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Transoxanien – im Herzen der Seidenstrasse

Abgesehen vom aeusserst misstrauischen iranischen Grenzbeamten, der mich minutenlang ausmustert und seinen Blick vom Passfoto zu mir hin- und herschwenkt, gestaltet sich die Ausreise aus dem Iran problemlos. Da ich im Transitbereich uebernachten durfte, bin ich einer der ersten und wenigen Passagiere, die ‘abgefertigt’ werden. Es sind ueberwiegend Lastwagen, welche die Grenze Sarakhs passieren. Zum Glueck habe ich mir wenigstens noch den Bart abrasieren lassen, denn der Beamte ist sich nicht sicher, ob ich tatsaechlich der rechtmaessige Inhaber des Passes bin. Ich muss mir das Grinsen verkneifen. Immerhin bemerkt der Beamte, dass ich etwas laengere Haare habe und auch eine neue Brille trage. Schliesslich stempelt er aber das Ausreisedatum in meinen Pass und entlaesst mich mit einem ‘choda hafez’.

Ich kann nun ueber die Grenzbruecke zum turkmenischen Zoll fahren, wo ich um Jahrzehnte zurueckgeworfern werde. Ein heruntergekommener Raum in einem alten Haus dient als Grenzbereich. Zunaechst trete ich in ein toilettengrosses verrauchtes Buero ein, wo ein Beamter in Gesellschaft zweier Freunde gerade ein paar Samsas (gefuellte Teigtaschen) verspeist. Mein Name und die Passnummer werden zunaechst in ein Milchbuechlein eingetragen. Anschliessend werden mir nebenan 10 Dollar Eintrittsgebuehr abgeknoepft. Nachdem ich ein paar Fackel ausgefuellt habe, halten es die rund 8 Grenzbeamten sowie einige Soldaten mit doofen Safarihueten, die sich gegenseitig auf die Fuesse treten, nicht mehr aus und inspizieren mein Gepaeck. Ich darf saemtliche Packtaschen auf einem grossen Holztisch ausleeren. Ich spiele das Spiel mit und nutze die Gelegenheit, um meine Packordnung unter die Lupe zu nehmen. Sobald eine Packtasche kontrolliert worden ist, nehme ich mir reichlich Zeit, um meine Ausruestung sorgfaeltig zu versorgen. Irgendwann finden sie meinen MP3-Player. Ein hoeherer Beamter vollfuehrt fast Freudenspruenge, als er turkmenische Musik aus dem High-Tech-Geraet vernimmt. Zu meinem Erstaunen gibt die Reiseapotheke zu keinen Diskussionen Anlass. Nach einer Stunde ist die Neugier und Langeweile der Grenzbeamten gestillt und bei der sengenden Mittagshitze kann ich meine Fahrt durch Turkmenistan endlich starten.

5-Tage-Rennen durch Turkmenistan

Zwei Dinge fallen mir in Turkmenistan, stellvertretend fuer ganz Zentralasien, auf: die Goldzaehne der Einwohner und die “gazly suv”-Staende, in denen man sich mit Sprudelwasser und Sirup erfrischen kann. Turkmenistan, das vom Praesidenten Saparmurat Nyiazov – genannt Turkmenbashi (Vater der Turkmenen) – mit eiserner Faust regiert wird, ist touristisch einer der unzulaenglichsten Staaten. Touristenvisas gibt es nur fuer 10 Tage, einschliesslich einer Ueberwachungsperson und vorgegebener Reiseroute. Mehr Bewegungsfreiheit hat man mit einem fuenftaegigen Transitvisa. Allerdings mutiert diese zu einem 5-Tage-Rennen durch die Karakum-Wueste. 500 Kilometer in etwas mehr als 4 Tagen sind fuer einen vollbeladenen Radfahrer knapp bemessen. Von anderen Tourenfahrern wusste ich, dass ein hartnaeckiger Nordost-Wind einem das Leben schwer machen kann und manche auf einen Truck aufsteigen mussten. Was wird mich erwarten?

