte “Autonome Region Tibets” ist ein zusaetzliches Permit erforderlich, das man nur in Lhasa, nicht aber in Kashgar erhaelt. Zudem wird dieses Permit nur organisierten Gruppen mit chinesischem Fuehrer gewaehrt, nicht jedoch Individualtouristen. Und so muss man halt illegal durch Tibet reisen und vor der P.S.B auf der Hut sein. Kaum in Yecheng angekommen, ueberholt uns ein Streifenwagen in langsamer Fahrt und mustert Stephan und mich aus. Sie halten vor uns. Nun ja nicht anhalten ! Wir gruessen die Polizisten freundlich mit einem “Ni hao” und fahren unbeirrt weiter. Sie verfolgen uns noch eine Weile, doch bald lassen sie zum Glueck von uns ab. Nun wie nichts auf die G 219 und strampeln, was die Beine herhalten. Bald schon weicht die geteerte Strasse einer Schotterpiste, die sich zum 3’300 Meter hohen Kudie-Pass hinaufschlaengelt, einer Aufwaermuebung fuer die folgenden Paesse und der einzige 3’000-er Pass auf der ganzen Strecke. In Kudie passieren wir problemos einen Militaer-Checkpoint.

Von knapp 3’000 M.ue.M. klettern wir nun waehrend rund 50 Kilometern rauf zum Chiragsaldi La auf 4’980 M.ue.M. Die Anstrengung ist gross. Stephane muss sein Fahrrad mit Anhaenger auf den letzten Kilometern schieben, die Rosinen bekommen ihm nicht Wohl. Der Hoehenunterschied ist gewaltig und ich verspuere Kopfweh. Um nicht hoehenkrank zu werden, steigen wir schnell vom Pass ab, wo die Temperaturen auf den Gefrierpunkt gesunken sind. In holpriger Fahrt, in der uns die Haende einschlafen und fast einfrieren, brettern wir runter nach Mazar (3’800 M.ue.M.), einem Truckstopp. Wir lernen diese aneinandergereihten Baracken, wo man feine chinesische Nudeln serviert erhaelt und Biskuits zu ueberteuerten Preisen einkaufen kann, schaetzen. Jedes Restaurant bietet ein einfaches Dormitory, wo man sich zusammen mit den umherirrenden Maeusen breitmachen kann. Am Morgen lassen wir uns nochmals Nudeln kochen. Stephane, vermeintlicher Schnellesser, ist erstaunt, als ich meinen Teller, begleitet von einer Packung Milk-Cookies, innert Minuten leergefegt habe.

Wir nehmen uns einen “gemuetlichen” Tag von nur 50 Kilometern bis zum Beginn des naechsten Passes vor. Wellblech, Schotter und Bachueberquerungen bremsen uns ein, sodass wir ueber fuenf Stunden unterwegs sind. Wir kommen bei einem uyghurischen Strassenunterhalt-Camp unter, wo wir am Morgen zusammen mit der ganzen Mannschaft eine leckere Nudelsuppe essen. Die naechste Huerde, der Kirgizjangal Pass (4’955 M.ue.M) steht uns bevor. Mittlerweile sind wir gut akklimatisiert, sodass wir uns ohne Beschwerden den Pass hinaufkaempfen koennen. Ich klettere zu Fuss noch auf einen Huegel, wo ich eine atemberaubende Sicht auf das Kunlun-Shan Gebirge geniessen kann. Bis zum naechsten Truckstopp, Xaidulla, zehrt die sandige Waschbrettpiste an unseren Nerven. Wir sinken im Sand ein und kippen gelegentlich um, waehrend uns die Konvois der Militaerlastwagen einnebeln. Aus Wut bewirft Stephane irgendwann seinen Goeppel mit einem Stein.


Heather, eine englische 37-jaehrige Radfahrerin, gesellt sich fuer einen Tag zu uns. Das Wetter schlaegt um und von hinten naehert sich uns ein bedrohlicher Sandsturm. Heather ist ganz aufgeregt: “Oh, that’s exciting, that’s like in the films with the tornados. Don’t look behind! Just keep on cycling” Wir schaffen es gerade noch, unsere Zelte an einem einigermassen windgeschuetzten Ort aufzustellen. In der Nacht faengt es an zu schneien, sodass am Morgen unsere Behausungen und die umliegende Landschaft sich in einem weissen Kleid zeigen. Die schrille und aufgedrehte Heather faengt in ihrem japanischen Mini-Zelt an, Weihnachtslieder zu singen. Stephane und ich verabschieden uns von Heather und machen uns auf den Weg Richtung Khitai Pass (5’190 M.ue.M), dem bis anhin hoechsten Punkt auf meiner Reise. Hier faengt auch das umstrittene Aksai Chin Plateau an, von China verwaltet und von indischer Seite beansprucht. Eine der weltweit hoechsten Strassen auf ueber 5’000 Metern fuehrt waehrend rund 100 Kilometern durch diese strategisch wichtige Ebene im Nordosten Ladakhs.

