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Aufs Dach der Welt

Eigentlich haette ich Dushanbe mit vollen Kraeften Richtung Pamir-Gebirge verlassen sollen. Doch die Antibiotika-Kur, mein rekonvaleszenter Zustand sowie die heissen Temperaturen halten mich auf Sparflamme. Meine Beine fuehlen sich tonnenschwer an. Die Verpflegungsmoeglichkeiten am Strassenrand spotten oftmals jeder Beschreibung. Ich entwickle eine Allergie auf das Wort “Shorpa!” Sehr oft gibt es in den Chayhanas nur diesen braunen Eintopf zu essen, der in Wochenrationen tagelang vor sich hinkoechelt und auf seine Opfer wartet. Das gekochte Fleisch in Eimern am Boden – leicht mit Abfalleimern zu verwechseln – das anschliessend in ranzigem Oel gebraten wird, verdirbt einem den Appetit vollends. Und so verzweifle ich in den ersten Tagen nach Dushanbe und ziehe es vor, selber zu kochen. Sobald ich bei einer Chayhane nachfrage und das Wort Shorpa hoere, verziehe ich mich meistens rasch wieder. Nur widerwillig kocht mir ein Besitzer weissen Reis. Viel lieber scheint er seinen Eintopf zu schoepfen.


“Gorge riding”: herauf, herab und quer und krumm














Die Strasse ist nach wie vor in einem traurigen Zustand, sie fuehrt stets hinauf und hinunter. Kein Wunder, dass ich zwei weitere Platten in meiner langen Liste verzeichnen kann. Bei Obigarm fuehrt die Schotterpiste einem Fluss entlang und windet sich schliesslich bis zum Kahburabot-Pass (3’252 M.ue.M) hinauf, wo es stark windet, ich mich leicht erkaelte und die uebernaechste Nacht in meinem Schlafsack durchschwitze. Kurz nach dem Pass verkaufen Frauen Kefir (Joghurt), vom Bergbach gekuehlt, von dem ich gleich mal einen ganzen Liter trinke. Nach einer rasanten Abfahrt hinunter nach Khalaikum stosse ich auf den schlammigen Fluss Panj, der die Grenze zu Afghanistan bildet. Waehrend rund 500 Kilometern werde ich stets einen Steinwurf von Afghanistan entwerft radeln und habe afghanische Gebirge, Doerfer und sogar die zweihoeckrigen baktrischen Kamele (auch Trampeltiere genannt) im Sichtfeld. Die Fahrt durch das Panj-Tal ist atemberaubend. Sobald die Strasse eine Bergwand umwunden hat, reiht sich bereits die naechste dahinter auf. Einige Hoehenmeter sind zu ueberwinden, dafuer wird man jeweils mit bezaubernden Blicken aus der Hoehe belohnt.

Ich befinde mich jetzt in der autonomen Provinz Gorno-Badakshan, fuer welche ich mir eine spezielle Bewilligung besorgen musste, das sogenannte GBAO-Permit. Zudem werde ich inskuenftig zahlreiche Checkpoints passieren, wo ich jeweils “registriert” werde. Normalerweise muss man sich drei Tage nach der Einreise in Tadjikistan bei der OVIR-Behoerde (Fremdenpolizei) melden. Die Logik, wonach der Einreisestempel im Pass die Anwesenheit im Land bescheinigt, scheint hier noch nicht zu gelten. Natuerlich habe ich mich nicht gemeldet und so verbringe ich in Dushanbe einen Nachmittag lang mit der Suche eines Hotels, das mir eine Bestaetigung ausstellt, wonach ich gleich nach meiner Einreise dort logiert habe und beim OVIR gemeldet worden bin. Mit Dollars ist fast alles zu kriegen. Mit dieser Bestaetigung kann ich mich spaeter ruhigen Gewissens offiziell beim OVIR in Khorog melden, die mir einen Stempel in meinen Pass verabreichen. Anders als Kirgistan hat es Tadjikistan noch nicht auf die Reihe gekriegt, die administrativen Huerden fuer Touristen abzuschaffen.

Die Pamiri-Leute sind unglaublich offen, herzlich und gastfreundlich. Alle laecheln und winken mir freundlich zu. Nach der Zurueckhaltung der Tadjiken eine richtige Wohltat. Jedes Tal spricht einen eigenen Dialekt. Die Pamiri gehoeren uebrigens dem Ismailismus an, einer Abspaltung des Shiismus. Auch finden sich jetzt hier Chayhanes, in denen nebst Reisgerichten und Laghman (Nudeleintopf) noch weitere Koestlichkeiten wie Helva, eingelegte Aprikosen und Maulbeeren serviert werden.