Der leichte Gegenwind stoert mich auf meinen ersten 90 Kilometern – einer Abkuerzung – noch nicht gross. Vielmehr ist es die ueppige Hitze und der Mangel an frischem Wasser, die an meinen Kraeften zehren. Die Strasse ist in einem derart schlechten Zustand, dass ich den ganzen Tag nur einer Handvoll Autos begegne. Gegen den spaeten Nachmittag wird die Landschaft merklich gruener – das Resultat eines grossangelegten Bewaesserungssystems. Ich kann bei freundlichen jungen Turkmenen in ihrem Hof uebernachten. Auf einem mit Teppichen ausgelegten Holzgestellen essen wir zusammen und werden von den Muecken fast aufgefressen. Aus dem alten Kamaz-Lastwagen laeuft turkmenische Popmusik. Dank meines Phrase-Books kann ich mich einigermassen verstaendigen. Anschliessend fliehen wir vor den Muecken und legen uns auf dem Dach des Hofgutes schlafen. In der Nacht erschrecke ich: es donnert und sturmartige Boeen reissen uns die Decken fast weg. Am naechsten Morgen bin ich erstaunt, als einige Tropfen vom wolkenbedeckten Himmel fallen.

Die naechsten drei Tage werden zumeist wolkenverhangen sein, sodass der Wind abdreht und mir zur Seite steht. Mit leichtem Rueckenwind fahre ich an drei Tagen je 130 Kilometer. Die Landschaft ist zwar eintoenig, durch das Wetterglueck bedingt geniesse ich aber die Fahrt. Die hauefigen Kontrollen durch junge Polizisten sind harmlos. Ein besonders stolzer Gockel steigt sogar auf mein Rad, tritt gleich mal kraeftig in die Pedale, kann das Gleichgewicht des schweren Gefahrts nicht mehr halten und fliegt prompt auf die Strasse.

Alle 50-70 Kilometer findet sich in der Wueste eine kleine Ortschaft mit genau einer Chayhane (Teehaus), in welcher ein Verpflegungspause zwingend ist. Und waehrend man dann seine Laghman (Nudelneintopf) verspeist, wird man meist gebeten, sich wie alle anderen Velofahrer ebenfalls in einem Guest-Book einzutragen. Viele Namen sind mir bekannt und manche sind mir bereits entgegengefahren. Einige beklagen sich ueber den Wind und wenige sind am letzten Tag vor Ablauf des Visums noch knapp 100 Kilometer von der Grenze entfernt ! Hier in Turkmenistan kann ich endlich auch richtige Kamelherden beobachten. Am vierten Tag treffe ich am spaeten Nachmittag bereits in Turkmenabat unweit der usbekischen Grenze ein. Meine Hoffnung, mir rasch ein guenstiges Zimmer zu finden und die Stadt zu geniessen, muss ich irgendwann mal begraben. Die Stadt verwirrt mich: sie hat kein richtiges Zentrum, die Strassen sind kilometerlang und sehr breit. Ich fahre den gleichen Boulevard einige Male hin und her. Mit Hilfe eines Taxifahrers finde ich dann endlich das guenstigste Hotel gemaess Reisefuehrer. Dieses hat aber vor kurzem dichtgemacht. Die Suche faengt von vorne an. Kurzum: erst um 22 Uhr habe ich ein Dach ueber den Kopf. Die Restaurants haben bereits geschlossen und so befehle ich einem Taxifahrer, mich irgendwohin zu fahren, wo es etwas Essbares gibt. In einem Hinterhof erhalte ich dann endlich Shashlik (Fleischspiesschen).

Am naechsten Morgen schlafe ich aus und kann dann in Ruhe nochmals durch die Stadt schlendern, welche von monumentalen Statuen und zahlreichen Bildern Turkmenbashis geschmueckt ist. Der Personenkult Turkmenbashis nimmt bizarre Formen an: so soll vor kurzem in der Hauptstadt Ashgabat eine der groessten Moscheen vollendet worden sein. An der Fassade prangen nebst Auszuegen aus dem Koran auch solche aus dem Buch Turkmenbashis “Ruhname” ueber die Geschichte der Turkmenen. Das Buch “Ruhname” ist fuer saemtliche Studenten zur Pflichtlektuere erhoben worden. Turkmenistan verdankt seine Stabilitaet den grossen Erdoel- und Erdgasvorkommen. Ein Liter Benzin kostet kaum 5 Rappen.