Wir stossen auf das belgisch-hollaendische Quartett. Das Fahren in der Gruppe behagt mir nicht. Ich moechte meine Fahrt nach Tibet alleine geniessen. Stephane, der auf seiner ersten Velotour ueberhaupt unterwegs ist, beklagt sich ueber starke Nackenschmerzen und wird einige Tage spaeter auf einen Truck umsteigen. Ich verabschiede mich von allen und mache erst spaetabends Halt. Nach dem Satsum La (5’350 M.ue.M.) durchquere ich – 12’898 Kilometer nach meinem Start im Februar – die Grenze zu Tibet. Ab jetzt bin ich definitiv illegal unterwegs! Die Landschaft mit den weissen Schneebergen und den gelb-gruenen Huegeln wirkt bereits sehr tibetisch. Der hoechste Pass auf meiner Strecke steht mir bevor, der Qieshan La mit 5’400 M.ue.M., wo nur halb soviel Sauerstoff wie auf Meereshoehe eingeatmet werden kann. Bei der Abfahrt werde ich von Graupelregen ueberrascht. Ich beschliesse, da es erst vier Uhr nachmittags ist, noch weiterzuradeln. Gluecklicherweise klart dann der Himmel etwas auf und die Sonne beleuchtet die frisch verschneiten Huegel.

Die Strassen sind nach wie vor in einem schlechten Zustand. In Domar, der ersten tibetischen Siedlung, kann ich mich nach Tagen wieder mit warmem Wasser waschen. Ein sandiger Abschnitt entlang einem Salzsee nagt an meinen Kraeften. Weiter geht es dem Pangong Tso, einem See auf 4’250 Hoehe, entlang. Als ich in einem kleinen Fischrestaurant frischen Fisch in allen Variationen verspeise und sich die Abendsonne ueber den tiefblauen See mit den bunten Fischerbooten legt, fuehle ich mich ein klein wenig wie in der Costa Azzurra. In Rutok, eine von den Chinesen aus dem Boden gestampfte Kleinstadt treffe ich auf das belgische Radfahrerpaar Polle und Els. In Rutok ist wegen der Anwesenheit des P.S.B. Vorsicht angebracht. Die Luft scheint rein zu sein. Wir essen gemeinsam in einem Restaurant einen Teller Nudeln. Welch ein Schreck: als wir aufbrechen wollen, taucht ein Beamter in seiner unverkennbaren dunkelblauen Uniform auf, trinkt einen Tee und nimmt das Handy zur Hand. Oh nein, denken wir. Doch es passiert nichts. Wir begruessen ihn freundlich und verziehen uns rasch.

Die Strecke zwischen Rutok und Ali, der Hauptstadt von Westtibet (Ngari) scheint nach den Berichten anderer Velofahrer die uebelste Waschbrettpiste des ganzen Highway zu sein. Ich finde hier aber auf den ganzen 120 Kilometer eine Grossbaustelle vor und kann auf einer flachen, zehn Meter breiten Piste rollen, die wohl schon bald asphaltiert sein duerfte. Die unzaehligen tibetischen Arbeiterinnen und Arbeiter mit Mundschutz, die muehsam von Hand Steine meisseln und Schutzwaende und -daemme errichten, stehen im eigenartigen Widerspruch zu den schweren Caterpillar und Komatsu Baggern.

Als ich von einer Anhoehe endlich die Stadt Ali (Shiquane) erblicke, muss ich an einen Radler aus Dushanbe denken, der in gut schweizerischem Akzent ueber die Fahrt durch Tibet meinte: “And daad was joeschd so wontrfool!”. Ich denke mir nur: “That is just so crazy!”. Nach ueber 1’300 Kilometern durch einsame Wuesten, Hochgebirgen und -ebenen inmitten des Niemandslandes eine richtige Stadt mit Hochhauesern, voller Geschaefte, Restaurants und Taxis. Die Tibeter hier in Ali scheinen recht chinesisch zu wirken und dem Stadtleben nicht abgeneigt zu sein.

Es mag unlogsich klingen, doch in Ali begebe ich mich schnurstracks zum P.S.B. und stelle mich freiwillig. Vor fuenf Polizeibeamten der “Entry and Exit Administration” werde ich zu meiner bisherigen Fahrt verhoert. Ich gebe zu, durch Sumxi, Domar und Rutok gefahren zu sein, welche fuer Auslaender gesperrt sind und somit chinesisches Recht gebrochen zu haben. Die Sanktionen reichen von der Konfiskation des Velos, der Kuerzung der Visadauer, der Rueckweisung bis zur Busse. Ich werde mit 300 Yuan (ca. 45 Franken) gebuesst, werde auf das Rechtsmittel hingewiesen und erhalte fuer 50 Yuan das begehrte “Alien Travel Permit” fuer die Weiterfahrt zum Mt. Kailash und dem Guge Kingdom. In Ali scheint man einen modus vivendi im Umgang mit den “Gesetzesbrechern” gefunden zu haben. Sie nach Kashgar zurueckzuschicken, waere unverhaeltnismaessig. Also buesst man sie und laesst sie weiterziehen. Die Stimmung ist im Uebrigen auesserst freundlich und man gibt sich besorgt ueber moegliche Schneefaelle im Oktober.

Abends treffe ich mich der ganzen Schar der Velofahrer einschliesslich Stephane. In einer kitschigen tibetischen Disco froehnen wir dem Laster, kippen reichlich “Lhasa Beer, the beer of the roof of the world”, gehen mangels Toiletten ab und zu nach draussen, um auf die Strasse zu pinkeln und lassen das Tanzbein schwingen.

Bildergalerie

Beim letzten Bericht hat der Link zu den Bildergalerien nicht ganz geklappt. Hier gehts nun zu den Bildern vom Iran und denen von Zentralasien. Der Vollstaendigkeit halber die erste Bildergalerie. Hier (anklicken) kann ein Video angeschaut werden, das ich mit meiner Handykamera von der Fahrt nach Kashgar gedreht habe.Viel Spass und bis in etwa drei Wochen aus Saga.

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