Sobald ich irgendwo nach einem “Magasin” oder einer Chayhane frage, werde ich sofort zum Tee eingeladen. Meistens werden dann gleich noch Biskuits, Trockenfruechte, Nuesse, Bonbons, Brot und Kaymak (Butter) aufgetischt. Mehrmals kann ich im Garten auf einer takhta (Essgestell) schlafen. Kurz vor Khorog, der groessten Stadt in der Bergprovinz Badakhshan, werde ich von Abdullkhohichov Davlatchavam zum Cay eingeladen. Nachdem ich meinen Hunger bereits mit viel Brot und Butter gestillt habe, erhalte ich noch einen Riesenteller Plov (Reisgericht) serviert. Es sei nur “cam, cam”, ein wenig. Als ich diesen brav aufgegegessen habe, folgt eine feine Shorpa mit viel frischen Gewuerzen vom Garten. Nicht genug: nach der Shorpa wird schliesslich nochmals reichlich Fleisch aufgetischt. Zum Glueck kann der Schwiegersohn ein paar Brocken Englisch und wir reden viel. Der Wunsch, ein Mittagsnickerchen zu halten, wird mir von meinen Augen, die ich kaum mehr offenhalten kann, abgelesen. Als ich aufwache, ist es bereits fuenf Uhr und ich muss mich beeilen, Khorog noch vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen. Zum Abschied erhalte ich eine Tesbieh (Kette) aus Holz, einen Sack voller getrockneter Maulbeeren sowie ein Paar der in dieser Gegend typisch schweren Wollsocken geschenkt. Eine kaum zu ueberbietende Gastfreundschaft, welche die von den Iranern gefolgten Tuerken von der Spitze verdraengt. Und dabei sind die Leute hier arm, haben in den sehr kalten Wintermonaten keinen Strom und muessen mit einem Monatseinkommen von wenigen Dollarn auskommen.

Auf den Spuren Marco Polos

In Khorog lege ich zunaechst einen Ruhetag ein. Geplant war urspruenglich, von hier der M 41, dem Pamir Highway ostwaerts zu folgen. Jedermann schwaermt allerdings vom Wakhan Valley bzw. dem Wakhan Corridor, der zunaechst suedlich bis nach Ishkashim verlaueft, danach Richtung Nordosten. Suedoestlich vom Tal thront die Bergkette des Hindukusch. Die davorliegenden tieferen Berge oeffnen immer wieder den Blick auf die weissen Bergriesen. Auch historisch hat das Wakhan-Tal, von dem bereits Marco Polo in seinen Aufzeichnungen berichtet hat, Einiges zu bieten. Etliche kleinere und groessere Schreine, verziert mit den gigantischen Hoernern der abgelegen lebenden Marco Polo-Schafe, finden sich am Wegrand. Hot Pots und warme Baeder sind eine willkommene Abwechslung fuer die geplagten Radlerbeine. In diesem Tal, das Teil der alten Seidenstrasse war, gibt es zudem Ueberreste alter Kulturen wie etwa Petroglyphen (Steinzeichnungen) oder Festungen.

Nach der letzten Ortschaft im Tal steigt die Strasse, nunmehr grober Schotter, steil an. Hirtenjunge helfen mir, mein Rad den Hang hinauf zu schieben. In den naechsten zweieinhalb Tagen werde ich gerade mal drei Fahrzeugen begegnen: zwei Touristen- und einem Militaerjeep. Es geht in muehsamer Fahrt bzw. Schieberei rauf bis zum Kargush-Pass auf 4’344 M.ue.M. Kurz vor der Passhoehe werde ich von Hagelregen ueberrascht und ich suche in einer Hirtenhuette Zuflucht. Die Leute fuehren hier im Vergleich zu den Einwohnern in den Taelern, wo wenigstens Gemuese und Baume wachsen, ein sehr karges Leben. Nach dem Pass steige ich noch zweihundert Meter ab, um mich bestmoeglich zu akklimatisieren. Nach einer Sand- und Wellblechpiste erreiche ich dann – welch ein Luxus – den Asphalt des Pamir Highway, der in den 30er Jahren von den Soviets gebaut worden ist.


Willkommen in Kirgisien !

Ich befinde mich nun auf dem Pamir-Plateau auf rund 4’000 Metern ueber Meer. Ethnisch faengt hier bereits Kirgistan an, sichtbar an den von Maennern getragenen weissen Filzhueten mit schwarzem Kragen, den Pakals. Rinder und Yaks weiden neben den etlichen Sommerjurten, in denen ich oftmals zu Tee und Yakbutter eingeladen werde. Die Provinz Murghab umfasst den oestlichen Teil des Pamirs. In der gleichnamigen Stadt kommt man sich vor wie im wilden “Osten”. Das Angebot im Pazar ist natuerlich eingeschraenkt und die Preise aufgrund des muehsamen Transportes einiges hoeher als anderswo. Strom gibt es fuer eine Haelfte der Stadt abwechslungsweise nur jeden zweiten Tag. Erfreulicherweise bietet eine lokale Organisation Homestays an, in denen man Unterkunft und waehrschaftes Essen erhaelt. Und wenn man Glueck hat, fliesst im Quartier des Homestays gerade Strom! Die Spannung ist abends allerdings derart schwach, dass trotzdem mit Petrollampen beleuchtet werden muss. Ecotourism nennt sich das Ganze.

Welch eine Ueberraschung: kurz vor dem Neizatash-Pass (4’137 M.ue.M) haelt ein Jeep vor mir an und Seb steigt aus. Er ist mit deutschen Touristinnen und Freunden aus Dushanbe unterwegs. Ich kann etwas Ballast abwerfen und ihm einen Sack voller belichteter Diafilme mitgeben (die hoffentlich den Weg in die Schweiz unbeschadet nehmen werden :-)). Nach dem hoechsten Pass auf dem Pamir Highway, dem Akbaital auf 4’665 M.ue.M. geht es runter zum Kara Kul, dem hoechsten See in Zentralasien. Hier habe ich endlich gutes Wetter und ich kann den smaragdblauen See bewundern, bevor ein starker Gegenwind aufzieht und ich mein Zelt im Windschatten einer Anhoehe aufstellen muss. Leider haelt der starke Wind bei der Fahrt Richtung Kyzyl-Art Pass (4’282 M.ue.M), der die Grenze zu Kirgistan bildet, an. Nichtsdestotrotz: die Fahrt durch das Pamirgebirge war beeindruckend.

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