Nach Turkmenabat ueberquere ich den Fluss Amu-Darya, in der Antike Oxus genannt. Das Gebiet zwischen den Fluessen Amu-Darya und Syr-Darya wird auch Transoxanien genannt. Die beiden Fluesse speisen den Aral-See. Die groessenwahnsinnigen Kanalprojekte aus Sowjetzeiten zur Bewaesserung der Baumwollfelder haben dem Aralsee fast das gesamte Zuflusswasser genommen. Der See ist innert weniger Jahrzehnte auf einen Bruchteil der urspruenglichen Groesse geschrumpft. Die Fischerei, welche einstmals rund 60’ooo Leute beschaeftigte, ist vollstaendig zum Erliegen gekommen. Das Traurige ist, dass eine der weltweit groessten oekologischen Katastrophen vorhergesehen und in Kauf genommen worden ist.

Im Herzen der Seidenstrasse

In Usbekistan kann ich es endlich ruhiger angehen. In der ersten Ortschaft frage ich nach einer Chayhane. Ein Herr gebietet mir, ihm auf seinem Rad zu folgen. Minuten spaeter gesellen wir uns zu einer rund 50 Kopf starken Bankettmaennergesellschaft. Die Tische sind mit Trauben, Aepfeln, Melonen und allerlei Suessigkeiten reich geschmueckt. Trotz Woerterbuch gelingt es mir nicht, den Anlass fuer das Festessen in Erfahrung zu bringen. Was soll’s, das Essen schmeckt vorzueglich. Der Vodka darf bei solchen Gelegenheiten natuerlich nicht fehlen und ich darf mit Uemit, Istan und wie sie alle heissen anstossen. Ein, zwei, am Schluss werden es etwa wohl 8 Schuesseln Vodka sein (alle ex). Mittlerweile habe ich derart heiss, dass ich schweissgebadet bin und meine Kleider am Koerper kleben. Die bekanntesten Italiener in Zentralasien sind hier Adriano Celentano, Toto Cutugno und – wer haette es erahnt? – Michele Placido (der einen Kommissar in einer Mafia-Serie spielt). Bald fange ich an, “Azzurro” zu singen. Zum Glueck befinden sich in der Naehe einige dieser Essgestelle, wo ich meinen Rausch ausschlafen kann. Willkommen in Usbekistan !

Hier in Usbekistan befinden sich zwei glanzvolle Staedte an der Seidenstrasse, welche reich an islamischer Baukunst sind: Buchara und Samarkand. Eng verknuepft mit diesen beiden Staedten sind die Namen Dschingis-Khan und Tamerlan. Der auesserst brutale Mongolenherrscher Dschingis-Khan vernichtete die beiden hochzivilisierten Staedte anfangs des 13. Jahrhunderts. Der Handel auf der Seidenstrasse versiegte. Tamerlan, der rund 150 Jahre spaeter sein Reich mit der gleichen Bestialitaet wie Dschingis-Khan ausweitete, ernannte hingegen Samarkand zu seiner Hauptstadt und liess praechtige Moscheen, Medressen, Mausoleen und Karavansereien errichten.

Das beschauliche Buchara gleicht einem Freilichtmuseum. Allerdings ist es hier ueber 40 Grad heiss, sodass bereits vor Mittag mit dem Sightseeing Ende ist. In Samarkand hingegen ist es merklich “kuehler”. Geplant war, von Samarkand aus einige Tage nach Tashkent zu fahren, um dort ein China-Visum zu beantragen. Hier in Dushanbe erhaelt man aber problemlos ein 3-Monats-Visum, sodass ich mich bis zum Beginn des Tadjikistan-Visums am 20. Juli in Samarkand ausruhen kann. Als es mir in Samarkand langsam langweilig wird, sorgt der Diebstahl meines Velos fuer Aufregung.

Bildergalerie

Nach ueber fuenf Monaten “on the road” wird es Zeit fuer eine kleine Dia-Rueckschau. Hier geht es zu den Fotos (anklicken).

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