Durchs wilde Tadjikistan















Vor meiner Abreise in der Schweiz hatte ich zugegebenermassen ein leicht mulmiges Gefuehl beim Gedanken, alleine durch Tadjikistan, entlang der afghanischen Grenze und mitten in einem Drogenkorridor zu radeln. Noch vor weniger als zehn Jahren herrschte dort Buergerkrieg, viele Strassen sind von Landminen umsauent. Im Internet kursierten Geruechte ueber erschossene Tourenfahrer sowie die Anwesenheit von Taliban-Kaempfern, die meinen Gemuetszustand noch bestaerkten. Nachdem ich jedoch dem Grenzbeamten einen Bakschisch, ein kleines Trinkgeld bezahlt habe und die sechs weiss gestrichenen Baubaracken, welche den Grenzposten bilden, passieren darf, habe ich andere Gedanken im Kopf. Am augen- bw. “hinter”faelligsten ist der miserable Zustand der Strassen, welche diese Bezeichnung kaum mehr verdienen. Allerdings bewege ich mich in einem der aermsten Laender der Welt, dessen Haushaltsbudget kaum groesser ist als die Kosten eines teureren Hollywoodstreifens. Dafuer wartet Tadjikistan mit landschaftlichen Leckerbissen auf, die weltweit einzigartig sind. Das raue und karge Pamirgebirge, auch “Roof of the world” genannt, wird durch den bei Tourenfahrern beliebten Pamir-Highway erschlossen. Fast die Haelfte des Landes liegt auf einer Hoehe von mehr als 3’000 Metern ueber Meer.

Die Tadjiken sind ein iranisches Volk und ethnisch und sprachlich stark mit den Persern verwandt. Ich kann deshalb wieder meine bescheidenen Farsi-Sprachkenntnisse ausgraben. In der ersten Stadt nach der Grenze, Penjikent, mache ich im heruntergekommenen und ueberteuerten Soviet-Intourist-Hotel Halt. Ich bin erstaunt, dass es fliessendes Wasser nur waehrend zwei Stunden am Tag gibt, obschon das Land reiche Wasservorkommen hat. Zahlreiche Schilder von Hilfswerken und NGO’s machen auf die Hilfsprojekte, zumeist “water supply” aufmerksam. Die Strecke fuehrt ostwaerts einem Fluss entlang und steigt langsam an, waehrend sich das Tal verengt und die umliegenden Berge steiler und schroffer werden. Vom Asphalt ist so gut wie nichts uebrig geblieben. Ueber staubige Holperpisten geht es stets rauf und runter. Ich bekomme das extreme Kontinentalklima – sehr heisse Sommer und sehr kalte Winter – von der Sonnenseite zu spueren. Waehrend die grau-braune Landschaft fuer die Strapazen entschaedigt, scheinen die Tadjiken in diesem Teil des Landes eher zurueckhaltend zu sein.


Bevor ich die Hauptstadt Dushanbe erreiche, gilt es den Anzob-Pass auf 3’373 M.ue.M. zu erklimmen. Bei der Sommerhitze kaempfe ich mich ab, immer wieder vom Staub der hinaufkriechenden Lastwagen umnebelt. Rechtzeitig vor Sonnenuntergang, nachdem ich fuer ein paar Tadjiken posiert habe, erreiche ich den hoechsten Punkt der Strasse und kann die Sicht auf die vergletscherten Berge geniessen. Ein bescheidener Hirtenjunge laedt mich zum Cay ein und ich kann in seiner einfachen Huette uebernachten. Am naechsten Tag will ich die Abfahrt auskosten, doch bereits nach wenigen Metern werde ich von zwei giftigen und pflichtbewussten Hunden gejagt. Die Strasse ist derart holprig, dass ich nicht einfach losziehen kann und ich die klaeffenden Biesterchen erst nach einem Kilometer abhaengen kann. Dem gut asphaltierten Varzob-Tal, in dem der Praesident Rahmanov sein Anwesen hat, geht es nun in rasanter Abfahrt in das ueppig-heisse Dushanbe auf rund 700 M.ue.M. hinunter, wo ich 10’000 Kilometer auf meinem Tacho zaehlen kann.

In Dushanbe treffe ich auf der Suche nach einer Unterkunft auf Garth, einem Amerikaner, der auf seinem Gary Fisher Mountain-Bike unterwegs ist. Wir kommen ins Gespraech und er bietet mir spontan an, bei seiner frueheren Arbeitgeberin, der Relief International, einer Hilfsorganisation, zu uebernachten. Er benachrichtigt seine italienischen Freunde von CESVI, einer italienischen NGO (=non governmental organization; Nicht-Regierungs-Organisation). Anna, Matteo, Diletta und Isabella, die sich untereinander liebevoll Mamma, Papa, Junior und Senior nennen, nehmen mich in ihrem grossen Haus herzlich auf. Das “welcome loosers”-Plakat im Hof ist an die franzoesischen Kollegen gerichtet. Endlich kann ich wieder italienischen Kaffee, Salami, colonnata-Speck, gute Pasta und Rai geniessen. Doch nicht allzu lange, denn dieses Mal plagt mich ein heftiger Duennpfiff, sodass ich meine Weiterreise verschieben muss. Als Trost erhalte ich von der chinesischen Botschaft ohne Federlesens ein Dreimonatsvisum, das mir hoffentlich eine von Visaverlaengerungs-Geschichten unbekuemmerte Reise durch Tibet bescheren wird.

Die italienischen Freunde stellen mir schliesslich Seb(astian) Eugster vom DEZA (Direktion fuer Entwicklung und Zusammenarbeit) und seine Frau Monique vor, die uns und zwei weiteren Tourenfahrern zu einem gemuetlichen Znacht einladen. Und welch eine Freude: es gibt schweineechte Kloepfer zum Essen, von denen ich vor Tagen nur trauemen konnte.

Aufgrund der grossen Mitarbeiterschaft der unzaehligen NGO’s in Dushanbe findet man hier, man mag es fast nicht glauben, Supermaerkte, in denen man Marmelada de ciruelas aus Burgos, deutschen Bio-Fencheltee, Barilla-Pesto alla Ricotta e nocciole und die original Kinder-Ueberraschungen kaufen kann. Natuerlich zu westlichen Preisen, unerreichbar fuer die grosse Mehrheit der Tadjiken. Im Salsa Restaurant, in welchem die Gaeste fast ausschliesslich englisch, deutsch, franzoesich oder italienisch sprechen, kann man schliesslich ecuadorianische, mexikanische oder italienische Spezialitaeten probieren. Die Beschreibung im lonely planet (To find it look for the line of 4WDs owned by aid workers lunching on expense accounts and decrying the poverty) gefaellt meinen italienischen Gastgebern zwar nicht, hat aber etwas fuer sich.

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